Für Musiker_innen, Musik- und Intrumentalpädagog_innen, Sänger_innen & Hobbymusiker_innen

Notenlesen ist scheiße!

Wenn Schüler Probleme mit dem Notenlesen haben.

 

„Notenlesen ist scheiße!“ Mit diesem Satz begrüßte mich vor einiger Zeit meine Klavierschülerinnen Maja im Unterricht. Obwohl ich selbst keine Schwierigkeiten mit dem Notenlesen habe, konnte ich Ihre Aussage nachvollziehen und sicher stimmen viele Schüler mit ihr überein. Maja – 7 Jahre – ist trotz ihrer Bemerkung eine hervorragende Jung-Pianistin. Sie liebt ihr Instrument, übt fleißig und kommt gerne in den Unterricht. Noch vor ihrer Einschulung hat sie mit dem Instrumentalunterricht in einer meiner Tastenkinder-Gruppen begonnen.

Probleme mit den Noten

Seit einigen Jahren habe ich den Eindruck, dass immer mehr Schüler Probleme mit dem Lesen der Noten haben. Und seit genauso vielen Jahren mache ich mir Gedanken um diese Probleme. Folgende Fragen habe ich mir gestellt:

– Haben wirklich immer mehr Schüler Probleme mit dem Notenlesen?

– Welche sind die Ursachen?

– Ist es notwendig, dass jeder Schüler Noten lesen kann?

– Gibt es wirksame Lernstrategien?

 

Haben wirklich immer mehr Schüler Probleme mit dem Notenlesen?

Um es gleich vorwegzunehmen: Ich kann diese Frage nicht eindeutig mit ja oder nein beantworten. Lasst uns deshalb zunächst die Ursachen untersuchen, denn diese geben einen Hinweis darauf, dass mein Gefühl – wenigstens bei den Schülern meiner Musikschule – richtig sein könnte.

 

Welches sind die Ursachen für die Probleme mit dem Notenlesen?

  1. Die Schüler üben weniger. Natürlich gibt es immer noch fleißige Kandidaten, aber im Durchschnitt verbringen die Kinder und Jugendlichen immer weniger Zeit an ihrem Instrument. Das hat natürlich Auswirkungen auf alle Bereiche des Musizierens. So kommen die Schüler langsamer voran, haben eine schlechtere Motorik und können weniger gut Noten lesen.
  2. Das Durchschnittsalter der Schüler wird immer niedriger. Immer mehr Eltern möchten, dass ihre Kinder früh mit dem Instrumentalunterricht beginnen. Zum einen ist das für die Musikschulen und Einzellehrer gut, da immer mehr Schüler schon früh ihren Unterricht wieder beenden. Auf diese Weise sinken die Gesamt-Schülerzahlen nicht so gravierend. Auf der anderen Seite benötigen die Lehrenden heute Unterrichtskonzepte, die dem Entwicklungsstand und den Bedürfnissen jüngerer Schüler genügen.
  3. Der Wille und die Fähigkeit Herausforderungen anzunehmen, geht immer mehr verloren. Natürlich gibt es auch an meiner Musikschule Schüler, die mit Feuer und Ausdauer an ihrem Instrument arbeiten. Aber vielen ist ihr Vorankommen und die Qualität ihres Spiels egal. „Hauptsache es klingt einigermaßen richtig“ ist die Devise. Zu mehr Anstrengungen können sie sich nicht aufraffen. Statt Qualität muss es Quantität sein. Statt wenige Stücke richtig gut zu beherrschen, wollen sie möglichst viele nur anreißen.

Ist es notwendig, dass jeder Schüler Notenlesen lernt?

Zunächst sollten wir Lehrenden bedenken, dass das Notenlesen an sich nur ein kleiner Aspekt des Musizierens ist. Es ist durchaus möglich, auch ohne das Wissen über Noten und ihre Bedeutung musikalisch aktiv zu sein. Unzählige hervorragende Musiker konnten zu Beginn ihrer Laufbahn nur unzureichend oder gar nicht Noten lesen. Ich selbst hatte schon mehrere blinde Klavierschüler. Sie alle haben hervorragend musiziert und auch in Konzerten mitgewirkt. Ich habe außerdem von Menschen gehört, die aufgrund schwerster Legasthenie und trotz außergewöhnlicher Förderung niemals in der Lage sein werden, nach Noten zu musizieren. Das hindert sie aber nicht daran, musikalisch aktiv zu sein, solistisch, wie auch in größeren und kleineren Formationen. Es ist also nicht notwendig, dass jeder Schüler Noten lernt. Wir müssen uns als Musik-Lehrende hüten, das Studium der Musik und der Technik eines Instruments mit dem Studium der Noten gleichzusetzen.

