Für Musiker_innen, Musik- und Intrumentalpädagog_innen, Sänger_innen & Hobbymusiker_innen

Ein Hoch auf das Chaos!

Vom Aufräumen, der Unordnung und der Kreativität.

Na, wie sieht es auf deinem Schreibtisch, in deinem Musikzimmer und in deiner Küche aus?

Sollte deine Umgebung nicht an ein Möbelstudio erinnern, dann bist du nicht allein. Ich sitze gerade an meinem Esstisch und schreibe diesen Artikel. Dieser Esstisch ist das wichtigste Möbelstück meiner Familie. Neben meinem Notebook stehen auf ihm noch die Notebooks meines Mannes und meines Sohnes, eine Teekanne, drei Flaschen, alle Bücher, die mein Sohn für die Vorbereitung auf seine Leistungskurs-Deutsch-Abiturprüfung brauchte, eine Rotlichtlampe (ich leide zurzeit an einer Nebenhöhlenentzündung), eine Vase mit Osterglocken, die Post der letzten zwei Tage, zwei Handys, ein Kalender u.v.m. – Wir haben einen großen Tisch.

Ja, ich bin nicht die Ordnung in Person und ja, es ist mir wirklich unangenehm, euch das zu beichten. Aber warum ist das so?

 

„Ordnung ist das halbe Leben“

Ordnung hat in unserer Kultur einen hohen Stellenwert. Sie wird mit Klarheit, Fleiß, Produktivität und Erfolg gleichgesetzt. Ordnungs- und Zeitmanagementsysteme gibt es viele. Sie alle versprechen, der beste und schnellste Weg zu Erfolg und Glück zu sein. Ordnungsratgeber überfluten den Büchermarkt und professionelle „Aufräumfirmen“ sind der neueste Schrei. Stimmt es aber, dass Menschen mit akkuraten Schreibtischen und Wohnungen erfolgreicher und vielleicht sogar besser sind als Chaoten?

 

Kreativität und Chaos

Von vielen kreativen Menschen ist bekannt, dass sie chaotische Schreibtische oder Arbeitszimmer hatten, so z.B. Albert Einstein, Siegmund Freud und Mark Twain. Ist aber die Meinung, dass Kreativität eine chaotische Umgebung benötigt nur eine Ausrede?

Nein! In den letzten Jahren haben sich verschiedene Wissenschaftler mit diesem Thema beschäftigt und herausgefunden, dass das Aufräumen die Kreativität abwürgt und die Produktivität hemmt. Es ist allerdings nicht die Unordnung an sich, die das kreative Denken beflügelt, sondern die Assoziationen, die die Unordnung auslösen können.

Die Psychologin Kathleen Vohs stellte die These auf, dass unordentliche Räume kreatives Denken erzeugen und fand für diese auch Beweise. Sie zeigte, dass kreatives Denken nur dann möglich ist, wenn man außerhalb von konventionellen Mustern denkt. Ein unordentlicher Raum ist frei von konventionellen Mustern und somit die ideale Umgebung für kreatives Denken.

 

Das Chaos – Teil unserer Natur

Um uns herum herrscht Chaos. Ein wohl geordneter Garten bleibt nur so lange wohl geordnet, solange wir regelmäßig für unsere menschliche Ordnung sorgen. Ansonsten übernimmt die Natur die Regie und es entsteht ein „chaotischer“ Dschungel.

Eines der chaotischsten Systeme ist unser Gehirn. Es gibt kein Zentrum und keinen Dirigenten. Trotzdem laufen die Hirnfunktionen geordnet ab. Unser Gehirn ist nicht computermäßig geordnet, es organisiert sich selbst in einer Art demokratischem System. Nervenzellen senden Impulse und Botenstoffe aus, Nervenbahnen formen sich spontan wie Ameisenstraßen. Sie bilden so Muster, die vorübergehend nützlich, im nächsten Augenblick wieder aufgelöst und danach sofort neu zusammengesetzt werden. Für Hirnforscher ist es deshalb ganz normal, dass sich Kreativität, Einfallsreichtum und Originalität in der Umgebung eines unordentlichen Arbeitszimmers erst so richtig entfalten. Sich dem Chaos zu verschließen, wäre ein Verrat an der eigenen Natur.

