Für Musiker_innen, Musik- und Intrumentalpädagog_innen, Sänger_innen & Hobbymusiker_innen

Entschleunigung für Musiklehrer

Wie entschleunige ich mein Leben als MusiklehrerIn und MusikerIn?

Zeit ist der entscheidende Faktor unseres Lebens und auch unseres Berufslebens geworden. Viele Menschen fühlen sich getrieben von materiellen Zwängen, von einer Informationsflut aber auch vom eigenen Perfektionismus und Erfolgsstreben. Einige reagieren auf diesen Druck mit Krankheiten und Neurosen. Andere versuchen diesem Treiben zu entkommen. Schlagworte wie Slow-Food, Quality Time und Minimalismus geistern durch die Medien und finden immer mehr Anhänger.

 

Wie sieht es da bei uns Musiklehrenden aus? Stehen wir und unsere Schüler unter den gleichen Zwängen wie unsere Umwelt?

Ganz sicher, denn auch unsere Schüler und wir sind Teil dieses Systems. Viele Kolleginnen und Kollegen meines Umfelds klagen über Stress und Ängste. Auch fühlen sich einige von den Erwartungen und Ansprüchen der Eltern ihrer Schüler unter Druck gesetzt. Der Zeitfaktor spielt schon bei der Anmeldung zum Unterricht eine große Rolle. Fragen wie die folgenden sind keine Seltenheit:

Wie lange dauert es, bis mein Kind „Für Elise“ spielen kann?

Mein Mann hat in 2 Monaten Geburtstag und ich möchte auf der Feier einige Udo Jürgens Lieder spielen. Ich habe keine Vorkenntnisse auf dem Klavier. Das bekommen Sie doch hin, oder?

Meine Tochter kann schon sehr gut singen. Wenn sie jetzt Gesangsunterricht nimmt, wie lange dauert es, bis sie an Wettbewerben teilnehmen kann?

Auch das Musizieren selbst ist für viele Schüler zu einer Art Wettrennen geworden. Nicht die Qualität des Vortrags zählt, sondern das Tempo und die Anzahl der Stücke.

Und natürlich stehen wir Musiklehrende unter dem gleichen Druck wie die Menschen in unserer Umgebung. Wir hetzen von einer Unterrichtseinheit zur nächsten und von einer Chorprobe zur anderen. Anschließend erledigen wir unsere Telefonate, beantworten Mails, putzen unsere Wohnung, erledigen die Wäsche, fahren unsere Kinder zum Reiten und machen unsere Steuererklärung. So sind auch Depressionen und Burnout-Symptome unter Musikern und Musiklehrenden keine Seltenheit.

Was können wir tun, um nicht zum Opfer dieses Geschwindigkeits-Wahnsinns zu werden?

 

Entschleunigung

Entschleunigung ist das Zauberwort. Man kann es als Modeerscheinung bezeichnen. Ich persönlich halte die Entschleunigung unseres Lebens und des Lebens unserer Kinder und Schüler jedoch für dringend notwendig.

Ent-schleunigung ist das Gegenteil von Be-schleunigung. Es bedeutet, dass wir das Tempo, in dem wir agieren, verringern. Das kann allmählich oder auch abrupt geschehen. Abrupte Entschleunigung wird häufig von Menschen vorgenommen, die durch Schicksalsschläge oder Krankheit zu einer neuen Sicht auf ihr Leben kommen. Wir alle können von diesen Personen lernen. Aber auch allmähliche Entschleunigung kann für „normale“ Menschen zu einer enormen Verbesserung ihrer Lebensqualität führen und schützt außerdem vor Krankheiten wie Burnout.

 

Wie endschleunige ich mein Leben?

Grundsätzlich empfehlen Fachleute, mit mehr Achtsamkeit in der Gegenwart zu leben. Wir alle müssen unser Leben organisieren. Das führt dazu, dass wir den Augenblick gar nicht mehr wahrnehmen. Wir sitzen am Esstisch und statt das gute Essen und die Gemeinschaft mit unserer Familie bewusst zu erleben, sind wir mit unseren Gedanken schon in der Zukunft: Was muss ich heute noch alles erledigen? Habe ich meinen Donnerstags-Unterricht schon verschoben? Wann besorge ich neue Winterschuhe für die Kinder?

Um unser Leben zu entschleunigen, sollten wir möglichst viele alltägliche Situationen dazu nutzen, uns ganz auf das zu konzentrieren, was wir gerade tun:

Wie wunderbar das Stück Schokolade im Mund schmilzt.

Wie angenehm sich das warme Wasser der Dusche auf meiner Haut anfühlt.

Wie beruhigend doch die Stille am Abend ist.

Genießen wir den Augenblick, wann immer wir daran denken.

 

Ich selbst habe vor einiger Zeit begonnen, langsamer zu essen und mehr zu kauen und zu schmecken. Das führte dazu, dass ich bestimmte Lebensmittel überhaupt nicht mehr zu mir nehmen konnte und deshalb sehr auf die Qualität meiner Nahrung achte. Außerdem esse ich weniger und mit mehr Freude. Auch wenn ich immer wieder in alte Verhaltensmuster verfalle, möchte ich die Gefühle des bewussten Essens nicht mehr missen.

