Klarheit und Struktur im Musikunterricht

So entrümpelst und strukturierst du deinen Unterrichtsalltag.

Wir Musiker lieben unseren Beruf. Wir arbeiten viel und zu ungewöhnlichen Zeiten, bei einem eher mittleren Verdienst. Trotzdem engagieren wir uns in sozialen Bereichen. Wir sind politisch interessiert und kritische Konsumenten.
Ja, wir übernehmen Verantwortung!
Und gerade deshalb sollten wir von Zeit zu Zeit innehalten und einen kritischen Blick auf unseren Alltag richten. Zu diesem zählt auch unser Berufsalltag.

Ein kritischer Blick auf unser Berufsleben

Warum aber sollte ich meinen Berufsalltag kritisch hinterfragen? Weil Menschen, die viele Interessen haben und viel Verantwortung übernehmen, dazu neigen, sich zu viel aufzubürden. Das Ergebnis dieses schleichenden Prozesses ist: Überforderung, Stress, Chaos, Burnout usw.
Das Ziel einer kritischen Betrachtung ist: Struktur in den Alltag zu bringen und verantwortungsvoll mit den eigenen Ressourcen umzugehen.

Minimalismus im Musikunterrichts-Alltag

Minimalismus ist ein Modewort geworden. Bei einem minimalistischen Lebensstil ist das Ziel, mit möglichst wenigen materielle Gütern auszukommen und so mehr Raum für andere Dinge zu haben.
Nun werde ich euch nicht auffordern euer Musikerleben mit nur 30 Gegenständen zu bestreiten, aber sicher hat jeder von euch schon das Hochgefühl erlebt, dass sich einstellt, wenn man ein Zimmer komplett ausräumt, renoviert und dann wieder bewusst und sparsam einräumt.
Lasst uns also genau das mit unserem Berufsalltag tun.

Entrümpeln

Beginnen wir zunächst mit einem Rundgang in unseren Arbeitsräumen (Unterrichtsraum, Büro, Musikschule). Ist dein Unterrichtsraum wirklich ein Unterrichtsraum oder eine Art Museum deines bisherigen Musikerlebens?
Jahrelang beinhalteten die Regale meines Unterrichtsraumes Blockflötenschulen meiner Grundschulzeit, Orchesterliteratur meines Jugendorchesters, mein Schulliederbuch, einen Ordner mit meinen Musik-Leistungskurs-Klausuren, daneben Bücher über Harmonielehre und Kontrapunkt aus dieser Zeit, Berge von Literatur aus Studientagen, Musikerbiographien, in zweiter Reihe sogar Kassetten mit Radiomitschnitten der Berliner Philharmoniker unter Herbert von Karajan.
Braucht aber eine Instrumentallehrerin im Jahre 2017 eine Musikklausur aus dem Jahre 1984 oder die Bratschenstimme eines Ländlers von Mozart in ihrem Unterrichtsraum? Nein, braucht sie nicht! Ein großer Teil des Regalinhalts wanderte also in die Mülltonne und ein kleiner Teil in ein Archiv in meinem Wohnhaus. Endlich hatte ich Platz für die wirklich wichtigen Dinge meines Unterrichts. Auch mein geliebtes Holzmetronom kommt nun auf einem ansonsten leeren Regalbrett erst richtig zur Geltung.

Nimm auch du dir Zeit, geh mit etwas Distanz durch deinen Unterrichtsraum, deine Musikschule und/oder dein Büro und betrachte jeden Gegenstand. Stell dir folgende Fragen:

  • Brauche ich diesen Gegenstand im Unterricht oder bei der Organisation meines Unterrichts wirklich? Brauchen ich ihn für meine Schüler oder deren Eltern?
  • Ist er in Ordnung und sauber?
  • Wenn es ein Deko-Gegenstand ist: Freue ich mich täglich daran, ihn zu sehen? Kommt er zwischen all den anderen Gegenständen überhaupt zur Geltung? Hat er eine Verbindung zu mir und meinem Leben? Passt er zur Jahreszeit?

Bedenke:
Keiner deiner Schüler bleibt auch nur einen Monat länger, weil du eine veraltete Mozartbiographie im Unterrichtsraum aufbewahrst. Aber deine jüngeren Schülerinnen werden begeistert sein, wenn du für ein perfekt erarbeitetes Stück einen glitzernden Feen-Aufkleber aus einer hübschen Dose zauberst und diesen neben die Noten ins Heft klebst.
Bedenke auch: Du bist auch nicht das, was du besitzt. Du kannst dich getrost von all deinen Klausuren trennen. Keiner kann dir dein Diplom nehmen, dafür hast du ja ein Zeugnis in deinem Schrank und selbst das interessiert kaum jemanden, wenn du täglich schlecht gelaunt durch deine in die Jahre gekommene Musikschule schlurfst.

