Fortbildung? – Brauch‘ ich nicht!

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Ist Fortbildung auch für Musiker ein Muss?

ES WAR EINMAL… die Leiterin einer privaten Musikschule in einer mittelgroßen deutschen Stadt. Diese arbeitete hart, um ihr kleines Unternehmen über Wasser zu halten. Sie bemühte sich um neue Schüler, mietete ansprechende Unterrichtsräume und pflegte einen verbindlichen Umgang mit ihren LehrerInnen. Um neben der Konkurrenz bestehen zu können, informierte sie sich regelmäßig über zeitgemäße Unterrichtsprogramme und aktuelle Literatur. Sie bildete sich weiter und erweiterte von Zeit zu Zeit ihr Angebot. Da sie wusste, wie wichtig Fortbildung ist, organisierte sie für ihre LehrerInnen einen Workshop in ihrer Musikschule. Sie lud ihre Mitarbeiter per Mail ein, kostenlos an dieser Veranstaltung teilzunehmen. Ungeduldig erwartete sie die Rückmeldungen der LehrerInnen. Sie wartete einen Tag, zwei Tage, 7 Tage, 2 Wochen … niemand meldete sich. So schickte sie etwas enttäuscht eine 2. Mail. Auf diese gab es Reaktionen. Eine kleine Gruppe zeigte Interesse. Jedoch erhielt sie auch wütende Rückmeldungen. Einige Kollegen fühlten sich in ihrer Musiker-Ehre gekränkt. Wie konnte ihre Chefin so wenig Vertrauen in und Respekt vor ihre Fähigkeiten haben. Ein Lehrer kündigte sogar, da er keine Grundlage für eine weitere Zusammenarbeit mehr sah.

Ein Märchen? Oh, nein! Genau das hat sich gerade bei einer lieben Kollegin ereignet. (Sie möge mir verzeihen, dass ich hier darüber schreibe.)
Lange habe ich gegrübelt, warum gerade so viele Instrumental- und Musiklehrer ein merkwürdiges Verhältnis zu Fortbildungen haben.

Warum Fortbildung grundsätzlich notwendig ist?

Die meisten Menschen, die einen Beruf ausüben, haben in der Vergangenheit eine Ausbildung oder ein Studium absolviert. Dadurch wurden sie zwar auf ihre Tätigkeit vorbereitet, doch erfordern die täglichen Arbeiten meistens noch andere Kenntnisse und Fähigkeiten. Außerdem unterliegen unser Leben, unsere Gesellschaft und unsere Umwelt ständigen Veränderungen, die sich auf unsere Arbeit auswirken. Eine einmalige Ausbildung reicht demnach nicht, um über viele Jahre beruflich auf dem neuesten Stand zu sein. Auch unsere persönliche Entwicklung sollte uns am Herzen liegen. Kaum eine Person wird zu einer Führungskraft, die mit 40 Jahren im Denken und Handeln noch auf dem Stand eines 25-jährigen ist.

Warum denken viele Musiker anders über Fortbildung?

Die Qualifikation für die meisten Berufe erwirbt man in einem Zeitraum zwischen zwei und sechs Jahren. Anders bei uns Musikern. Wir alle hatten seit unserer Kindheit Musikunterricht. Viele Jahre finanzierten uns unsere Eltern den teuren Instrumentalunterricht. Zusätzlich haben wir in Chören gesungen, in Orchestern und Posaunenchören gespielt, Ensembles gegründet und in Gottesdiensten mitgewirkt. Später absolvierten wir kostenpflichtige Vorbereitungskurse für unsere Aufnahmeprüfungen zum Musikstudium, dann haben wir studiert, haben mit Omas Zuschuss einige Meisterkurse im In- und Ausland besucht usw. Voller Stolz schlossen wir unser Studium ab und mussten doch schon an der Hochschule feststellen, dass es noch begabtere, noch fleißigere, noch erfolgreichere Studenten gab, als uns.
Viele Absolventen dieses langen Weges sehen sich mit Abschluss des Studiums auch am Ende ihrer Ausbildung, gerade dann, wenn sie anschließend überwiegend unterrichten.

