Für Musiker_innen, Musik- und Intrumentalpädagog_innen, Sänger_innen & Hobbymusiker_innen

Der Mythos Wunderkind

Artikelserie zum Thema „Üben im Musikunterricht“ – 1. Teil

Stellt euch vor, ihr solltet eine Rangliste der häufigsten Fragen bei Elternabenden und Beratungsgesprächen in Musikschulen erstellen, welche würden die vorderen Plätze belegen?
Hier meine Vorschläge:
1. Was kostet die Unterrichtsstunde?
2. Muss mein Kind zu Hause üben?
Sicher findet man auch in euren Ranglisten die Frage nach dem Übungsaufwand auf den vorderen Plätzen. Diese Frage ist wichtig und eigentlich leicht zu beantworten und doch ist es nützlich zu schauen, was eigentlich hinter dieser Frage steckt.

Muss man üben?

Dass erwachsene Menschen in Elternabenden und Beratungsgesprächen diese Frage stellen, zeigt, dass sie sich nicht sicher sind, ob das Üben beim Erlernen eines Musikinstruments wirklich notwendig ist. Diese Frage einfach mit „ja, man muss üben“ zu beantworten, würde die Zweifel wahrscheinlich nicht aus dem Weg räumen.
Wir sollten uns Zeit nehmen, Eltern und Schüler von der Notwendigkeit einer guten Übungsroutine zu überzeugen.

 

Vielleicht ist er/sie ja ein kleiner Mozart

Fast jeder hat schon einmal von Wolfgang Amadeus Mozart gehört. Einige Eltern, die ihre Kinder zum Musikunterricht anmelden, hegen die Hoffnung, dass auch ihr Kind ein kleiner Mozart ist. Mozart steht stellvertretend für Super-Begabungen auf allen erdenklichen Gebieten.
Leider haben viele Menschen eine falsche Vorstellung von „Wunderkindern“. Sie glauben nämlich, dass diese Hochbegabten Fähigkeiten besitzen, die ihnen von der Natur oder Gott in die Wiege gelegt wurden. Sie gehen davon aus, dass Mozart ohne viel Arbeit zu einem hervorragenden Musiker geworden ist. Diese Annahme ist ein großer Irrtum und wir Lehrenden sollten Eltern und Schüler über das Phänomen „Mozart“ aufklären, da wir aus seiner Geschichte viel über das Üben lernen können.

 

Wolfgang Amadeus Mozart – Das wahre Leben des Wunderkinds

Wolfgang Amadeus Mozart war der Sohn Leopold Mozarts. Leopold war zwar ein anerkannter Musiker, doch hatte er es nicht zu dem Erfolg gebracht, den er sich wünschte. So beschloss er, seine Kinder zu Musikern zu machen, wie er selbst gerne einer gewesen wäre. Nachdem sich herausstellte, dass seine Kinder Wolfgang und Maria Anna musikalisch außergewöhnlich begabt waren, konzentrierte er sein ganzes Leben auf die Ausbildung der beiden. Leopold verfasste das erste Lehrbuch über die musikalische Entwicklung von Kindern. Er begann Wolfgang schon ab dem 4. Lebensjahr GANZTÄGIG zu unterrichten. Wir wissen zwar nicht genau, welche Übungen Wolfgang machen musste, wohl aber, dass er mit sieben Jahren schon ein weitaus umfangreicheres Musikstudium hinter sich hatte, als die meisten Instrumentalschüler heute es jemals haben werden.

In dem von mir bereits vorgestellten Werk „Das Buch der Musik“ vom Reclam-Verlag heißt es unter dem Stichwort „Das Wunder Mozart“: „Mit dem Namen Mozart verbindet sich auf exemplarische Weise der Begriff „Wunderkind“. Mozarts ungewöhnliche Frühbegabung steht außer Frage, fest steht jedoch auch, dass seine künstlerischen Leistungen sowohl Ergebnis einer umfassenden Ausbildung als auch persönlichen Fleißes sind. Mozart selbst hat daran nie einen Zweifel gelassen.“ (Werner-Jensen, Das Buch der Musik, S. 154)

Ich denke es ist an der Zeit, mit dem Mythos „Wunderkind“ aufzuräumen und klarzustellen, dass kein Mensch, ohne den nötigen Übungsaufwand ein Instrument erlernen kann.
Alle Menschen mit außergewöhnlichen Fähigkeiten, die ich kenne und von denen ich gehört oder gelesen habe, haben sich viele Stunden mit ihrer Leidenschaft beschäftigt. In der Regel haben sie mehr „geübt“ als andere Personen.

