Kindheit zwischen Überbehütung und Haltlosigkeit

Lässt sich das Phänomen der Überbehütung auch im Musikunterricht beobachten?

Im Montagskurs der „Musikalischen Früherziehung“ traben meine Schüler und ich vergnügt als Pferde zur Musik durch den Raum. Plötzlich stoppt ein Kind-Pferd und die folgenden können nicht mehr früh genug anhalten – vier Pferde purzeln übereinander. Ein Mädchen beginnt zu weinen. Nur Sekunden später reißt eine empörte Mutter die Tür auf und stürzt hinein. Sie greift sich ihr weinendes Kind und schreit: „Was ist hier los?“. Entsetzt starren alle Anwesenden auf die Mutter. Zwei weitere Kinder fangen an zu weinen und mir fehlen mal wieder die Worte…

Was ist nur los mit uns, unseren Schülern und deren Eltern?

In der vergangenen Woche habe ich auf der Musikdidaktik-Facebookseite einen Artikel mit dem Thema „Wie die Spaßgesellschaft den Kindern beibringt, jede Anstrengung zu vermeiden (und welche Folgen das hat)“ gepostet. Dieser Artikel hatte viele LeserInnen und wurde rege kommentiert. Der Autor beginnt seine Abhandlung mit den Worten „Wie haben Kinder eigentlich früher überlebt, als die Eltern noch keine Zeit hatten, sich so viele Sorgen um sie zu machen?“ Nach meinen Beobachtungen in der Musikschule und im Alltag ist diese Frage durchaus berechtigt. Und sie lässt sich beliebig erweitern:

– Wie haben Kinder überlebt, die noch keine Fernseher, Computer, Smartphone und Spielekonsolen hatten?

– Wie haben Kinder überlebt, deren Spielzeug in ein kleines Regal passte?

– Wie haben Kinder überlebt, die den ganzen Nachmittag auf der Straße verbrachten und erst nach Hause kamen, wenn die Straßenlaternen angingen?

– Wie haben Kinder überlebt, die ohne Funktionskleidung, Hightech-Sonnenschutz und blinkende Reflektoren zu Fuß zur Schule gehen mussten?

– Wie haben Kinder überlebt, die regelmäßig Klavier, Geige, Gitarre oder Flöte üben mussten.

– Wie haben Kinder zu rechtschaffenen Erwachsenen werden könne, die nicht mit 2 Jahren schon gefragt wurden, was sie anziehen, essen und spielen möchten?

– Wie konnten Kinder überleben, die nicht als Fünfjährige entscheiden durften, ob sie den Musikkurs fortsetzen oder nicht.

Tatsache ist, sie haben überlebt. Aber was hat sich verändert?

Was hat sich verändert?

Der Autor des oben erwähnten Artikels beschreibt das Bestreben vieler Eltern, alles Anstrengende und Negative von ihren Kindern fernzuhalten. Das deckt sich auch mit meinen Beobachtungen. Der Trend zur Spaßgesellschaft ist durchaus vorhanden.

Die mit Abstand häufigste Frage, die Eltern ihren Kindern nach einer Unterrichtsstunde stellen ist: „Na, hat es Spaß gemacht?“ Uns LehrerInnen wird dabei die Rolle des „Bespaßers“ übertragen. Antworten die Kinder nicht direkt mit „ja“, beginnen die Eltern, sich Sorgen zu machen. Das obige Beispiel aus meiner Früherziehung zeigt, dass es bei der Bespaßung keinesfalls zu „Zwischenfällen“ kommen darf. Es gibt viele Eltern, die nicht in der Lage sind, ihre Kinder (im Vorschulalter) auch nur für 45 Minuten loszulassen.

Da stürzen Eltern während der Stunde in den Unterrichtsraum, um ihre Kinder mit Getränken, Knabberzeug, Kuscheltieren und der Frage „Musst du auf die Toilette?“ zu versorgen. So, als ob keine Erwachsene Person über die Kleinen wachen würde. Dieses Verhalten überträgt sich häufig auf die Kinder. Diese verlassen dann auch, ohne zu fragen, den Raum, um sich von Mutti verhätscheln oder versorgen zu lassen, anstatt in dieser Zeit die Lehrerin als Ansprechpartnerin zu akzeptieren.

