Für Musiker_innen, Musik- und Intrumentalpädagog_innen, Sänger_innen & Hobbymusiker_innen

Lehrer, achte auf dich!

Wie wir im Unterrichtsalltag mit uns selbst achtsamer und bewusster umgehen können.

Liebe Leserinnen und Leser,

heute lege ich euch einen Gastartikel meines geschätzten Kollegen Daniel Mihajlovic an’s Herz. Ich wünsche euch viel Spaß und viele neue Erkenntnisse.

Eure

Gabriele

 

Als Instrumentallehrer haben wir eine sehr anspruchsvolle Aufgabe. Neben der Vermittlung von fachlichen Inhalten, der Unterstützung bei der Entwicklung der Schüler usw. sind wir auch Energielieferant für unsere Schüler: wir versuchen sie für das Musizieren und vielfältige Musik zu begeistern.

Deswegen muss ich mich als Lehrer zuerst um mich selbst kümmern, dafür Sorge tragen, dass es mir gut geht, denn nur dann habe ich genügend Energie, die dann den Schülern zugutekommen kann. Bei den Erklärungen der Sicherheitsvorkehrungen bei Flugreisen wird stets betont, dass man im Fall des Falles zuerst sich selbst die Atemmaske aufsetzen solle, und erst danach anderen helfen soll. So auch beim Unterrichten: Nur wenn es mir selbst gut geht, kann ich der bestmögliche Lehrer für meine Schüler sein.

Im Unterrichtsalltag von Instrumentallehrern gibt es eine ganze Reihe von Energiefressern wie z.B. Verspannungen, Schulter- und Rückenschmerzen, Lärm, Hektik, Stress um nur einige zu nennen. Viele von den genannten Faktoren kann man zumindest lindern, sodass ein Unterrichtstag weniger erschöpfend erlebt wird, was einem selbst und damit auch den Schülern zugutekommt.

Der Umgang mit sich selbst

Ein häufiger Faktor ist langes Sitzen oder Stehen. Hier gibt es eine ganze Reihe von unkonstruktiven Konzepten, die verantwortlich für die entstehenden Schwierigkeiten sind. Es ist vor allem die Idee, dass man sich aufrecht „halten“ muss. Man glaubt, dass man, wenn man einzelne Körperteile in eine bestimmte Position bringt und diese Position beibehalten kann, eine „gute“ Haltung hat.

Eine solche statische Vorstellung ist offensichtlich das Gegenteil dessen, was wir Musiker anstreben. Was wir eigentlich möchten ist nämlich eine flexible, freie, bewegliche Aufrichtung, die spontanes Musizieren und möglichst direkte Umsetzung der musikalischen Ideen in Klang ermöglicht. Gleiches gilt in der Lehrer-Rolle. Dies ist aber nicht möglich, indem man eine Art „Haltung“ durch eine andere Art ersetzt, sondern man muss das statische Konzept durch ein dynamisches ersetzen! Hierfür möchte ich zwei Ideen zum Experimentieren vorstellen…

Die Rolle des Gleichgewichts

Im Stehen ist es für jeden sofort einsichtig, dass man am wenigsten Kraftaufwand benötigt, wenn man im Gleichgewicht ist. Probieren Sie einmal aus, sich im Stehen nach hinten zu lehnen und nehmen Sie wahr, wie sich unter anderem die Oberschenkel unwillkürlich anspannen, um ein Umfallen nach hinten zu verhindern. Letztlich wird der ganze Körper mit Anspannungen reagieren, an manchen Stellen mehr, an anderen weniger. Andersherum gilt: Nur wenn Sie den Prozess des Balancierens zulassen und so immer mehr „lotrecht“ stehen oder sitzen, ist die Voraussetzung für relative Lockerheit und freie Beweglichkeit gegeben.

