Verhaltens- und Denkmuster durchbrechen

Probleme lösen: Was wir Musiklehrende aus der Beratungs- und Therapiepraxis lernen können

Jeder von uns kämpft fast täglich mit größeren und kleineren Problemen. Probleme oder Konflikte sind zunächst nichts weiter, als widersprüchliche Situationen. Ob diese ein Problem werden, hängt von uns, weiteren beteiligten Personen und unserer Umgebung ab. Je nachdem, wie wir unsere Möglichkeiten einschätzen, ein Problem zu lösen, empfinden wir es als groß oder klein.

Stell dir vor, dir reißt deine Gitarrensaite. Wenn du ein Gitarrist bist, stellt diese Situation für dich kein großes Problem dar. Du kannst zwar im Moment nicht weiterspielen, greifst aber in deinen Koffer, nimmst eine neue Saite heraus, ziehst diese auf, stimmst sie ein und spielst weiter. Anders ergeht es deiner 9-jährigen Schülerin, die vor drei Monaten mit dem Gitarrenspielen begonnen hat. Die gerissene Saite ist für sie ein großer Schock. Folgende Gedanken gehen ihr durch den Kopf: Habe ich etwas falsch gemacht? Werden meine Eltern mit mir schimpfen? Wird mein Lehrer mit mir schimpfen? Woher bekomme ich jetzt eine neue Saite? Wieviel wird sie kosten? Habe ich genügend Taschengeld oder werden meine Eltern sie finanzieren? Hat Mama überhaupt Zeit, mit mir eine neue zu kaufen? Wer zieht die Saite auf? Wer stimmt sie ein? Was soll ich nur tun? Wann kann ich wieder spielen? Ein wirklich schwerwiegendes Problem für ein Kind.

Ich möchte euch heute ein Mittel zur Bewältigung von Problemen vorstellen. Es ist nur eines unter vielen, aber sehr wirksam. Bei einigen Therapie- und Beratungsmethoden bildet es die Grundlage für Lösungsstrategien.

Dieses „Wundermittel“ ist das Durchbrechen von Verhaltens- und Denkmustern.

Verhaltens- und Denkmuster

Wir alle verfallen im Alltag unbemerkt in bestimmte Verhaltens- und Denkmuster. Das ist ganz normal. Stell dir folgende Situationen vor:

Dein Schüler kommt und erzählt dir: „Ich konnte nicht üben.“

Wie reagierst du? Wie fühlst du dich? Wie fühlst du dich, wenn das schon der dritte Schüler an diesem Tag mit dieser Aussage ist?

Ein weiteres Beispiel: Du hattest eine recht unangenehme Besprechung mit deinem Musikschulleiter, da du jeden Dienstag zu spät zum Unterricht kommst. Es ist wie verhext. Eigentlich möchtest du pünktlich sein, aber immer kommt kurzfristig noch etwas dazwischen und der Bus fährt dir vor der Nase weg.

Und zum Schluss: Du hast dich wieder mit deiner Mutter gestritten. Eigentlich willst du das gar nicht. Aber jedes Mal, wenn du sie besuchst, fragt sie: „Na, hast du nun endlich eine feste Stelle in Aussicht? Du hast so lange studiert, bist schon 34 Jahre alt und hast nur ein paar Schüler und ein paar Musiker-Jobs, aber das ist doch nichts Solides. Wie willst du da jemals ein Familie gründen?“ Und schon geht es los. Du regst dich auf, ein Wort gibt das andere und es ist wie immer.

Die meisten von uns verfallen in diesen oder ähnlichen Situationen immer wieder in die gleichen Verhaltensmuster. Wir geben die gleichen Antworten, wir verhalten uns ähnlich und fühlen uns ähnlich.

Verhaltens- und Denkmuster entdecken

Um aus diesen Verhaltens- und Denkmustern auszubrechen ist es notwendig, unser Verhalten und Denken zunächst zu beobachten. Bleiben wir bei unseren Beispielen. Wenn die „Ich konnte nicht üben“- Floskel deiner Schüler dich zur Weißglut bringt, analysiere genau, in welchen Situationen die Schüler diesen Satz zu dir sagen. Was macht dich daran wütend oder traurig? Was antwortest du darauf? Wie verhältst du dich danach? Oder liegt deinem schlechten Gefühl ein Denkmuster zugrunde? Ist das „Nicht-üben“ für dich gleichbedeutend mit der baldigen Kündigung oder der Angst vor dem finanziellen Ruin?