Überbehütung bis ins Jugendalter

Ich sitze in meinem Unterrichtsraum und warte auf meine nächste Klavierschülerin – Katharina 14 Jahre alt. Plötzlich geht die Tür auf. Katharinas Mutter erscheint und flüstert: „Katharina konnte in dieser Woche nicht üben, sie musste so viel für die Schule machen.“ Dann schiebt sie ihre Tochter, die hinter ihr gewartet hat, in den Unterrichtsraum und eilt davon. (Ergänzen möchte ich, dass ich noch nie mit einer Schülerin oder einem Schüler geschimpft habe, die oder der nicht üben konnte. Ich sehe es eher als meine Aufgabe, Verständnis für die Situation der SchülerInnen zu haben und sie wöchentlich neu zu motivieren.)

Das übermäßige Behüten von Kindern erstreckt sich bis ins Jugendalter und macht vor keiner Institution halt. Sogar in den Universitäten kann man auf aufgebrachte und regelnde Eltern treffen.

Die Gründe

Was hat sich verändert, dass für viele Eltern die Sorge um die Kinder zu einer Übermacht geworden ist? Hier nur ein paar Gründe:

Die geplante Kleinfamilie

Viele Familien habe heute nur noch ein oder zwei Kinder. Dieser Trend ist nicht neu. Hinzu kommt aber in den letzten Jahren, dass das gesamte Leben „durchgeplant“ ist. Männer und Frauen haben eine gute, langandauernde Ausbildung genossen, sie reisen und basteln an ihrer Karriere. Kurz bevor die biologische Uhr der Frauen abläuft, wird eine Familie gegründet und man entscheidet sich für ein oder zwei Kinder. Diese müssen in das durchstrukturierte Leben passen und entsprechend funktionieren. Damit auch wirklich nichts passiert, werden die kleinen Prinzen oder Prinzessinnen übermäßig behütet und verhätschelt.

Das Kind als gleichwertiger Partner

Andere Eltern lehnen jede Form von Autorität gegenüber ihren Kindern ab. Sie behandeln ihre Kinder wie gleichwertige Partner. Dass sie dabei versäumen, ihrem Erziehungsauftrag nachzukommen, fällt einigen nicht auf.

Bequemlichkeit

Als Mutter weiß ich, dass es viel anstrengender ist, ein Kind zur Selbstständigkeit zu erziehen, als schnell alles für den Nachwuchs selbst zu erledigen. Natürlich kostet es mich nur eine Minute, die getragene und im Zimmer verstreute Wäsche der Tochter einzusammeln und in den Wäschekorb zu legen, dagegen kann das Erinnern und Ermahnen Tage in Anspruch nehmen. Und letztendlich muss ich es als Mutter auch aushalten können, dass mein Kind mit schmutziger Kleidung in die Schule geht, wenn es meinen Aufforderungen nicht gefolgt ist.

Was könnten die Nachbarn sagen?

Das Handeln vieler Menschen wird schon immer von der Meinung anderer bestimmt:

– Das macht man nicht…

– Was könnten die anderen denken?

– Das möchte ich auch haben.

Einen eigenen Standpunkt zu haben und den auch vor anderen und sogar den eigenen Kindern zu vertreten, fällt vielen Menschen schwer. Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass man durch ungewöhnliche Erziehungsmethoden und den Widerstand gegen allgemeine Trends als Mutter schnell zur Außenseiterin werden kann.

 

Was kann ich als MusiklehrerIn tun?

Wie bei fast allen Problemen stehen für mich zwei Aspekte im Vordergrund: Verständnis und Aufklärung. Fast jede Mutter und jeder Vater sorgt sich ein Leben lang um das Wohl der Kinder. Das ist normal. Kummer, Ängste, Krankheiten und Schmerzen der Kinder sind für Eltern nahezu unerträglich. Und doch müssen wir die Eltern unserer Schüler ermuntern, Ängste und Unannehmlichkeiten im überschaubaren Rahmen zuzulassen, denn sie sind Teil des Lebens. Hindernisse, die wir eigenständig überwinden, machen uns stark. Eine Schramme, die sich ein Kind beim Spielen in der „Musikalischen Früherziehung“ zuzieht, ist nach fünf Minuten vergessen. Eine Woche ohne Üben am Klavier wird einem Jugendlichen keinen bleibenden Schaden zufügen. Aber eine hart erarbeitete Ballade, wird eine junge Pianistin stärken und ihre gesamte Entwicklung positiv beeinflussen.

 

 

 

Kommentare
  1. Daniel Forsnabba sagt

    Auf den Punkt. Danke!

  2. Gabi sagt

    Dankeschön. Das kann ich unterschreiben.

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