Für Musiker_innen, Musik- und Intrumentalpädagog_innen, Sänger_innen & Hobbymusiker_innen

Musikunterricht online – minderwertige Konkurrenz oder sinnvolle Ergänzung?

Interview mit Daniel Mihajlovic, Instrumentallehrer und Betreiber von Lernportalen.

Lernportale im Internet, Webinare, Coaching per Skype – Lernen über das Interne ist mittlerweile weit verbreitet. Die Meinungen darüber gehen jedoch weit auseinander. Sprachlernportale haben mittlerweile Millionen von Nutzern. Wie sieht es aber im Bereich des Musikunterrichts aus? Auch hier gibt es seit einigen Jahren viele Anbieter und die Zahl wächst weiter. So ist es an der Zeit, dass wir uns auch auf Musikdidaktik.net mit diesem Thema beschäftigen.

Wichtig ist, dass wir uns diesem Thema von einer neutralen Warte aus nähern – ohne Ängste und Vorbehalte. Dafür habe ich mir einen Interviewpartner gesucht, der zum einen Trompeten-Lehrer an einer Musikschule ist und zum anderen Online-Lernportale für Trompete betreibt – Daniel Mihajlovic.

Gabriele: Hallo Daniel, bitte erzähle uns zunächst etwas über dich.

Daniel: Ich bin Daniel Mihajlovic, Jahrgang 1981, und als Trompetenlehrer und Lehrer der F.M. Alexander-Technik tätig. Ich stamme aus Weinheim, lebe aber mit meiner Familie im Saimaa-Seengebiet in Finnland. Nebenberuflich betreibt ich meine eigene Praxis für Alexander-Technik, halte darüber Vorträge und veranstalte Seminare und Workshops. Außerdem bin ich Betreiber mehrerer Online-Businesses.

Gabriele: Wie kamst gerade du, ein Trompetenlehrer, auf die Idee, ein Onlineportal für Trompetenunterricht zu betreiben?

Daniel: Ich bin da mehr oder weniger hineingestolpert. 2009 beschloss ich nach Finnland zu ziehen (meine Frau ist Finnin). Leider gab es dort keine brauchbare, finnischsprachige Trompetenschule. Da habe ich halt selber eine geschrieben. Nachdem ich viel Zeit und Energie investiert hatte, dachte ich mir, ich könnte sie nicht nur für meine Schüler verwenden, sondern sie auch verkaufen. Also startete ich eine finnische Webseite und wenig später das Internetportal trompete-spielen-lernen.de.

Gabriele: Blieb es bei diesem Angebot?

Daniel: Nein. Nach einigen Jahren hatte ich viele Ideen, wie ich die Trompetenschule verbessern könnte und begann mit dem Überarbeiten für eine 2. Auflage. Inzwischen wurde mein Blog gut besucht und die LeserInnen stellten immer wieder viele Fragen. Ich vermittelte diese dann meist an Kollegen. Hin und wieder skypte ich jedoch mit den Kunden, um bestimmte Dinge bei ihnen zu sehen oder ihnen zeigen zu können. So kam ich auf die Idee, einen Videokurs zu produzieren und ließ die Überarbeitung der Trompetenschule sein.

Gabriele: Was bietest du mittlerweile neben diesem Videokurs noch an?

Daniel: Einen speziellen Kurs für’s hohe Register, Videopräsentationen zu diversen Themen (Atmung, Lampenfieber, Intonation…) und Skype-Coaching. Aktuell produziere ich eine Videopräsentation mit dem Thema „Alexander-Technik für Musiker“ (MusikerSkills.de).

Gabriele: Damit wir einen Überblick bekommen: Welche Kurse umfasst nun dein Angebot und was kosten diese?

Daniel: Es gibt momentan fünf verschiedene Produkte:

  • Anfängerkurs 87€
  • Aufbaukurs 120€ – für Fortgeschrittene und Wiedereinsteiger
  • Hohe Töne Meistern 175€
  • Videopräsentationen 99€ – Lampenfieber, Atmung, Intonation, Luftfluss, Leistungsschwankungen, effektives Üben, optimale Lernbedingungen, inneres Hören
  • Coaching 45€ (pro Sitzung)

Gabriele: Wer sind deine Kunden?

