Für Musiker_innen, Musik- und Intrumentalpädagog_innen, Sänger_innen & Hobbymusiker_innen

Frauen in musikalischen Führungspositionen

Chorleiterinnen, Dirigentinnen und Musikschulleiterinnen – gleichberechtigte Kolleginnen oder Exotinnen?

Eine Idee wird geboren

Im Januar 2017 veröffentlichte ich auf Musikdidaktik.net den Artikel „Sexueller Missbrauch im Musikunterricht – die zwei Seiten einer Medaille“. Kurz darauf erhielt ich eine lange Mail, in der eine Kollegin kritisch anmerkte, dass in meinem Artikel zu einseitig über Männer und besonders männliche Chorleiter berichtet wurde. Anschließend schrieb sie mir ausführlich von ihren Erfahrungen als Chorleiterin.

Ihre Ausführungen waren so spannend, dass mir der Gedanke kam, über das Thema „Frauen in musikalischen Führungspositionen (Chorleiterinnen, Dirigentinnen, Musikschulleiterinnen)“ zu recherchieren. Zunächst befragte ich entsprechende Frauen in meinem persönlichen Umfeld und postete anschließend einen Aufruf auf Facebook. Die Berichte, die ich erhielt und die Gespräche, die ich führte, waren viel interessanter, als ich erwartet hatte.

 

Frauen in der Musik

Viele Jahrzehnte waren Frauen, die sich als Musikerin oder Musikpädagogin einen Namen machen konnten, eher eine Ausnahme. So ist Clara Schumann bis heute für viele ein Anhängsel ihres berühmten Ehemanns, obwohl sie schon vor ihrer Ehe und auch danach eine namhafte Künstlerin und Musikpädagogin war.

Mittlerweile sind Frauen in Spitzenorchestern an der Tagesordnung und oft sogar in der Überzahl. Das war allerdings in der Zeit, als ich meine ersten musikalischen Erfahrungen machte, noch nicht so. (Und ich bin noch keine 100 Jahre alt.)

Noch heute gibt es in den musikalischen Führungspositionen (z.B. Dirigat, Intendanz) wesentlich mehr Männer als Frauen.

Nach meinen Erfahrungen sind auch auf Musikschulkongressen mehr Musikschulleiter als Musikschulleiterinnen unterwegs. Im professionellen, wie auch im Laien Bereich haben noch wesentlich mehr Orchester einen Dirigenten, als eine Dirigentin. Bei meinen Interviews berichteten mir die Chorleiterinnen von Kreisverbänden, in denen die Hälfte aller Chorleitenden mittlerweile Frauen sind und von Kreisverbänden, in denen Chorleiterinnen noch als exotisch angesehen werden.

Ich komme deshalb zu folgendem Schluss: Es gibt mittlerweile viele Frauen, die als Musikerinnen oder Musiklehrerinnen beruflich tätig sind. In den musikalischen Führungspositionen gibt es aber bis heute einen großen „Männerüberschuss“.

 

Bezahlung von Frauen

Bis heute werden Frauen in Deutschland schlechter bezahlt als Männer. Warum das so ist, erklärt BWP-Präsidentin Bettina Schleicher in einem Interview:

„Dafür gibt es im Wesentlichen drei Gründe“, sagt Schleicher. „Erstens arbeiten Frauen noch immer in erster Linie in schlechter bezahlten Branchen, wobei sich natürlich die Frage stellt, warum eigentlich eine Krippenerzieherin weniger verdient als ein Tierpfleger.“ Zweitens arbeite jede dritte Frau in Deutschland auf einer Teilzeitstelle, jedoch nur acht Prozent der Männer. Wer Teilzeit arbeite, bekomme aber nicht nur die schlechteren Stundenlöhne, sondern habe auch geringere Aufstiegschancen.