Natürlich reicht es nicht aus, einfach irgendwas zu üben. Wir werden uns in einem weiteren Artikel damit beschäftigen, wie man effektiv übt, um auf seinem Instrument erfolgreich zu sein. Die Grundlage ist jedoch die Bereitschaft, Zeit in seine Musikausbildung zu investieren.

 

Die Rolle der Eltern

Die Eltern spielen hierbei eine wichtige Rolle. Eine gute Übe-Routine zu etablieren und Durchhaltevermögen zu entwickeln, gelingt einem Kind in der Regel nur mit der Unterstützung der Eltern. Wir Lehrende müssen den Eltern erklären, dass diese Eigenschaften wichtiger sind als Talent.
Viele Personalchefs bevorzugen bei der Vergabe von Ausbildung- und Arbeitsplätzen Menschen, die ein Instrument spielen oder es zu gewissen sportlichen Leistungen gebracht haben. Warum tun sie das? Weil diese Menschen bewiesen haben, dass sie mit dem Üben bzw. Trainieren und dem Durchhalten vertraut sind.

Nicht jeder unserer Schüler möchte ein Spitzenmusiker werden. Dessen sind wir uns bewusst. Zu Beginn der Ausbildung ist es unerheblich, welche Ziele ein Schüler verfolgt. Die Methodik des Unterrichtens ist die gleiche. Es gibt jedoch große Unterschiede, wie intensiv die einzelnen Schüler zuhause arbeiten.
Auf eine außergewöhnliche Begabung bei seinem Kind zu hoffen, ist nicht ausreichend. Einige Begabungen zeigen sich erst im Laufe einer Ausbildung. Alle Hochbegabungen meiner Musikschule haben den größten Teil ihrer Freizeit mit ihrem Instrument verbracht; am Anfang mit Unterstützung der Eltern und später aus eigenem Antrieb.

 

Anerkennung für Fleiß

Zum Abschluss möchte ich euch von einem weiteren Super-Talent berichten. Ray Allen ist zehnmaliger All-Star in der National Basketball Association und der beste Drei-Punkte-Shooter in der Geschichte der Liga. Ein Basketball-Kommentator behauptete, Allen sei mit einem Wurfinstinkt geboren worden.

Allen widersprach mit den Worten: „Ich habe in meinem Leben schon oft mit Leuten darüber gestritten. Wenn jemand sagt, Gott habe mich mit diesem schönen Sprungwurf gesegnet, ärgert mich das wirklich. Ich entgegne den Leuten dann: Machen Sie nicht meine Arbeit zunichte, die ich da jeden Tag hineinstecke. Nicht an manchen Tagen, sondern jeden Tag. Fragen Sie alle, die schon einmal mit mir in einem Team waren, wer am meisten auf den Korb wirft… Die Antwort lautet: ich.“ (Jackie MacMullan, „Preperation is key to Ray Allen’s 3’s“ ESPN Magazine, 11. Februar 2011)

Talent ist eine Gabe, die Dinge vereinfachen kann, doch würden die meisten Hochbegabten ihren Erfolg zunächst ihrem Fleiß und der Unterstützung von Eltern, Trainern und Lehrern zuschreiben und erst danach ihrer Begabung.

 

Fazit

Wenn ihr das nächste Mal mit der Frage konfrontiert werdet, ob man für den Musikunterricht üben muss, solltet ihr die Frage hinter der Frage erkennen und entsprechend antworten. Nehmt euch für die Antwort Zeit und versucht mit dem Mythos „Wunderkind“ aufzuräumen und Eltern sowie Schüler vom „Wunder des täglichen Übens“ zu überzeugen.

Kommentare
  1. Hier ein Kommentar von Christoph Berndt, den er auf Facebook zum Artikel verfasst hat:
    Ich erinnere mich bei dem Thema „Üben“ immer gern an den Kommentar einer Kollegin, die mal sinngemäß meinte: „Zu den unverzichtbaren Talenten erfolgreicher Musiker zählt gewiß das Talent gern zu üben“.

  2. Tino Brütsch sagt

    Bin ganz der Meinung von Christoph Berndt: Das „Wunder“ im Begriff Wunderkind bezieht sich mehr auf die intrinsische Motivation üben zu wollen als auf die musikalische Begabung. Insofern argumentiert der Artikel leider etwas am Ziel vorbei. Die Bereiche Hochbegabung und wunderkindartige Eigenmotivation sind die absoluten Ausnahmefälle. Normal ist die Suche nach einer Balance zwischen Übaufwand und Fortschritt. Ich verstehe die Frage, ob das Kind üben muss meist als Frage des Wieviel: nach wieviel Zeit und mit wieviel elterlichem Druck die Lehrperson zu unterrichten wünscht. Diese Fragen lassen sich nur individuell beantworten.

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