Warum braucht auch ein studierter Musiker Fortbildung?

Obwohl wir Musiker eine sehr lange und teure Ausbildung absolviert haben, unterliegen wir den gleichen Bedingungen, wie jeder andere Berufstätige. Auch unsere Branche verändert sich. Auch wir haben während des Studiums nicht alles gelernt und geübt, was wir für unseren Beruf benötigen.
Viele Musiker unterliegen außerdem einem weiteren großen Irrtum: Sie glauben, dass die Tatsache, dass sie selbst viele Jahre Musikunterricht hatten, sie automatisch zu guten Lehrern macht. Das ist falsch, denn wir alle sind auch 10 – 13 Jahre zur Schule gegangen und wurden trotzdem nicht automatisch gute Mathe- oder EnglischlehrerInnen. Selbst die Ausbildung zum Instrumentalpädagogen stellt sich im Unterrichtsalltag häufig als mangelhaft heraus, da der praktische Anteil viel zu gering ist.

Was hält Musiker davon ab, sich regelmäßig fortzubilden?

Die meisten Musiker haben ein eher bescheidenes Einkommen. Obwohl musikpädagogische Fortbildungs-Kurse im Vergleich zu denen anderer Branchen geradezu „billig“ sind, scheuen viele Musiklehrer diese Kosten. Dabei wird häufig verkannt, dass sich eine gute Weiterbildung, gepaart mit persönlichem Engagement, sehr schnell finanziell positiv auswirkt.
Auch leben die wenigsten Musiker ausschließlich vom Unterrichten oder ausschließlich von Musiker-Jobs. Das führt dazu, dass typische Fortbildungstermine, wie z.B. Wochenenden, wegen Engagements nicht wahrgenommen werden können. Wer sagt schon gerne einen lukrativen Gig ab, um einen Workshop zu besuchen, der Geld kostet?

Und trotzdem…

Niemand ist in seinem Beruf so gut, dass er oder sie nicht etwas dazu lernen könnte. Neben dem musikalischen Aspekt gibt es auch noch den didaktischen, den pädagogischen, den psychologischen und den persönlichen Bereich. Wer mit Menschen arbeitet, sollte mehr, als ein gutes musikalisches Fachwissen haben, denn Lehren ist die Kunst des Vermittelns.  Mich stellen meine Schüler auch noch nach 30 Lehrerinnenjahren jede Woche vor neue Herausforderungen.

Meine persönlichen Erfahrungen

Ich habe schon an vielen Fortbildungen teilgenommen. Darunter waren gute und schlechte Kurse. Selten habe ich revolutionäre Neuigkeiten erfahren, aber immer gab es ein oder zwei Anregungen, die ich mit in meinen Unterricht nehmen konnte. Schon oft hat ein einziger Satz mein Denken komplett verändert. Nach jeder Fortbildung bin ich mit neuem Schwung in meinen Unterricht gegangen. Und das ist gut so, denn der größte Feind eines guten Lehrers ist die Routine. Außerdem habe ich auf Seminaren viele nette KollegInnen kennengelernt. Allein dafür hat sich der Aufwand vieler Weiterbildungskurse schon gelohnt.

Fazit

Kehren wir zu unserem Märchen zurück: Eine Musikschulleiterin, die ihren Mitarbeitern einen kostenlosen Workshop frei Haus liefert, ist nicht misstrauisch und respektlos, sondern eine vorbildliche Arbeitgeberin. Sie selbst investiert Geld in die Zukunft ihrer LehrerInnen. Das Wissen und die Fähigkeiten, die diese im Workshop erlernen, kann sie nicht zurückfordern, wenn die Mitarbeiter kündigen. Sie sind ein persönliches Geschenk.
Es gibt viele Gründe wieder einmal einen Workshop, eine persönliche Beratung oder ein Seminar zu besuchen und nur weniges, was dagegen spricht. Packen wir’s an!

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