Musik für Senioren

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Ein notwendiges Angebot oder…?

„Die Bevölkerung in Deutschland wird immer älter!“ Diese und ähnliche Schlagzeilen begegnen uns überall.  Hinter diesen Überschriften wird häufig Angst geschürt; Angst vor der Zukunft, dem Zusammenbruch des Sozialsystems, aber auch Angst vor Vereinsamung, Angst vor überquellenden Altenheimen und dem „Aussterben einer Nation“.
Auf der anderen Seite sind Senioren zu einem „Wirtschaftsfaktor“ geworden. Produkte und Dienstleistungen für Ruheständler findet man an jeder Ecke. Die Generation unserer Eltern und Großeltern hat Geld und ist bereit es auszugeben; deshalb muss diese Zielgruppe entsprechend beworben werden.
Natürlich hat das Angebot an seniorengerechten Produkten auch Vorteile. Vielleicht habt ihr auch schon einmal ein Handy für eure Großmutter gesucht. Einfach weil ihr euch Sorgen macht und es doch gut wäre, wenn Omi euch jederzeit erreichen könnte. Sicher führte euch euer Weg dann nicht direkt in den nächsten Apple-Shop, sondern ihr habt ins Internet-Suchprogramm den Begriff „Seniorenhandy“ eingegeben.

Schaut man sich aufmerksam um, gibt es viele Begriffe mit dem Zusatz „Senioren“ zu entdecken: Senioren-Reisen, Senioren-Residenz, Senioren-Gymnastik, Senioren-Kredite… Aber auch Senioren-Musik, Senioren-Musikschule, Senioren-Singen…

Aber bitte, was ist Senioren-Musik?

Musik, die von Senioren gemacht wird? – Mick Jagger?
Musik, die für Senioren gemacht wird? – Drittklassige Alleinunterhalter beim Tanztee in der Kurstadt?
Musik im Altenheim? – Engagierte AltenpflegerInnen, die betagten Menschen im Allzweckraum Rasseln in die Hand drücken und Schlager oder Volkslieder singen.

Ich habe in meiner Umgebung viele Menschen Ü 70 befragt, welche Musik sie am liebsten hören. Ihre Vorlieben entsprachen natürlich der Musik, die sie ihr Leben lang gehört hatten.
– Personen ohne bestimmte Vorlieben nannten erstaunlich häufig: André Rieu
– Klassikliebhaber nannten natürlich: klassische Musik
– Jazzliebhaber nannten: klassische Musik und Jazz
– Aktive Chorsänger nannten: jegliche Musik mit schönen Melodien

Ist Musik an ein bestimmtes Alter gebunden?

Natürlich gibt es Musik, mit der sich besonders Personen einer bestimmten Altersgruppe angesprochen fühlen. Gerade für Jugendliche und junge Erwachsene ist Musik ein Mittel, sich gegen ihre Eltern und deren Werte aufzulehnen. Das ist ein gesunder und für die Entwicklung des Menschen notwendiger Prozess. Auch Kinder befinden sich in einem Entwicklungsprozess, der im Bereich Musik berücksichtigt werden muss. Ein Kind ohne Opernerfahrung in eine Wagner-Oper zu setzen, wäre bestimmt nicht sinnvoll.
Gibt es aber Einschränkungen für Erwachsene? Nein! Und sind „Senioren“ nicht einfach erwachsene Menschen? Natürlich!

Wonach streben alte Menschen?

Bei meinen Gesprächen mit alten Menschen wurde schnell klar, wonach die meisten streben:
1. Gesundheit
2. Selbständiges und selbstbestimmtes Leben so lange, wie möglich

Zu einem selbstbestimmten Leben gehört bestimmt auch die Auswahl der Musik. Nach meiner Meinung ist es nicht wichtig, spezielle musikalische Angebote für alte Menschen zu schaffen, sondern sicher zu stellen, dass Senioren Zugang zum musikalischen Angebot ihrer Umgebung haben.
Sollte ich einmal in einem Altenheim enden, bräuchte ich keinen Alleinunterhalter im Speisesaal, sondern einen netten Menschen, der mich zu einer Opernvorstellung ins nächste Opernhaus fährt und anschließend wieder nach Hause. (Ich lebe auf dem Land, wo der regelmäßige, öffentliche Nahverkehr schon vor Ende der kulturellen Veranstaltungen eingestellt wird.)

