Hilfe! – Meine Schüler üben nicht!

„Ich konnte nicht üben, weil ich beim Kindergeburtstag war.“

„Ich konnte nicht üben, weil ich eine Mathearbeit geschrieben habe.“

„Ich wusste nicht, was ich üben sollte.“

Die Liste der Ausreden kann wohl jeder von euch endlos weiterführen. Aber so lustig, wie es auf den ersten Blick scheint, ist dieses Thema nicht. Mich machen diese Rechtfertigungen eher wütend oder traurig, als dass ich über sie lachen kann. Und so habe ich mir folgende Fragen gestellt:

– Warum kommen die Schüler überhaupt mit solchen haarsträubenden Ausreden?

– Warum üben die Schüler so wenig oder gar nicht?

– Was kann ich tun?

Warum Ausreden?

„Ich konnte nicht üben, weil ich beim Kindergeburtstag war.“ höre ich von meinen jüngeren Schülern häufig. Eine recht „dumme“ Ausrede in Anbetracht dessen, dass der Klavierunterricht dieser „Nicht-über“ einmal pro Woche stattfindet. Und schon diese Tatsache zeigt, dass es sich hier nicht um eine wirkliche Entschuldigung handelt, sondern um eine Ausrede. Eine Ausrede, die die entsprechenden Kandidaten eher ihrer Deutschlehrerin gegenüber gebrauchen sollten, damit sie nicht sofort als Ausrede zu identifizieren ist.

Ich habe mich gefragt, warum die Kinder überhaupt Ausreden gebrauchen? In den meisten Fällen, in denen die Schüler mir diesen Satz entgegenschmetterten, hatte ich gar nicht gefragt, ob sie geübt haben. Sie stürzen in den Raum und schon sprudelt es aus ihnen heraus. Mir scheint das Ganze ein eintrainierter Mechanismus zu sein.

Kinder im Vor- und beginnenden Grundschulalter sind in der Regel gar nicht in der Lage, ihre Übungszeiten eigenständig zu planen und auszuführen. Hat ein jüngerer Schüler nicht geübt, ist das fast immer ein Versäumnis der Eltern.

Ältere Schüler hingegen sollten in der Lage sein, ihre Übungszeiten selbst zu organisieren.

Ausreden resultieren nach meiner Meinung immer aus einer Notlage. Diese wird häufig von den Eltern kreiert. Ich spreche deshalb mit meinen Schülern und deren Eltern ganz offen darüber, dass regelmäßiges Üben notwendig ist, dass sich aber niemand dafür rechtfertigen muss, wenn er oder sein Kind nicht geübt hat. Wichtiger ist es mir, dass sie mit mir über Schwierigkeiten beim häuslichen Üben sprechen. Es kann außerdem vorkommen, dass private Probleme regelmäßiges Üben nicht zulassen. Auch in diesen Fällen, bin ich für einen Hinweis dankbar.

Warum üben die Schüler wenig oder gar nicht?

Es ist wichtig herauszufinden, warum die Schüler nicht üben. Nur wenn wir die Gründe kennen, können wir versuchen, diese Probleme mit den Schülern und deren Eltern zu lösen.

Folgende Gründe konnte ich bei meinen Schülern beobachten:

– fehlende äußere und innere Motivation

– wenig oder keine Unterstützung durch die Eltern

– schlechte Instrumente

– Mangel an Langeweile

– kaum feste Gewohnheiten

Was kann ich tun?

Wenn wir herausgefunden haben, warum unsere Schüler wenig oder gar nicht üben, müssen wir handeln, denn sonst werden wir die Schüler früher oder später verlieren.

Motivation

Motivation ist der Motor, der uns antreibt. Man unterscheidet innere (intrinsische) und äußere (extrinsische) Motivation. Die weitaus wertvollere ist die innere Motivation. Ein Schüler, der für sich beschlossen hat, ein Musikinstrument zu lernen, egal aus welchem Grund, wird auch üben, ausgenommen, er verliert sein Ziel aus den Augen. Es ist notwendig, dass wir diese inneren Beweggründe unserer Schüler kenne, um sie an ihre Ziele erinnern und ihnen zeigen, wie diese erreicht werden können.