„Und drittens werden Frauen in Unternehmen ganz einfach schlechter bezahlt als Männer“, sagt Schleicher. Wissenschaftlichen Berechnungen zufolge bekommen Frauen bei gleicher Arbeit im gleichen Beruf mit gleicher Erfahrung im Durchschnitt immer noch zwölf Prozent weniger als ihre männlichen Kollegen. „Selbst in Praktika bekommen Frauen weniger Geld“, sagt BWP-Präsidentin Schleicher. Rational ist das nicht zu erklären. (https://www.welt.de/wirtschaft/article1902985/Warum-Frauen-weniger-als-Maenner-verdienen.html)

 

Bei meiner Umfrage gab keine der Frauen an, in ihrer Position als Dirigentin oder Chorleiterin schlechter bezahlt zu werden als ihre männlichen Kollegen. Das hat mich sehr gefreut. Scheinbar schätzen Chorsänger und Orchestermusiker die Arbeit ihrer musikalischen Leiterinnen genauso hoch ein, wie die der männlichen Leiter.

 

Ehrenamtliche Tätigkeit

Untersuchungen zeigen, dass Frauen in Deutschland mehr unbezahlte Arbeiten verrichten als Männer. Das bezieht sich zum einen auf die Hausarbeit und Kinderbetreuung, aber auch auf ehrenamtliche Tätigkeiten.

Einige Chorleiterinnen berichteten mir voller Freude von ihren Chören, die sie teilweise schon seit vielen Jahren ehrenamtlich leiten. Einige haben ihre Chöre selbst gegründet, um bestimmten Personengruppen (z.B. Müttern mit kleinen Kindern, Alleinerziehenden) die Möglichkeit zu geben, in einer Gemeinschaft zu singen. Selbst nachdem aus kleinen Gesangsgruppen große Chöre geworden waren, ließen sich die Leiterinnen nicht entlohnen. Die Begründungen dafür klingen für mich sehr weiblich:

– „Jeder soll sich das Singen leisten können. Auch ich war eine Zeit lang alleinerziehend, das ist wirklich hart.“

– „Ich habe ja keine richtige Ausbildung.“

– „Ich kann doch nicht plötzlich für etwas Geld verlangen, was ich bisher umsonst gemacht habe.“

– „Ich betrachte es einfach als meine Spende an die Kirche. Ich habe ja wenig Geld und kann es mir nicht leisten ansonsten etwas zu spenden.“

Keine der Frauen wirkte verärgert oder wollte Mitleid. Ihnen allen ist die Arbeit mit ihrem Chor wichtiger als Geld.

 

Führungspersönlichkeiten – Autorität

Nur ein kleiner Teil der Führungs-Frauen bei meiner Befragung hatte das Gefühl, um Autorität und Anerkennung härter kämpfen zu müssen, als männliche Kollegen. Diese waren alle jünger als 30 Jahre. Allerdings hatte ich den Eindruck, dass die meisten meiner Gesprächspartnerinnen extrem kompetente und selbstbewusste Persönlichkeiten sind. Alle erklärten, dass junge Chor- und Orchesterleiterinnen an ihrem Auftreten und ihrer Persönlichkeit arbeiten sollten.

Ich persönlich habe als Musikschulleiterin ähnliche Erfahrungen gemacht. In den ersten Jahren fiel es mir sehr schwer bei Besprechungen mit unseren Lehrern meine Anliegen klar zu vermitteln. Oft führten schon kleine Korrekturen zu riesigen Diskussionen. Mein Mann dagegen gab Anweisungen und alle stimmten widerspruchslos zu. Das hat mich geärgert, da ich immer sehr gut vorbereitet war und meine Worte sorgsam abwägte. Mein Mann nahm wenig Rücksicht auf Gefühle und trotzdem schien es allen Anwesenden leichter zu fallen, seinen Anweisungen zu folgen. Ich habe viele Strategien ausprobiert – manches Mal erfolgreich, ein anderes Mal erfolglos. Seitdem ich älter geworden bin, habe ich keine Autoritätsprobleme mehr.

 

Sexuelle Übergriffe

Angeregt durch den oben erwähnten ersten Bericht einer Chorleiterin, fragte ich alle Führungsfrauen, ob sie schon einmal sexuelle Übergriffe in verbaler oder körperlicher Art erlebt hätten. Wenige berichteten direkt von solchen Vorfällen. Die meisten verneinten zunächst. Erst wenn ich konkret weiter fragte, wurde vielen bewusst, dass Dinge, die sie bisher als „das ist halt so“ ertrugen, ein körperlicher oder verbaler Übergriff ist.

