Das Smartphone im Musikunterricht – Segen oder Fluch?

Smartphones im Musikunterricht? – Gedanken und Ideen zum sinnvollen Umgang.
Am 9. Januar feierte ein elektronische Gerät seinen zehnten Geburtstag, das wie kaum ein anderes unser tägliches Leben verändert hat. – Das Smartphone.
Kein „Maschinchen“ wird so geliebt und ist doch so umstritten wie der „Telefon-Mini-Computer“. Im Durchschnitt schauen wir 200 Mal am Tag auf dieses Ding – unglaublich.
Und natürlich gehört der Anblick wischender und tippender Menschen auch in Musikschulen und Chorproben zum Alltag. Ist das Smartphone nun aber ein Fluch oder ein Segen für die Menschheit? Und welche Rolle spielt es im Musikunterricht?

Smartphone? – Brauch’ ich nicht!

Wie bei vielen Dingen, die den Markt erobern, stellt sich die Frage: Brauche ich ein Smartphone und will ich überhaupt ein Smartphone? Auf diese Frage gibt es natürlich keine allgemein gültige Antwort. Gerade unter Musikerkollegen habe ich die Erfahrung gemacht, dass einige zunächst auf ein solches Gerät verzichtet haben. Allerdings, spätestens wenn das alte Handy seinen Geist aufgibt, sind wir gezwungen, uns mit der Anschaffung eines Smartphones ernsthaft zu beschäftigen, denn unsere lieben, guten Handys werden kaum noch produziert.
Ich persönlich liebe technische Spielzeuge und bin deshalb schon längere Zeit überzeugte Besitzerin eines Smartphones.

Die Schattenseiten

Natürlich kenne ich auch die Schattenseiten der intensiven Smartphone-Benutzung. Burkhard Müller-Ullrich schreibt in einem Artikel zum 10-jährigen Jubiläum des Smartphones: „Seit dieser Erfindung sind wir immer ein wenig abwesend.“ Und er hat recht. Für einige Menschen ist das Hantieren mit diesem Gerät zu einer Sucht geworden, die Familien zerstört. Gerade Eltern klagen über suchtähnliches Verhalten ihrer halbwüchsigen Kinder. Ein verantwortungsvoller Umgang mit dem Smartphone ist deshalb dringend notwendig. Auch sollten sich Eltern mit dem Thema „Smartphone und Kinder“ beschäftigen und entsprechend handeln. Nur so können sie verhindern, dass ihr Nachwuchs Schaden nimmt.

Das Smartphone in der Musikschule

Donnerstags gegen Abend unterrichte ich eine meiner Lieblingsgruppen: vier Jugendliche –14 und 15 Jahre alt. Hüpften sie früher noch fröhlich zu Beginn des Unterrichts in den Unterrichtsraum, wiederholt sich seit einiger Zeit folgendes Ritual: Es ist 18 Uhr und… niemand kommt. Ich begebe mich deshalb in den Wartebereich. Alle vier sitzen säuberlich aufgereiht auf den Stühlen und starren auf ihr Smartphone. Nebenbei unterhalten sie sich lebhaft. Sie lachen, wie früher, sind bester Stimmung und reagieren auf mein „Guten Abend“ überhaupt nicht. Also werde ich etwas lauter und rufe ihre Namen. Alle vier schauen kurz auf, lächeln, erwidern meinen Gruß und erheben sich, ohne den Blick von ihren Bildschirmen zu wenden. Ich schließe die Tür hinter den Lieben und bemühe mich um einen schmerzlosen Übergang von wichtigen Smartphone-Aktionen zur Realität des Klavierunterrichts. Danach geht alles seine gewohnten Gang. Die Jugendlichen kennen die Regeln und halten sich daran.

Statt uns über Störungen durch Smartphones im Musikunterricht zu ärgern, sollten wir klare Regeln einführen – mit den Jugendlichen und auch den Erwachsenen. Maßstab ist für mich dabei mein eigenes Verhalten. Da ich selbst mein Smartphone mit im Unterrichtsraum habe und in speziellen Situationen auch einen Anruf annehme oder eine Nachricht lese, gibt es bei mir kein striktes Handyverbot. Allerdings gehen alle meine jugendlichen Schüler sehr verantwortungsvoll mit ihren Geräten im Unterricht um. Es hat noch nie ein Handy geklingelt.
Erwachsenen Instrumentalschülern oder Kursteilnehmern mache ich keine Vorschriften. Auch bei ihnen habe ich noch nie negative Erfahrungen gemacht. Dass eine Mutter für ihren Babysitter erreichbar sein muss, ist für mich z.B selbstverständlich. Anders verhält es sich in einigen Mutter-Kind-Kursen. Hier sind in allen Bereichen klare Regeln notwendig, so auch beim Umgang mit dem Smartphone im Unterricht. Sind diese Regeln klar und verständlich, werden sie dankbar angenommen.