Daniel: Meine Hauptzielgruppe sind Anfänger und fortgeschrittene Amateurtrompeter, die bestimme Probleme lösen wollen oder Fertigkeiten entwickeln wollen. Aber auch Profis und Lehrerkollegen kaufen meine Kurse. Einer von ihnen nimmt z.B. aktuell eine CD auf und schrieb mir, dass mein „hohe Töne Kurs“ eine große Hilfe für dieses Projekt war.

Gabriele: Machen Online-Lehrgänge den normalen Instrumentallehren Konkurrenz?

Daniel: Überhaupt nicht! Viele meiner Kunden sind beruflich sehr eingespannt und wollen daher zeitlich flexibel an ihrem Spiel arbeiten. Für sie käme normaler Unterricht also gar nicht in Frage. Sie haben ein klares Thema, beispielsweise wollen sie ihren Tonumfang erweitern, kaufen den entsprechenden Kurs und machen sich an die Arbeit. 

Gabriele: Verstehe, dann sind deine Online-Kunden eher Autodidakten?

Daniel: So ist es. Die Kurse sind ja im Prinzip „Bücher in Videoformat“, es gibt eher theoretische Vorträge und dann praktische Übungen. Ein Vorteil ist sicher, dass man sich die Übungen oder auch nur bestimmte Details immer wieder ansehen kann. Fragen beantworte ich meistens noch am selben Tag, man muss also nicht bis zum nächsten Unterricht warten und auch nicht extra bezahlen.

Es ist wie bei Heimwerkern: manche wollen es gerne alleine machen und da ist es doch besser, sie haben eine durchdachte Anleitung, als dass sie irgend etwas „herumbasteln“. Diese Leute würden sowieso nie zu einem Lehrer gehen und da sind VideoTutorials derzeit die vielleicht beste Alternative.

Gabriele: Welche Vorteile hat die Online-Arbeit für die Kunden und dich noch?

Daniel: Bei meinen Skype-Coachings bin ich zeitlich sehr flexibel. Wenn es beispielsweise nur eine Frage zu klären gibt und das nach 10 Minuten erledigt ist, dann beenden wir das Gespräch und machen den nächsten Termin aus. So etwas ist mit der Unterrichtsstruktur einer Musikschule kaum realisierbar. Wenn man z.B. schon eine Viertelstunde zum Unterricht gefahren ist, wäre es komisch, diesen nach nur 10 Minuten schon wieder zu beenden. Bei Skype ist das etwas anderes…

Gabriele: Können Online-Kurse deiner Meinung nach den „normalen“ Unterricht ersetzen?

Daniel: Nein. Online-Kurse haben in bestimmten Phasen und bei bestimmten Themen einige Vorteile gegenüber dem normalen Unterricht. Die umfassende Ausbildung eines langfristigen, wöchentlichen Unterrichts ist aber (hoffentlich!) etwas völlig anderes. Von daher sehe ich keinerlei Gefahr für Instrumentallehrer.

Gabriele: Welche Eigenschaften müssen Lernende mitbringen, die einen Videokurs sinnvoll nutzen wollen?

Daniel: Jemand der autodidaktisch, z.B. mit Hilfe eines Videokurses ein Instrument erlernen will oder sein Spiel verbessern will, sollte folgende Eigenschaften mitbringen: Zunächst muss man entsprechend motiviert sein, Zeiten für regelmäßiges Üben einrichten (können) und nicht bei den ersten Schwierigkeiten gleich aufgeben. Man muss selbstständig arbeiten können und wollen und sich die nötigen ergänzenden Informationen selbst besorgen. Das alles muss der Lernende selbst leisten, denn er hat schliesslich keinen Lehrer, der für ihn Kurskorrekturen vornimmt oder in mageren Zeiten motiviert. 

Gabriele: Welche Nachteile hat ein Videokurs?

Daniel: Natürlich fehlt die Rückmeldung des Lehrers. Jeder hat schliesslich blinde Flecken, selbst wenn er eine sehr gute Selbstwahrnehmung hat. Das kann man aber zumindest teilweise kompensieren. Ich löse das so, dass meine Kunden mir jederzeit Fragen stellen können und auch Skype-Coachings inklusive sind, so dass grobe Fehler ausgeschlossen werden können.

