Für Musiker_innen, Musik- und Intrumentalpädagog_innen, Sänger_innen & Hobbymusiker_innen

Ich habe Musik studiert, weil man dabei so wenig reden muss!

Ein Interview mit Sandra Labsch über ihren Weg zur Musik und zum Komponieren.

In dieser Woche erschien das neue Klavierwerk von Sandra Labsch „Winterzauber“. Aus diesem Anlass möchte ich euch heute die Komponistin persönlich vorstellen. (Im Rahmen dieses Interviews hat uns Sandra drei Hefte von „Winterzauber“ zur Verfügung gestellt, die wir verlosen dürfen. Also…. schreibt im Kommentarbereich unter dem Artikel, welche Instrumente ihr spielt und ihr habt die Möglichkeit, eines der Hefte zu gewinnen.) Sandra ist studierte Klavierpädagogin, Komponistin, Verlegerin und Bloggerin. Ihre Kompositionen sind für mich die Entdeckung in diesem Herbst. Ich spiele sie selbst gern und auch meine SchülerInnen sind begeistert. Ihre Biographie und die Art, wie sie als Komponistin arbeitet, haben mich sehr berührt. Aber lest selbst…

Gabriele: Liebe Sandra, erzähle uns, wie dein musikalischer Weg begann.

Sandra: Dass ich heute als Musikpädagogin und Komponistin tätig bin, fühlt sich für mich rückblickend so an, als wäre alles geplant gewesen. Hätte meine Mutter als Kind selbst Klavier spielen dürfen, wäre es ihr vielleicht nicht so wichtig gewesen, das Klavierspielen in mein Leben zu bringen. Hätte ich als Kind mehr Freunde gehabt, wäre das Klavier vielleicht nicht mein bester Freund geworden.

Gabriele: Du bist eine tolle Frau, warum hattest du als Kind so wenige Freunde?

Sandra: Weil ich anders war. Schon durch meine Körpergröße wirkte ich immer ein paar Jahre älter und wurde dementsprechend behandelt. Das hat mich natürlich verändert und meine gleichaltrigen Mitschüler konnten nicht viel mit mir anfangen. Außerdem hatte ich einen Sprachfehler, der mich bis in meine späten Zwanziger begleitete. Hätte ich diesen nicht gehabt, hätte ich vielleicht nicht Musik studiert.

Gabriele: Wenn ich dich also frage, warum du Musik studiert hast, was antwortest du dann?

Sandra: Weil man dabei so wenig reden muss.

Gabriele: Da muss ich jetzt erst einmal kurz drüber nachdenken. Wie schrecklich auf der einen Seite und wie wunderbar auf der anderen. Wenn das wenige Reden deine Motivation war, wie ist es dir während des Studiums ergangen?

Sandra: Es hat lange gebraucht, bis ich wirklich glücklich mit der Musik geworden bin. Das Studium ist mir nicht leichtgefallen, besonders das Auswendigspielen war eine Qual für mich. Mein Gehirn scheint anders zu funktionieren. Sprachen merke ich mir beispielsweise hervorragend, aber ich kann nicht eines meiner eigenen Stücke auswendig spielen.

Gabriele: Oh, das kann ich gut nachvollziehen. Ich habe lange gebraucht, um meine Aversion gegen das Auswendigspielen abzulegen. Bitte berichte weiter.

Sandra: Nach dem Studium gab es keine Stellen an den Musikschulen und es dauerte viele Jahre, bis ich mich als selbstständige Musikpädagogin etablieren konnte. Mehr als einmal wollte ich zuvor alles an den Nagel hängen und ich habe oft überlegt, noch einen anderen Beruf zu erlernen.

Gabriele: Das hast du zum Glück nicht gemacht. Warum?

Sandra: Alles hat sich zum Glück gefügt. Auch wenn ich mir am Anfang des Studiums nicht vorstellen konnte, zu unterrichten, wurde dies wenige Jahre später zu meiner Leidenschaft. Mittlerweile unterrichte ich aber deutlich weniger – meine anderen Tätigkeiten als Komponistin, Verlegerin und Bloggerin sind zeitintensiv und meine Hochsensibilität fordert immer mehr Ruhe und Abgrenzung.

Gabriele: Wie kamst du auf die Idee, eigene Stücke zu komponieren?

Sandra: Die ersten Kompositionsversuche habe ich in meinem letzten Jahr am Gymnasium unternommen, also in der 12. Klasse. Ich kann mich nicht mehr genau daran erinnern, woher dieses Bedürfnis kam. In wenigen Wochen entstanden einige Kompositionen für verschiedene Besetzungen, die teilweise unfertig blieben. Ein Stück – ein Kanon für drei Violinen – ist leider verschollen aber die restlichen Stücke besitze ich noch. Ich weiß, dass ich eines der Stück geträumt hatte und mich am nächsten Tag noch vage an eine Melodie erinnern konnte, die ich zu Papier brachte.

