Für Musiker_innen, Musik- und Intrumentalpädagog_innen, Sänger_innen & Hobbymusiker_innen

Entspannte Eltern – leistungsstarke Schüler

Wenn das Verhalten und die Einstellung der Eltern zum Problem wird.

Janina,14 Jahre alt, ist seit neun Jahren meine Klavierschülerin. Sie ist ein hübsche und für ihr Alter typische Jugendliche mit langem, glattem Haar und einem Smartphone in der Hand. Janina spielt hervorragend Klavier, ihre Spezialität sind Popballaden. In der Schule hat die Gymnasiastin einen Zensurendurchschnitt von 1,4, sie tanzt und spielt Geige im Schulorchester. Außerdem ist sie in ihrer Kirchengemeinde als Betreuerin aktiv.

Tobias ist 15 Jahre alt und auch seit 9 Jahren bei mir. Er hat sein freundliches, bärenhaftes Verhalten nie abgelegt, allerdings sind seine Hände und Füße mittlerweile riesig und er überragt mich um Längen. Tobias ist ein sehr guter Gymnasiast mit einer Leidenschaft für Mathe und Chemie, in seiner Freizeit tanzt er und lernt Spanisch. Sein Klavierspiel ist nicht ganz so gut, wie das von Janina, aber er spielt mit Freude und macht kontinuierlich Fortschritte.

Was haben diese beiden Schüler gemeinsam? Sie nehmen seit vielen Jahren Klavierunterricht, sind sehr gute Schüler, haben weitere Hobbys und… sehr entspannte Eltern. Beide Elternpaare sind in ihrer Erziehung konsequent, ohne extremen Druck auf ihre Kinder auszuüben. Sie freuen sich an den musikalischen Fortschritten ihrer Kinder, haben jedoch keine abgehobenen Ansprüche. In den vielen Jahren der Zusammenarbeit ist zwischen den Familien und mir ein vertrauensvolles Verhältnis gewachsen. Ungefähr zweimal im Jahr telefonieren wir miteinander oder sprechen kurz im Flur der Musikschule.

Nach meinen Erfahrung stehen die Einstellung und das Verhalten der Eltern im direkten Zusammenhang mit dem Verlauf der Musikausbildung und den Leistungen der Schüler.

Probleme mit den Schülern

Als InstrumentallehrerInnen, MusiklehrerInnen und ChorleiterInnen haben viele von uns, mit den gleichen Problemen zu kämpfen:

– Viele Schüler kündigen schon nach kurzer Zeit ihren Instrumentalunterricht wieder.

– Viele Schüler üben sehr wenig oder gar nicht.

– Schon der Übergang von der Grundschule zur weiterführenden Schule veranlasst viele Eltern, den Unterricht zu kündigen.

– Neben dem eigentlichen Unterricht wird es immer schwieriger, Schüler für weitere Aktivitäten (Schülerkonzerte, Teilnahme an Veranstaltungen -wie Gottesdienste, Altenehrennachmittage, Dorffeste- usw.) zu motivieren.

– Bei Problemen in der Schule wird der Unterricht sofort gekündigt.

Eine der Ursachen für die oben aufgeführten Probleme ist das Verhalten und die Einstellung einiger Eltern.

Die Schule

Die Schule ist zum zentralen Thema der Familien geworden. In vielen Fällen scheint es, dass Wohl und Leid der Familie von der Empfehlung fürs Gymnasium abhängen.

Teilweise wird der Musikunterricht nach der Früherziehung schon beendet, weil die Kinder eingeschult werden. Die Nachmittage müssen dann komplett frei bleiben, damit dem Sprung aufs Gymnasium von Anfang an nichts im Wege steht. Viele Mütter sehen der Einschulung ihrer Kinder heute nicht mehr mit freudiger Erwartung sondern mit Panik entgegen.

Das Abitur ist Pflicht und muss mit allen erdenklichen Mitteln erreicht werden.

Freizeitaktivitäten

Organisierte Freizeitaktivitäten sind für einen großen Teil der Eltern sehr wichtig. Jedoch gibt es scheinbar ein Spaß- und Leistungsgebot. Treten die ersten Schwierigkeiten auf, wird der Instrumentalunterricht sehr schnell gekündigt. Neben der Schule ist den Kindern von Seiten der Eltern kein weiterer „Stress“  zuzumuten. Auch Aktivitäten außerhalb des „normalen“ Unterrichts passen häufig nicht mehr in den straffen Zeitplan der Familien.