Äußere Motivation ist dann sinnvoll, wenn ein Schüler vorübergehend einen Anschub braucht. Hier sind in erster Linie die Eltern gefragt. Aussicht auf eine Belohnung oder der Besuch eines Konzerts kann die Schüler in vielen Fällen vorantreiben.

Unterstützung

Die Schüler brauchen die Unterstützung der Eltern dringend. Den wenigsten Eltern ist das bewusst. Auch wenn diese sich zunächst freuen, dass ihr Kind ein Instrument erlernt, wird der Unterricht und das häusliche Üben schnell zu einer zusätzlichen Belastung im knapp bemessenen Zeitplan der Eltern. Der wohlwollende Blick auf den jungen Künstler und die Freude an seinem Können verschwindet unter den alltäglichen Problemen. Es ist deshalb sinnvoll, die Eltern immer wieder an ihre wichtige Rolle zu erinnern. Dabei handelt es sich nicht um große Dinge, die diese tun müssen. Ich rate meinen Eltern folgendes:

– Lassen Sie sich regelmäßig etwas vorspielen.

– Freuen sie sich an schönen Melodien.

– Vergleichen Sie ihr Kind nicht mit anderen.

– Lassen sie sich von ihrem Kind zeigen, wie man ein einfaches Lied auf dem Instrument spielt und probieren sie es aus.

– Suchen Sie nach Möglichkeiten für kleine Auftritte ihres Kindes (Familienfeiern, Veranstaltungen von Vereinen, Konzerte im Familienkreis).

– Besuchen Sie mit ihrem Kind Konzerte.

Schlechte Instrumente

Ein schlechtes Instrument ist nach meiner Erfahrung einer der größten „Lust-Killer“ überhaupt. Wenn ihr Schüler mit schlechten Instrumenten habt, sprecht die Eltern immer wieder darauf an. Bei wenigen ist Geldmangel das Problem. Oft wird die Anschaffung einfach aus Zeit- und Energiemangel immer wieder verschoben. Wenn wir als Lehrende nicht regelmäßig nachhaken, vergessen die Eltern irgendwann komplett, dass sie eigentlich ein neues Instrument kaufen wollten.

In meinem Artikel https://musikdidaktik.net/2016/02/ein-gutes-musikinstrument-die-grundlage-fuer-eine-erfolgreiche-musikausbildung/ findet ihr weitere Tipps zu diesem Thema.

Mangel an Langeweile

Dieser Punkt ist ein großes Problem und hat Auswirkungen auf viele Bereiche unseres Lebens. Durch die Möglichkeit, sich ständig mit Computer und Co. zu beschäftigen, haben Kinder und Erwachsene kaum noch freie Zeit, die sie auf irgendeine Weise eigenverantwortlich ausfüllen müssen. Das führt dazu, dass Erwachsene kaum noch nachdenken oder träumen und Kinder gar nicht auf die Idee kommen, ihr Musikinstrument auszupacken einfach nur, weil Zeit dafür vorhanden ist. Viele Menschen habe fast panische Angst davor, sich zu langweilen. Auch Kinder können dieses Gefühl oft nicht mehr ertragen. Dabei resultiert aus Langeweile Kreativität. Heute ist es deshalb notwendig, dass Eltern nicht krampfhaft versuchen ihre Kinder zu beschäftigen oder zu unterhalten, sondern dass sie für Freiräume sorgen bei ihren Kindern und bei sich selbst.

Feste Gewohnheiten

Feste Gewohnheiten helfen uns dabei, auch unliebsame Dinge regelmäßig zu tun. Wer hat nicht schon am späten Abend mit seinem Schicksal gehadert, weil er vor dem Zubettgehen noch seine Zähne putzen muss. Wir alle wissen, dass das wichtig ist, aber wenn man so richtig müde ist, ist Zähneputzen einfach nur lästig. Wir machen es trotzdem, weil es zu einer sinnvollen Gewohnheit geworden ist.

