Für Musiker_innen, Musik- und Intrumentalpädagog_innen, Sänger_innen & Hobbymusiker_innen

Notenlesen ist scheiße! Teil 2

Ein Gespräch über das Notenlernen im Instrumentalunterricht.

Kaum ein Artikel meines Blogs ist auf Facebook so kontrovers diskutiert worden wie „Notenlesen ist scheiße!“. Auch wenn ich den Eindruck hatte, dass einige nur auf den Titel reagierten, keimte beim Lesen der Kommentare in mir der Wunsch, mit befreundeten Kollegen über das Thema Noten, Notenlesen und Noten lehren zu sprechen.

So vereinbarten wir kurzfristig ein Treffen und dem Verlauf des Abends auf meiner Terrasse könnt ihr nun verfolgen. Meine beiden Gesprächspartner sind ausgebildete Profimusiker und Instrumentallehrer und da dieses Gespräch teilweise sehr persönlich verlief, möchten beide anonym bleiben. Nennen wir sie im Weiteren deshalb Christa und Benno.

 

Gabriele: Könnt ihr euch noch daran erinnern, wie ihr Notenlesen gelernt habt und ob es euch schwerfiel?

 

Christa: Oh, ich kann mich sehr gut daran erinnern. Lass mich etwas ausholen. Ich stamme aus einer Musikerfamilie und habe eine Zwillingsschwester und einen ein Jahr jüngeren Bruder. Mein Vater war Jazzmusiker, meine Mutter Opernsängerin. Soweit meine Erinnerungen reichen, haben wir gesungen und musiziert. Meinen Vater habe ich selten mit einem Notenbuch gesehen, meine Mutter dagegen häufig. Wir Kinder durften alle Instrumente unseres Haushalts ausprobieren. Papa hat uns gezeigt, wie man ihnen Töne entlockt und dann haben wir uns eigenständig Lieder erarbeitet; natürlich ohne Noten, einfach nach dem Gehör. Relativ spät, mit ca. 8 Jahren, bekamen wir Instrumentalunterricht und ich habe das Notenlesen gehasst. Ich wusste nicht, wozu ich Noten gebrauchen sollte. Die Lehrerin hat mir die Stücke vorgespielt und ich habe sie nachgespielt – fertig. Um die schwarzen Dinger in meinen Heften habe ich mich wenig gekümmert. Dem Benennen der Noten mit Buchstaben verweigerte ich mich komplett.

 

Gabriele: Da du nach deinem Abitur Musik studiert hast, nehme ich an, dass du dich später mit den Noten auseinandersetzen musstest.

 

Christa: Ja, natürlich. Heute kann ich auch Noten benennen, Partituren analysieren, einen Generalbass aussetzen und vieles mehr. Aber noch immer liegt die Musik, die ich mache, die ich fühle und die in mir klingt weit ab von jedem Notenblatt. Versteht ihr, was ich meine?

 

Benno: Ich denke jeder Musiker kann deine Gedanken verstehen. Bei mir war es anders. Ich stamme nicht aus einer Musikerfamilie und habe innerhalb eines Posaunenchores meinen ersten Instrumentalunterricht bekommen. Einen sehr akademischen Unterricht, wie wahrscheinlich die meisten. Die Noten waren sehr wichtig. Musizieren und Noten gehörten für mich zusammen. Das Notenlernen an sich ist mir nicht schwergefallen. Allerdings bin ich bis heute kaum in der Lage, ohne Noten zu musizieren – was mich ärgert. Ich habe schon viele Kurse deshalb besucht, aber sobald man mir die Noten wegnimmt, gerate ich in Panik. JazzmusikerInnen, wie Christa, bewundere ich sehr.