 

Gibt es wirksame Strategien, das Notenlesen zu lernen?

Ob es eine Strategie gibt, nach der jeder Mensch das Notenlesen erlernen kann, bezweifle ich. Bisher habe ich es aber geschafft, allen meinen Schülern die Noten näher zu bringen. Nach meinen Erfahrungen ist das Alter der Schüler der wichtigste Aspekt.

Beginnen wir unsere Betrachtung mit den jüngeren Schülern. Seit vielen Jahren beschäftige ich mich mit dem Unterrichten von Schülern zwischen 5 und 9 Jahren im Instrumentalunterricht. Entwicklungspsychologisch gesehen, gehört das Lesen von abstrakten Symbolen (Noten) nicht in den Unterricht von Kindern unter 7 Jahren. Da wir Menschen uns alle in einem individuellen Tempo entwickeln – als Kind, wie auch als Erwachsener – gibt es natürlich Kinder, die schon mit 5 Jahren Buchstaben und Noten lesen können. Es gibt allerdings auch Schüler, die die nötige kognitive Reife erst im Alter von 9 Jahren erreichen. Diesen Aspekt müssen wir unbedingt berücksichtigen. Fast alle Fachleute auf dem Gebiet der Entwicklungspsychologie warnen im Zusammenhang mit dem Lernen vor dem Aspekt der „Verfrühung“. „Verfrühung“ bedeutet, dass man von den Schülern geistige Leistungen erwartet, die sie noch nicht erbringen können. Obwohl Kinder in der Lage sind, Lerninhalte, die sie noch nicht verstehen, auswendig zu lernen und wiederzugeben, können sie diese nicht begreifen und verinnerlichen. Das „Gelernte“ ist für sie nutzlos. Darüber hinaus wirkt sich „Verfrühung“ negativ auf die Gesamtentwicklung eines Kindes aus.

Es ist deshalb ratsam, jüngeren Schülern die Begeisterung für ein Instrument zunächst durch das Musizieren ohne Noten zu fördern. Später sollten die Noten ganzheitlich und kindgerecht eingeführt werden. Ich erlaube mir, an dieser Stelle auf die von mir entwickelten Unterrichtsprogramme „Die neuen Tastenkinder“, „Flötenkinder“ und „Gitarrenkinder“ hinzuweisen. Die Bedürfnisse und der Entwicklungsstand von Kindern im Vorschul- und Grundschulalter werden darin berücksichtigt.

Oft sind es die Eltern, für die das Erlernen der Notenschrift im Vordergrund steht. Es ist deshalb notwendig, dass wir Lehrenden hier Aufklärungsarbeit leisten.

 

Schüler, die wenig üben und sich deshalb auch zu wenig mit den Noten beschäftigen, bedürfen unserer Unterstützung und Motivation. Dieses Thema würde den Rahmen des Artikels sprengen. Anregungen findet ihr hier und hier

 

Dass junge Menschen immer weniger bereit sind, Herausforderungen anzunehmen, an Schwierigkeiten zu arbeiten und ein Projekt – in unserem Fall ein Musikstück – zu einem befriedigenden Abschluss zu bringen, ist ein Phänomen, dass von Pädagogen, Psychologen und Soziologen allgemein diskutiert und untersucht wird. Es liegt nahe, den exzessiven Konsum digitaler Medien für das Dilemma verantwortlich zu machen. Mit Computerspielen und Smartphones verbringen Kinder und Jugendliche einen großen Teil ihrer Freizeit. Stoßen sie bei einem Computerspiel an ihre Grenzen, schalten sie es aus und spielen ein anderes. Das Smartphone ist immer präsent. Anforderungen stellt es an den Benutzer nicht. Ich weiß, dass diese Argumente nur am Problem des digitalen Medienkonsums kratzen, aber es beleuchtet die Alltagssituation unserer Schüler. (Weitere Informationen findet ihr in diesem Interview.) Unser Musikunterricht ist ein hervorragendes Mittel, junge Menschen Ausdauer und Durchhaltevermögen zu vermitteln. Aber dafür müssen sie sich für die Musik begeistern lassen und unseren Anleitungen folgen. Da in den Schulen selten Lernstrategien vermittelt werden, müssen wir den Schülern zeigen, wie man sich ein Musikstück erarbeitet und sie geduldig auf ihrem Weg unterstützen.

