Für Musiker_innen, Musik- und Intrumentalpädagog_innen, Sänger_innen & Hobbymusiker_innen

Die Schulzeit – Fluch oder Segen?

Die verschiedenen Facetten der Schulzeit.

Kaum ein Thema, das so kontrovers und hitzig diskutiert wird wie das Thema „Schule“. Wir alle haben die Schulzeit durchlebt und sind deshalb „Augenzeugen“ der Missstände aber auch aller Errungenschaften. Nach meinen Recherchen bewerten auffällig viele Männer ihre Schulzeit überwiegend negativ. Viele Frauen dagegen verbinden mit der Schulzeit Gutes und Schlechtes gleichermaßen.

Ist die Schulzeit nun also ein Segen oder ein Fluch für uns und unsere Kinder? Soll man sich überhaupt damit auseinandersetzen und wie beeinflusst die Schule unser Berufsleben als Musik- und Instrumentallehrer?

 

Die Geschichte der Kindheit

Die allgemeine Schulpflicht und damit die Stellung der Kinder innerhalb unserer Gesellschaft, so wie wir sie heute vorfinden, ist eine recht junge Errungenschaft. Im Mittelalter betrachtete man Kinder eher als Ballast, den es durchzufüttern galt, bis diese im Alter von ca. 6 Jahren in der Lage waren, an den anfallenden Arbeiten teilzunehmen. Von da an wuchsen die „kleinen Menschen“ innerhalb der Erwachsenen-Gemeinschaft auf, eine Extrabehandlung gab es nicht. Erst in der modernen Industriegesellschaft Ende des 19. Jahrhunderts vollzog sich ein grundsätzlicher Wandel. Die Familien entwickelten sich von großen „Wirtschaftsgemeinschaften“ zu kleinen Eltern-Kind-Gemeinschaften, die von Zuneigung geprägt waren. Die Zahl der Kinder sank und jedes Einzelne wurde als Persönlichkeit wahrgenommen. Erwachsene und Kinder wurden voneinander getrennt. Schulen traten an die Stelle der „Lehrverhältnisse“ früherer Zeiten und spiegelten die Veränderungen in den Familien wider. Den Kindern wurde ein Recht auf Umsorgung, Erziehung und Bildung zugesprochen. Die allgemeine Schulpflicht war ein wichtiger Meilenstein auf dem Weg zu mehr Chancengleichheit.

 

Aus der Geschichte lernen

Wann immer wir uns mit den Schattenseiten der Schulzeit auseinandersetzen, sollten wir berücksichtigen, dass unsere Schulzeit der Schlüssel zu unserem heutigen Leben ist – einem Leben in relativem Wohlstand und Freiheit.
Es gab immer wieder Zeiten, in denen meine Söhne über die Schule und das Lernen schimpften, nach dem Motto: „Ist doch alles Scheiße, was wir da lernen müssen…“ Ich habe ihnen dann erklärt, dass es Zeiten gab, in denen junge Menschen unter Lebensgefahr, für das Recht auf Bildung gekämpft haben.

 

Schule heute

Betrachtet man aus heutiger Sicht unser Schulsystem, muss man es als völlig veraltet bezeichnen. Unsere Gesellschaft verändert sich, die Wissenschaft schreitet voran, nur in den Schulen verändert sich wenig. Gegen alle Regeln erfolgreichen Lernens wird verstoßen, Kinder werden zu Kostenfaktoren, sie müssen funktionieren, ansonsten werden sie aussortiert. Und das sind nur einige der Kritikpunkte. Fachleute, wie Gehirnforscher, Pädagogen und Philosophen, zeigen neue Wege auf, aber nur wenige der Verantwortlichen versuchen diese zu beschreiten. Mein Lieblings-Beispiel ist die Uhrzeit, zu der die Schule in unserem Land beginnt. Wissenschaftler erklären schon seit Jahren, dass die Hirnleistung von Kindern und Jugendlichen um 8 Uhr auf einem Tiefstand ist. Viele Länder haben daraufhin die Schulanfangszeit heraufgesetzt. Nur in Deutschland wurde nichts verändert. Im Gegenteil: Das Gymnasium meiner Söhne begann um 7.35 Uhr. Unter den Verantwortlichen herrscht die Meinung: „Mein Vater musste um 8 Uhr zur Schule, ich musste um 8 Uhr zur Schule, warum soll es meinen Kindern bessergehen. Es hat uns scheinbar nicht geschadet.“

 

Ein persönlicher Blick

In diesem Sommer hat nun auch mein jüngster Sohn die Schulzeit beendet und ich kann euch sagen, dass ich dieses Ereignis gebührend gefeiert habe. Nichts hat unser Familienleben derart stark beeinflusst, wie die Schulzeit meiner Söhne. Aus meiner heutigen Sicht ist sie wie ein feuerspeiender Drache über unser „heiles“ Familienleben gekommen, obwohl meine Söhne keine „Problemfälle“ waren.

