Für Musiker_innen, Musik- und Intrumentalpädagog_innen, Sänger_innen & Hobbymusiker_innen

Füße vom Klavier!

Brauchen unsere Schüler Disziplin?

Würde ich in Facebook eine Umfrage unter Musikern und Musiklehrern mit der Frage „Braucht ein Musiker Disziplin?“ starten, würden die meisten wahrscheinlich mit „Ja“ antworten. Und doch ist das Thema „Disziplin“ sehr umstritten. Warum ist das so?

Vielleicht habt ihr schon ähnliche Erfahrungen gemacht wie ich: Ihr sprecht mit Freunden oder Kollegen über Disziplin und habt anschließend ein gutes Gefühl. Dann hört ihr andere Personen über Disziplin sprechen und euer Magen fängt an zu rebellieren.

Hat die Disziplin zwei oder sogar mehrere Gesichter? Ja, das hat sie.

Disziplin was ist das?

Der Duden definiert Disziplin wie folgt:

Schon beim Lesen dieser Definitionen wird klar, dass hier von zwei völlig unterschiedlichen Dingen die Rede ist, denn der Motor, der jemanden zu disziplinierten Handeln antreibt, ist jeweils ein anderer.

Bei der Definition 1 kommt der Antrieb von außen. Andere erlassen Vorschriften, geben Verhaltensregeln oder legen die Spielregeln für Gruppen und Gemeinschaften fest. Möchte ich ein Teil dieser Gemeinschaft sein, muss ich mich den Regeln unterordnen und Vorschriften einhalten.

Bei Definition 2 kommt der Antrieb aus mir selbst. Ich habe ein Ziel und beherrsche meinen Willen, um dieses Ziel zu erreichen. Man spricht hier auch von Selbstdisziplin.

Brauchen unsere Schüler Disziplin?

Natürlich, jeder Mensch, der ein Musikinstrument oder das Singen erlernen möchte, braucht Disziplin. Warum? Weil es sich hierbei um ein Ziel handelt, das ich nur mit Motivation, Fleiß und Ausdauer erreichen kann. Diese Begründung würde sich mit Definition 2 decken.

Wir alle kennen und haben Schüler, die vieles wollen aber nicht bereit sind, zu üben. Die Fortschritte dieser Kandidaten sind gering und schon nach kurzer Zeit sind gar keine nennenswerten Fortschritte mehr zu erkennen. Hier fehlt es an Disziplin, also an der Beherrschung des eigenen Willens.

Ein Schüler benötigt aber außerdem Disziplin im Sinne von Definition 1. Beim Erlernen eines bestimmten Instruments oder des Singens gibt es Regeln und Techniken. Diese Regeln gilt es einzuhalten, damit sich die entsprechenden Fortschritte einstellen können. Auch ein Musizieren in der Gruppe, z.B. in einem Chor, ist nur möglich, wenn man sich an die Regeln der Gruppe hält.

Mit dieser Form von Disziplin haben viele Schüler (jeder Altersgruppe) große Schwierigkeiten. Jeder Lehrer kennt Schüler, die jedes neue Stück sofort vom Blatt spielen wollen, den Rhythmus eines Liedes ignorieren oder Einsingübungen als Zeitverschwendung ansehe. Ganz zu schweigen von Kindern, die ihre Füße aufs Klavier legen, jeden Einwand des Lehrenden mit „na und?“ kommentieren oder Mitschüler traktieren anstatt zu singen oder zu musizieren.

Warum sind viele Menschen undiszipliniert?

Ich denke, dass es sich hier um ein gesamtgesellschaftliches Problem handelt, welches vielschichtige Ursachen hat und deshalb auch nicht einfach zu lösen ist.

Disziplin hat nämlich auch eine dunkle Seite. Viele Jahrhunderte wurde besonders im Militär und in der Erziehung auf eine besondere Disziplin geachtet. Erziehung und Militär tauchen hier nicht umsonst in einem Satz auf, denn die Erziehung, besonders die in den Schulen, orientierte sich lange Zeit am Militär.

Bis heute wird in den Armeen dieser Welt bedingungsloser Gehorsam und eiserne Disziplin ohne Erklärungen  eingefordert. Diese Disziplin beruht weder auf einer eigenen Motivation, noch auf vernünftigen Regeln einer menschenwürdigen Gemeinschaft. Diese Art von Disziplin wollte und will die totale Fremdbestimmung. Disziplin ersetzt hier das Denken des Einzelnen. Da unser Schulsystem aus den Militärakademien Preußens hervorgegangen ist und das autoritäre Denken dieser Zeit auch die Erziehung dominierte, war der Ruf nach bedingungsloser Disziplin auch hier ein Mittel, um funktionierende  nicht denkende  Menschen hervorzubringen.