Kleine Kinder sind permanent am neu Balancieren und der Körper als Ganzes passt sich der jeweiligen Aufgabe natürlich an. Sie haben weder Haltungsgewohnheiten noch Konzepte über eine gute Haltung, d.h. sie stören den natürlichen Aufrichtungs-Mechanismus noch nicht. Ein erster Schritt dort wieder hinzukommen wäre also die Idee von „richtigen“ und damit statische Positionen zu verwerfen und sich stattdessen den Prozess des Balancierens wieder ins Bewusstsein zu bringen und bewusst in seinen (Unterrichts-)Alltag einzubauen.

Ganzheitliche Koordination

Die zweite Idee geht zurück auf F.M. Alexander (1869-1955), der entdeckte, dass das bewegliche Verhältnis von Kopf zu Wirbelsäule die allgemeine Koordination des gesamten Körpers definiert.

Der Kopf, der eine durchschnittliche Masse von 5 kg hat, liegt instabil auf dem kleinen Atlas-Wirbel auf. Es gibt mehr Masse vor, als hinter diesem Auflagepunkt, weswegen fortwährende Prozesse zur Ausbalancierung nötig sind, an denen letztlich der gesamte Körper beteiligt ist. Wird nun der Kopf durch Muskelanspannungen bspw. im Hals/Nackenbereich festgehalten, kann dieser feine Regulationsprozess nicht mehr vernünftig stattfinden, was den ganzen Körper in seiner Beweglichkeit beeinträchtigt.

Die Idee wäre also, mich neu zu koordinieren, damit der Kopf sich frei bewegen kann, damit der Rest meiner selbst dem folgen kann, damit ich z.B. unterrichten kann. Ich denke also bewusst eine Gedankensequenz, die diesen dynamischen Prozess wieder in Gang bringt.

Denken ist übrigens ein psycho-physischer Prozess, denn es ist schlicht keine Aktivität denkbar, die rein geistig oder rein körperlich wäre. Wir sind ganz! Wenn ich also bewusst den Gedanken denke mich neu zu koordinieren, damit der Kopf sich bewegen kann usw., mit anderen Worten, mich bewusst entscheide, mit meinem Design zu kooperieren, dann wird dieser Gedanke seine Entsprechung auch im Körper finden.

Anwendung im Unterrichtsalltag

Allgemeingültige Ratschläge sind oft statischer Natur, weswegen sie mehr schaden, als nutzen. Daher möchte ich keine „richtigen“ Positionen o.ä. verkünden, sondern einige Vorschläge machen, wie man ein dynamisches Denken in seinen Alltag einbauen kann.

Ich habe sehr gute Erfahrungen damit gemacht, mir Erinnerungen in meinen Alltag einzubauen. So habe ich mir bspw. angewöhnt, mir vor und nach jeder Unterrichtsstunde ein Moment Zeit zu nehmen, um mich neu zu koordinieren, mich bewusst an meine Balance zu erinnern, und ein paar Dinge mehr. Das braucht nicht viel Zeit und kann auch jederzeit während des Unterrichtens getan werden, denn es ist letzlich „nur“ eine Entscheidung für ein konstruktives Denken in Bezug auf mich selbst.

„Eingebaute“ Erinnerungen sind Schmerzen. Wenn es im Nacken beginnt unangenehm zu werden, kann ich das als Anlass nehmen, mein gegenwärtiges Handeln zu untersuchen: Was ist es, das ich tue, das meinem Körper Schmerzen verursacht? Sind es stressende Gedanken? Was in meinem Handlungsplan ist hier Verursacher der Schmerzen? Durch diese Detektivarbeit ist es möglich, Muster zu erkennen und zu verändern.

Es führt aus meiner Sicht kein Weg daran vorbei, den Unterrichtstag achtsamer und bewusster zu gestalten. Alles andere ist ein Lindern von Symptomen, was selbstverständlich seinen Wert hat. Dauerhafte Veränderung benötigt aber Bewusstheit darüber, was ich wie tue und ein Training der Fähigkeit sich bewusst konstruktiv zu koordinieren.

 

 

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Send this to a friend