Braucht ein Lehrer Autorität?

Autorität – eine umstrittene aber notwendige Eigenschaft eines Lehrenden.

Der Begriff Autorität hat für viele Menschen einen negativen Beigeschmack.
Unterhalten sich Lehrende über das Thema Autorität, findet man häufig zwei Gruppen: die, die Autorität als veraltet ablehnen und die, die darüber klagen, dass die Autorität der Lehrerinnen und Lehrer von den Schülern und Eltern nicht mehr respektiert wird.

Was aber ist eigentlich Autorität und brauchen wir sie überhaupt noch?

Autorität – was ist das?

Ich habe bei meiner Recherche viele Definitionen für den Begriff Autorität gefunden. Zusammenfassend hier diejenige aus der „Online-Enzyklopädie für Psychologie und Pädagogik“: „Autorität ist ganz allgemein betrachtet eine Befugnis, auf andere Menschen postitiv oder negativ einzuwirken, d. h., Autorität ermöglicht Menschen sozialen Einfluss auf Personen oder Gruppen zu nehmen, indem sie eine amtliche oder innere Überlegenheit und Anerkennung besitzen.“

Nach dieser Definition gibt es zwei Möglichkeiten Autorität zu erlangen:
1. Autorität durch ein Amt
2. Autorität durch eine innere Überlegenheit und Anerkennung

Wenn über den Mangel an Autoritätsbewusstsein geklagt wird, meinen die Betreffenden in der Regel Autorität durch ein Amt. Sicher haben heute LehrerInnen, PfarrerInnen, BeamtInnen und ÄrztInnen ein anderes Ansehen, als noch vor einigen Jahren. Diese Tatsache ist aber für mich nicht negativ, sondern ein Zeichen von Unabhängigkeit und Freiheit im Denken sowie Freiheit von gesellschaftlichen Konventionen.

Viel wichtiger ist die zweite Möglichkeit, Autorität zu erlangen, nämlich „durch Überlegenheit und Anerkennung“. Was bedeutet das für eine Lehrperson genau? Autorität nach dieser Definition hat man nicht, man bekommt sie von anderen zugesprochen. Bei einem Instrumentallehrenden z.B. dadurch, dass er sein Instrument beherrscht, andere dafür begeistern kann und einen erfolgreichen, freudevollen Unterricht gestaltet.

Autorität für Lehrende unverzichtbar

Betrachten wir diese Definition genauer, erkennen wir, dass diese Art von Autorität für Lehrpersonen unverzichtbar ist. Der Erziehungswissenschaftler Hans Werner Heymann schreibt dazu: „Die Person, die für andere eine Autorität ist, genießt Respekt, wird geachtet, wird ernst genommen, und auf dieser Basis wird ihr […] das Recht auf Anleitung, Führung und Treffen von Entscheidungen zugestanden, die auch für andere verbindlich sind.“

Was ist eine gute Lehrperson?

Fragt man Menschen danach, was einen guten Lehrer oder eine gute Lehrerin ausmacht, antworten diese nicht mit Stichworten wie kumpelhaft oder immer nett, sondern sie nennen Begriffe wie: verlässlich, gerecht, ehrlich, humorvoll, interessiert. Alles Eigenschaften, die mit einer LehrInnen-Autorität nach Definition 2 einhergehen.

Ein Pädagoge führt

Eine Autorität hat laut Definition die Aufgabe, auf Menschen einzuwirken. Dass dieses ausschließlich positiv sein sollte, versteht sich von selbst.
Auf jemanden einzuwirken oder jemanden zu führen, klingt für einige Personen negativ. Das hat sicher mit unserer deutschen Geschichte unter dem „Führer“ Adolf Hitler zu tun. Jedoch ist das Führen oder Einwirken im Bereich Erziehung nicht negativ, sondern notwendig. Das Wort „Pädagogik“ bedeutet übersetzt „Führen von Kindern“. Auch wenn in der Vergangenheit (und auch heute noch) Autorität in vielen Bereichen missbraucht wurde, muss ein Pädagoge ein Führer sein, einer, der den Weg aufzeigt, auf dem sein Schüler sicher und erfolgreich gehen kann.