Vorteile des Smartphones

1. Kommunikation
Vor ungefähr einem Jahr beschloss ich, meinen Schülern und deren Eltern meine Handynummer mitzuteilen. Ich ließ entsprechende Visitenkarten drucken und überreichte jeder Familie diese Karte mit dem Verweis, dass ich auch über „WhatsApp“ erreichbar wäre. Obwohl jeder mich schon immer über das Festnetz erreichen konnten, wurde diese Geste sehr freudig aufgenommen. Seit dieser Zeit ist mein Kontakt zu den Eltern meiner Schüler und auch zu meinen jugendlichen Schülern viel intensiver geworden. Viele trauen sich eher, mir eine WhatApp-Nachricht zu senden, als mich anzurufen, gerade auch meine Jugendlichen. Für meine Eltern-Kind-Gruppen habe ich WhatsApp-Gruppen eingerichtet – ein wirklicher Segen. Alle Familien, die nicht zum Unterricht kommen können, sagen ab und bleiben doch in Kontakt mit den anderen.
In allen Bereichen der Kommunikation mit meinen Schülern und deren Eltern hat WhatsApp nur positive Auswirkungen.

2. Musikhören für und im Unterricht
Schon immer habe ich meinen fortgeschrittenen Schülern empfohlen, sich ihre Musikstücke von guten Interpreten regelmäßig anzuhören. Leider haben nur wenige auf meine Empfehlung gehört. Nun suchen wir im Unterricht gemeinsam Aufnahmen aus, die die Schüler sich dann auf ihrem Smartphone speichern. Seitdem hören alle sich ihre Stücke regelmäßig an und die Qualität des Vorspiels hat sich bei vielen enorm verbessert.
Auch bei der Auswahl neuer Titel – besonders im Bereich der modernen Musik – verwende ich häufig das Smartphone, um den Schülern die Stücke zunächst im Original vorzuspielen und dann nach entsprechenden Klaviernoten zu suchen.

3. Die Aufnahmefunktion
Eine weitere hilfreiche Funktion des Smartphones ist die Aufnahmefunktion. Wie und wann man mit der Aufnahmefunktion im Unterricht sinnvoll arbeiten kann, erklärte mir mein geschätzter Kollege Gerhard Wolters (MDU). Es kommt immer wieder vor, dass Schüler ein Stück noch nicht gut genug beherrschen, aber der Meinung sind, sie bräuchten nicht mehr daran zu arbeiten. Da viele Schüler gerne mit ihrem Smartphone hantieren, bittet sie Gerhard, ihr Spielen aufzunehmen und anzuhören. Bleibt der Schüler bei seiner Meinung, bekommt er von Gerhard den Auftrag, sich die Aufnahme bis zur nächsten Unterrichtsstunde jeden Tag zu Hause anzuhören. Kann er auch das gut aushalten, bittet er ihn, die Aufnahme einigen seiner Freunde vorzuspielen und diese nach ihrer Meinung zu fragen…
Ich habe Gerhards Idee ausprobiert und bin ganz begeistert.

4. Musik-Apps
Auch im Bereich Musik gibt es viele Apps, die unseren Alltag erleichtern können. Chorleiter nutzen die Möglichkeit der Tongebung und Instrumentalisten verwenden das Smartphone als Metronom.
Schlechte Erfahrungen habe ich generell mit Lern-Apps und Lern-Software bei Kindern und Jugendlichen gemacht. Zunächst sind viele interessiert, dann aber werden diese schnell uninteressant. Das liegt nach meiner Meinung daran, dass die Kinder und Jugendlichen mit dem Smartphone und dem Computer nicht lernen möchten, denn das müssen sie schon genug. Vokabeln sind für viele öde, egal ob im Buch, im Karteikasten oder auf dem Handy. Das gleiche gilt auch für das Noten- oder Musiktheorie-Lernen.
Viele Erwachsene hingegen nutzen beim Lernen gerne Lernprogramme oder Apps.

Fazit

Smartphones haben unser Leben und das unserer Schüler verändert. Sie sind Teil des Alltags geworden. Und so liegt es an uns, diese Geräte aus dem Musikunterricht zu verbannen oder ihre technischen Möglichkeiten und ihre Faszination zu nutzen.

Habt ihr andere Erfahrungen mit dem Smartphone gemacht oder habt ihr weitere Tipps für die sinnvolle Nutzung im Unterricht? Dann berichtet uns gerne davon im Kommentarbereich!

