Für Musiker_innen, Musik- und Intrumentalpädagog_innen, Sänger_innen & Hobbymusiker_innen

Vom Grölen zum Singen

Neue Gesangtrends – Können Chorgemeinschaften davon profitieren?

Auf zum „Rudel-Sing-Sang“! Diese Einladung erhielten mein Mann und ich vor einigen Tagen. Und wir sind dieser Einladung gefolgt – ein Erlebnis der besonderen Art. Schon der Name dieser Veranstaltung verursachte mir leichte Übelkeit. Auch assoziierten wir sofort den Begriff Rudel-B… und mein Sohn vermutete ein Treffen für Hundebesitzer.

„Rudel-Sing-Sang“ ist jedoch weder eine Art Hundebesitzer-Treffen noch eine Veranstaltung mit vordergründig erotischer Zielsetzung. „Rudel-Sing-Sang“ ist eine Form des offenen Singens.

Mein Mann und ich machten uns also auf den Weg nach Miltenberg. In einer stylischen Musik-Kneipe erwarteten wir voller Spannung den Beginn der Veranstaltung. Das Lokal war gut gefüllt. Das Publikum bestand überwiegend aus Frauen. Der Altersdurchschnitt lag bei ca. 40 Jahren. Tom, ein Musiker unseres Jahrgangs, eröffnete schließlich den Abend. Er versprach uns Lieblingslieder und Gassenhauer satt. Die Texte wurden mit einem Beamer auf eine Leinwand projiziert. Tom spielte Gitarre und sang, daneben ertönte ein Halbplayback. Schon mit dem ersten Titel nahm die Veranstaltung Fahrt auf. Die Anwesenden sangen/grölten voller Begeisterung. Es wurde geschunkelt, geschaukelt, geklatscht und getrunken. 

Nur wenig begeistert verfolgten mein Mann und ich das Treiben. Wir hatten uns fest vorgenommen fleißig mitzusingen, aber schon dabei stießen wir auf ein Hindernis. Obwohl wir beide über einen großen Tonumfang verfügen, war es uns kaum möglich, eine Stimmlage zu finden, in der wir Singen konnten. Die Tonarten waren so tief, dass wir eigentlich auch hätten grölen müssen, doch das wollten wir nun doch nicht. Schon nach kurzer Zeit, steigerte Tom die Lautstärke und ich stellte voller Entsetzen fest, dass ich meine Ohrstöpsel vergessen hatte. Noch schlimmer als die Lautstärke der mittleren und hohen Frequenzen waren allerdings die Bässe. Es folgten zwei Stunden körperlicher Qual. Da wir unsere Gastgeber nicht vor den Kopf stoßen wollten, hielten wir tapfer bis zum Schluss durch. Den gesamten folgenden Tag fühlten wir uns wie gerädert und auch unsere Stimme war, obwohl wir nur wenig und leise mitgesungen hatten, lädiert.

 

Das Bedürfnis nach gemeinschaftlichem Singen

Trotz aller Qualen bin ich fest überzeugt, dass diese Veranstaltung für uns nützlich war. Beweist sie doch, dass in uns Menschen ein Bedürfnis nach gemeinschaftlichem Singen schlummert. Viele Jahrzehnte wurde dieses Bedürfnis in Deutschland unterdrückt. Die Erfahrungen der Nazizeit, in der gemeinschaftliches Singen zu Propagandazwecken missbraucht wurde, lastet schwer auf uns. So entstanden Nischen, in denen viele Menschen dieses Bedürfnis ausleben, so z.B. bei Sportveranstaltungen, im Bierzelt, in Karaokebars oder beim „offenen Singen“ wie dem Rudel-Singen.

 

Singen in der Chorgemeinschaft

Auch die große Zahl der aktiven Mitglieder in Chören und Gesangsvereinen bestätigt, dass es ein Vergnügen ist, mit anderen gemeinsam zu singen. Allerdings sehe ich einen großen Unterschied zwischen diesen und den oben aufgeführten Veranstaltungen. Die Mitglieder von Chören und Gesangsvereinen grölen nicht, sondern sie singen. Und sie leisten sich den Luxus einer/eines Chorleiterin/Chorleiters, die/der ihnen hilft, ihre Gesangstimme und das gemeinschaftliche Klangergebnis kontinuierlich zu verbessern.

 

Vom Grölen zum Singen

Nach meinen Beobachtungen werden offene Sing-Events immer beliebter. Der Wunsch zu singen ist demnach bei vielen Menschen vorhanden. Auf der anderen Seite nimmt die Zahl der aktiven Mitglieder in den Gesangsvereinen ab. Es stellt sich also die Frage: Was können die Gesangsvereine tun, um die vielen sangesfreudigen Menschen in die Chöre zu holen?

 

Was hindert Menschen daran, in einem Chor zu singen?

Betrachten wir zunächst einige Hindernisse:

– Viele Chöre sind eingeschworene Gemeinschaften mit gewachsenen Strukturen. Es ist schwer für Außenstehende, sich in eine solche Gemeinschaft zu wagen.

– Viele Chöre haben eine veraltete Außendarstellung:

  •      keine oder schlechte Homepages
  •      spießige Chorkleidung
  •      veraltetes Repertoire
  •      kaum Öffentlichkeitsarbeit
  •      keine Nachwuchsförderung
  •      unattraktive Proberäume

– Es gibt niemanden, der sich speziell um neue Sänger kümmert.

– Es gibt keine Angaben, wo und wann Proben stattfinden und an wen man sich wenden kann.

– Leistungs- und Wettbewerbsschwerpunkte

 

Was können Chöre tun, um mehr Menschen für ihre Gemeinschaften zu begeistern?