Gabriele: Wie ging es weiter?

Sandra: Danach folgte eine lange Kompositionspause von fast neun Jahren, bevor es 2005 wieder losging mit dem Träumen von Musik. Ich habe wirklich über Wochen fast täglich Musik geträumt bis ich einmal mitten in der Nacht aufstand, mich an das Klavier setzte und dachte: Okay, ist ja schon gut, ich mach schon… Ich bin sozusagen meinem Ruf gefolgt. 2013 hatte ich ein immer stärkeres Bedürfnis, jemanden zu finden, bei dem ich Unterricht nehmen kann und nach langem Suchen (es ist unglaublich schwer, einen Kompositionslehrer zu finden), wurde mir Andreas Viehöver von einer Kollegin empfohlen. Er ist Jazz- und Popularmusiker und ich habe sehr viel von ihm gelernt. Beneidenswert, wie er improvisieren kann – das kann ich übrigens überhaupt nicht gut. Meine Stücke entstehen direkt auf dem Papier als Kompositionen; nicht als Ergebnis einer Improvisation, die in Form gebracht wird. Mit ein paar Takten beginnt ein Stück und irgendwann, manchmal erst Jahre später, wird es fertig.

Gabriele: Ist die Fähigkeit gute Musik zu komponieren eine „göttliche“ Gabe?

Sandra: Mein Talent sehe ich als großes Geschenk, aber Komponieren ist Arbeit. Auch wenn eine Idee oder eine Melodie oft schnell da ist  daraus ein gutes Stück zu machen dauert. Manchmal feile ich Wochen an einem Takt. Komponieren hat viel mit Handwerk zu tun und ich glaube gar nicht, dass man dafür wahnsinnig kreativ sein muss. Ich kann mit jedem Schüler komponieren, egal ob kreativ oder nicht. Nur das Bedürfnis zu komponieren, macht einen Komponisten zum Komponisten.

Gabriele: Was wäre, wenn man dir das Komponieren verbieten würde?

Sandra: Ich glaube, ich würde platzen. Für mich ist es eine Möglichkeit der Entspannung für meine unruhige Seele. Anfangs hatte ich nicht die Intention, für Schüler zu komponieren. Musik zu schreiben war allein für mich wichtig und eine Möglichkeit, mich auszudrücken.

Gabriele: Verfolgst du jetzt andere Ziele mit deinen Kompositionen?

Sandra: Mittlerweile macht es mir viel Freude, mich auch den Bedürfnissen der Klavierlehrer und Klavierspieler zu widmen. Für mich ist es eine Herausforderung, Stücke zu komponieren, die einen bestimmten Zweck erfüllen. Und ich werde sehr produktiv, wenn ich Input von außen bekomme. Je genauer die Ideen, umso schneller kann ich sie umsetzen.

Gabriele: Wie sehen deine Zukunftsvisionen aus?

Sandra: Eine Zukunftsvision von mir ist es, Kompositionsunterricht und Fortbildungen zu geben und meine Ideen in Heften, auf meinem Blog und auf YouTube teilen. Es gibt so viele Möglichkeiten, am Klavier kreativ zu sein und es ist schade, dass nur wenige Lehrer selbst einen kreativen Unterricht genossen haben und dies ihrerseits weitergeben können. Ich glaube, Komponieren (und natürlich Improvisieren und Variieren) ist wie Kochen. Man braucht erst einmal ein paar Zutaten und dann kann es losgehen. Zutaten sind Harmoniefolgen, eine Melodie, Begleitmuster oder die Form eines Stückes. Aus dem Nichts etwas zaubern, funktioniert nicht. Aber es ist auch keine Magie.

Gabriele: Du hast auch einen eigenen Verlag gegründet. Warum?

Sandra: Selbst zu verlegen, finde ich unglaublich spannend, fordernd, vielseitig und befriedigend. Warum ich damit begonnen habe, würde ich so formulieren: Ich habe zum richtigen Zeitpunkt die richtigen Menschen getroffen. Zuallererst meinen Mann, der die komplette technische Seite übernimmt und ohne den meine Arbeit keinen Weg nach außen finden würde. Hätten wir uns nicht vor knapp sechs Jahren kennengelernt, würde es meinen ZauberKlavier-Verlag nicht geben.