Musikschule für Senioren?

Brauchen wir Musikschulen für Senioren? Zunächst stellt sich mir die Frage, ob eine Musikschule mit diesem speziellen Angebot überhaupt überleben kann. Sicher ist es wichtig, älteren Menschen zu signalisieren, dass es für das Erlernen eines Musikinstruments kein Alterslimit gibt und eine gute Lehrperson sollte Erwachsene jeden Alters unterrichten können. Im Gegensatz zum Unterricht mit kleinen Kindern, bedarf es bei Senioren auch keiner zusätzlichen Qualifikation.

Ein gesellschaftliches Problem

Für mich verweist der ganze Rummel um seniorengerechte Angebote auf ein gesellschaftliches Problem. Menschen werden permanent in Gruppen eingeteilt. Besonders die Menschen, die den Anforderungen einer modernen Gesellschaft nicht, nicht mehr oder noch nicht gewachsen sind. Da gibt es Kinder, Menschen mit Behinderung, Senioren, Arbeitslose und Alleinerziehende. Und mit einigen Gruppen kann man gute Geschäfte machen, indem man Bedürfnisse schafft und propagiert. Ein unüberschaubares Angebot an Produkte und Dienstleistungen für Kinder und Senioren sind dafür der Beweis. Statt ernsthaft nach Wegen zu suchen, die die soziale Einbindung alter Menschen in die Gesellschaft stärkt, wird über Tatsachen und Zustände gejammert.
Die Senioren im Chor meines Mannes (Altersdurchschnitt ca. 70 Jahre) benötigen keine spezielle Seniorenmusik. Sie machen ihre Musik selber und viele von ihnen tun dies schon seit Jahrzehnten. Innerhalb ihres Gesangsvereins wird aber nicht nur musiziert. Sie sind eine Sozialgemeinschaft. Sie leben miteinander, sie unterstützen sich, sie feiern und trauern gemeinsam.

Musik kann Generationen verbinden

Musik verbindet Menschen unterschiedlicher Herkunft und unterschiedlichen Alters miteinander.
Viele Chöre sind ein gutes Beispiel dafür. Damit die Musik diese wichtige Aufgabe übernehmen kann, müssen die Menschen jedoch aktiv musizieren oder aktiv an musikalischen Veranstaltungen teilnehmen. Wenn wir uns einfach vor den Fernseher oder die Stereoanlage setzen, kann uns die Musik nicht mit anderen Menschen verbinden.

Nun gibt es mittlerweile auch Unterrichtskonzepte zu Musikkursen für Senioren mit Kindern – sicher ein lobenswerter Ansatz aber… Wenn ich mir Beispiele von diesen Kursen im Internet anschaue, beschleicht mich ein merkwürdiges Gefühl. Ist es richtig, erwachsenen Menschen auf dem musikdidaktischen Niveau von Kindergartenkindern zu begegnen?
Ideal wäre hier natürlich die Großfamilie. Alte Menschen, die mit ihren Kindern, Enkeln und Urenkeln in einem gemeinsamen Zuhause musizieren und zwar innerhalb ihrer eigenen familiären Tradition.

Musik für bestimmte Krankheitsbilder

Eine Ausnahme bei all meinen Betrachtungen bildet das Musizieren als Therapie. Menschen mit Demenz benötigen Musik als Teil ihrer Therapie. Hier ist ein durchdachtes und organisiertes Vorgehen durchaus berechtigt, so, wie in allen anderen Bereichen der Musiktherapie.
Bei Demenzkranken ist der Umgang mit Liedern und Gedichten aus der Jugendzeit oft ein Schlüssel zu ihrer Seele. Beim Schott-Verlag ist dazu die Serie „Hochbetagte und Menschen mit Demenz“ erschienen. Sie soll eine Hilfestellung für Angehörige und Pflegepersonal sein, um über Musik und Spiele an Erinnerungen anknüpfen zu können und so ins Gespräch zu kommen. Das Buch enthält neben Liedern, Gedichten, Anregungen und Hinweisen auch eine CD.
Ich habe die Ausgabe „Winter und Weihnacht“ auf Anfrage vom Schott-Verlag erhalten und sie hat mich sehr angesprochen. Allen Menschen, die Demenzkranke pflegen und selbst nur über ein kleines Lied- und Gedichtrepertoire verfügen, kann ich diese Reihe wärmstens empfehlen.