Nicht umsonst ist das Frühjahr eine Zeit der Reinigung und des Neuanfangs. Die Natur macht es uns vor. Also raus mit all dem alten Krempel und rein mit Platz, Ordnung, Sonne und frischer Luft.

Alltags-Minimalismus

Wenn du alles bearbeitest hast, achte darauf, dass nicht nach einer Woche wieder alles vollsteht. Entrümpelungs-Experten raten deshalb:
– Für jeden neuen Gegenstand, den du in einem Raum platzierst, muss ein alter weichen.
Sicher ist es sinnvoll, wenn du mit deinem neuen Notebook im Unterricht arbeitest. Deshalb raus mit dem 15 Jahre alten PC.
– Beschränke den Stauraum.
Gestatte dir nur ein Regal im Unterrichtsraum und mach ihn auch nicht zum Musikinstrumenten-Museum.
-Halte waagerechte Flächen frei.
Nicht jeder Tisch und jede Fensterbank muss dekoriert werden. Eine gesunde Grünpflanze in einem hübschen Übertopf ist dekorativer als 20 vor sich hin kränkelnde Ableger in alten Marmeladegläsern.
– Frage dich vor jeder Anschaffung: Brauche ich dieses Teil wirklich?
Wir Musiker lieben Noten und Instrumente. Doch vielleicht sollten wir bei unserer nächsten Anschaffung mehr auf Qualität achten. Brauche ich wirklich 20 Paar Klanghölzer, nur weil sie gerade im Angebot sind? Sollte ich nicht lieber weniger Paare kaufen, die aber bei einer Firma, die in Deutschland produziert und hochwertige Materialien verwendet?

Struktur im Unterrichtsalltag

Wenn du es allen recht machen willst

Nun sind unsere Unterrichtsräume entrümpelt und aufgeräumt. Wie aber sieht es mit uns und unserem Unterrichtsalltag aus?
Wir Musiklehrer haben eine lange und teure Ausbildung hinter uns. Wir unterrichten gerne, bemühen uns um jeden Schüler und sind auch sonst stark engagiert. Das führt dazu, dass unser Unterrichtsalltag oft ziemlich stressig und chaotisch ist. Nicht, weil wir keine Ahnung haben, sondern, weil wir es allen recht machen wollen. Für alle Menschen in unserer Umgebung haben wir ein offenes Ohr, jeder unserer Schüler spielt in einem anderen Heft, für viele schreiben wir eigene Arrangements, Instrumentalschulwerke sind grundsätzlich schlecht und unter unserer Würde.
So unterrichten wir in der Frühförderung 5 Unterrichtskonzepte parallel oder verzichten ganz auf Vorlagen, singen mit all unseren Chören unterschiedliche Literatur und bearbeiten nachts die neuesten Hits für viele eher lustlose Instrumentalschüler. Kein Wunder, wenn wir mit 40 dann ernsthaft eine berufliche Umschulung erwägen.

Übernommene Glaubensmuster

Das vorletzte Wochenende habe ich bei meiner Freundin Sandra verbracht. Sie ist studierte „EMP-lerin“ (Studium Elementare Musikpädagogik), Inhaberin eines Musikstudios mit Schwerpunkt „Musikalische Frühförderung“, alleinerziehende Mutter von 2 schulpflichtigen Kindern und kurz vor einem heftigen Burnout. Eigentlich wollten wir uns zusammen bei einem gemütlichen Wellness-Wochenende erholen, aber Sandras „Babysitter“ sagte in letzter Minute ab. So stehen wir nun beide auf Leitern und putzen in ausgelassen Stimmung die Fenster ihrer Unterrichtsräume. Plötzlich wird sie ganz ernst und sagt: „Weißt du Gabi, ich wollte dir schon immer mal sagen, dass ich dein Früherziehungsprogramm „Musikkinder entdecken die Welt“ fachlich und inhaltlich super finde. Gerne würde ich es unterrichten, gerade jetzt nach meiner Trennung, wo ich vor Arbeit kaum aus der Wäsche schauen kann, aber… ich kann doch als studierte „EMP-lerin“ kein fertiges Unterrichtskonzept unterrichten. Das wäre ja Verrat an meinem Studium und meinen Professoren.“

Das Beispiel Sandra zeigt, dass wir uns bei der notwendigen Vereinfachung und Strukturierung unseres Lebens manchmal selbst mit unseren übernommenen Glaubenssätzen im Wege stehen. Auch hier heißt es, einen kritischen Blick auf unseren Alltag zu werfen.
Natürlich ist Sandra in der Lage Kurse der musikalischen Frühförderung selbst zu entwickeln. Das hat sie auch viele Jahre getan. Nur befindet sie sich zurzeit in einer Lebenssituation, in der es ratsam ist, ihren Unterrichtsalltag zu strukturieren und zu vereinfachen. Aus Sicht ihrer Kunden bleibt sie ja weiterhin die kompetente Lehrerin, die sie immer war, auch wenn Sie im Unterricht ein ausgearbeitetes und verlegtes Konzept verwendet. Weder ihr Studienabschluss noch ihre ehemaligen Professoren interessieren sich für ihre Lebenssituation. Es ist also an der Zeit, dass sie ihren Glaubenssatz „Das darf eine studierte EMP-lerin nicht.“ überdenkt.

