Für Musiker_innen, Musik- und Intrumentalpädagog_innen, Sänger_innen & Hobbymusiker_innen

Auf die Haltung kommt es an – oder nicht?

Welche Haltungsvorschriften sind im Instrumentalunterricht sinnvoll?

Anton stürmt in den Unterrichtsraum. Noch mit Jacke und Mütze bekleidet springt er mit beiden Knien auf die Klavierbank. „Ich kann das Lied supergut, mit beiden Händen und singen kann ich dazu auch. Pass auf Frau Zimmermann!“, so sprudelt es aus ihm heraus und er beginnt zu spielen. Und tatsächlich er kann sein Stück perfekt. Ich bin begeistert.

Solche Erlebnisse versüßen meinen Unterrichtsalltag und doch bin ich mir sicher, dass viele KlavierlehrerInnen beim Anblick meines wilden Jung-Pianisten entsetzt wären. Kann man es zulassen, dass ein Schüler aus Begeisterung gegen alle Haltungsvorschriften verstößt?

Ja, man kann. Was wäre geschehen, wenn ich, nachdem Anton mich aufgefordert hatte aufzupassen, folgendes gesagt hätte: „Stopp! Bitte zieh als erstes deine Jacke aus und nimm deine Mütze ab. Dann setz dich ordentlich vor das Klavier, stell deine Füße auf die Fußbank, halte deinen Rücken gerade, atme ein und geh mit beiden Händen in eine saubere Ausgangslage  warte und beginne dann mit deinem Stück.“?

Antons Begeisterung wäre mit Sicherheit verflogen und er hätte nur widerwillig oder gar nicht mehr gespielt.

Und so wage ich es heute, hier einige Fragen zu einem umstrittenen Thema zur Diskussion zu stellen:

  1. Sind Haltungsvorschriften im Instrumentalunterricht notwendig?
  2. Gibt es allgemeingültige Vorschriften?
  3. Gibt es einen Unterschied zwischen Schülern mit sauberer Haltung bzw. Technik und „dressierten“ Schülern?
  4. Können zu strenge Haltungsvorschriften schädlich sein?
  5. Darf man von Haltungsvorschriften abweichen?

Sind Haltungsvorschriften im Instrumentalunterricht notwendig?

Die Antwort lautet: „ja“.

Allerdings habe ich als Schülerin folgende Erfahrung gemacht, die meine Einstellung zu dem Thema Technik und Haltung stark prägten. Wann immer ich während meiner Ausbildung zu einer neuen Lehrkraft wechselte, begutachtete diese mein Spielen und kam zu folgendem niederschmetternden Urteil: „Was für eine miserable Haltung und Technik hat dir denn dein alter Lehrer beigebracht. So wirst du niemals ordentlich musizieren können. Wir müssen technisch noch einmal ganz von vorne beginnen.“ So wurde es dann notwendig, alles was ich mir technisch bis dahin antrainiert hatte, wieder aufzugeben und Neues zu erlernen. Eine umwälzende Verbesserung habe ich nie gespürt, aber ich quälte mich jedes Mal durch frustrierende Wochen des Umlernens. Nach dem dritten Wechsel war ich völlig verwirrt. Schon damals schwor ich mir, sollte ich jemals selbst Schüler haben, diese niemals wegen persönlicher Haltungsansichten zu frustrieren und nach allgemeingültigen und sinnvollen Techniken zu suchen.

Wenn ich die Frage nach der Notwendigkeit von Haltungsvorschriften beantworten möchte, muss ich einen Unterschied zwischen allgemeingültigen Haltungsvorschriften und persönlichen Haltungsvorschriften der Lehrkraft machen. Egal welches Instrument ich spiele, es gibt bestimmte Techniken, die ich erlernen muss, damit meine Körperhaltung nicht im Widerspruch zu den technischen Ausführungen auf meinem Instrument steht.

Hier ein Beispiel: Presst der Schüler beim Spielen auf dem Klavier seine Handballen unterhalb der Tasten an das Holz, sind seine Hände fixiert und sie können sich nicht flüssig über die Tasten bewegen. Es ist deshalb notwendig, dass die Handgelenke sich in einer Linie mit Handrücken und Unterarm befinden und sich frei nach oben und zur Seite bewegen können.

Gibt es allgemeingültige Vorschriften?

Das oben angeführte Beispiel aus der Klavierpädagogik zeigt, dass es sehr wohl allgemeingültige Vorschriften gibt. Deshalb habe ich folgende Grundsätze:

– Eine Haltungsvorschrift muss von der Lehrkraft immer begründet werden und sollte für den Schüler nachvollziehbar sein.

– Haltungsvorschriften müssen für den Schüler körperliche oder spielerische Vorteile bringen.

– Der Schüler muss mit den Haltungsvorschriften übereinstimmen. Es liegt am Lehrer, den Schüler von diesen zu überzeugen.

Ich bin außerdem der Meinung, dass eine Lehrkraft nicht das Recht hat, zu tief in die „Privatsphäre“ des Schülers einzudringen.