Außerdem tauchte meine Grafikerin Bettina Braun genau zu dem Zeitpunkt auf, als ich begann, mir über das Selbstverlegen Gedanken zu macht. Und meine Freundin und wunderbare Kollegin Carina Busch, die ich über meinen Blog kennenlernte, hat mich sehr bei dem Gedanken unterstützt, einen eigenen Verlag zu gründen und neue Wege zu gehen. Weitere Kollegen und Kolleginnen sind dazugekommen und ich bin so dankbar für die Unterstützung und die Motivation.

Gabriele: Sprechen wir darüber, wie ein Notenheft bei dir entsteht. Wenn du ein Heft konzipiert hast und die Stücke dazu fertig sind. Wie gehst du weiter vor?

Sandra: Bis die Idee für ein Heft fertig ist, haben meine Schüler schon den größten Teil der Stücke ausprobiert. Wenn dann das Heft konzipiert ist, geht es an mindestens drei Kolleginnen und Kollegen und wird erneut probegespielt und optimiert. Ich möchte Hefte herausbringen, die gebraucht und geliebt werden. Erst wenn alle zufrieden sind, geht das Heft in Druck. Und auch danach ist mir die Meinung anderer Musikpädagogen und natürlich auch meiner klavierspielenden Kunden sehr wichtig. Alle Verbesserungsvorschläge werden gesammelt, geprüft und fließen in die nächste Auflage ein.

Gabriele: Was an deinen Heften besonders auffällt, sind die Qualität und die ästhetische Aufmachung.

Sandra: Mir ist die Qualität meiner Hefte sehr wichtig und ich habe nach dem Druck der ersten drei Hefte lange nach einer neuen Druckerei gesucht, die meine Ansprüche erfüllt. In Kürze erscheint die zweite Auflage von „12 zauberhafte Monate“ und dann sind alle ZauberKlavier-Notenhefte in der gleichen, hochwertigen Qualität mit mattem Papier im Innenteil und einem stabilen Umschlag. 
Schöne Cover, ein ästhetisches und ansprechendes Notenbild sind für mich ebenso selbstverständlich wie ausreichend Fingersätze und Pedaleintragungen. Auch Autodidakten sollen mit meinen Heften arbeiten können.

Gabriele: Ich möchte noch hervorheben, dass auf deinem Blog (www.mein-klavierunterricht- blog.de) Übe-Tipps zu deinen Stücken erscheinen werden.

Sandra: Ich möchte nicht nur, dass die Stücke gespielt werden, ich möchte auch, dass sie verstanden werden. Mir macht es unglaublich viel Freude, Ideen zu teilen und ich habe viele Ideen. Auf meinem Blog erscheinen immer mehr Artikel zu musiktheoretischen Themen, die ich ganz praktisch beleuchte. Es gibt Artikel über das Rhythmuslernen, über die kreative Arbeit mit Klavierstücken, über das Improvisieren, das Üben im Allgemeinen und vieles mehr. Übetipps zu einzelnen Stücken gibt es bisher noch nicht, aber der erste Artikel dazu folgt in wenigen Tagen. Das ist eine ganz neue Idee.

Gabriele: Bist du jetzt nach all den Jahren glücklich mit deiner Arbeit als Musikerin und Komponistin?

Sandra: Ja, dass meine Arbeit so große Resonanz findet macht mich unglaublich glücklich und ich bin sehr dankbar dafür. Ich werde immer wieder gefragt, warum ich das alles selbst mache, manchmal sogar, warum ich mir das antue. Ich hätte mich doch auch von einem anderen Verlag verlegen lassen können. Aber genau das will ich. Alles selbst machen. Etwas in den Händen halten, was ich genauso haben wollte. Verlegen ist meine neue, große Leidenschaft. Ich liebe es, meine eigenen Regeln zu machen und ich liebe es, neue Wege zu gehen.

Gabriele: Vielen Dank für dieses Interview, liebe Sandra. Eine Anmerkung noch am Ende: Alle Stücke von Sandra sind GEMA-frei.

 

 

© Uwe Printz

Sandra Labsch wurde 1978 in Jena (Thüringen) geboren und lebt seit 1997 in Mannheim. Ihren Abschluss als Diplom-Musiklehrerin hat sie 2002 an der Staatlichen Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Mannheim gemacht. Heute arbeitet sie als Klavierpädagogin, Komponistin, Verlegerin und Bloggerin.

Kontakt zu Sandra Labsch:

Mailadresse: sandra@zauberklavier.de
Verlag: https://www.zauberklavier.de/
Shop: https://shop.zauberklavier.de/
Blog: https://www.mein-klavierunterricht-blog.de/

YouTube-Playlist für Winterzauber: Hier

Titelbild: © Uwe Printz

 

Kommentare
  1. Susa sagt

    Ein spannendes Interview das eine moderne Komponistin greifbar macht.
    Ich würde mich über ein Buch freuen.
    Ich spiele Blockflöte, Klavier und Dudey und lerne gerade Trompete.

