Ich konnte nicht üben, weil…

Warum das ÜBEN zur lästigen Pflicht wird und wie wir als Lehrende damit umgehen.

Ich liege auf meinem Sofa, ein Buch in den Händen und eine Tasse Tee neben mir. Aber anstatt zu lesen, beobachte ich die Vögel in meinem winterlichen Garten und sinniere über das Thema „Üben im Instrumentalunterricht“. Der Auslöser für meine tiergehenden Gedanken ist eine kleine Anekdote der vergangenen Woche. Lena, eine meiner fortgeschrittenen Klavierschülerinnen, absolvierte in den vergangenen zwei Wochen ein Berufspraktikum bei mir. Liebevoll nahm sie sich schon ab dem zweiten Tag einiger Schüler an und erarbeitete neue Stücke mit ihnen. Voller Erwartungen empfing sie diese dann in der zweiten Woche und gleich die erste Kandidatin stürzte in den Unterrichtsraum mit dem Satz: „Ich konnte gar nicht üben, ich war beim Kindergeburtstag.“ Völlig erschüttert kam Lena daraufhin zu mir und flüsterte: „Und was machen wir jetzt?“
Was für eine wunderbare, natürliche Reaktion.
1000 widersprüchliche Gedanken gehen mir beim Thema „Ich konnte nicht üben…“ durch den Kopf.

ÜBEN – die natürlichste Sache der Welt

Warum haben so viele Menschen – große und kleine – ein Problem mit dem Üben?
Eigentlich ist das „Üben“ die natürlichste Sache der Welt. Schon seit unserer Geburt sind wir ständig dabei zu üben. Wir haben vor uns hin gelallt, Silben und Worte immer wieder wiederholt, uns an kurze Sätze gewagt und später an lange und endlich konnten wir sprechen. Wir sind gerobbt und gekrabbelt. Wir haben die ersten Gehversuche gemacht, sind gefallen und aufgestanden. Wir haben geweint und wurden getröstet, sind wieder gelaufen und gefallen und dann endlich hatten wir es geschafft… wir konnten uns eigenständig und sicher auf zwei Beinen bewegen.

Üben war die tollste Sache überhaupt. Wann aber begannen wir, das Üben als lästige Pflicht zu betrachten?
1. Als wir nicht mehr unsere eigenen Ziele verfolgen durften.
2. Als wir keine entsprechenden Vorbilder mehr hatten.
3. Als man unsere Leistungen mit denen anderer verglich.
4. Als wir nicht mehr so üben durften, wie wir es wollten.
5. Als wir nicht mehr für kleine Fortschritte gelobt wurden.
6. Als die Zahl der Dinge, die wir üben sollten, zu groß wurde.
Usw.

Wenn die Schüler nicht oder zu wenig ÜBEN

Wenn unsere Schüler nicht oder wenig üben, können wir zunächst die oben aufgeführten Punkte erwägen. Allerdings nur, um wieder ein wenig mehr Verständnis für unsere Schüler zu haben. Denn schauen wir genauer hin, zeigt sich der Zwiespalt.
Sollten wir alle Schüler rausschmeißen, die scheinbar keine Lust (mehr) haben, für ihren Instrumentalunterricht zu üben – also nicht mehr das entsprechende Ziel verfolgen? Sicher nicht. Bestimmt sind wir unseren Eltern und LehrerInnen dankbar, dass sie uns auch über die Krisenzeiten unserer Musikausbildung geführt haben.
Eltern, die ihre Kinder bei den ersten „Übekrisen“ nicht gleich abmelden, sind ein Segen. Auch das Laufenlernen war ein schmerzhafter Prozess, den unsere Eltern mit uns gemeistert haben. Sie haben uns nach den Stürzen wieder aufgehoben, haben uns getröstet und mit Keksen die nächsten Gehversuche „versüßt“. Jeder kleine Fortschritt wurde bejubelt und fotografiert.
Und wie sieht es im Alltag des Musikunterrichts aus? Wie werden unsere Schüler von uns und ihrer Umgebung unterstützt?
Oft bitte ich die Eltern meiner Schüler kurz in den Unterrichtsraum und lasse die Kinder besonders gut erarbeitete Stücke vorspielen. Dann versuche ich die Erwachsenen auf kleine Dinge hinzuweisen: Hören Sie, wie wunderbar musikalisch ihre Tochter spielt? Schauen Sie, wie kraftvoll ihre Hände schon geworden sind. Und wie hübsch sie dazu singt…
Nach meiner Erfahrung üben Schüler, deren Eltern sich aufrichtig an den Stücken ihrer Kinder erfreuen, öfter und ausdauernder, als andere.

