Wenn der Musikerberuf zur Last wird

Wie erhalte ich mir die Freude an meinem Beruf?

Es war einmal…

Es war einmal ein kleines Mädchen. Das hatte eine große Leidenschaft – die Musik. Sie sang von morgens bis abends. Ihr größter Wunsch war ein Musikinstrument und mit sechs Jahren erfüllten ihr ihre Eltern diesen Wunsch und kauften ein Klavier. Von diesem Zeitpunkt an, wurde das schwarz glänzende Tasteninstrument zu ihrem intimsten Freund. Die Jahre vergingen und aus dem kleinen Mädchen wurde ein großes Mädchen. Natürlich hatte sie nur einen Berufswunsch: Sie wollte Musikerin werden. Wieder vergingen die Jahre und aus dem großen Mädchen wurde eine junge Frau. Noch immer liebte sie ihr Klavier. Jeden Tag unterrichtete sie kleine und große Mädchen und Jungen und versuchte diese für die Welt der Musik zu begeistern. Wieder vergingen die Jahre und aus der jungen Frau wurde eine weißhaarige Frau. Sie unterrichtete noch immer kleine und große Jungen und Mädchen, doch der Weg in die Musikschule war schwer geworden. Die großen und kleinen Probleme im Unterrichtsalltag hatten ihre Spuren hinterlassen. Schon lange zweifelte sie daran, den richtigen Beruf gewählt zu haben und der Weg bis zur Rente war noch weit und ob ihr Rentenanspruch den Grundsicherungssatz erreichen würde, stand in den Sternen…

 

Die größten Krafträuber

Leider ist diese Geschichte kein Märchen, sondern für viele ältere MusikerInnen und Musiklehrende Realität. Wir haben unsere große Leidenschaft zu unserem Beruf gemacht und der Alltag raubt uns unsere Begeisterung und unsere Kräfte.

Ich habe viele Musiker gefragt, welche Faktoren die größten Krafträuber in unserem Beruf sind und folgende wurden am Häufigsten genannt:

– schlechte Bezahlung

– unmotivierte Schüler

– Schüler, die nicht üben

– ständige Existenzängste

– große Ungerechtigkeit bei der Vergabe von Zuschüssen, dadurch unfaire Konkurrenz

– zu wenige Möglichkeiten zum Austausch mit Kollegen

– große Konkurrenz aus dem Ausland, die für niedrigste Gagen arbeiten

– zu viel und unüberschaubare Bürokratie

– Probleme mit den Eltern der Schüler

– zu wenig Anerkennung für die Tätigkeit des Musikers, gerade innerhalb der eigenen Familie

Stress

Was passiert mit uns, wenn wir täglich mit den oben aufgeführten Problemen kämpfen? Dieser tägliche Kampf erzeugt Stress. Was aber ist Stress eigentlich. Hier eine Beschreibung:

 Was ist Stress?

Stress ist ein Zustand der Alarmbereitschaft unseres Körpers, der sich so auf eine erhöhte Leistungsbereitschaft einstellt. Der Begriff wurde 1936 von dem Mediziner Hans Selye geprägt. Es wird zwischen Eustress als einer notwendigen und positiv erlebten Aktivierung des Organismus und Distress als belastend und schädlichen Reaktion auf ein Übermaß an Anforderungen unterschieden. Unser heutiges Stress-Vertändnis wird vom letzteren geprägt.

https://www.business-wissen.de/artikel/stress-wenn-die-arbeit-zur-qual-wird/

Distress – diese schädliche Form des Stresses hat natürlich negative Auswirkung auf unseren Körper und unsere Psyche. Viele Menschen leiden heute unter diesen Auswirkungen. Rückenschmerzen, Schulter- und Nackenschmerzen, Kopfschmerzen und Schlafstörungen sind noch die harmlosesten Symptome. Erschöpfung, Ängste, Burnout und Depressionen sind weitere.

Was kann ich tun?

Wie erhalte ich mir die Freude an meinem Beruf? Und sollte ich schon in der Stressfalle gefangen sein, gibt es einen Weg hinaus?

