Für Musiker_innen, Musik- und Intrumentalpädagog_innen, Sänger_innen & Hobbymusiker_innen

Sexueller Missbrauch im Musikunterricht – die zwei Seiten einer Medaille

Wie schütze ich mich als Lehrer vor falschen Anschuldigungen und Misstrauen?

Sexueller Missbrauch von Schülern ist in den letzten Jahren zum Dauerthema in der Presse geworden. Konfessionelle Einrichtungen, Schulen wie die Odenwaldschule und auch musische Institutionen, wie die Regensburger Domspatzen, wurden zu Orten unglaublicher Vorgänge.
Laut einer Studie der Universität Bremen wurden 4,3 Prozent aller Schüler ab der siebten Klasse schon ein- oder mehrmals durch Lehrer mit Worten sexuell belästigt. 3,3 Prozent der Befragten berichteten sogar von körperlichen sexuellen Übergriffen.

In dieser Studie ging es um Schüler der Regelschulen, aber wie sieht es im Instrumentalunterricht und im Bereich der Chöre aus? Und welche Folgen hat dieses Dauerthema für uns MusikpädagogInnen?

Sexuelle Übergriffe im Musikunterricht

Verfolgt man die Meldungen über sexuelle Belästigungen und sexuelle Übergriffe etwas genauer, findet man auch Fälle bei denen Musik- und Instrumentallehrende sowie Kirchenmusiker die Täter waren. Prominentestes Beispiel: die Regensburger Domspatzen.
In Frauen-Gesprächen haben mir Kolleginnen schon mehrfach von sexuellen Übergriffen durch ihre Instrumentallehrer berichtet. Auch Hochschuldozenten, die ihre Schülerinnen nach Oberweite oder Aussehen auswählen, sind keine Seltenheit. Wahrscheinlich könnte jede studierte Musikerin ihre kleinen „Geschichtchen“ erzählen.
Als Frau ärgert es mich besonders, dass gerade im künstlerischen Bereich sexuelle Belästigung durch Worte oder „kleinere“ körperliche Übergriffe als „normal“ gelten.

Falsche Anschuldigungen gegen Lehrer

Auf der anderen Seite verabscheuen nach meiner Erfahrung die meisten Musikpädagogen jegliche Form von sexuellen Übergriffen und kämen nicht einmal auf die Idee, ihre Schülerinnen oder Schüler „anzugrapschen“. Da sexuelle Belästigung zu einem Dauerthema geworden ist, hört man auch immer wieder von falschen Anschuldigungen und Misstrauen gegenüber männlichen Lehrpersonen. Wir wollen deshalb folgende Fragen erörtern:
– Wie verhalte ich mich als Lehrer korrekt?
– Was kann ich innerhalb eines Kollegiums tun?
– Was tun, wenn ich fälschlicher Weise beschuldigt werde?

Grundsätzliches

Einigen wir uns zunächst darauf, dass jede Form von sexuellen Übergriffen (mit Worten oder Taten) im Musikunterricht und in der Chorprobe niemals vorkommen dürfen und es auch keine Entschuldigungen dafür gibt.

Jede/r LeiterIn einer Musikschule muss diesen Grundsatz offen mit allen Lehrenden besprechen. Sollte es trotzdem zu sexuellen Übergriffen oder unkorrektem Verhalten kommen, müssen sofort entsprechende Konsequenzen gezogen werden. Vertuscht oder leugnet die Schulleitung (erwiesene) sexuelle Übergriffe, macht sie sich mit schuldig und gefährdet die Existenz der gesamten Musikschule.

Wie kommt es zu falschen Anschuldigungen und Misstrauen?

Auszug aus dem Tagebuch einer 14-jährigen: „Liebes Tagebuch, ich habe mich total in meinen Gitarrenlehrer verliebt. Er heißt Tobias und wir dürfen ihn Tobi nennen. Er ist soooo süüüüüüüß. Er hat lange blonde Haare und den totalen Träumerblick und seine Hände sind so…, da gibt es echt kein Wort für. Und dann spielt er so super Gitarre. Er hat uns eine Ballade vorgespielt und dazu gesungen. Alle sind wir dahingeschmolzen. Aber er hatte nur Augen für mich, da bin ich ganz sicher. Was kann ich nur tun, dass er mich noch mehr beachtet. Vielleicht treffe ich ihn ja mal im Bistro, das wäre so toll…“
Ich denke, es ist ganz natürlich, dass musikbegeisterte Jugendliche für ihre Lehrer oder Chorleiter schwärmen. Aus unerwiderter Liebe, Enttäuschung und dem Wunsch nach Aufmerksamkeit kann es dann zu falschen Anschuldigungen kommen. Das muss ich als Musikpädagoge wissen und mein Verhalten darauf einstellen. Wer den Tagebucheintrag aufmerksam ließt, wird feststellen, welche kleinen Fehler der Kollege in seinem Umgang mit der pubertierenden Schülerin schon gemacht hat.

