Für Musiker_innen, Musik- und Intrumentalpädagog_innen, Sänger_innen & Hobbymusiker_innen

Kopierst du noch oder handelst du schon kollegial?

Warum wir alle auf Noten-Kopien verzichten sollten.

„Schon wieder ein Artikel über das Thema ‚Kopieren von Noten'“ werden sicher einige von euch denken. Eigentlich geht es mir genauso und doch bin ich immer wieder erstaunt, wie viele Menschen, die hauptberuflich im Musikbereich tätig sind, nicht wissen, wie die gesetzlichen Regelungen sind oder immer wieder bewusst gegen diese verstoßen.

Deshalb möchte ich euch heute dazu anregen, dieses Thema erneut zu betrachten.

Die gesetzliche Grundlage

Gemäß  § 53 Absatz 4a des Urheberrechtsgesetzes ist das Kopieren von Noten nur mit der Einwilligung des Rechtsinhabers erlaubt und ansonsten verboten. Die Rechte hat in der Regel entweder der Komponist inne oder der Verlag, in dem eine Komposition erschienen ist.

Ja, alle die es bisher noch nicht wussten, haben richtig gelesen: Das Kopieren von Noten – auch zu privaten Zwecken – ist grundsätzlich verboten. Das Abschreiben mit der Hand ist erlaubt, aber auch diese Abschriften dürfen nicht kopiert werden.

Allgemeinbildende Schulen haben in der Regel eine Lizenz zum Kopieren und Musikschulen können bei der VG Musikedition eine solche erwerben.

Über diese Regelungen und alle strittigen Aspekte möchte ich heute nicht schreiben. Hier der Link zu einem Kollegen, der den rechtlichen Hintergrund sehr gut erläutert hat. Seine Erfahrungen decken sich mit meinen: http://www.pian-e-forte.de/noten/pdf/notenkopien.pdf

Die Realität

Vor einigen Jahren meldete ich meinen Jüngsten bei einem Musikerkollegen zum Trompetenunterricht an. Nach der ersten Unterrichtsstunde hüpfte der Jüngling mit seiner Trompete vergnügt in mein Auto und präsentierte mir das Willkommensgeschenk seines Lehrers: die Gesamtkopie einer Trompetenschule incl. kopierter CD. Ich war entsetzt. – Ich hatte mich nicht geweigert, Noten zu kaufen. – Der Kollege hatte mich nicht einmal gefragt, ob ich die Trompetenschule kaufen würde. Er hatte sie einfach komplett kopiert.

Warum kopieren Musiker Noten?

Auf meinen Seminaren wird über das Thema ‚Kopieren‘ oft lebhaft diskutiert.

Viele LehrerInnen glauben, sie könnten den Eltern ihrer Schüler keinen Notenkauf zumuten. Allerdings fragen sie die Eltern häufig erst gar nicht.

Eine weitere Gruppe meint, ihr Unterricht sei so individuell und schülerorientiert, dass gar keine Hefte verwendet werden können.

Andere versprechen sich einen Wettbewerbsvorteil, wenn ihre Schüler keine Noten kaufen müssen.

Meine Antwort:

Warum denkt ihr, liebe Kollegeinnen und Kollegen, für eure Kunden?

Eine Familie, die sich Instrumentalunterricht für 50 bis 100 Euro im Monat leisten kann, kann sich auch in regelmäßigen Abständen notwendige Notenliteratur leisten.

Ich stamme aus keiner wohlhabenden Familie und trotzdem habe ich meine gesamte Ausbildung ohne Kopien absolviert. Gut, das liegt auch daran, dass in 70er und 80er Jahren nicht jeder einen Kopierer zur Verfügung hatte, aber es zeigt, dass es funktionieren kann.

Ein anderer Blickwinkel

Vor einigen Jahren begann ich, mit der Unterstützung meiner Familie und Freunden, Musik-Unterrichtsliteratur zu verfassen. Während andere ihren Urlaub oder Feierabend genossen, habe ich viele, viele Stunden damit verbracht, die Konzepte zu entwickeln, Lehrerhandbücher zu schreiben, Schülerhefte und Zusatzmaterialien zu entwerfen und mit GraphikerInnen zu verhandeln. Jahrzehntelange Unterrichtserfahrung, Seminare, Fortbildungen und Massen von angelesenem Wissen flossen in diese Konzepte. Viele, viele Stunden hat mein Mann damit zugebracht, meine Manuskripte in eine druckreife Form zu bringen. Wir haben Computer und Software gekauft, haben mit Druckereinen verhandelt, haben Titel schützen lassen usw. Unsere Ersparnisse schmolzen dahin…

So wie mir, erging und ergeht es den meisten Autoren. Und die einzige Möglichkeit, eine Entlohnung für unsere Arbeit zu erhalten, ist, dass ihr, liebe Kolleginnen und Kollegen, diese Literatur kauft oder eure Schüler darum bittet, es zu tun. Wir AutorInnen sind auf euch angewiesen.