Strukturiere deinen Alltag

Wenn wir wenige Schüler, wenige Chöre und viel Zeit haben, können wir es uns leisten, jeden ganz individuell zu betreuen. Wenn wir aber unter Druck stehen, ist es ratsam, unseren Unterricht zu strukturieren, sich funktionierende Konzepte anzuschaffen und bestimmte Bereiche des Unterrichts zu vereinheitlichen.

Hier einige Tipps:

– Strukturiere deine Zeit. Plane Bürozeiten, Unterrichtszeiten, Auftritte und deine private Zeit. Achte darauf, dass du dir nicht durch dein Handy oder deine Mails die Arbeitszeit in deine private Zeit holst.

– Gestatte dir, (trotz akademischem Abschluss) in arbeitsreichen Phasen Schulwerke oder Unterrichtskonzepte zu verwenden, so musst du nicht für jeden Schüler oder jeder Gruppe wöchentlich die passende Unterrichtsliteratur aussuchen. Hab den Mut, dich auf diese Konzepte einzulassen und beobachte, wie die Schüler sie aufnehmen und welche Fortschritte sie machen. Es führen immer mehrere Wege ans Ziel, nicht nur dein persönlicher. Mach dich frei von alten Glaubensmustern.

– Bemüh dich nicht mehr, als deine Schüler sich bemühen. Häufig versuchen wir Lehrer, den fehlenden Eifer unserer Schüler durch unser eigenes Bemühen auszugleichen. Wir hoffen damit, die Schüler zum Üben zu motivieren. Das funktioniert aber in den meisten Fällen nicht. Deshalb sprich ganz offen mit ihnen. Erkläre, dass du für sie nicht nächtelang Stücke arrangieren wirst, wenn sie nicht entsprechend üben. Appelliere an ihre Fairness: Ich arrangiere dir das tolle Stück und du versprichst mir dafür, dich richtig in Zeug zu legen.

– Sag öfter mal „nein“. Engagierte, verantwortungsvolle Menschen werden häufig um viele „Kleinigkeiten“ gebeten: Könnten Sie nicht noch schnell einen Kuchen für das Schulfest backen? Könnten Sie nicht mit Ihrem Kinderchor bei einer Altenehrung mitwirken, eine Tanzgruppe hat abgesagt? Du kannst doch Klavier spielen, übernimm doch die musikalische Gestaltung auf Omas Achtzigsten, dann können wir das Geld für einen Alleinunterhalter sparen. Können wir die Unterrichtsstunde auf Samstag legen, die nächsten zwei Wochen habe ich viel um die Ohren?

Überleg genau, bevor du zu solchen Anliegen „ja“ sagst. Frage dich:

    • Möchte ich das wirklich tun?
    • Habe ich die Zeit dafür?
    • Wird meine Familie darunter leiden?
    • Wird meine Gesundheit darunter leiden?

Wenn du nur bei einer Frage ins Zweifeln kommst, sag „nein“!

Fazit

Von Zeit zu Zeit sollten wir unseren Arbeitsalltag kritisch beleuchten. In materiellen Bereichen, wie auch im Handeln und Denken sammelt sich immer wieder Gerümpel an, das aussortiert oder neu bewertet werden muss. Das schafft Freiräume für Neues und gibt Energie für die wichtigen Dinge unseres Lebens.
Also, Ärmel hoch und los geht’s…

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Kommentare

  1. Christine Mayer sagt

    Hallo Gabriele,

    da hast Du wieder einmal ein tolles Thema getroffen. Danke für die guten Gedanken rund um unseren Job. Ich bin da ganz Deiner Meinung; würde aber nie drauf kommen, dass den anderen auch so geht.

    Wenn ich meine Meniskus-OP endlich überstanden habe, werde ich mich gleich ans ausmisten und entrümpeln machen. Ich freu mich schon richtig drauf.

    Danke

    1. Gabriele Zimmermann sagt

      Hallo Christine,
      zunächst gute Besserung. Ich hoffe du bist bald wieder fit.
      Wenn ich ein Thema für den Blog aussuche, denke ich auch immer: Ob daran überhaupt jemand Interesse hat und verstehen kann, was ich da schreibe? Und dann zeigen die Reaktionen, dass es vielen genauso geht, wie mir. Das ist sehr beruhigend und dafür habe ich den Blog auch ins Leben gerufen. Zu wissen, dass andere mit den gleichen Problemen zu kämpfen haben, macht den Alltag etwas leichter.
      Liebe Grüße
      Gabriele

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