Bist du ein guter Lehrer?

Interview mit Gabriele Zimmermann

Seit einiger Zeit versorgt uns Gabriele jeden Sonntag mit erfrischenden Artikeln rund um den Musikunterricht und interessanten Interviews. Am Montag wird nun ihr erstes Fachbuch „Unterrichten ist ein Kunst – Ein Handbuch für Musiklehrer“ erscheinen. Für mich, Christine Haller  – Lektorin den Blogs – lag es deshalb nahe, auch Gabriele selbst einmal zu interviewen und sie gleich zu Beginn mit einer sehr provokanten Frage zu konfrontieren:

 

Christine: Gabriele, jeden Sonntag lesen wir auf Musikdidaktik.net viel Interessantes über das Unterrichten und den Umgang mit Schülern. Du hast eine Menge Wissen, aber würdest du sagen, dass du auch eine gute Lehrerin bist?

Gabriele: Wow, was für eine Frage gleich zu Beginn. Sicher erwartest du jetzt nicht nur ein ‚Ja‘ oder ‚Nein‘.

 

Christine: Sicher nicht. Was kommt dir zu dieser Frage als erstes in den Sinn

Gabriele: Als erstes kommt mir in den Sinn, dass es völlig unerheblich ist, ob ich denke, dass ich eine gute Lehrerin bin. Eigentlich müsstest du meine Schüler fragen. Und ich hoffe sehr, dass sie dir antworten würden: Ja, Frau Zimmermann ist eine gute Lehrerin, wir gehen gerne zu ihr in den Unterricht. Und ich hoffe, dass auch meine SeminarteilnehmerInnen sagen: Ja, das Seminar hat mich in meinem Beruf ein Stück vorangebracht und wir hatten viel Spaß.

 

Christine: Ich stelle die Frage also anders: Was zeichnet deiner Meinung nach einen guten Lehrer aus?

Gabriele: Das Wichtigste ist für mich ein ernsthaftes Interesse an jedem einzelnen Schüler und der aufrichtige Wunsch, jeden Schüler voranzubringen. Darin muss ein Lehrer seine Berufung sehen.

 

Christine: Ist das nicht bei jedem Lehrer der Fall?

Gabriele: Oh nein! Viele Instrumentallehrer haben eine Ausbildung zum Musiker. Ihre Welt dreht sich um ihr Instrument, anspruchsvolle Literatur, Technik und… sich selbst als Künstler. Das ist auch okay, solange jemand als Berufsmusiker auf der Bühne, in einem Orchester, einem Ensemble oder einer Band tätig ist. Muss ich aber unterrichten – was meist aus finanziellen Gründen der Fall ist – sollte ich in der Lage sein, eine andere Position einzunehmen.

 

Christine: Wie sieht diese andere Position aus?

Gabriele: Nun stehen nicht mehr ich, mein Instrument und meine Musik im Vordergrund, sondern die Schüler, ihre Musik, ihr Leistungsstand und ihre Bedürfnisse.

 

Christine: Also muss ein guter Lehrer demnach nicht unbedingt musikalisch total fit sein?

Gabriele: Doch fit schon, aber er muss nicht unbedingt der super Musiker sein. Nach meiner Erfahrung haben sehr begabte, hochklassige Musiker oft Schwierigkeiten, die Probleme eines „normalen“ Schülers zu verstehen. Daraus resultiert, dass sie auch nicht in der Lage sind, Lösungswege für diese Probleme zu entwickeln.

 

Christine: Verstehe. Nun ist das, was die meisten Schüler im Unterricht spielen, nicht wirklich spannend für einen Lehrer. Was ist für dich persönlich dann das Aufregende am Lehrerberuf?

Gabriele: Sicher, die Literatur der Anfänger und der Schüler des Leistungs-Mittelfelds ist nicht aufregend. Aber jeder Schüler ist anders und braucht eine individuelle Unterstützung. Das bringt für mich die Abwechslung in meinen Arbeitsalltag. Und außerdem kann man als ‚guter’ Lehrer ein stetiges Wachstum beobachten. In den letzten Tagen habe ich mehrere Kurse meiner Tastenkinder begonnen. Die Schüler sind 5 und 6 Jahre alt. Sie hatten solche Mühe, ihre ‚Fingerchen’ auf die Tasten zu legen und dem Klavier überhaupt Töne zu entlocken. Beim Singen, Tanzen und Trommeln waren sie gehemmt und alles war so aufregend. Und dann denke ich an meine Schüler, die schon ein halbes Jahr oder länger zu mir kommen, wie kraftvoll ihre Hände sind, wie schön sie spielen (auch wenn es am Anfang Kinderlieder sind) und wie lebhaft sie singen und sich bewegen. Dieses Gefühl ist so unbeschreiblich.