Oft rate ich den Eltern meiner Schüler, feste Übungszeiten zu planen, die in Verbindung mit anderen festen Gewohnheiten stehen. Mein Sohn hat, als er noch klein war, immer nach dem Abendessen Klavier gespielt. So hatten wir eine feste Zeit und er Publikum.

Fazit

Es gibt leider keine Pille für Schüler, die nicht üben. Es ist daher sinnvoll, dass wir Lehrenden uns immer wieder Gedanken machen, wie wir unseren Schülern und deren Familien beistehen können. Schon Kleinigkeiten haben oft große Auswirkungen. Und wenn wir nur einen Schüler motivieren können, mehr zu üben, hat sich der Aufwand gelohnt.

 

Kommentare
  1. Solveig sagt

    Und manchmal kann der Instrumentalunterricht eine sichere Insel sein, die fernab jeglicher sozialen Probleme existiert und den SuS die Möglichkeit bietet, die Hüllen der Pflichten fallen zu lassen. Ich teile die Meinung, Eltern stünden in der maßgeblichen Pflicht und Verantwortung, dass aus Blüten Früchte entstehen können. Ich bin aber auch der Meinung, dass der Instrumentalunterricht nicht nur zur Erziehung zum perfekten Instrumentalisten da ist, sondern auch einfach nur ein Ort der kreativen Gestaltung sein sollte. Natürlich ist der stets übenden und sich sukzessive verfeinernde Schüler vorerst angenehmer zu ertragen, wenn da nicht auch die große Frage nach der Legitimität und Erreichbarkeit für jedes Kind im Raum stünde. Eine Welt aus vielen elitären und gut ausgebildeten Musikern wäre langweilig, wenn es keine Liebhaber gäbe, die in ihrem subjektiven Umgang mit einem erlernten Instrument mäßig erfolgreich waren oder sind. Meiner Meinung nach geht es auch um die Vermittlung von Kunst an sich und die Heranführung des zu erlebenden Genusses, welcher in den kommenden Generationen mangels Zeit sicher eine flächendeckendere Aufmerksamkeit bedarf. Und dabei ist nicht wichtig, wie viel ein Kind geübt hat, sondern welche Erfahrungen er im Zusammenhang mit seinem Instrument und der Musik sammeln konnte.

    1. Liebe Solveig,
      vielen Dank für deinen Kommentar. Ich kann dir in jedem Punkt nur zustimmen.
      Viele Grüße
      Gabriele

  2. Stefan Mens sagt

    Ich glabe sehr an die Förderung der instrinsischen Motivation. Meiner Erfahrung nach ist es gerad bei Kindern sehr hilfreich, den „Übedruck“ abzuschaffen. Ich hatte Kinder im Instrumentalunterricht, die ich sogar während des Unterrichtes nicht zum Spielen brachte. Die Frage „Was möchtest Du jetzt tun?“ brachte meist Inspiration zu neuen Unterrichtsarten. Einer sagte: „Ich möchte gamen.“ So haben wir mit dem Handy Musikgames gemacht, bis hin zu Yousician, was der Schüler super fand. Er spielt seither jeden Tag mit Yousician und der Unterricht wird als Gamestunde aufgebaut. „Wieviele Punkte hast Du letzte Woche geschafft? Kannst Du bei dieser Übung noch mehr Punkte schaffen? Auf nächste Woche ist die Aufgabe: Schaffe das Punktemaximum bei Übung 24.“
    Um Kindern die Freude an der Musik näherzubringen, müssen sie Freude am Spielen haben. Die preussisch/protestantische Idee, dass alles mit viel Arbeit verbunden ist, bringts im Umterricht mit Kindern nicht. Einige kommen schon selber drauf, dass sie mit viel Spielen auch mehr Spass haben werden. Immer den Vergleich zum Sport machen: Das Wort „Üben“ wird abgeschaffft, es heisst nun „Trainieren“ und das begreift jedes Kind.

    1. Hallo Stefan,
      vielen Dank für deinen interessanten Kommentar. Freude ist auch für mich die Grundlage für einen erfolgreichen Unterricht.
      Viele Grüße
      Gabriele

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