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Kommentare

  1. Gerhard Wolters sagt

    Liebe Gabriele,
    …das nennt man dann wohl Gedankenübertragung.
    Habe mich just in der vergangenen Woche dazu entschlossen, gemeinsam mit einigen Kolleginnen und Kollegen im kommenden Semster eine neue Broschüre zu schreiben unter dem Titel:
    DAS SMARTPHONE IM INSTRUMENTALUNTERRICHT
    – 25 kreative Ideen für den Unterrichtsalltag –
    Du wirst selbstverständlich die 1. sein, die ein/zwei Kapitel davon im Blog veröffentlichen darf!
    Übrigens ist die von Dir zitierte Idee diejenige Idee, die es wohl „mit einem zugekniffenen Auge“ in die neue Broschüre schaffen wird (ist also durchaus humorvoll gemeint).
    Herzliche Grüsse aus der Schweiz
    Gerhard

  2. Gerhard Wolters sagt

    Ein weiteres konkretes Beispiel (das es sicher in die Broschüre schaffen wird):
    Wer von uns hat nicht schon einmal einen Schüler mit Bauchschmerzen in die Übe-Woche verabschiedet, ganz nach dem Motto: „Hoffentlich hat er die Bogenhaltung kapiert und gewöhnt sich keine Haltungsfehler an!“
    Man sende ein WhatsApp an die Eltern, bitte um ein Foto der Bogenhand bei jedem Üben und kann sich entweder über eine gute Haltung freuen – oder (im negativen Fall) darum bitten, das Üben dieses Aspektes bis zur nächsten Lektion sicherheitshalber „auf Eis zu legen“… 😉

  3. Martin K sagt

    ein freundliches Hallo an alle,

    ich werde meine Masterarbeit zu dem Thema schreiben und kann dann auch noch mehrere Informationen geben. Nur eine Sache vorweg; gerade Apps wie WhatsApp sollte man mit Vorsicht genießen, weil deren Datenschutzbestimmungen nicht ganz mit der in Deutschland übereinstimmen.
    Im privaten Rahmen kann man es nutzen, aber nicht im Schulkontext.
    Das betrifft auch Anbieter wie Google. (Schüler brauchen einen Schulaccount und dürfen nicht ihren „privaten“ nutzen)

    Derzeit ist zu empfehlen, dass man über E-Mail kommuniziert. Das geht auch über das Smartphone 🙂

    1. Gabriele Zimmermann sagt

      Hallo Martin,
      vielen Dank für deinen Kommentar. Kannst du das mit dem Datenschutz noch erläutern. Ich persönlich stehe WhatsApp auch skeptisch gegenüber und verwende privat einen anderen Nachrichtendienst. Das nutzt mir aber bei der Kommunikation in der Musikschule nichts, da fast alle anderen nur WhatsApp verwenden. Gerade die Jugendlichen schreiben keine E-Mails, sie verwenden nur Apps. Was ist hier dein Rat?
      Viele Grüße
      Gabriele

  4. Ilse Lintzen sagt

    Liebe Gabriele, dein Fazit, dass Smartphones im Musikunterricht eher positiv zu bewerten sind, teile ich voll und ganz. Zu den Apps möchte ich ergänzen, dass sie dann eher genutzt werden, wenn wir sie im Unterricht ausprobiert haben. Nicht alle sind sinnvoll, außerdem brauchen die Schüler oft auch eine Anleitung, um von den Angeboten richtig profitieren zu können. Ich selbst habe ja ein Internetportal zum Üben und Lernen von Klavierstücken eingerichtet – Klavierspieltrainer.de – auf das ich hier nochmal hinweisen möchte. Es bietet PlayAlongs, kommentierte Noten und ein innovatives Farbkonzept für die Harmonielehre, kann im Unterricht und für das Üben zu Hause genutzt werden – auch auf dem Smartphone.
    Herzliche Grüße,
    Ilse Lintzen

  5. Peter Kahlenborn sagt

    Danke für den Beitrag. Ich habe ähnlich positive Erfahrungen mit Eltern und Schülern gemacht. Ich habe inzwischen tatsächlich eine Schlagzeugklasse. Das letzte Weihnachtskonzert war mit wunderbarem Catering, komplett selbstorganisiert von Eltern.

    Schattenseiten / Nachteile … – es ist wie mit allen anderen Dingen auch: es ist immer was man draus macht. Danke Gabriele fürs Teilen deiner Erfahrungen.

    1. Gabriele Zimmermann sagt

      Hallo Peter,
      vielen Dank für deinen Kommentar und viele Spaß mit deiner Schlagzeugklasse.
      Herzliche Grüße
      Gabriele

  6. Gabriele Zimmermann sagt

    Liebe Leserinnen und Leser,
    hier noch ein interessanter Facebook-Kommentar von Marc Godau:
    „Wir beschäftigen uns in der Forschungsstelle Appmusik an der Universität der Künste Berlin seit vielen Jahren mit dem Phänomen des Lernens mit Musikapps. Auf unserem Blog sind zahlreiche Gedankengänge und wissenschaftlichen Erkenntnisse aufbereitet: http://forschungsstelle.appmusik.de
    Forschungsstelle Appmusik – Formen musikalischer Praxis mit Apps
    und
    http://www.musik-mit-apps.de

    Vielen Dank Marc Godau!

    Gruß
    Gabriele

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