Autor Christoph & Waltraud Borrier
ISBN 978-3795709228
Details 112 S. mit CD
Verlag SCHOTT MUSIC GmbH & Co KG
 Preis  € 18,50
 Bestellen  Bei Amazon.de

Fazit

Senioren sind erwachsene Menschen mit einem Recht aus Selbstbestimmung. Das sollten wir jüngeren Menschen im Alltag nicht vergessen. Wie weit sich jeder von uns an der Vermarktung von Senioren-Produkten und -Dienstleistungen beteiligt, bleibt eine individuelle Entscheidung. Ich würde mich aber sehr freuen, wenn eine rege Diskussion im Kommentarbereich über dieses wichtige Thema in Gang kommt – denn älter werden wir alle.

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4 Comments

  1. Norbert Klippstein says

    Hallo, ich bin freiberuflicher Musiker und einmal im Monat für 1,5 Std in verschiedenen Seniorenheimen tätig.
    Ich spiele Titel und Wünsche welche die Senioren gern hören wollen. Ich werde jedesmal sehnsüchtig erwartet und man merkt wie sehr die Senioren diese 1,5 Std. geniessen. Ob man eine Musikschule für Senioren braucht, ich glaube wohl eher nicht. Wie Kinder sollte man Sie auf keinen Fall behandeln. Auch wenn Sie sehr oft schon im Rollstuhl sitzen, ich habe aber immer im Kopft gestig rege Menschen vor mir. Schade das der Staat mit Bezahlung von Minilohn diese Arbeit nicht unterstützt. Für alles wird Geld rausgeworfen, für die Bildung unserer Kinder und Versorgung der älteren Menschen scheint nichts da zu sein.
    Gruß Norbert

    1. Gabriele Zimmermann says

      Hallo Norbert,
      vielen Dank für deinen Bericht. Ich stimme dir zu, dass zu wenig Geld für Bildung und alte Menschen zur Verfügung steht und so können Tätigkeiten, wie deine nicht oder nur schlecht entlohnt werden. Das ist sehr schade. Wie gut, dass du den Menschen in deinen Heimen jede Woche so viel Freude bereitest.
      Viele Grüße
      Gabriele

  2. Angelika Schneider-Funk says

    Hallo zusammen.
    Ich möchte für unsere Senioren ab März einen Musikkreis für Senioren anbieten. Und ja, ich bin davon überzeugt, dass das ein wichtiges Angebot ist. Natürlich haben sie viel erlebt, gemacht und selbst gelernt und ausprobiert. Aber Musik mit ihren verschieden Facetten kann bei jung und alt soviel bewirken.
    Ich sehe es eben nicht nur von der musikalischen Seite, sondern auch von der pädagogischen. Und warum soll ich nicht dasselbe Angebot mit den Senioren machen, dass ich mit Kids, Jugendlichen und Jungerwachsenen mache. Der Effekt bleibt derselbe. Eine Weiterentwicklung im Kopf. Motorische und musikalische Schulung. Das kann auch für den Alltag unserer Senioren sehr hilfreich sein. Sie leben ja nicht alle im Heim. Gerade bei uns leben soviele alleine.
    Und was die Chorwelt angeht. Der ist gerade mega im Wandel. Die Chöre wie wir sie aus den letzten Jahrzehnten kennen, wird es bald nicht mehr geben. Leider.
    Ich freue mich auf die Arbeit mit den Senioren. Ich hoffe es wird rege angenommen.
    LG Angelika

    1. Gabriele Zimmermann says

      Liebe Angelika,
      vielen Dank für deinen Kommentar. Ich wünsche dir viel Erfolg und Freude mit deinem neuen Angebot.
      Herzliche Grüße
      Gabriele

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