 

Wenden wir uns am Schluss noch einmal Maja zu. Maja spielte am Klavier, entsprechend ihrer Entwicklung, zunächst nach dem Gehör. Sie ließ sich begeistern, ist begabt und fleißig. Mittlerweile hat sie sich ein großes Repertoire angeeignet. Im letzten Halbjahr habe ich mit ihr im Unterricht das Spielen nach Noten begonnen. Zunächst war das Interesse groß, jedoch bremsen die Noten sie in ihrem Musizier-Eifer. Komplizierte Vorgänge laufen in Majas Gehirn ab, die sich erst manifestieren müssen. Dass ihr das Notenlesen Unbehagen bereitet, ist für mich deshalb ganz natürlich. Ich bin sicher, wenn sie am Ball bleibt, wird sie bald nicht mehr über dieses Thema nachdenken – im Moment aber, fühlen sich diese ausbremsenden, schwarzen Klekse einfach nur scheiße an.

 

In der übernächsten Woche könnt ihr euch auf ein Gespräch über die Themen ‚Noten, Notenlesen lernen und Noten lehren‘  freuen!

 

 

 

Kommentare
  1. Re. sagt

    Trifft den Punkt. Danke!

    1. Hallo Re.,
      vielen Dank für deinen Kommentar.
      Viele Grüße
      Gabriele

  2. Erika Ruf sagt

    Hallo Gabriele,
    gerade habe ich deinen Artikel gelesen und gehe völlig konform mit deinen Ausführungen. Ich arbeite in einer geschützten Werkstatt (Stiftung Weizenkorn) in Basel in der wir unter anderem eine Kugelbahn herstellen, die Musik macht. Die verschiedenen Längen der Rollbahnen ergeben den Rhythmus und die Klangplatten, die man in Klangklötze einschiebt, erzeugen die Melodie. Die Kids lernen spielerisch Noten, Takt und Rhythmus kennen. Die Kugelbahn heisst Xyloba.
    Für mehr Infos kannst du auf der Website schauen: http://www.xyloba.ch

    1. Hallo Erika,
      vielen Dank für den Tip und viele Grüße
      Gabriele

  3. Rudi sagt

    TOLLER ARTIKEL, DANKE

    1. Bitte gerne!

  4. Georg Kühner sagt

    Würde man historisch orientiert/informierend und auf das Alphabet bezogen mit Hilfsmitteln wie G-Schlüssel Kinder an das Thema Noten entziffern heranführen statt unlogischer C-Dur Tonleiter Bimserei wäre viel gewonnen.

    1. Hallo Georg,
      vielen Dank für deinen Vorschlag.
      Viele Grüße
      Gabriele

  5. Wolfram D. sagt

    Manchmal denke ich, ich würde gerne Noten lesen können. Naja, so ein bisschen Violoinschlüssel geht, aber es ist eben kein Lesen wie vom Text in einem Buch und dass ausgerechnet der Basschlüssel nicht so recht will, ist für den Klavierspieler und Bassisten natürlich unbequem.

    Nur ist es halt auch so: Es hat mich bisher noch von nichts abgehalten.

    Die Sache mit den Noten hängt eben stark an der Musikrichtung. Es gibt ganze Kulturen, die ohne auskommen, und zahlreiche Genres leben dagegen mit Tabs, oder mit Lead Sheets mit Akkorden und letztendlich kann heute jeder auf irgend eine Art Musik aufnehmen, mindestens mit dem Smartphone, und wieder heraushören (was ungemein trainiert).

    Und: Herausforderungen anzunehmen ist eben nicht die Kultur, die vorgelegt wird. Casting-Shows erscheinen nach außen nach dem Motto „einfach hingehen und siegen“. Früher hat man geglaubt, man müsse üben und spielen bis man endlich „entdeckt“ würde. Das war natürlich auch Quark, aber wenigstens hat man was gemacht. 😉

    1. Hallo Wolfram,
      vielen Dank für deine Erfahrungsbericht.
      Viele Grüße
      Gabriele

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