Hierzu ein Beispiel: Einige meiner pubertierenden Schülerinnen haben lange, künstliche Fingernägel. Eine korrekte Handhaltung beim Klavierspielen ist dadurch nicht möglich. Natürlich spreche ich mit meinen Schülerinnen und auch deren Eltern über diese Problematik. Beschließen die jungen Damen dann, ihre Fingernägel zu behalten mit allen technischen Einschränkungen, die sich daraus ergeben stelle ich mich als Lehrerin darauf ein.

Gibt es einen Unterschied zwischen Schülern mit sauberer Haltung bzw. Technik und „dressierten“ Schülern?

Für mich persönlich gibt es diesen Unterschied. Oft sehe ich Filme im Internet, in denen junge Schüler musikalisch hoch anspruchsvolle Stücke vortragen und dazu übertriebene, antrainierte und absolut „unkindliche“ Gesten ausführen. Viele Menschen sind davon begeistert. Ich nicht!

Auch einige erwachsene Musiker begleiten ihr Musizieren mit (für mich) künstlichen, übertriebenen Gesten besonders im Bereich der klassischen Musik. Ich kenne viele geniale Jazzmusiker. Einige haben ihre Eigenheiten, aber keiner hat es nötig, sein Spielen durch diese Art von Gesten zu unterstreichen.

Kinder, die sich auf diese unnatürliche Art bei ihren Vorträgen gebärden, machen auf mich einen „dressierten“ Eindruck. Auch einige Chöre wirken auf mich nicht „natürlich“ sondern „dressiert“. Mit einer sauberen Technik hat das nichts zu tun.

Können zu strenge Haltungsvorschriften schädlich sein?

Vor vielen Jahren leitete ich einen Eltern-Informationsabend für mein Tastenkinder-Programm. Ich erklärte die Methodik sowie die musikalischen und pädagogischen Hintergründe und gab den Eltern die Möglichkeit, alle Unterrichtselemente selbst auszuprobieren. Eine Mutter stand plötzlich auf und erklärte: „Ich bin von diesem Programm begeistert und freue mich sehr für meinen Sohn, dass er an dieser Art von Unterricht teilzunehmen wird, aber ich selbst werde niemals wieder in meinem Leben eine Taste berühren.“ Alle Anwesenden inklusive meiner Personen waren von der Art, wie die Mutter ihr Anliegen vorbrachte tief erschüttert. Sie erklärte uns dann, dass sie selbst als Kind 10 Jahre lang Klavierunterricht hatte 10 Jahre der Qual, da es in jeder Stunde fast ausschließlich um Haltungsvorschriften ging, die sie trotz ernsthaftem Bemühen nie erfüllte. Mir gegenüber stand eine zutiefst traumatisierte Frau und noch heute ergreift mich ein beklemmendes Gefühl, wenn ich an diesen Abend denke.

Seitdem habe ich viele ähnliche Berichte von Erwachsenen gehört. Für mich ist jeder Fall eine Katastrophe und ich bin der Meinung, dass kein Lehrender das Recht hat, wegen persönlicher und überzogener Haltungsvorschriften einen Menschen zu traumatisieren und ihn so lebenslang die Freude am Musizieren zu nehmen.

Darf man von Haltungsvorschriften abweichen?

Einige der bisher behandelten Beispiele zeigen, dass es immer wieder Gründe gibt, von starren Haltungsvorschriften abzuweichen. Jeder Mensch ist ein Individuum und seine Würde muss geachtet werden. Außerdem sind wir als Musik-Lehrende in erster Linie verpflichtet, Freude an der Musik und am Musizieren zu vermitteln. Nach meiner Erfahrung entwickeln viele Schüler mit einer guten Feinmotorik, einer fundierten Vorbildung (z.B. In Form einer musikalischen Frühförderung), Fleiß und der begleitenden Unterstützung der Eltern von ganz allein eine gesunde Körperhaltung. Schüler, bei denen das nicht der Fall ist, haben oft viele Jahre Haltungsprobleme. Jedoch hilft man diesen Schülern nicht, indem man sie ständig mit Haltungsvorschriften und technischen Übungen drangsaliert. Bei ihnen ist es besonders wichtig, kleine Schritte zu machen, Literatur zu wählen, die sie begeistert und viel zu loben.

Fazit

Es gibt Haltungsvorschriften, die das Musizieren auf einem Instrument erst möglich machen und den Schüler vor technischen Grenzen und körperlichen Schäden bewahren. Stimmt der Schüler mit diesen überein, sollten sie Teil des Unterrichts sein. Lehnt ein Schüler sie jedoch ab, muss die Lehrkraft nach anderen Wegen suchen.

Es ist notwendig, die Schüler genau zu beobachten. Viele entwickeln eine natürliche und individuelle Körperhaltung und so muss sich eine Lehrkraft immer wieder selbst hinterfragen: Ist eine Vorschrift bei diesem Schüler notwendig oder ist sie nur meine persönliche Vorliebe?

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