Elterliche Inkonsequenz

Ein weiteres Problem ist das inkonsequente Verhalten einiger Eltern. Sie verlangen Leistung von ihren Kindern, sind aber nicht in der Lage, für regelmäßige Übungszeiten zu sorgen und die Kinder über schwierige Phasen zu begleiten. So führe ich immer wieder Gespräche, wie dieses mit den Eltern meiner Schüler:

Frau Schulz: Wenn Sabine zu Hause übt und etwas nicht gleich gelingt, dann hört sie sofort auf zu üben und macht dann die ganze Woche nichts mehr.

Lehrerin: Und was machen Sie dann?

Frau Schulz: Was ich dann mache? Wie meinen Sie das?

Lehrerin: Na, wie unterstützen Sie Sabine dann?

Frau Schulz: Ich mache da gar nichts. Wenn Sabine nicht üben will und immer gleich die Geduld verliert, dann ist das Klavier sicher das falsche Instrument.

Lehrerin: Ist Sabine bei den Schul-Hausaufgaben auch leicht entmutigt?

Frau Schulz: Oh, ja. Die Hausaufgaben sind die Hölle. Wir sitzen viele Stunden, weil Sabine ständig bockig ist und weint.

Überbehütete Kinder, regelnde Eltern

Einige Eltern neigen dazu, ihren Kindern alles abzunehmen und permanent regelnd einzugreifen. Da ist die Mutter, die ihrem siebenjährigen Sohn im Vorraum noch die Schuhe anzieht und die Mütze aufsetzt. Der Vater, der seine sechsjährige Tochter nach der Klavierstunde ins Auto trägt. Die Mutter, die ihren Zwillingen die Gitarren hinterherträgt und die Instrumente dann auch noch auspackt. Und die, die mir im Auftrag ihrer 14-jährigen Tochter mitteilt (das Fräulein steht daneben), dass diese nicht üben konnte.

Und da sind auch die Eltern, die wöchentlich mit der Klassenlehrerin telefonieren, die Kinder täglich mit dem Auto zur Schule fahren und sich bei mir beschweren, dass vor Beginn des Früherziehungskurses 12 Kinder vor dem Schuhregal sitzen, um sich auszuziehen.

Helikopter-Eltern?

Der Begriff „Helikopter-Eltern“ geistert seit einiger Zeit permanent durch die Presse. Alles, was ich oben aufgeführt habe, wird als Merkmal für diese Art von Eltern angegeben. Es gibt sogar eine ganze Internetseite zu diesem Phänomen www.helikopter-eltern.de.

Kurz zusammengefasst sind die Merkmale der Helikopter-Eltern folgende:

– Kleine Familien (1 oder 2 Kinder)

– Eltern wollen jeden Schaden von den Kindern fernhalten und regeln deshalb alles für sie

– Eltern überwachen Aktivitäten und Freundeskreis der Kinder

– Hoher Leistungsanspruch

– Ermöglichen ihren Kinder viele organisierte Freizeitaktivitäten

– Erfüllen alle materiellen Wünsche

– Betrachten ihre Kinder als Partner

Wenn wir über diese Merkmale nachdenken, werden wir feststellen, dass es einige wenige Familien gibt, auf die all diese Punkte im extremen Maße zutreffen, so wie es auch früher schon „Klucken“ unter den Müttern gegeben hat. Aber nicht jedes Elternpaar, mit dem es Probleme im Unterricht gibt, erfüllt all diese Punkte. Es wäre deshalb verheerend diese als „Helikopter-Eltern“ abzustempeln. Viele Eltern unserer Schüler sind Eltern, die sich mehr als die Durchschnittseltern um das Wohl ihrer Kinder sorgen. Genau das veranlasst sie dazu, ihren Nachwuchs bei uns anzumelden.