 

Chaos über allem?

Ist es aber ratsam, sich völlig dem Chaos zu überlassen? Sicher nicht! Einige Bereiche des Lebens benötigen wenig Kreativität. In allen betriebswirtschaftlichen Dingen unseres Musikunterrichts ist es notwendig, strukturiert zu agieren:

– Notiert eure Termine und haltet diese ein.

– Bearbeitet die Anfragen von neuen Schülern regelmäßig und zeitnah.

– Fordert ausstehende Honorare fristgerecht ein.

– Haltet Ordnung in den Papieren für eure Buchhaltung.

– Überwacht eure Konten und Kreditkartenabrechnungen.

– Zahlt eure Rechnungen fristgerecht.

Usw.

 

Der Psychologe Siegfried Preiser hält eine gewisse Grundordnung mit Chaosinseln für das optimale Modell, um Kreativität zu behalten, aber sich dennoch nicht heillos zu verzetteln. „Am besten ist es, bewusst zwischen Ordnung und Chaos hin und her zu wechseln“.

 

Die Realität

Ein sehr weiser Rat des Psychologen. Aber wie sieht es in der Realität aus? Ich gehöre zu den Menschen, die viele Interessen haben und denen Ordnung nicht so wichtig ist, wie anderen. In einem stressigen Alltag neige ich immer wieder dazu, ins Chaos abzurutschen. Kreative Tätigkeiten, wie das Schreiben von Artikeln für den Blog und das Bearbeiten von Rechnungen passen für mich wirklich nicht zusammen. So bin ich dazu übergegangen, solche Tätigkeiten voneinander zu trennen. Ich habe einen Schreibtag und Verwaltungsvormittage. An den Nachmittagen unterrichte ich.

Wenn mein Haus wieder einmal in der Unordnung versinkt, dann stört mich das sehr. Ich habe schon viele Ordnungssysteme ausprobiert. Sie funktionieren auch, aber meine kreative Arbeit bleibt dabei auf der Strecke. Eine perfekte Lösung für mein Problem habe ich noch nicht gefunden. Die Idee Siegfried Preisers von einer Grundordnung mit Chaosinseln hat mich jedoch zum Nachdenken angeregt. Vielleicht ist das ja ein guter Weg für mich.

 

Schluss mit dem schlechten Gewissen

Was mich an mir am meisten ärgert, ist die Tatsache, dass ich mich für mein Chaos schäme, mich aber das Chaos anderer überhaupt nicht stört. Im Gegenteil, die meisten meiner Freunde sind keine Ordnungsfanatiker. Einige schaffen es dauerhaft eine gewisse Grundordnung zu halten, andere kämpfen wie ich und verlieren auch manchmal. Menschen, denen Ordnung, Konventionen und Äußerlichkeiten übermäßig wichtig sind, gehören gar nicht zu meinen Freunden und trotzdem bewundere ich ihre Küchen, Wohnzimmer und Gärten.

Nach allem, was wir über das Chaos jetzt wissen, sollten alle Menschen, die zum Chaos neigen, aufhören sich zu schämen und sich über ihre kreativen Seiten freuen. Siegfried Preiser sagt dazu: „Schlussendlich hilft es, sein Denken nicht durch das vermeintliche Risiko, einen Fehler zu machen, zu beschränken. Das gilt auch für die Unordnung. Sie sollte uns schlicht weniger peinlich sein. Lieber sollten wir uns bewusstmachen, an welchen Stellen wir von ihr profitieren können.“

Fazit

Nicht alle Konventionen, die wir von unseren Eltern gelernt haben, sind unumstößlich. So auch nicht das Streben nach immerwährender Ordnung. Das Chaos ist ein Teil unserer Natur. Wenn wir also wieder einmal die Notenstapel neben unserem Klavier betrachten, den Berg an schmutzigem Geschirr in unserer Küche und den Wäscheberg im Schlafzimmer, dann lasst uns gemeinschaftlich „na und?“ sagen und das nächste Lied komponieren.

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