    1. Sandra sagt

      Danke, Susa!
      Toll, wie viele Instrumente Du lernst und spielst!

      Viele Grüße aus Mannheim,
      Sandra

  2. Axel sagt

    Ich spiele Klavier

  3. Annegret sagt

    Ein tolles, ehrliches Interview, vielen Dank an euch zwei!
    Ich singe zum Beispiel lieber, als das ich rede 😉
    Wenn man aber regelmäßig das tut, was man meint, nicht so gut zu können,
    wird man auch auf diesem Gebiet immer besser und es fällt einem zunehmend leichter…
    Mein Instrument ist auch das Klavier und in der Band aus praktischen Gründen Keyboard.
    Bin sehr gespannt auf die Winterzauber Stücke von Sandra 🙂
    Viele Grüße an alle „Musiksüchtigen“
    Annegret

    1. Sandra sagt

      Danke, Annegret!
      Mir hat das Interview viel Freude bereitet.

      Reden ging wirklich nicht gut und das hatte auch nichts mit nicht „wollen“ zu tun. So ein Sprachfehler folgt oft auf ein traumatisches Erlebnis und das braucht Zeit, Wertschätzung und Liebe zum Heilen.

      Singen steht auch noch auf meiner Wunschliste. 🙂

      Viele Grüße,
      Sandra

  4. Uwe Dringenberg sagt

    Liebe Sandra, so ein interessantes, ehrliches und authentisches Interview! Danke, dass Du hier vieles mitteilst, auch Dinge, die in Deinem Leben vielleicht nicht so angenehm waren. Das kann Anderen helfen. Mit meiner Liebe zur Klassischen Musik war ich anfangs auch eher Außenseiter. Und ich spiele auch viel lieber Klavier, als dass ich rede. Heute spiele ich auch fast nur noch nach Noten, außer wenn ich mal improvisiere. Dass Du mit Deinen Notenbänden so gut ankommst, hat meiner Ansicht nach mit mehreren Dingen zu tun: Es ist wirklich schöne Musik, der ehrliche Gefühle zu Grunde liegen. Das spüren Kinder und auch Erwachsene sofort. Dann sind die Notenbände von einer hohen Ästhetik, und man schlägt sie gerne auf. Deine Stücke sind wie kleine Inseln, auf denen man sich wohlfühlen kann. Ganz herzliche Grüße Uwe

    1. Sandra sagt

      Vielen lieben Dank, Uwe!

      Sei herzlich zurückgegrüßt,
      Sandra

  5. Iris Hettinger sagt

    Ich besitze mehrere ihrer Klavierbücher. Ich spiele sie gerne und auch meine Schüler. Tolle Idee ein Buch mit speziellem Einband für Mädchen herauszugeben.
    Über das neue Buch würde ich mich freuen.
    Meine Instrumente: Blockflöte, Klavier, Gitarre, Gesang und mein Chor 🙂 .
    Viele Grüße, Iris

    1. Sandra sagt

      Vielen Dank, Iris!
      Leider wird „Pop for Girls“ nicht neu aufgelegt und läuft unter „Pop for you“ weiter, wo es mittlerweile auch schon einen zweiten Teil gibt. Ich fand die Idee auch toll, aber zwei verschiedene Cover mit dem gleichen Inhalt sind doch zu verwirrend.

      Herzliche Grüße,
      Sandra

  6. Martina Römer sagt

    Dieses spannende Interview macht Dich noch sympathischer als Du sowieso schon bist☺!
    Sehr bewundernswert, wie Du Deinen Weg gemeistert hast, liebe Sandra!
    Ich spiele Klavier und Ukulele 🙂

    1. Sandra sagt

      Vielen Dank, Martina! 🙂

      Liebe Grüße aus Mannheim,
      Sandra

  7. Andrea Delles sagt

    Vielen Dank für das Interview.
    Ich weis garnicht mehr genau wie ich seinerzeit bei „Zauberklavier“ gelandet bin. Irgendwie war ich auf der Suche nach Musikstücken die mir Spaß machen und sich nicht so öde anhören. Da verliert man sonst schnell die Lust am üben. Bei Deinen Stücken ist das anders. Sie bereiten mir nach wie vor große Freude beim üben. Sei es „Piano Moods“ oder „Nocturnes“.
    Auf die noch kommenden Ausgaben freue ich mich jedenfalls schon jetzt.
    Viele Grüße
    Andrea

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