Noch ein Nachteil ist der Bereich Kommunikation. Es ist ja bekannt, dass meist etwas anderes gehört wird, als das, was tatsächlich gesagt wurde. Schon im normalen Dialog kann es herausfordernd sein, sicherzustellen, dass die Botschaft wirklich so angekommen ist, wie sie gesagt und gemeint war. Daher habe ich neben präziser Sprache auch darauf geachtet, dass die zentralen Punkte immer mehrfach und von verschieden Perspektiven beschrieben und natürlich auch demonstriert werden.

Gabriele: Ist deiner Meinung nach also „normaler“ Unterricht immer besser.

Daniel: Naja, ich habe zahlreiche Coaching-Kunden, die bei Profis angefangen haben und trotzdem z.B. elementare Fehler bei der Tonerzeugung machen, was sie natürlich am Fortkommen hindert. Ich bin mir auch sehr sicher, dass jemand, der mit meinem Kurs das Trompetespielen anfängt, diese Fehler mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht macht.

Gabriele: Bist du eigentlich ein Computer-Freak?

Daniel: Ich finde die technischen Entwicklungen einerseits faszinierend und ich nutze vieles. Andererseits besitze ich selbst weder Smartphone noch Fernseher. Und wir heizen mit Holz. 

Seit einigen Jahren hat jeder Lehrer von unserer Musikschule ein iPad zur Verfügung gestellt bekommen. Nach einer Woche war für mich klar: die einzige nützliche App ist das Metronom. Aber dafür das iPad mitschleppen? (Inzwischen habe ich einige wenige sinnvolle Apps gefunden.) Die Stärke und der Wert des Instrumentalunterrichtes liegen doch gerade auch im persönlichen Kontakt. Wieso würde ich also die Schüler auf irgendwelchen Apps herumspielen lassen?

Gabriele: Nun bist du ja aber in Computer-Dingen nicht ganz unwissend. Welchen persönlichen Rat könntest du unseren Lesern geben?

Daniel: Was ich gar nicht verstehen kann, ist, dass sich die Mehrheit der Instrumentallehrer und Musikschulen nicht hinreichend um eine gute Onlinepräsenz kümmert. Sie haben zwar irgendwann mal irgend eine Webseite online gestellt, diese ist aber nicht geeignet neue Schüler anzuziehen. Warum nur wollen Instrumentallehrer das Potential des Internets nicht für sich nutzen?

Gabriele: Eine letzte wichtige Frage: Was hältst du von Kindern als Nutzer von Online-Kursen?

Daniel: Bei Kindern ist die Beziehung wichtig! Kinder und Jugendliche brauchen (heute mehr denn je) erwachsene Ansprechpartner und Führung durch diese. In einer Zeit, in der sich Kinder immer mehr an Gleichaltrige anbinden, anstatt an Eltern und Lehrer, häufen sich aus verschiedensten Gründen Probleme an (vgl. G. Neufeld – neufeldinstitute.de).

Ich habe eine Seite ins Netz gestellt, die dem Rechnung trägt und das Ziel hat den Eltern (!) zu helfen, ihre Kinder beim Lernen zu unterstützen. Dort gibt es eine Videopräsentation über Entwicklungspsychologie und ich zeige dort ganz elementare Faktoren, auf die Eltern beim häuslichen Üben achten sollten. Außerdem gibt es Lehrmaterial, das die Eltern mit ihren Kindern gemeinsam durchgehen können, sowie eine umfangreiche Stückesammlung mit Playalongs. Es ist aber ausdrücklich KEIN Lehrgang für Kinder. Einige Musikvereine haben dieses Angebot bereits wahrgenommen, gewissermaßen als Fortbildung für die Ausbilder.

Ich bin davon überzeugt, dass Kinder bei einem „echten“ Lehrer lernen sollten, denn wie vorhin schon angedeutet, geht es beim Instrumentalunterricht um viel mehr, als um das Erlernen des Instrumentes. Denkbar wäre, einzelne Elemente auszugliedern, beispielsweise Theorie-Spiele oder ähnliches, aber immer im Kontext der Beziehung zum Lehrer. 

Gabriele: Lieber Daniel, ich danke dir für deine spannenden Ausführungen und deine engagierten Schlussworte. Denen ist nichts mehr hinzuzufügen!


Daniel Mihajlovic

Kontakt: info@musikerskills.de

Websites: musikerskills.de

                 trompete-spielen-lernen.de

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