Jede/r MusiklehrerIn und jede/r ChorleiterIn, die/der Noten kopiert, betrügt seine Kollegen um ihre Entlohnung.

Und glaubt mir, kein Autor von Noten kann allein durch seine Autorentätigkeit reich werden, es reicht nicht einmal für den Lebensunterhalt. Alle Autoren, die ich kenne, unterrichten, und/oder leiten Chöre und/oder geben Seminare usw.

Die Frühförderung

Gerade im Bereich der musikalischen Frühförderung ist das Problem besonders massiv. Einige Musikschulleiter verbieten hier die Benutzung von Schülermaterialien. Trotzdem unterrichten viele LehrerInnen nach verlegten Konzepten. Sie verwenden also das Gedankengut der AutorInnen, ohne einen Ausgleich durch den Verkauf von Schülermaterialien zu leisten. Und das nicht, weil die KollegInnen die Schülermaterialien nicht verwenden wollen, sondern weil die Schulleitung die Verwendung verbietet. Viele LehrerInnen fühlen sich deshalb gezwungen zu kopieren. Ein gedankenloses, unkollegiales Verhalten von Seiten der Verantwortlichen.

Chöre

Im Bereich der Chormusik wird Autoren und Verlagen Jahr für Jahr der größte finanzielle Schaden zugefügt.

Allein bei den Kirchenchören rechnet die VG Musikedition mit einem wirtschaftlichen Schaden „im niedrigen bis mittleren siebenstelligen Euro-Bereich“. Über das Thema „Moral“ – von Seiten dieser Organisationen – möchte ich hier gar nicht weiter nachdenken.

Lizenzen – der bessere Weg?

Die VG Musikedition vertritt seit einigen Jahren die Rechte einer großen Anzahl von Verlagen. Sie verkauft Lizenzen zum Kopieren an Musikschulen. Sicher eine Möglichkeit, für die großen Verlage in unserem Land, einen Teil ihrer Verluste wieder auszugleichen.

Meinem Mann, als Vertreter seines eigenen kleinen Verlags, konnte die VG Musikedition aber nicht einmal sagen, wie viel Geld ein Verlag pro Kopie ausgezahlt bekommt. Scheinbar ist der Betrag kaum zu beziffern. Er beschloss deshalb, sich nicht durch die VG Musikedition vertreten zu lassen. Musikschulen müssen deshalb darauf achten, die Noten der nicht vertretenden Verlage nicht zu kopieren.

Wenn schon die Einnahmen der Verlage durch Lizenzen relativ gering sind, wieviel Geld kommt dann bei den Autoren an?

Jeder Musiker, der seine Autoren-Kollegen unterstützen möchte, sollte deshalb Noten kaufen und nicht sein Gewissen durch eine Lizenz beruhigen.

Wertschätzung für Kopien

Sicher hat jeder schon ab und zu Noten für seine Schüler kopiert. Doch schon bevor ich über die gesetzlichen Regelungen genauer Bescheid wusste, habe ich damit aufgehört. Warum? Weil ich mich immer wieder darüber ärgerte, mit welcher Missachtung die Kopien behandelt wurden. Zerknittert, vergessen, verloren, zerrissen. So begann die unendliche Geschichte der „Dauerkopiererei“. Irgendwann beschloss ich, nur noch mit Heften oder Einzelausgaben zu arbeiten. Nie haben sich Schüler oder Eltern darüber beschwert.

Notenpreise

Seit vielen Jahren und besonders seit ich diesen Blog gestartet habe, verfolge ich die Entwicklungen des Musik-Literaturmarktes.

Eines ist in den letzten Jahren sehr bemerkenswert: Die Musikliteratur (insbesondere die Noten) werden immer besser, vielseitiger, abwechslungsreicher, bunter und PREISWERTER (in Bezug auf die Einkommen der Menschen und die Preise des Musikunterrichts). Nur wenn wir Noten und Bücher kaufen, wird dieser Trend anhalten. Auch das Sterben kleiner Verlage kann nur auf diese Weise aufgehalten werden.

Was jeder von uns tun kann

Wir LehrerInnen und ChorleiterInnen tragen die Verantwortung dafür, dass jeder Chorsänger, Solosänger, Instrumental- und Musikschüler und dessen Angehörige vom Noten-Kopierverbot erfahren. 