Im Bereich der musikalischen Frühförderung ist – dem Alter der Kinder entsprechend – im Unterricht viel körperliche Nähe notwendig. Kinder müssen auf den Arm oder Schoß genommen werden, man fasst sich an den Händen oder krabbelt als Pferd durch den Raum. Durch Berichte über sexuellen Missbrauch sind einige Mütter Männern (Erziehern, Lehrern) gegenüber grundsätzlich misstrauisch. Schnell vermuten sie pädophile Beweggründe für körperliche Zuwendung. Auch das muss ich als Musikpädagoge wissen und entsprechend handeln.

Wie verhalte ich mich als Lehrer korrekt?

Instrumentalunterricht/Chor
– Bemüht euch um ein verbindliches aber körperlich distanziertes Verhalten. Ist es notwendig eine/n SchülerIn zu berühren, z.B. um einen Haltungsfehler zu korrigieren, kündigt es vorher an. Achtet darauf, dass eure Berührungen ein Ziel verfolgen – nämlich die Korrektur – und deshalb nicht falsch interpretiert werden können. Achtet auch darauf nicht dauerhaft zu dicht neben einem Schüler zu stehen oder zu sitzen. Jeder Mensch hat eine Art „Sicherheitsbereich“ um sich. Befinde ich mich als Lehrer innerhalb dieses Bereichs, kann der Schüler sich bedrängt fühlen, obwohl ich ihn gar nicht berühre.
– Bemüht euch darum, alle Schüler einer Gruppe gleich zu behandeln.
– Pflegt ein offenes Verhältnis mit den Eltern eurer jugendlichen Schüler.
– Ladet die Eltern gelegentlich in den Unterricht ein.
– Bemerkt ihr Schwärmereien bei euren Schülerinnen, erzählt zwischendurch häufiger von eurer Frau/Lebenspartnerin und euren Kindern.
– Achtet darauf, dass ihr als Lehrer und nicht als Kumpel wahrgenommen werdet.
– Auch das förmliche „Sie“ schafft Distanz, gerade, wenn man noch sehr jung ist.
– Verabredet euch nicht privat mit den Schülerinnen.

Schwärmereien gibt es übrigens nicht nur bei Jugendlichen, sondern auch bei reifen Frauen. Viele Chorleiter können davon ein Lied singen. Auch hier gelten die gleichen Verhaltensregeln, wie bei jugendlichen Schwärmereien.
Jeder Chorleiter sollte wissen, dass ein „zu vertrauter Umgang“ mit den Sängerinnen des anbefohlenen Chores (auch wenn diese volljährig sind) schon oft zu kriegsähnlichen Zuständen bis hin zum Auseinanderbrechen ganzer Singgemeinschaften geführt hat.

Frühförderung
– Pflegt auch hier einen offenen Kontakt zu den Eltern.
– Berichtet in Elternabenden und Elterngesprächen von euren Familien und den eigenen Kindern. Das schafft Vertrauen.
– Ladet die Eltern in den Unterricht ein.
– Wenn ihr Misstrauen spürt, sprecht das Thema offen an.
– Gebt euch natürlich, aber achtet auf eure Gesten und Worte in Gegenwart der Mütter.

Was kann man innerhalb eines Kollegiums tun?

– Wenn ihr mit einer Gruppe von jungen Mädchen Chorreisen, Konzerte oder andere Aktivitäten unternehmt, bittet Kolleginnen darum, euch dabei zu unterstützen.
– Pflegt mit euren Kolleginnen einen freundschaftlichen Umgang. So können die Schülerinnen beobachten, dass ihr auch der Kollegin mal auf die Schulter klopft oder, dass ihr sie am Geburtstag freundschaftlich umarmt.
– Es kann viel Vertrauen schaffen, wenn eine Lehrerin vor den Eltern der Frühförderung über die fachlichen und menschlichen Vorzüge ihres männlichen Kollegen spricht.

Was tun, wenn ich fälschlicher Weise beschuldigt werde?

Sollte es trotz aller Vorsichtsmaßnahmen zu falschen Beschuldigungen kommen, muss sofort gehandelt werden. Ein Gespräch mit der Schülerin und deren Eltern ist dann der erste Schritt. Ist der Beschuldigte in einer Musikschule tätig, sollte er sofort die Schulleitung informieren und diese zum Gespräch dazu bitten. Lassen sich die Vorwürfe trotz aller Bemühungen nicht aus der Welt schaffen, kann es notwendig sein, sich rechtlichen Beistand zu holen.

Fazit

Sexuelle Übergriffe sind keine Kavaliersdelikte. Jeder Musikpädagoge muss zu diesem Thema Stellung beziehen und sich entsprechend verhalten. Es ist aber auch niemand, allein durch sein Geschlecht ein potentieller Täter. Gerade wir Frauen müssen hier unseren männlichen Kollegen helfen, sich gegen falsche Anschuldigungen und Misstrauen zu schützen.

1 Kommentar
  1. […] Januar 2017 veröffentlichte ich auf Musikdidaktik.net den Artikel „Sexueller Missbrauch im Musikunterricht – die zwei Seiten einer Medaille“. Kurz darauf erhielt ich eine lange Mail, in der eine Kollegin kritisch anmerkte, dass in meinem […]

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