Mit den Reformpädagogen des frühen 20. Jahrhundert begann ein Wandel in der Erziehung. Dieser erreichte seinen Höhepunkt in der antiautoritären Erziehung der 60er und 70er Jahre. Auch dieses Extrem erwies sich als untauglich. Seitdem irren viele Eltern und Lehrer durch ein „Erziehungslabyrinth“ auf der Suche nach dem richtigen Weg. Militärische Disziplin möchten viele nicht und verzichten deshalb in ihrem Leben und ihrer Erziehung komplett auf jede Form der Disziplin. Das Ergebnis sind undisziplinierte Menschen.

Ein Mangel an Disziplin

Wir Lehrende bekommen den Mangel an Disziplin bei unserer täglichen Arbeit direkt zu spüren. Was mir immer wieder auffällt ist der Mangel an Disziplin bei einigen Eltern meiner Schüler. Hier eine Auswahl der Beispiele, mit denen ich jede Woche zu kämpfen habe:

Einige Eltern…

  • schaffen es nicht, ihre Kinder regelmäßig zum Unterricht zu bringen.
  • hinterlassen den Wartebereich in einem chaotischen Zustand. Werbebeilagen von Zeitungen liegen verstreut auf mehreren Stühlen, gebrauchte Kaffeebecher zieren die Regale und Krümel bedecken den Boden.
  • unterhalten sich im Wartebereich und in den Fluren so laut, dass ein konzentrierter Unterricht nicht möglich ist.
  • schaffen es bei ihren Kindern nicht, für regelmäßige Übungszeiten zu sorgen.

Wenn selbst die Eltern nicht in der Lage sind, grundlegende Regeln einzuhalten, sollten wir uns dann wundern, dass ihre Kinder es auch nicht können?

Was können wir tun?

Die Eltern: Zunächst sollten wir uns als Lehrende nicht davor scheuen, eine gewisse Dosis an Disziplin einzufordern. Wir müssen mit den Eltern sprechen und ihnen erklären, was sie von uns erwarten können und was wir von ihnen erwarten. Dazu gehört u.a., dass die Schüler regelmäßig zum Unterricht kommen und dass die Eltern ihren Kindern helfen, eine gesunde Übungs-Routine zu entwickeln.

Innere Motivation

Je stärker ein Schüler motiviert ist, desto leichter wird es ihm fallen, sich zu disziplinieren. Es ist deshalb wichtig zu wissen, was unsere Schüler erreichen wollen. Dann liegt es an uns, unseren Unterricht entsprechend auszurichten. Nicht unsere eigenen Erwartungen und unser Vorstellungen, wie eine Ausbildung abzulaufen hat, ist hier maßgebend. Würden wir versuchen, unsere Vorstellungen durchzusetzen, würden wir militärische Disziplin einfordern. Es gibt keine allgemein gültigen Regeln, wie ein Unterricht abzulaufen hat. Natürlich kennen wir bestimmte Techniken, die gut für unsere Schüler sind, aber es liegt an uns, sie den Bedürfnissen der Schüler anzupassen. Wenn wir die innere Motivation der Schüler außer Acht lassen, ihnen unseren Weg aufdrängen und sie sich dann abmelden, können wir zwar über die Disziplinlosigkeit der Jugend jammern, aber es ist keinem geholfen.

Äußere Motivation

In meinen Seminaren berichten mir einige Kollegen davon, dass ihre Schüler nicht bereit sind, Regeln einzuhalten. Wenn ich sie dann frage, ob sie diese Regeln eindeutig formuliert haben, kommen viele ins Grübeln. Schüler können sich nur an Regeln halten, die sie kennen und über deren Einhaltung ich als Lehrender konsequent wache. Das erfordert wiederum Disziplin von mir ich habe ein Ziel, das ich erreichen möchte.

Hier ein Beispiel: Wenn ich möchte, dass meine Schüler ihre Übungszeiten notieren, weil das Vorteile für sie und mich hat, muss ich diese Notizen immer wieder einfordern, sie mir in jeder Stunde anschauen und die Schüler loben, mit den Eltern sprechen und z.B. Erinnerungshilfsmittel mit den Schülern suchen.

Alle Regeln, die ich als Lehrer aufstelle, sollte ich auch begründen. Begründen bedeutet nicht diskutieren. Ein Schüler muss aber wissen und verstehen, warum er etwas tun soll.

Fazit

Disziplin ist für Musiker, Musiklehrende und auch Musikschüler notwendig. Sie ermöglicht es uns, unsere Ziele zu erreichen. Wir sollten uns jedoch davor hüten, bedingungslose und unbegründete Disziplin von unseren Schülern einzufordern. Diese Art von Disziplin ist negativ und zerstört das Denken und die innere Motivation eines Menschen.

 

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