Jeder Lehrende sollte demnach nach dieser Art von Autorität streben, denn sie kennzeichnet seine Fähigkeit zu zwischenmenschlichen Beziehungen.

Eigenschaften einer guten LehrerInnen-Autorität

Der Pädagoge Professor Roland Reichenbach antwortet in einem Interview auf die Frage: Was unterscheidet einen autoritären Lehrer von einem Lehrer mit Autorität? „Ein autoritärer Lehrer hat keine Autorität oder hat diese verloren. Ein Lehrender mit Autorität hat es nicht nötig, autoritär zu sein.“

Ein/e LehrerInnen mit Autorität zeichnet sich durch folgende Merkmale aus:

– Er oder sie hat ein ernsthafteres Interesse an den Schülern.

– Er oder sie gibt klare Strukturen, Regeln und Anweisungen vor, die nicht mehr diskutiert werden müssen. Dies geschieht aus dem Wissen um Lernvorgänge und aus fachlicher Kompetenz.

– Er oder sie unterstützt die Schüler auf ihrem Lernweg und nimmt sie in ihrer Individualität ernst.

– Er oder sie pflegt einen ehrlichen Umgang mit den Schülern, ohne sarkastisch zu sein oder sie zu verletzen.

– Er oder sie spricht mit den Schülern auch über Themen, die den Unterricht nicht betreffen.

– Er oder sie ist fachlich und menschlich ein Vorbild.

Sicher zeigen diese Merkmale ein LehrerInnen-Ideal, aber auch wir Lehrende brauchen Ideale, nach denen es sich lohnt zu streben.

Autorität in der Praxis

Kein Artikel von mir, ohne den Blick auf den Unterrichtsalltag.

Auch ich beobachte täglich, dass viele Kinder heute keine Distanz mehr zu Erwachsenen und auch zu dem Eigentum anderer haben. Schüler, die mich mit „Blöde Kuh“ oder ähnlichen Ausdrücken versehen, sind in der Frühförderung an der Tagesordnung.
Ich erinnere mich noch an das erste Mal, dass ein Schüler seine Füße auf mein Klavier legte. Damals eine, für mich, unfassbare Handlung, die mich sehr schockierte. Mittlerweile können mich Füße auf einer Tastatur nicht mehr aus der Ruhe bringen.
Da es aber auch Kinder gibt, die – aus meiner Sicht – ein „normales“ Verhältnis zu Erwachsenen haben, nämlich einen gewissen Respekt, glaube ich, dass respektvolles Verhalten mit der häuslichen Erziehung zu tun hat. Auch ich habe Kinder erzogen. Mein Leitspruch in Bezug auf die Erziehung der eigenen Kinder stammt von Rudolf Steiner: „In Ehrfurcht empfangen. In Liebe erzogen. In Freiheit entlassen.“ Dass meine Söhne freiheitlich Denken und Handeln können, war mir sehr wichtig und doch habe ich sie auch den Respekt vor anderen Menschen gelehrt. Und Respekt bedeutet auch, eine Autorität (im positiven Sinne) anzuerkennen.
In Bezug auf die Eltern meiner Schüler habe ich bemerkt, dass das Alter viele Vorteile hat. Vor einer Lehrerin, deren eigene Kinder erwachsen sind, haben viele Eltern mehr Respekt, als vor einer jungen Lehrerin. Das nur als kleiner Trost für alle jungen KollegInnen. Einige Probleme lösen sich irgendwann von allein.

Charisma

Ich persönlich habe in meinem Leben einige Male die Bekanntschaft charismatischer LehrerInnen gemacht. Untersuchungen zeige, dass es dieses Charisma gibt und dass es unabhängig von bestimmten Eigenschaften und dem Geschlecht ist. Voller Bewunderung beobachtete ich diese Menschen genau und habe eine Gemeinsamkeit gefunden: Das ernsthafte, wohlgesonnene Interesse an jedem einzelnen Schüler. Diese Menschen schaffen es, Gruppen zu faszinieren, da sich jeder persönlich angesprochen und verstanden fühlt. Ein Ideal, das ich noch heute versuche, zu erreichen.