Anschließend müssen wir mit gutem Beispiel vorangehen und (illegale) Kopien aus unserem Umfeld verbannen. Große Kampagnen, wie bei DVDs oder CDs gibt es nämlich bei den Noten nicht – leider. Hier könnte auch von Seiten der großen Verlage und der VG Musikedition noch mehr getan werden.

Liebe ChorleiterInnen, verbannt die Kopien aus eurer Chorarbeit. Beruft euch dabei auf die gesetzlichen Regelungen und auf eure Fairness gegenüber euren KollegInnen.

Liebe InstrumentallehrerInnen, auch ihr solltet eure Einstellung überprüfen. Denkt nicht für eure Schüler, sondern sprecht mit ihnen und den Eltern. Schon immer mussten Eltern und Schüler Noten für den Unterricht kaufen. Das ist ganz normal und gehört dazu, genau so, wie ein unterrichtstaugliches Instrument.

Wertschätzung für Noten und Bücher wecken

Seit meiner Kindheit liebe ich Noten und Bücher. Es ist für mich ein Genuss, ein neues Buch oder Heft zu öffnen und darin zu lesen oder daraus zu musizieren. Anschließend genieße ich es, das Exemplar in ein Regal zu stellen. Der Anblick von Bücher- und Notenregalen versetzt mich in einen Rausch und gibt mir gleichzeitig ein geborgenes Gefühl.

Es wäre sehr schade, wenn die folgende Generation durch Elektronik und eine Unzahl von Kopien diese Gefühle nicht mehr erleben dürfte.

In diesem Sinne,

viele Grüße, eure

Gabriele

Kommentare
  1. Endlich spricht es mal jemand aus! Danke, Gabi, für diesen eindeutigen und trotzdem sehr freundlichen Appell. Seit ich selbst unterrichte, achte ich darauf, ausschließlich Originalnoten zu verwenden und ermutige meine Schüler ebenfalls dazu. Trotzdem muss ich anmerken, dass einige meiner Schüler den Sinn von Noten nicht einsehen, weil sie keine Noten lesen können. Sänger haben nun einmal den Vor- oder Nachteil (je nach persönlicher Auffassung), dass sie nicht zwingend auf Noten angewiesen sind – umso mehr, je moderner die Musik ist. Mehr als darauf hinweisen und mit gutem Beispiel vorangehen, kann ich auch nicht.

    Umso wichtiger finde ich es, dass deutsche Verlage endlich in Sachen „Einzelausgaben“ und „digitale Noten“ nacharbeiten! Was nützt mir denn ein Songbook mit 7-10 Titeln in Leadsheet und Partitur sowie für C-Instrument als auch für Bb-Instrument, wenn ich de facto nur einen einzelnen Song brauche und mir dank Transposer-Funktion und eigenem Grips das Leadsheet in C vollkommen langt? Es wäre doch nur noch ein kleiner Schritt, die bereits erstellten Noten auch als Einzelausgabe anzubieten. Ich verstehe durchaus, dass der Verlag von irgendetwas leben will und dass Songbooks lukrativer sind. Aber herrje. Man könnte doch solche Einzelausgaben auf Lehrer begrenzen, die sich dafür beim Verlagseigenen Shop registrieren und vielleicht einen Nachweis erbringen müssten. Die technischen Möglichkeiten sind da, nur der Wille fehlt scheinbar.

    1. Hallo Jessica,
      vielen Dank für deinen Beitrag. Deine „Probleme“ kann ich absolut nachvollziehen. Es ist wichtig, dass die Verlage von unseren Problemen und Anregungen erfahren. Würden diese haufenweise Anfragen wegen Kopiergenehmigungen bekommen, würde sich vielleicht schnell etwas ändern. Und natürlich hinken viele Musik-Verlage der „elektronischen Entwicklung“ hinterher. Auch hier bräuchten die Verantwortlichen mehr Nachfragen der Kunden.
      Ich überlege, einen Aufruf über den Blog zu starten. Wenn genügend Musiker ihre Anregungen, Wünsche und Probleme kurz formulieren würden, kann ich sie an die Verlage weiterleiten.
      Viele Grüße
      Gabriele

    2. Michael Pfrang sagt

      Hallo Jessica,

      auf einem Chroleiterseminar (Rock-Pop) des Helbling-Verlages hat uns Carsten Gerlitz erklärt, dass die Inhaber der Urheberrechte (meist Verlage in den USA) gerade für begehrte Chart-Hits keine Einzellizenzen herausgeben.
      Der Lizenzgeber kann also dem Verleger diktieren, in welcher Form er die Werke auf den Markt bringt.
      Viele Grüße
      Michael

  2. […] (5. Februar 2017): Gabriele Zimmermann von Musikdidaktik spricht in diesem Blogartikel die Wertschätzung von Musik an, die durch Kopien verloren geht, und erzählt außerdem aus der […]

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