ÜBEN – aber wie?

Eine der wichtigsten Fragen in diesem Zusammenhang ist: „Wissen unsere Schüler wirklich, wie sie üben sollen?“

Schüler im Vor- und beginnenden Grundschulalter können (mit wenigen Ausnahmen) noch nicht eigenständig zu Hause üben. Hier ist es wichtig, den Eltern regelmäßig (in jeder Stunde) zu zeigen, was sie mit den Kindern zu Hause machen sollen und wie. Nach meiner Erfahrung sind Eltern, die sich bei diesen Erklärungen Notizen machen erfolgreicher, als die anderen.

Sind die Schüler älter, ist es wichtig in jeder Stunde mit ihnen zu besprechen, in welchen Schritten sie ihr Stück bearbeiten und wann von einem zum nächsten Schritt gewechselt werden kann. Diese Übungsstrategie sollte anschließend aufgeschrieben werden, denn eine individuelle Strategie kann man sich nicht über mehrere Tage merken. In der kommenden Stunde muss die Lehrperson dann zeigen, dass er/sie wirklich Interesse an der Arbeit des Schülers hat, indem folgende Fragen besprochen werden:
– Wie viel Zeit hattest du?
– Welche Schritte hast du dir vorgenommen?
– Welche konntest du abschließen und warum?
– Wie bist du mit dem Ergebnis zufrieden?
– Haben sich Fragen ergeben?

In der Musikausbildung ist der Anteil des häuslichen Übens um vieles größer, als der, des Unterrichts. Deshalb muss dieser wichtige Anteil gut vorbereitet und geplant werden. Wir LehrerInnen sollten deshalb genügend Zeit dafür reservieren und zeigen, dass wir so unsere Schüler auch von der Ferne aus die Woche über begleiten.

Der Tag, an dem meine Schüler beginnen eigenständig zu Hause zu arbeiten, wird bei mir feierlich begangen. Ich überreiche den Kandidaten meine Visitenkarte mit meiner Handynummer und bitte sie, mich anzurufen, wenn sich Fragen ergeben oder sie nicht mehr weiter wissen. Sehr stolz verlassen die Drittklässler dann den Raum und verkünden ihren Eltern, dass sie nun musikalisch für sich selbst sorgen und eine Visitenkarte besitzen. Marius, 8 Jahre, erklärte wörtlich: „Ich kann Frau Zimmermann nun immer anrufen. Ich übe jetzt selbst und manchmal mit ihrer Hilfe zu Hause.“ (Allerdings möchte ich euch auch den Nachsatz nicht verheimlichen: „Ich brauche jetzt ein eigenes Handy!“)