Hier einige Vorschläge, wie wir mehr Personen für das Singen in einer Chorgemeinschaft begeistern können:

  1. Wie wird euer Chor von Außenstehenden wahrgenommen? Geltet ihr in eurer Stadt als eingeschworene Gemeinschaft? Dann brecht zunächst selbst diese Strukturen auf. Stellt euch folgende Fragen:
  • Kann ich in der Probe auch mal neben einer anderen Person sitzen?
  • Würde ich auch neben einer/m neuen SängerIn sitzen?
  • Gehen wir bei Veranstaltungen offen auf Außenstehende zu?
  • Laden wir öffentlich zur Teilnahme an unseren Proben ein?
  • Müssen neue Mitglieder vorsingen?
  1. Viele Menschen glauben, sie müssen in einem Chor vorsingen, um aufgenommen zu werden. Wenn das bei euch nicht der Fall ist, solltet ihr diesen Punkt bei euren Werbeaktionen betonen.
  2. Für immer weniger Menschen ist die Mitgliedschaft in einem Verein lebensbestimmend. Deshalb muss der Aufwand für eine Mitgliedschaft überschaubar sein. Viele möchten keine Wettbewerbe oder große Chorprojekte. Wenn ihr ein Chor seid, in dem jeder mitsingen kann und der nur wenige Konzerttermine im Jahr hat, dann betont diesen Punkt.
  3. Bemüht euch aktiv um neue Mitglieder:
  •  Eine ansprechende, moderne Homepage ist heute ein Muss. Auf dieser sollten Interessenten die Möglichkeit haben, euren Chor und eure Philosophie kennenzulernen. Das geschieht am besten durch Fotos und eine freundliche Einladung an alle, zu einer Probe zu kommen. (Probeort und -zeit angeben.) Eine Homepage muss regelmäßig gewartet und aktualisiert werden. Es ist vernünftig, eine Person allein für diese Arbeit zu begeistern. Die Vorstandsmitglieder haben in der Regel genug zu tun.
  • Flyer sind ein gutes Werbemittel und man kann sie heute in Online-Druckereien schnell und billig drucken lassen. (1000 Stk. unter 20 Euro) Auch diese müssen ansprechend gestaltet werden und eine Einladung zur Probe enthalten.  (Probeort und -zeit angeben.) Diese Flyer sollten auf diversen Veranstaltungen in eurer Stadt verteilt werden. Auch auf Ämtern und in Geschäften kann man sie auslegen.
  • Wählt jemanden aus der Gemeinschaft, die oder der sich speziell um Gäste bei der Probe kümmert. Niemand sollte sich längere Zeit fremd fühlen. Ermuntert aber auch alle anderen, Gäste freundlich willkommen zu heißen. Es nutzt nämlich nichts, wenn der Vorstand sich bemüht, die Chormitglieder aber mit ihren eigenen Dingen beschäftigt sind.
  •  Auch der/die ChorleiterIn sollte jeden Gast freundlich begrüßen und zum Mitsingen motivieren.
  •  Zeigt eine Person die Bereitschaft, auch weiterhin zur Probe zu kommen, muss sie mit Notenmaterial versorgt werden. Es wäre auch gut, wenn sich jemand aus der entsprechenden Stimme zu einer kleinen musikalischen Einführung (vielleicht mit Kaffee und Kuchen) bereiterklären würde.
  1. Wenn sich ein Chor verjüngen möchte oder als junger Chor wahrgenommen werden möchte, sollten das Auftreten und die Chorkleidung diesem Image entsprechen. Es gibt fähige Menschen, die Chöre beraten. Wir haben hier auf Musikdidaktik.net bereits solche Menschen vorgestellt. (Link). Eine Beratung kostet nicht die Welt und ein neuer, zeitgemäßer Look kann helfen, das Überleben eines Chores zu sichern.

 

Fazit

Einige neue Trends zeigen ganz klar, dass es viele Menschen gibt, die gerne gemeinschaftlich singen möchten. Es liegt an uns (aktiven Chormitgliedern), diese für unsere Chöre zu gewinnen. Bei uns haben sie die Möglichkeit, den Unterschied zwischen Grölen und freudigem, natürlichem Singen zu erleben und gleichzeitig Teil einer freundschaftlichen Gemeinschaft zu sein.

 

 

 

Kommentare
  1. Nicolas Jehn sagt

    Sehr geehrte Frau Zimmermann,
    leider machen wir in unserer pädagogischen Arbeit die gleichen Erfahrungen. In den meisten Familien wird nicht mehr gesungen, in vielen pädagogischen Fachschulen ist Musik überhaupt kein Thema und Fach mehr. Trotzdem, die Menschen lieben das Gefühl des gemeinsamen Singens. Aus mangelnder Erfahrung wird dann irgendwie gesungen und meistens leider gegrölt (Chöre natürlich ausgenommen).
    Wir denken aber positiv und haben, mit Hilfe der Stadt Bremen, einen Gegenpol gesetzt.
    Am 1. Juni findet in Bremen eine große Singveranstaltung statt. Schüler und Chöre aus Bremen werden Lieder über die Geschichte Bremens singen.
    Es haben sich schon 2000 Sänger und Sängerinnen angemeldet. Die Lieder und Chorsätze kann sich jeder von der Webseite: http://www.bremen-so-frei.de herunterladen. Es wurden Workshops und offene Proben angeboten, um die Lieder zu lernen. Vielleicht können wir so eine kleine Singebewegung in Bremen auslösen.

    Viele Grüße
    Gebrüder Jehn

    1. Lieber Herr Jehn,
      vielen Dank für Ihren Kommentar. Ich wünsche Ihnen viel Erfolg für Ihre Veranstaltung, und hoffe, dass sie sogar eine große Singbewegung in Bremen und Umgebung auslöst.
      Herzliche Grüße
      Gabriele Zimmermann

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