Verhaltens- und Denkmuster durchbrechen

Wenn du bestimmte Muster bei dir und deinem Umfeld entdeckt hast, kommt der interessante Teil der Übung. Überlege dir, wie du in Zukunft anders reagieren oder anders denken könntest. Dabei sind deiner Fantasie keine Grenzen gesetzt. Es gibt auch zunächst keine richtigen und falschen Reaktionen. Wie brauchbar deine Ideen sind, wird die Praxis zeigen. Und das ist der nächste Schritt. Wende deine Erkenntnisse in der Praxis an.

Betrachten wir das Beispiel von Andreas, der dienstags fast immer zu spät zum Unterricht kommt. Da er nicht zu spät kommen möchte und auch seine Arbeit in der Musikschule liebt, ist die Situation für ihn ein großes Problem. Alle seine Bemühungen dienstags pünktlich zu sein, waren bisher nur punktuell erfolgreich. Bei der Analyse seines Tagesablaufs stellt Andreas fest, dass er an allen Tagen der Woche zur gleichen Zeit aufsteht, frühstückt, kleine Arbeiten erledigt, übt, zum Joggen geht, sein Mittagessen zubereitet und anschließend dienstags in Not kommt, wenn er auch nur eine kleine zusätzliche Sache tun muss, z.B. ein Telefonat führen. Sein Unterricht beginnt nämlich an diesem Wochentag eine Stunde früher, als an den anderen Tagen. Sein Tagesablauf ist aber immer gleich.

Als Andreas das erkennt, merkt er, dass nicht das unerwartete Telefonat sein Problem ist, sondern der gesamte Tagesablauf am Dienstag. Er beschließt, auf die Joggingrunde an diesem Tag zu verzichten. Das Ergebnis ist, dass sich der gesamte Ablauf entspannt und er schon ca. 40 Minuten bevor sein Bus fährt mit allem fertig ist. Selbst ein Telefonat oder ein Umweg zum Briefkasten bringen ihn nun nicht mehr aus dem Zeitplan. Es fällt ihm zwar schwer, aber er zwingt sich, die gewonnene Zeit nicht mit einer anderen regelmäßigen Tätigkeit zu füllen. Seine Bemühungen sind erfolgreich. Er ist nun dienstags immer pünktlich. Das ermuntert ihn, an seinen Veränderungen festzuhalten.

Ein Spiel

Verhaltens- oder Denkmuster zu durchbrechen, kannst du als Spiel betrachten. Wenn dich immer wiederkehrende Situationen ärgern oder sogar zu einem Problem werden, analysiere dein Verhalten oder deine Gedanken und beginne, sie zu verändern. Beobachte dann, was passiert. Sind die Folgen nicht in deinem Sinne, versuch etwas anderes.

Wenn dich die Bemerkungen deiner Mutter zu deiner Lebenssituation ärgern, analysiere deine Reaktionen und erwidere einfach etwas anderes. Oder stell eine Gegenfrage. Sag z.B.: „Was soll ich deiner Meinung nach tun?“ Wenn du diese Diskussion auch nicht willst, weil du eigentlich glücklich bist, sag: „Ich liebe meinen Beruf, egal, wie viel ich verdiene. Bitte akzeptiere das.“ Oder vielleicht hast du einfach das Denkmuster deiner Mutter übernommen, dass ein Mann in den Dreißigern an die Gründung einer Familie mit Haus und Garten denken muss. Ist das wirklich deine Überzeugung? Wenn nicht, sprich mit deiner Mutter darüber.

Fazit

Wir alle haben mit Problemen zu kämpfen. Einige sind massiv und bedürfen großer Anstrengungen. Andere lassen sich jedoch durch kleine Veränderungen in unserem Verhalten und in unserem Denken mildern oder ganz aus der Welt schaffen. Sieh das ganze als Spiel und schon das wird den Blick auf deine Probleme verändern, denn schon die Möglichkeit etwas zu verändern, lässt dein Problem schrumpfen. Probier es einfach mal aus!

Kommentare
  1. Gabriele Tratz sagt

    es ist immer wieder eine Herausforderung, die eigenen Pfade zu verlassen. Neues Denken bringt neue Impulse und öffnet neue Wege! Man muß nur dran bleieben! Es lohnt sich.

    1. Hallo Gabriele,
      vielen Dank für deine Gedanken.
      Herzliche Grüße
      Gabriele

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.