Nehmen wir mich als Beispiel. Auch ich habe nur 2 Kinder (nun schon erwachsen). Ich wünsche mir bis heute, dass ich allen Schaden von ihnen abhalten könnte. Ich habe immer danach geschaut, mit wem meine Kinder Umgang hatten. Auch meine Kinder hatten Instrumentalunterricht und waren in einem Sportverein aktiv. Auch ich habe meine Kinder durch das Gymnasium „getreten“ und ihnen sehr viele ihrer materiellen Wünsche erfüllt. Ich bin eine ganz normale Mutter und liebe meine Kinder!

Was können wir tun?

Statt über die Eltern unserer Schüler zu urteilen, sollten wir ihnen helfen, eine entspannte Haltung zu entwickeln. Wie kann das geschehen?

1. Pflegt einen engen, vertrauensvollen Kontakt zu den Eltern eurer Schüler.

2. Zeigt Verständnis für ihre Lebenssituationen.

3. Gebt den Eltern genaue Ratschläge, wie sie ihre Kinder zu Hause bei der Arbeit am Instrument unterstützen können. Oder ermuntert sie, ihren Nachwuchs eigenständig arbeiten zu lassen. Setzt nichts voraus.

4. Signalisiert, dass es im Musikunterricht keinen Leistungsdruck gibt. (Möchte ein Schüler an Wettbewerben teilnehmen, muss das von ihm ausgehen und nicht von den Eltern oder dem Lehrenden.) Sprecht immer wieder darüber, dass jedes Kind sein eigenes Lerntempo hat, und dass es keine allgemeingültige „Messlatte“ gibt.

5. Lobt die Fortschritte der Kinder vor den Eltern.

6. Lobt auch das Engagement der Eltern und zeigt Verständnis für häusliche Schwierigkeiten.

7. Vermeidet selbst überzogenen Forderungen an die Schüler. Nur die wenigsten von ihnen wollen Berufsmusiker werden.

Das Ziel

Kehren wir zu Janina und Tobias zurück. Sie haben das große Glück, interessierte, engagierte aber entspannte Eltern zu haben. Eltern, deren persönliches Glück nicht von den musikalischen Leistungen, dem Schulabschluss oder der Berufswahl ihrer Kinder abhängt.

Wenn einige Eltern nicht schon von sich aus diese Eigenschaften aufweisen, können wir Ihnen helfen, mindestens in Bezug auf den Musikunterricht ihrer Kinder, eine solche Einstellung zu entwickeln. Das geschieht, indem der Musikunterricht ein geschützter Bereich innerhalb der Ausbildungswelt der Kinder wird. Ein Bereich ohne übermäßigen Druck, ohne den ständigen Vergleich mit anderen und ohne Eile. Ein Bereich, in dem Emotionen erlaubt sind und niemand abgestempelt oder ausgeschlossen wird.

Das ist sicher eine anspruchsvolle Aufgabe, aber sind wir nicht LehrerInnen geworden, um anspruchsvolle Aufgaben zu bewältigen?

Kommentare
  1. Gerhard Wolters sagt

    Sehr schön geschrieben, liebe Gabriele!
    Vielleicht als kleine Ergänzung ein Tipp:
    Es macht auch Sinn, zwischen Einzelgesprächen mit Eltern und Möglichkeiten einer Eltern-GRUPPE zu unterscheiden (z.B. bei einer kurzen inhaltlichen Ausführung zwischen zwei Stücken beim Klassenkonzert oder der bei uns mittlerweile zum Standard gehörenden gemeinsamen Stundenplanplanung).
    Während ich im Einzelgespräch doch meist recht diplomatisch bleibe(n muss), kann ich vor der Gruppe durchaus mal einige allgemein gültige Aussagen „raushauen“, wie z.B. neulich bei einer Kollegin, die grad unsere MDU-Ausbildung absolviert: „Die Art und Weise, wie Sie das Üben Ihres Kindes interessiert, sagt durchaus etwas über die Wertschätzung der musikalischen Bildung Ihres Kindes aus!“ Manchmal ergänzen interessierte Eltern diese Ausführungen mit eigenen Statements und geben so ein authentisches (positives) Beispiel für andere Eltern.
    Ganz allgemein lässt sich sagen, dass m.E. eine regelmässige und informative Elternarbeit unverzichtbar zu einem gelingenden Instrumenralunterricht gehört.

    1. Hallo Gerhard,
      vielen Dank für deinen Kommentar. Ich stimme dir in allen Punkten zu.
      Viele Grüße
      Gabriele

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