Ich konnte nicht üben, weil…

Zurück zum LehrerInnen-Alltag des Instrumentalunterrichts. Unter uns gesagt: Kein anderer Satz meiner Schüler ärgert mich nach 30 Jahren Unterrichtstätigkeit immer noch so, wie dieser. Dabei ist es gerade die Art, wie er vorgetragen wird, die mich erschreckt. Dazu dann auch noch all der Blödsinn, der nach dem ‚weil‘ kommt. Schon lange gerate ich  nicht mehr in Panik, wie meine Praktikantin. Aber eigentlich ist die Frage – und was machen wir jetzt? – berechtigt. Nach dem pädagogischen Lehrbuch müsste nach dem Satz – ich konnte nicht üben… – die Frage kommen: Was hindert meinen Schüler daran, zu üben? Einigen Antworten haben wir uns in diesem Artikel angenähert.
Und doch gibt es Tage, da erwidere ich einfach: „Ich möchte nicht wissen, dass und warum ihr nicht geübt habt, erzählt mir lieber, dass ihr geübt habt und wie es euch dabei ergangen ist. Denn ich liebe es, euch zu loben wenn ihr geübt habt und euren erarbeiteten Stücken zu lauschen.“

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Kommentare

  1. Gabriele Zimmermann sagt

    Liebe Leser,
    hier der Kommentar des Kollegen Oli Gehrung von FB:
    Viele meiner Schüler die zB eine Ganztagesschule besuchen sind von 8-16 Uhr in der Schule, manche fahren dann noch 30-45 Minuten nach Hause, müssen dann oft noch was für die Schule machen. Welcher Erwachsene wäre da danach nicht völlig kaputt? Soll ich da ernsthaft fragen warum einiger meiner Schüler nicht üben….? Dann bleibt noch das Wochenende und vielleicht 1 Tag in der Woche in denen sie früher aus haben….allerdings gibt es natürlich auch wieder Kinder die das trotz Stress trotzdem packen. Ich rege mich aber schon lange nicht mehr drüber auf wenn sie nicht geübt haben. Ich übe dann mit denen in der Stunde. Die Zeiten haben sich leider geändert….

    Vielen Dank Oli!

  2. Gabriele Zimmermann sagt

    Hier ein weiterer spannender Kommentar von Henrike Ahlgrimm, einer FB-Leserin:

    „Der Hund der Noten gefressen hat….. Ehrlich als Kind habe ich regelmäßig, aber ohne mit dem Herzen dabei zu sein, geübt. Heute ist es meine größte Leidenschaft. Egal ob Gesang oder Klavier, wenn ich drei Tage nicht üben kann, werde ich unruhig und kribbelig. Schade das die Lernfähigkeit als Erwachsener nicht eben zunimmt, ich hätte mehr erreichen können.

    Der richtige Lehrer ist aber auch hauptverantwortlich. Heut habe ich ihn!“

    Vielen Dank Henrike!

  3. Gabriele Zimmermann sagt

    Und auch diesen Facebook-Kommentar von Tobias Merkle will ich euch nicht vorenthalten:

    „Ich muss immer eine halbe Stunde üben, dann darf ich ne halbe Stunde Tablet spielen.
    Diese Woche hatte ich wegen einer Schlägerei Tabletverbot.
    Deswegen hab ich auch nicht geübt, weil wenn ich kein Tablet spielen darf, macht das ja eh keinen Sinn.“ ?

    Vielen Dank Tobias!

  4. Jessica Pawlitzki sagt

    Oje, die arme Praktikantin. Schon blöd, wenn zu Beginn der Lehrerkarriere Erwartungen und Realität so weit auseinander klaffen. Aber das lernt sie sicher noch!

    1. Gabriele Zimmermann sagt

      Hallo Jessica,
      ja, da hast du recht. Am Ende des Praktikums sagte Lena: „Es war so interessant, den Unterricht mal von der anderen Seite zu erleben.“
      Wir schicken unsere Schüler jede Woche auf einen spannenden Weg. Dass einige einfach stehen bleiben und gar nicht beginnen, ihn zu gehen, ist für uns schon völlig normal. Eigentlich müssten wir deshalb auf die Aussage „Ich konnte nicht üben…“ antworten: „Wie schade, du hast so viele spannende Dinge verpasst.“

      Viele Grüße und einen schönen Sonntag

      Gabriele

  5. Jeff sagt

    Deshalb kann ich auch nie übern 😀

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