Auch in meiner Musikschule kann ich beobachten, wie sehr die Schule die Familien belastet. Zurzeit befinden sich die Grundschulen in meiner Region in einem Notzustand. Überforderte LehrerInnen kämpfen um ihre Gesundheit. Als die Mutter eines meiner Schüler die Klassenlehrerin ihres Sohnes darum bat, ein wenig auf ihr sehr sensibles Kind zu achten, bekam sie folgende Antwort: „Ich habe 27 Kinder in meiner Klasse, davon haben drei diagnostiziertes ADHS, fünf sprechen kein Deutsch, darunter drei traumatisierte Flüchtlingskinder, ja und dann ist da noch das Mädchen mit körperlichen Einschränkungen. Ich habe überhaupt keine Kapazität, mich um die unauffälligen Kinder zu kümmern. Ich versuche jeden Tag, ein größeres Chaos und körperliche Übergriffe zu vermeiden.“ Eine kindgerechte Grundschulzeit sieht für mich anders aus.

 

Unsere Chance als Musik- und Instrumentallehrer

Wir Musik- und Instrumentallehrer können die Situation unserer Schüler an ihren Schulen nicht ändern, aber wir können ihnen im Musikunterricht zeigen, dass Lernen Spaß machen kann. Wir haben die Möglichkeit, jeden unserer Schüler individuell zu fördern und mit Wertschätzung zu behandeln. Und wir sollten es tun. Ich erlebe es immer wieder, dass meine jungendlichen Schüler sehr dankbar sind, dass ich auf ihre schulischen Belastungen Rücksicht nehme und nicht noch zusätzlich Druck auf sie ausübe. Als Dank betrachten sie mich als ihre Vertraute und kommen regelmäßig und freudig zum Unterricht. Ich kenne mehrere Kollegen (meine Person inklusive) bei denen die Schul-Musiklehrer wichtige Personen innerhalb ihrer Biografie waren. Ich wünsche deshalb allen Schülern MusiklehrerInnen, wie wir sie hatten.

 

Für den Fortschritt kämpfen

Viele Veränderungen innerhalb einer Gesellschaft vollziehen sich langsam. Da wir selber pädagogisch tätig sind, sollten uns Bildungs-Themen interessieren und wir sollten bereit sein, für Veränderungen zu kämpfen. Dieser Kampf beginnt im Kleinen an den Schulen unserer Kinder und unserer Schüler und natürlich auch an unseren Musikschulen oder in unserem Unterricht. Auch wir neigen dazu, alles beim Alten zu belassen, statt uns Neuem zu öffnen.
Fortschritt bedeutet, sich selbst zu bewegen. Also hoch und auf geht’s!

Wie sind eure Erfahrungen mit der Schulzeit? Lasst uns im Kommentarbereich über dieses Thema diskutieren.

Kommentare
  1. Leif Erikson sagt

    Früh übt sich… ich bin vor 43 Jahren eingeschult worden, es gab seinerzeit ein Jahr lang Blockflöte, danach dann nichts mehr. Musikalische Bildung war seinerzeit schon so ein Ding zwischen Tür und Angel, da war nur eine Grundschule in der es 4x Musik pro Woche gab, dann wurde mein Vater versetzt und dort gabs dann Blockflöte für ein Jahr, danach nichts mehr… 7. Klasse ein Jahr lang Schlagzeig, danach wurde Papa versetzt, nächste Schule unterschied zwischen Musikamateuren, für die es im Regelschulzweig garnichts gab und einem Musikzug, wo in der 7. Klasse alle schon 6 Jahre lang Geige oder Klavier gelernt hatten… Ebert Gymnasium in Hamburg Harburg. Dort wäre ich gern in der 1. Klasse in den Musikzug gekommen 🙂 hab mir später ein Sabbatical gegönnt und hab all das nachgeholt was in der Schule nicht gab…

    1. Hallo Leif,
      vielen Dank für deinen spannenden Bericht.
      Viele Grüße
      Gabriele

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