Auch Musiker haben das Recht auf eine angemessene Bezahlung

Vom Recht auf Bezahlung, Probestunden und Unterrichtsverträgen.

Ich sitze an meinem Schreibtisch und überdenke das letzte Schulhalbjahr. Viele Kinder haben sich meine Kurse der Frühförderung angeschaut, die meisten sind geblieben, doch einige haben ein- bis dreimal am Unterricht teilgenommen und sind dann wieder verschwunden. Keiner von diesen hat mir Bescheid gesagt, keiner ist auf die Idee gekommen, dass dieser „Probeunterricht“ Geld kosten könnte und einen Vertrag habe ich auch nicht. Seit mehreren Jahrzehnten mache ich nun diesen Job und noch immer habe ich Probleme damit, die Bezahlung für meine Arbeit konsequent einzufordern. Was stimmt nicht mit mir?

Wie alles begann

Auch ich habe, wie viele KollegInnen, schon vor meiner Ausbildung innerhalb meiner Kirchengemeinde Unterricht gegeben und auf Feiern im Freundeskreis musiziert. Für den Instrumentalunterricht bekam ich 5 DM im Monat für das Musizieren gar nichts. Gönnerhaft wurde mir jedesmal der 5 DM-Schein überreicht und wenn meine meist erwachsenen Schüler die Bezahlung vergaßen, hätte ich niemals gewagt, mein Geld einzufordern. Nach meiner Ausbildung übernahm zum Glück mein Mann die finanzielle Ausrichtung meiner Arbeit und führte bei sich und bei mir Unterrichtsverträge ein. Dieses hilflose Gefühl meiner 5 DM-Zeit bin ich jedoch nie wirklich losgeworden.

Habt ihr auch ähnliche Erfahrungen gemacht? Habt ihr unter bestimmten Umständen Schwierigkeiten eure Honorare einzufordern? Habt ihr Unterrichts- oder andere Verträge mit Schülern und Veranstaltern?
Für alle, die jetzt ein wenig ins Grübeln gekommen sind, hier einige Gedanken:

Auch Musiker haben ein Recht auf Bezahlung

Zunächst müssen wir uns immer wieder vor Augen führen, dass auch wir MusikerInnen ein Recht auf eine anständige Bezahlung unserer Arbeit haben. Wir haben außerdem das Recht, zu bestimmen, ob wir unserer Freundin das „Ave Maria“ in der Kirche zur Hochzeit schenken, oder ob wir eine Entlohnung für unsere Darbietung wünschen.
Menschen, die glauben, dass eine Band – bei einer Feier oder in einem Restaurant – keine Bezahlung braucht, da sie ja durch den Auftritt für sich selbst Werbung macht, sind Idioten. (Das musste hier mal so direkt gesagt werden!) Eltern, die sich über die Höhe unseres Unterrichtshonorars beschweren, haben die Möglichkeit, die Lehrkraft zu wechseln. Jeder von uns kann den Preis für seine Arbeit selbst festlegen und ihn dann einfordern. Unsere Arbeit ist immer nur so viel Wert, wie andere bereit sind, dafür zu bezahlen. Bewegen wir uns jedoch in diesem Rahmen, bestimmen wir selbst, ob und wann wir Ausnahmen machen.

Geldangelegenheiten und Gefühle

Wenn wir uns mit Geldangelegenheiten beschäftigen, sollte uns in erster Linie unser Verstand leiten. Mein Beispiel zeigt, dass uns Gefühle in eine falsche Richtung führen könnten. Ich bin nicht mehr das 16-jährige Mädchen auf dem Weg zum Abitur, sondern eine Berufsmusikerin mit entsprechender Erfahrung.
Um den Preis für unsere Tätigkeit zu ermitteln, gilt es vieles zu bedenken:
– Was kann ich?
– Wie lange bin ich schon tätig?
– Was mache ich anders/besser als die Konkurrenz?
– Was wird in meiner Region im Durchschnitt für meine Dienstleistung bezahlt?
– Wieviel Geld haben die Menschen in meiner Umgebung zur Verfügung?
– Welche Leistungen enthält mein Angebot?
Auch wenn wir MusikerInnen sind, ist betriebswirtschaftliches Denken bei der Festlegung unseres Honorars unbedingt notwendig.

Brauche ich Verträge?