 

Gabriele: Auch ich habe einen rein notengestützten Instrumentalunterricht genossen. Mit 7 Jahren war mein größter Wunsch eine Blockflöte. Die habe ich dann auch bekommen und mir die Notenschrift (Violinschlüssel) und die Grundlage des Blockflötespielens selbst beigebracht. Erst danach wurde ich zum Unterricht angemeldet. Mit 11 Jahren wechselte ich zur Bratsche. Ich habe dann im C-Schlüssel musiziert, aber wenn mich jemand nach den Notennamen fragte, habe ich vom Violinschlüssel nach oben gerechnet. Noten benennen und den Noten einen Griff zuordnen, waren für mich zwei unterschiedliche Dinge. Erst als ich Klavier spielen lernte und mich mit Musiktheorie beschäftigte, konnte ich in allen drei Notenschlüssel die Noten direkt benennen. Für das Musizieren war das Benennen für mich nicht notwendig. Auch die Rhythmik habe ich eher instinktiv gefühlt, nur sehr schwierige Passagen habe ich gezählt.

 

Benno: Ich muss bei euren Berichten an die Entstehungsgeschichte der Noten denken. Die Notenschrift ist keine Entwicklung aus der Musik. Sie entwickelte sich aus der Astrologie und Mathematik. Dabei verwendete man Symbole, um komplexe Informationen zu bündeln.  Später wurde diese Symbolik in der Musik angewandt, um sie aufzeichnen und wiedergeben zu können. Wahrscheinlich ist es das, was ihr als „intuitive“ Musiker schon als Kinder gespürt habt.

 

Christa: Einigen meiner jüngeren Schüler geht es wie mir. Sie haben Schwierigkeiten ihr Musizieren und das Notenlesen zusammenzubringen. Die meisten haben jedoch keine Schwierigkeiten mit dem Lesen von Texten in der Schule. Wie erklärt ihr euch das?

 

Benno: Das liegt daran, dass das Lesen von Noten und das Lesen von Buchstaben nicht die gleichen Anforderungen an die Lesenden stellen. Buchstaben haben eine einzige Bedeutung, nämlich einen bestimmten Laut. Ich füge diese Laute zu einem Wort zusammen und passe sie als Muttersprachler dem exakten Klang eines Wortes an. Eine einzige Note dagegen beinhaltet 4 grundlegende Informationen. Diese müssen zuerst entschlüsselt und wieder zusammengesetzt werden. Später kommen weitere 4 spielausführende Bedeutungen hinzu. Es ist daher kein Wunder, dass gerade jüngere Kinder mit einer solchen Komplexität zunächst überfordert sind.

 

Gabriele: Es ist noch ein anderer Aspekt von Bedeutung. Beim Lesen von Worten führe ich nicht zusätzlich komplizierte motorischen Bewegen aus. Das ist beim Musizieren nach Noten hingegen notwendig. Bei einem Blasinstrument muss ich die Noten mit ihren Bedeutungen erfassen, meine Finger koordinieren, damit sie z.B. bestimmte Löcher oder Klappen offenlassen und andere exakt verschließen und zusätzlich eine Anblastechnik ausführen. Ein wirklich komplexer Vorgang, über den man sich als Musiker nur noch selten Gedanken macht.

 

Christa: Halten wir also fest, dass das Notenlesen eine komplexe und individuelle Sache ist und die Noten nur ein Hilfsmittel sind. Mit dem Musizieren an sich haben sie nur bedingt zu tun. Das Problem ist, dass viele Musiker und so auch Musiklehrer nur das Musizieren nach Noten beherrschen.

 

Gabriele: Aber egal auf welche Weise wir bevorzugen zu musizieren, ob mit oder ohne Noten, wir alle an diesem Tisch vermitteln unseren Schülern die Notenschrift, auch wenn Christa und ich ihnen zusätzlich das Musizieren nach dem Gehör beibringen.

 

Benno: Und ich würde mit meinen Schülern auch mehr nach dem Gehör musizieren und improvisieren, wenn ich es besser könnte. Das wollte ich hier nur noch kurz anmerken.

 

Gabriele: Okay, Benno. Habt ihr noch ein paar Anregungen, wie wir die Notenschrift nachhaltig und „schülergerecht“ im Unterricht vermitteln können?