 

Entschleunigung im Berufsleben

Auch in unserem Berufsleben können wir für Entschleunigung sorgen. Wir Musiker wissen, dass eine Musikausbildung ein langwieriger Weg ist, der mit Fleiß und Ausdauer beschritten werden muss. Schnelle Erfolge können wir niemanden garantieren und sie sind auch kaum möglich. Ich sage den Eltern in meiner Musikschule, dass fast alle Schüler bei uns zu guten Hobbypianisten werden können. Die Voraussetzung ist, dass sie durchhalten. Nicht der Begabteste oder Schnellste wird der Beste sein, sondern der mit der meisten Ausdauer und größten Motivation.

Doch wie sieht es mit uns aus? Sind wir LehrerInnen, die ständig gehetzt wirken; die von einem Schüler zum nächsten eilen und mit ihren Gedanken woanders sind? Das ist weder gesund noch zeugt es von einer verantwortungsvollen Einstellung den Schülern gegenüber.

Hier einige Tipps zur Entschleunigung unseres Berufsalltags:

  1. Plane deinen Stundenplan gut und denk dabei an dich selbst und deine Schüler. Stell dir folgende Fragen:
  • Wie viele Schüler (Gruppen) kann ich pro Unterrichtstag bewältigen?  Sei ehrlich!
  • Wenn du den Unterrichtsort wechseln musst, hast du genügend Zeit eingeplant?
  • Hast du für den Weg zum Unterricht genügend Zeit eingeplant oder kommst du oft zu spät und stehst dann den ganzen Nachmittag unter Druck?
  • Hast du genügend Pausen eingeplant?
  • Bist du ausreichend vorbereitet?

Wenn du deinen Unterrichtsalltag gut organisierst, wirst du mit mehr Ruhe arbeiten können.

  1. Konzentriere dich auf deine Schüler. Wenn wir mit Konzentration und Aufmerksamkeit unterrichten, tun wir schon das, was Fachleute empfehlen: Wir sind mit unser Aufmerksamkeit in der Gegenwart. Mein Mann und ich machen immer wieder die Erfahrung, dass wir durch das Unterrichten unsere allgemeine Stimmung verbessern. Nicht, weil unsere Schüler alle so toll sind, sondern weil wir ganz bei den Schülern und in der Gegenwart sind und nicht unseren trüben Gedanken und Stimmungen nachhängen.

Außerdem wird ein Schüler, egal ob Kind oder Erwachsener, es merken, ob du beim Unterrichten ganz bei ihm und dem Unterricht bist. Die Folge für andauernde geistige Abwesenheit der Lehrenden ist oft eine Kündigung.

 

Entschleunigung unserer Schüler

Viele Familien, die zu uns in den Unterricht oder die Chor- bzw. Orchesterprobe kommen, stehen unter großem Druck. Die Schulausbildung der Kinder ist zum wichtigsten Lebensinhalt vieler Eltern geworden. Auch bei den Freizeitaktivitäten müssen die Kinder glänzen, allerdings ohne großen Aufwand. So fragen einige Eltern ständig: Wann lernen die Kinder endlich Noten lesen? Wann kann mein Kind endlich dieses und jenes Stück spielen? Wann findet der nächste Vorspielabend statt? Geübt wird jedoch sehr wenig, dafür ist leider keine Zeit, denn da sind die Hausaufgaben, Referate, Nachhilfe, Sport, Therapien aller Art und vieles mehr. Die Kinder sollen alles erleben und erlernen können, aber möglichst ohne weitere Verpflichtungen.

Es liegt an uns, diesem Wahnsinn entgegen zu wirken. Zunächst beginnt es bei uns selbst. Wenn unsere Schüler zu uns kommen, sollten wir uns für sie Zeit nehmen. In jeder Stunde müssen wir ihnen zunächst zuhören, damit wir anschließend mit ihnen musikalisch arbeiten können. Dabei ist es egal, ob wir über musikalische oder andere Themen sprechen. Es ist viel angenehmer sich in die Hände eines Menschen zu begeben, der Ruhe ausstrahlt und uns ernst nimmt, als einen, der unter Stress steht und mit seinen Gedanken woanders ist.

Es ist nötig, dass wir den Eltern erklären, dass eine Musikausbildung zeitlich nicht berechenbar ist und dass die motorische und geistige Entwicklung eines Kindes nicht künstlich beschleunigt werden kann. „Niemand hetzt uns. Jeder geht sein eigenes Tempo.“ Diese Botschaft versuche ich, meinen Eltern zu vermitteln. Andererseits müssen Schüler und Eltern angeleitet werden, für regelmäßige Übungszeiten zu sorgen. Auch hierbei können wir mit einer ruhigen, realitätsbezogenen Einstellung helfen. So wie wir die Planung unseres Unterrichts an unseren tatsächlichen Gegebenheiten ausrichten sollten, müssen auch die Schüler lernen, ihre Zeit realistisch einzuschätzen und Übungszeiten zu planen.

Entschleunigung bedeutet, alles was wir tun, etwas langsamer und bewusster zu tun.

 

Einladung

Ich möchte euch heute ermuntern, euren Lebensstil einmal kritisch zu hinterfragen. Seid auch ihr häufig im Stress und mit euren Gedanken in der Zukunft oder in der Vergangenheit? Fühlt ihr euch manchmal kraftlos und/oder überfordert? Dann lohnt es sich, über eine Entschleunigung eures Lebens nachzudenken. Vielleicht beginnt ihr, wie ich, mit einer Sache, z.B. mit dem Essen oder mit eurem Unterricht. Sammelt Erfahrungen und beobachtet aufmerksam, wie es euch damit geht. Ich wünsche euch viel Spaß dabei!

Eure

Gabriele

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