 

Christine: Sprichst du mit deinen Schülern auch über Themen, die nichts mit dem Unterricht zu tun haben?

Gabriele: Natürlich, das tue ich mit den Schülern und auch mit deren Eltern. Ein Musiklehrer ist mehr, als ein Vermittler von Musik-Dingen. Ich muss in jeder Stunde erst einmal ein Gefühl dafür bekommen, wie es dem Schüler geht und was ihn bewegt. Das geht nur über allgemeine Gespräche. Besonders stolz bin ich auf mein ausgesprochen vertrauensvolles Verhältnis zu meinen jugendlichen Schülern. Wir sprechen über so viele Themen und die Eltern kommen zu mir und bedanken sich. Noch nie hat eine Mutter oder ein Vater sich darüber beschwert, dass ein Teil der Unterrichtszeit für diese sehr privaten Gespräche geopfert wird. Aber ohne diese Gespräche wäre auch gar kein guter Unterricht möglich. Letztens hat mich eine Schülerin gefragt, ob ich daran glaube, dass es für jeden Menschen einen vorbestimmten Partner auf dieser Welt gibt und wie man den findet. Was für eine tiefgreifende Frage. Wie soll man als Pubertierender Nerven für Mozart haben, wenn einem diese Frage im Kopf herumgeht? Diese Frage muss ehrlich beantwortet werden und dann braucht es wenigstens einen Schumann, wenn nicht ein passende Pop-Ballade.

 

Christine: Am Montag erscheint dein Buch Unterrichten ist ein Kunst: Ein Handbuch für Musiklehrer. Wie kamst du darauf, neben den Blog-Artikeln jetzt ein Buch zu schreiben?

Gabriele: Die Idee stammt nicht von mir, sondern von KollegInnen. Viele haben mich auf meine Blog-Artikel angesprochen und mich gebeten, die Themen auch in gedruckter Form zu veröffentlichen. Einige berichteten mir, dass sie bestimmte Abschnitte gerne immer mal wieder lesen würden und dann lieber in ein Bücherregal griffen, als in den „Tiefen des Internets“ zu suchen.

 

Christine: Sind die Grundlagen deines Buchs also die Themen des Blogs?

Gabriele: Ja, ich habe die unterrichtsrelevanten Themen strukturiert, ergänzt und anschließend in die Form eines Handbuchs gebracht.

 

Christine: Wie soll man dein Buch lesen?

Gabriele: Natürlich kann man es von vorne bis hinten durchlesen, man muss es aber nicht. Ich würde mir zunächst das Inhaltsverzeichnis anschauen. Sicher springen mich direkt die Themen an, die für mich aktuell interessant sind. Ich brauche nichts über den Ablauf einer Kinderchorprobe zu lesen, wenn ich gar keinen Kinderchor habe und auch nicht plane, einen zu übernehmen. Allerdings sind die in diesem Kapitel behandelten Regeln, für den Umgang mit allen Kindergruppen gültig.

Wichtig für die Leser ist aber, dass jedes Kapitel in sich abgeschlossen ist. Und genau das macht ein Querlesen möglich.

 

Christine: Das Buch kostet 10,- Euro. Das ist für ein Fachbuch sehr günstig. Warum dieser Preis?

Gabriele: An der Realisierung des Buches waren neben mir auch mein Sohn Leslie und du, als meine Lektorin, beteiligt. Wir haben gemeinsam den Entschluss gefasst, dass das Buch für jeden Interessenten finanziell erschwinglich sein soll. Deshalb haben wir alle auf eine Entlohnung für unsere Arbeit verzichtet.

 

Christine: Wird man durch das Lesen des Buches ein guter Lehrer?

Gabriele: Es wäre toll, wenn die Sache so einfach wäre. Nein, man könnte das beste Buch der Welt habe, allein durch das Lesen wird niemand zu einem guten Lehrer. Offene und interessierte Lehrpersonen werden aber in meinem Buch viele Anregungen finden, wie sie ihre Lehrtätigkeit weiter verbessern können.

 

Christine: Vielen Dank, liebe Gabriele.


Gabriele Zimmermann ist Musiklehrerin, Musikschulleiterin, Autorin von Unterrichtskonzepten und Dozentin. 2015 rief sie diesen Blog ‚Musikdidaktik.net’ ins Leben und postet dort wöchentlich Artikel zu Themen rund um den Musikunterricht. Mit ihrer persönlichen Art regt sie jeden Monat hunderte von Lesern zum Austausch über den Alltag im professionellen Musikbereich an

Kontakt: gabriele@musikdidaktik.net

zimmermann-gabriele.de

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Kommentare

  1. Agnes Hofmann sagt

    Auch alles gute von meiner Seite!
    Wird man das Buch nur bei Amazon bekommen?

    Liebe Grüße
    Agnes

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