So berichteten ca. 3/4 aller Befragten von verbalen sexuellen Übergriffen. Diese reichen von anzüglichen Witzen über die Person der Chorleiterin bis zur konkreten „Anmache“. Besonders unangenehm empfanden die Chorleiterinnen und Dirigentinnen die Tatsache, dass ein Teil der Männer, die ein solches Verhalten an den Tag legten, dies vor ihren eigenen Ehefrauen (auch Chor- oder Orchestermitglieder) taten. Viele Führungsfrauen haben eigene Taktiken entwickelt, sich gegen diese Übergriffe zu wehren. Bei einigen verschlimmerte sich die Situation jedoch, als sie versuchten, sich verbal zu wehren.

Etwa die Hälfte der Befragten haben auch schon körperliche Übergriffe erlebt. So gibt es immer noch Männer, die glauben, einer Frau (und auch einer Führungs-Frau) an den Hintern fassen zu dürfen, nur weil sie sich gerade bückt. Einige Frauen berichteten außerdem von unangemessenen Umarmungen und sonstigen Berührungen. Auch hier sind jüngere Frauen und Chorleiterinnen von Männerchören häufiger betroffen, als ältere Frauen und Chorleiterinnen von gemischten Chören.

 

Fazit

Ich möchte hier darauf hinweisen, dass meine Befragung keine wissenschaftliche Untersuchung ist. Sie spiegelt nur das wieder, was mir Frauen, die meinem Aufruf gefolgt sind, berichtet haben. Eine wissenschaftlich relevante Auswahl habe ich nicht getroffen. Wie schon erwähnt, hatte ich den Eindruck, dass die Frauen, mit denen ich gesprochen habe, sehr resolute und selbstsichere Persönlichkeiten sind. Ich vermute, dass es für Führungs-Frauen, die dieses Auftreten nicht haben, schwieriger ist.

Fast alle Chorleiterinnen und Dirigentinnen arbeiten gerne in ihrem Beruf oder Hobby. Wirklich benachteilig fühlte sich keine einzige. Alle haben mit bestimmten Schwierigkeiten zu kämpfen, sind sich aber der Tatsache bewusst, dass es ihren männlichen Kollegen ähnlich ergeht.

Leider hat sich keine Musikschulleiterin und auch kein Mann zu diesem Thema äußern wollen. So kann dieser Artikel nur die Sicht von Frauen berücksichtigen. Ja, er ist einseitig. Gerne hätte ich auch Männer zu Wort kommen lassen, aber keiner wollte bisher Stellung beziehen. Vielleicht haben einige Männer den Mut, sich in einem Kommentar zum Thema zu äußern.

 

Gleichberechtigt?

Ich glaube, dass wir MusikerInnen mittlerweile bereit sind, die Leistungen von Kollegen und Kolleginnen gleichermaßen zu würdigen. Nie habe ich das Gefühl gehabt, als Musiklehrerin von Musiklehrern aufgrund meines Geschlechts schlecht oder minderwertig behandelt zu werden. Bei Nicht-Musikern hatte ich das Gefühl aber schon sehr oft. Selbst innerhalb der Verwandtschaft ist mein Mann immer der Chef in unserer Musikschule und ich bin die Frau, die so nett mit den kleinen Kindern singt. Dass ich selbst auch Instrumentalunterricht gebe und Schulleitungsaufgaben innehabe, wird konsequent ignoriert.

Ich persönlich bin nicht der Meinung, dass Männer und Frauen gleich sind. Allein die Arbeit mit meinen Schülern zeigt mir das jeden Tag von Neuem. Ich bin aber auch nicht der Meinung, dass ein Geschlecht besser ist oder mehr Rechte hat. Es gibt gute und schlechte Führungspersönlichkeiten – unabhängig vom Geschlecht. Deshalb darf es bei der Bezahlung keine Unterschiede aufgrund des Geschlechts geben.

Und ganz unter uns: Auch ich tätschle meinem Mann gerne mal den Hintern (Frauen stehen nämlich auch auf schöne Popos.), aber eben nur meinem Mann.

 

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