Natürlich gibt es auch hier kein Allheilmittel, aber es gibt viele Möglichkeiten, wie man die eigene Situation verbessern kann.

Kümmere dich um dich selbst!

Viele Menschen, die an einem Burnout-Syndrom leiden, haben verlernt, auf die eigenen Gefühle und den eigenen Körper zu achten. Das führt automatisch zu Krankheiten.

Deshalb ist es wichtig, dass wir unseren Körper und Geist pflegen und darauf achten, dass wir uns nicht überfordern.

Sag „NEIN“!

Dazu gehört zunächst, öfter mal „nein“ zu sagen.

Kennt ihr das…?

„Kannst du nächste Woche meine Schüler übernehmen?“ – Du hast viel um die Ohren, dann sag „nein“.

„Kannst du auf der Hochzeit deiner Cousine nicht ein paar nette Arien singen?“ – Du hast kaum Kontakt zu ihr und Geld gibt es dafür auch nicht, dann sag „nein“.

„Kannst du nicht auch noch den Kinderchor übernehmen, allerdings können wir dafür nur die Hälfte bezahlen.“ – Du hast keine Lust auf einen weiteren unterbezahlten Job, dann sag „nein“.

Kümmere dich um deinen Körper!

Achte darauf, dich gesund zu ernähren. Das sollte jedoch nicht in zusätzlichen Stress ausarten. Statt strenge Regeln einzuhalten, versorge deinen Körper ausreichend mit Nährstoffen. Das Essen muss außerdem Freude bereiten. Und gerade die „kleinen Sünden“ versüßen unser Leben. (Ich persönlich liebe Schokorosinen. Sie steigern meine Stimmung nach einem stressigen Tag ungemein.)

Auch Sport, duftende Bäder und Yoga sorgen für ein gutes Körpergefühl. Gerne kannst du diese Aufzählung erweitern. Wichtig ist hier nur, dass du Wege für dich findest, den Alltagsstress am Abend wieder abzubauen.

Austausch mit Kollegen

Sich mit Kollegen über seine beruflichen Probleme auszutauschen ist ein weiteres Mittel gegen den Musiker-Blues. Vor einer Woche saß ich mit drei zauberhaften Musiklehrerinnen am frühen Abend auf der Terrasse und wir haben uns ausgiebig unseren Lehrerinnenfrust von der Seele geredet. Das war kein depressives Gespräch – im Gegenteil. Wir konnten uns vor Lachen kaum auf den Stühlen halten. Am Ende sind wir alle erfrischt und mit neuen Ideen nach Hause gefahren.

Auch diesen Blog habe ich ins Leben gerufen, damit wir uns miteinander austauschen können. Oft hilft einfach das Wissen, dass es anderen genauso ergeht, wie einem selbst, die nächsten Wochen bis zu den Ferien ein klein wenig zuversichtlicher zu verbringen.

Offen für Neues

Der größte „Lustkiller“ ist die Routine. Wenn du seit 20 Jahren deine Schüler auf die gleiche Weise unterrichtest oder das gleiche Repertoire hast, wirst du früher oder später die Freude an deiner Tätigkeit verlieren. Nur bei sehr wenigen Menschen ist das nicht der Fall. Deshalb sei offen für Neues.

Die Arbeit mit Kindern und besonders mit Jugendlichen zieht uns viel Energie ab. Es ist deshalb wichtig, dass wir die Gegebenheiten und Probleme der jungen Menschen in ihrem Alltag kennen und verstehen. Dazu gehört, ihre Sprache zu sprechen und auch ihre Musik zu kennen. Das ist gerade für ältere Musiklehrende eine große Herausforderung, aber es lohnt sich.

Fazit

Liebe Kollegen, ja – wir haben einen tollen Beruf! Und wir haben eine wichtige gesellschaftliche Aufgabe. Was wäre diese Welt ohne Musik? Deshalb dürfen wir uns nicht von den täglichen Problemen erdrücken lassen. Es lohnt sich, aktiv zu werden und so dem Distress zu trotzen.

 

 

 

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