 

Benno: Ich glaube auch wir Musiklehrer haben mit unseren Schülern ein grundlegendes Problem. Das Denken setzt sich aus Funktionen der rechten und linken Gehirnhälfte zusammen. Beide sind gleich wichtig und werden maßgeblich durch die Art und Häufigkeit körperlicher Bewegungen geschult. Durch Bewegungsarmut bereits in früher Kindheit entwickeln sich die Gehirnhälften einseitig. Ein kombiniertes Denken wird so immer schwieriger. Es wäre deshalb begrüßenswert, wenn gerade jüngere Schüler im Unterricht nicht nur am Instrument sitzen, sondern sich bewegen, z.B. tanzen, trommeln oder Bewegungsspiele machen.

 

Gabriele: Wenn ich dich richtig verstehe, beschreibst du den Grundsatz, dass sich Bewegungsarmut immer negativ auf die Fähigkeit zu lernen auswirkt.

 

Benno: Ja, genau. Das betrifft natürlich alle Bereiche in denen die Kinder etwas lernen und so auch unseren Instrumentalunterricht.

 

Christa: Bei mir im Unterricht üben die Schüler zu Beginn jeder Stunde Bewegungen, die überkreuzt durchgeführt werden und Spiele bei denen beide Händen verschiedene Bewegungen ausführen. Das müssen keine anstrengenden Übungen sein, es geht um die Koordination unterschiedlicher Bewegungen und somit um die Verbindung der Funktionen beider Gehirnhälften. Die Kinder sind das schon gewohnt. Wir nennen es: „Das Gehirn anknipsen“. Das finden sie super.

 

Gabriele: Mir fällt in diesem Zusammenhang noch etwas anderes ein. Jeder Mensch hat bevorzugte Lernwahrnehmungen, die sich im Laufe des Lebens auch ändern können. Besonders bei Kindern ist es wichtig, ihre bevorzugte Lernwahrnehmung zu ermitteln und bei der Vermittlung von Lerninhalten einzusetzen. Im Wesentlichen unterscheiden wir zwischen auditiven (hören), visuellen (sehen) und kinästhetischen (fühlen) Wahrnehmungen. Wenn ein Kind eine ausgeprägte kinästhetische Wahrnehmung hat, lernt es bevorzugt durch Bewegung. Das Anfassen von Gegenständen ist bei ihm sehr wichtig, z.B. verwende ich gerne Zählhäuschen für Rhythmus und Takt und bei kleinen Schülern 5 Seile als Notenlinien auf dem Boden, in denen sich die Kinder selbst als Noten bewegen dürfen. Visuell geprägte Kinder lernen am besten durch Bilder. Notenkinder (also Noten mit Gesichtern), die mit baumelnden Beinen auf Seilen (Notenlinien) sitzen oder auf ihnen liegen sind hier sehr beliebt. Auch wenn Musik primär eine Hörwahrnehmung ist, die bevorzugte Lernwahrnehmung eines Schülers kann eine ganz andere sein. Am besten ist es natürlich, wenn konsequent alle drei Lernwahrnehmungen berücksichtigt werden…

 

Wir werden uns an dieser Stelle aus dem Gespräch ausklinken. Das Notenlesen spielt in der Musikausbildung eine zentrale Rolle und das ist auch notwendig. Wir sollten als Lehrende unser gesamtes pädagogisches Potential nutzen, um unsere Schüler so gut und nachhaltig wie möglich in die Welt der Noten einzuführen. Und doch dürfen wir nicht vergessen, dass diese nur Hilfsmittel sind, um Musik zu „konservieren“. Der Umgang mit den Noten darf niemals dazu führen, dass einem Schüler die Lust am Musizieren abhandenkommt. Dafür müssen wir als Lehrende Sorge tragen.

 

 

 

 

 

 

Kommentare
  1. […] Notenlesen ist scheiße! Teil 2 […]

  2. jazzchamaeleon sagt

    interessantes Gespräch, schöne Artikelserie – merci!

    1. Vielen Dank dir für deinen Kommentar.
      Viele Grüße
      Gabriele

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