Fazit

Autorität, die man durch seine innere Haltung und sein Können erwirbt, ist für jeden Lehrenden unverzichtbar.
Nach pädagogischen Idealen zu streben, sollte der Motor für unsere Arbeit sein.

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Kommentare

  1. Gerhard Wolters sagt

    Ausschliessliches „Führen“ kann in der Praxis auch problematisch sein. Sehr viel symphatischer ist mir der Grundsatz:
    „Begleiten – wenn nötig führen…“.

    1. Oliver sagt

      Da kann ich Ihnen nur zustimmen. „Führen“ klingt wirklich nicht sehr nett. Ich versuche meinen Schülern immer sehr viel Freiraum zu geben, ohne das ich jetzt einen völlig antiautoritären Unterricht mache. An vielen Stellen kommen dabei sehr gute Dinge raus, an vielen anderen kann das aber problematisch werden.

  2. Gabriele Zimmermann sagt

    Hallo Gerhard,
    vielen Dank für deinen Kommentar. Ich persönlich glaube, dass ein Lehrer führt und begleitet. Denn es gibt Zeiten in einem Lernprozess, in denen das reine Begleiten nicht ausreicht. Der Schüler kann von mir sogar erwarten, dass ich mit meinem Wissen den besten Weg für ihn auswähle, den er dann mit meiner Begleitung gehen kann. Allein schon die Tatsache, dass ich als Lehrer entscheide, wann ich führe und wann ich begeite, zeigt, dass ich in beiden Fällen die Führung inne habe. Lernt mein Kind Fahrrad fahren, halte ich es, lasse ich es fahren, helfe ihm, wenn es fällt usw. Hat es dann Fahrradfahren gelernt, ziehe ich mich zurück. Meine Führungsrolle ist beendet.
    Viele Grüße in die Schweiz
    Gabriele

    1. Oliver sagt

      Hallo Gabriele,
      an vielen Stellen muss ich dir rech geben. Was ich nicht ganz verstehen ist das mit den „pädagogischen Idealen“. Ich finde es immer schwierig bei den vielen Meinungen die es gibt von Idealen zu sprechen. Wem soll man da vertrauen?

  3. Gabriele Zimmermann sagt

    Hallo Oliver,
    vielen Dank für deine Kommentare.
    Vielleicht gibt es gar keine allgemeingültigen Ideale. Unter der Überschrift „Eigenschaften einer guten Lehrer-Autorität“ habe ich Punkte aufgeführt, mit denen viele übereinstimmen. Aber auch wir LehrerInnen sind nur Menschen und nicht vollkommen. Wir machen Fehler und reagieren in bestimmten Situationen anders, als wir das vielleicht möchten. Deshalb habe ich von Idealen gesprochen. Der perfekte Lehrer ist eine Fiktion, da in ihm ja immer ein Mensch mit all seinen Fehlern und Schwächen steckt. Und das ist auch gut so. Traurig finde ich es nur, wenn Enttäuschungen, Druck und Überlastung einen Lehrer dahin bringen, dass er oder sie resigniert.
    Dir einen schünen Sonntag,
    herzliche Grüße
    Gabriele

  4. Gabriele Zimmermann sagt

    Hier ein interessanter FB-Kommentar von Torsten Engelmohr. Das Zitat stammt von seinem Professor Herrn Rohde aus Dresden:

    Ergänzender Spruch meines Profs. bezüglich Dirigenten: „Autorität erlangt nur derjenige, der auf ihren Anspruch verzichtet!“ Ich bin damit ausmamslos gut gefahren und versuche das heute, meinen Studenten mitzugeben.

    Vielen Dank Thorsten!

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