Rein rechtlich brauchen Musiklehrende und MusikerInnen keine Verträge und doch empfehle ich sie eindringlich. Alle KollegInnen, die noch keine Unterrichtsverträge haben, ermuntere ich, sie im neuen Jahr einzuführen. Viele von uns waren zunächst freiberuflich ohne Verträge tätig und haben irgendwann welche eingeführt. Das ist ein mutiger Schritt, aber ich habe noch niemanden getroffen, der es hinterher bereut hat.
Sicher können auch alle Rahmenbedingungen einer Tätigkeit mündlich festgelegt werden, nur kann man diese Vereinbarungen in einem Streitfall rechtlich nicht belegen.

Aufbau eines Unterrichtsvertrags

Ein rechtsgültiger Unterrichtsvertrag ist kein Zauberwerk. In diesem Zusammenhang lohnt sich eine Mitgliedschaft im Tonkünstlerverband oder anderen Berufsverbänden. Der Tonkünstlerverband Bayern bietet z.B. Unterrichtsverträge gegen eine Gebühr an. Jeder kann aber auch selbst welche entwerfen. Hier die wichtigsten Punkte, die ein Unterrichtsvertrag enthalten muss:
1. Name und  Adresse der Vertragspartner
Dabei ist zu beachten, dass für minderjährige Kinder ein Erziehungsberechtigter den Vertrag ausfüllen und unterschreiben muss.
2. Art und Umfang des Unterrichts
Hier ist es wichtig, genaue Angaben zu machen: Gruppen- oder Einzelunterricht, Dauer der Unterrichtseinheiten, wie oft und wo findet der Unterricht statt, wie viele Personen nehmen maximal daran teil.
3. An welchen Tagen findet kein Unterricht statt
4. Regelungen, wenn Schüler oder Lehrer den Unterricht absagen
5. Höhe des Honorars
6. Laufzeit des Verlags bzw. Kündigungstermine, Fristen für Honorarerhöhungen
Es gibt fortlaufende Verträge mit Kündigungszeiten und Verträge, die über einen festen Zeitraum laufen.
7. Weitere Vereinbarungen
8. Ort, Datum und Unterschrift der Vertragspartner

Egal, ob ein Vertrag allen juristischen Winkelzügen standhält, er bewirkt bei den meisten Vertragsnehmern, dass grundlegende Vereinbarungen auch eingehalten werden.

Tätigkeiten ohne Vertrag

Jeder, der mit Verträgen arbeitet, hat auch die Freiheit, bestimmte Tätigkeiten ohne schriftliche Vereinbarungen zu erledigen. Ich kenne Chorleiter mit mehreren Chören, die für eine ihrer Gesangsgruppen ohne Vertrag arbeiten und das schon viele Jahre. Wenn man mit Menschen oder Institutionen über einen langen Zeitraum problemlos und mit einem guten Gefühl zusammenarbeitet, bedarf es keines Vertrags. Sollte sich das Arbeitsverhältnis verändern, steht es einem natürlich frei, sich vertraglich abzusichern.

Sonderleistungen

Auch für alle Arbeiten, die wir außerhalb unserer vereinbarten Tätigkeit entrichten, haben wir das Recht, eine Bezahlung zu fordern. Dabei ist es wichtig, zunächst für sich selbst zu überlegen, welche Tätigkeiten zu meinem normalen Service gehören und welche nicht.

Eine Probestunde oder Probezeit gibt den Eltern und Schülern die Möglichkeit, den Unterricht erst einmal auszuprobieren, bevor sie sich längerfristig vertraglich binden. Das ist die Serviceleistung. Es ist jedoch normal, dass diese Unterrichtsstunden bezahlt werden müssen.
Ich habe schon mehrmals, auf Bitten einiger Eltern, ein musikpädagogisches Gutachten über einzelne Schüler geschrieben. Mittlerweile lasse ich mir diese Tätigkeit wenigstens symbolhaft (10,- Euro) honorieren, denn ich habe es schon mehrmals erlebt, dass die entsprechenden Eltern sich nicht einmal bedankt haben. Dieses Beispiel zeigt, dass eine angemessene Entlohnung die Parteien auch vor einer Art „Dankbarkeitsfalle – ich erwarte Dank – ich muss dankbar sein“ schützt. Wenn sich jemand für meinen guten Unterricht und mein Engagement bedankt, dann freue ich mich, aber ich erwarte keinen Dank.

Fazit

Wir MusikerInnen haben das Recht auf eine angemessene Entlohnung unserer Arbeit.
Wir müssen aber auch den Mut haben, dieses Recht einzufordern. Verträge könne uns dabei behilflich sein.

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