Warum unsere Kinder das Lernen verlernen

Interview mit Ingo Leipner über sein Buch „Die Lüge der digitalen Bildung“.

Heute möchte ich euch meinen lieben Freund Ingo Leipner vorstellen. Ingo ist kein Musiker, aber Dozent, Journalist und vor allem ein Kämpfer für eine kindgerechte und menschenwürdige Bildung. Zusammen mit Gerald Lembke hat er das Buch „Die Lüge der digitalen Bildung. Warum unsere Kinder das Lernen verlernen.“ geschrieben. Er stellt sich damit der allgemeinen Auffassung entgegen, dass digitale Medien flächendeckend Einzug in Kindergärten und Schulen halten sollten. Begründung: damit die Kinder in einer digitalen Zukunft überleben können. Für Ingo und Gerald Lembke eine, von der Industrie forcierte, Lüge.

Alles was ich in diesem Buch gelesen habe (Ingo hat es mir geschenkt), deckt sich mit meinen Erfahrungen. Meine Söhne haben beide einen Waldorfkindergarten und eine Waldorfschule besucht. Einrichtungen, die Computer und andere digitale Medien nur dosiert und ab einem bestimmten Alter einsetzen. Dadurch angeregt, achteten wir auch zu Hause darauf, dass die digitalen Medien nur langsam und kontrolliert Teil ihres täglichen Lebens wurden. Heute sind sie erwachsen und zeigen keinerlei Defizite auf diesem Gebiet. Ohne meinen Sohn Leslie würde es diesen Blog nicht geben.

Auch im Musikunterricht stehen wir vor der Entscheidung, ob und wann wir Computer, Tablets und Smartphones in den Unterricht mit einbeziehen. Dieses Buch kann für alle Lehrenden eine Entscheidungshilfe sein.

Von mir eine eindringliche Leseempfehlung.

AutorInnen G. Lembke, I. Leipner
ISBN 978-3868815689
Details  256 S., gebunden
Verlag Redline Verlag
 Preis  € 19,99
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Aber lassen wir nun Ingo von seinem Buch berichten.

Gabriele: Hallo Ingo, bitte erzähle meinen LeserInnen etwas über dich.

Ingo Leipner: Seit 2005 habe ich mich mit meiner Textagentur EcoWords selbstständig gemacht. Vorher war ich wissenschaftlicher Mitarbeiter an einem Heidelberger Forschungsinstitut, das sich mit dem Thema Nachhaltigkeit auf kommunaler Ebene beschäftigt hat. Studiert habe ich Wirtschaftswissenschaften. Vor diesem Hintergrund sind die Schwerpunkte meiner journalistischen Arbeit: Themen an der Schnittstelle von Ökologie und Ökonomie, Unternehmenskultur und Erneuerbare Energie. Daher auch der Name „EcoWords“ für meine Agentur.

Da ich auch an der Dualen Hochschule Mannheim (DHBW) Lehraufträge für „Makroökonomie“ und „Geld und Währung“ habe, lernte ich dort Gerald Lembke kennen, der den Studiengang „Digitale Medien“ leitet. Die Chemie stimmte – und wir brachten bei Springer Spektrum unser erstes Buch auf den Markt: „Zum Frühstück gibt´s Apps. Der tägliche Kampf mit der digitalen Ambivalenz“.

Gabriele: Was hat euch dann bewogen, ein Buch über die „digitale Bildung“ zu schreiben?

Ingo Leipner: Bei unseren Recherchen zur Digitalen Ambivalenz stießen wir schnell auf das brennende Thema „Digitale Bildung“. Allerdings merkten wir bald, wie einseitig die Darstellung im Mainstream der Medien ausfällt, die oft kritiklos Argumente der IT-Industrie wiederkaut. Ein anderes Buch musste her, und unser Titel ist bewusst provozierend: „Die Lüge der digitalen Bildung. Warum unsere Kinder das Lernen verlernen.“

 Gabriele: Berichte vom Inhalt des Buches.

Ingo Leipner: Die erste von zehn Thesen des Buches lautet: „Ein Kindheit ohne Computer ist der beste Start ins digitale Zeitalter“. Wir fordern digitalfreie Oasen in Kindergärten und Grundschulen. Erst in weiterführenden Schulen erscheint es uns sinnvoll, Kinder und Jugendliche vor Computer zu setzen. Was in den Familien geschieht, liegt in der Verantwortung der Eltern – da lassen sich keine gesellschaftlichen Regeln aufstellen, wie das in Kindergärten und Grundschulen möglich ist. Ihr Programm unterliegt einem bildungspolitischen Diskurs, an dem wir uns mit der ersten These beteiligen wollen.

Gabriele: Warum kommst du zu dieser scheinbar paradoxen Einschätzung? 

Ingo Leipner: Das hängt mit vielen Erkenntnissen aus der Entwicklungspsychologie und -biologie zusammen. Besonders wichtig waren uns dabei die Forschungen von Jean Piaget, der ein Stufenmodell der kognitiven Entwicklung von Kindern aufgestellt hat. Seine Erkenntnisse bestätigt heute die moderne Neurobiologie.

Nun aber zum Kern der Sache: Wer Kinder vor Fernsehgeräten, Tablets oder Smartphones parkt, raubt ihnen wertvolle Lebenszeit, in der sie sich eigentlich in der richtigen Welt einleben sollten. Schon Kindergarten-Kinder verbringen rund eine Stunde am Tag vor Bildschirmen, Acht- bis 11jährige bis zu 3,5 Stunden. Ihre Sinneseindrücke reduzieren sich auf zwei-dimensionale optische Reize und ein paar Töne aus den Lautsprechern. Sie verharren lange Zeit vor digitalen Medien, zum Teil konsumieren sie auch fragwürdige Inhalte. Ihre Fein- und Grobmotorik ist zu wenig gefordert. Besonders schlimm betroffen: Kleinkinder unter drei Jahren, die vor TV-Geräten landen. Sie leiden laut Erkenntnissen der Vereinigung amerikanischer Kinderärzte (AAP) unter einer mangelhaften Sprachentwicklung, weil diese vor allem durch die „talk-time“ mit den Eltern bestimmt wird.

Gabriele: Welche Folgen hat die Digitalisierung noch für Kinder?

Ingo Leipner: Es geht um die so genannte „senso-motorische Integration“ der Kinder, die wissenschaftlich gut erforscht ist: Kleine Kinder bis in die Grundschule verwurzeln sich in der Realität, indem sie diese auf allen Sinneskanälen wahrnehmen und sich motorisch in der Welt betätigen. Sie purzeln, toben, klettern, tanzen. Und jetzt kommt der springende Punkt: Wer dieses evolutionär bedingte Verhalten durch digitale Medien einschränkt, untergräbt zugleich die kognitive Entwicklung der Kinder. Denn: Motorik und Neuroplastizität, also die Entwicklung intellektueller Fähigkeiten, sind eng miteinander verknüpft. Nicht umsonst gibt es den sprachlichen Zusammenhang von „Greifen“ und „Begreifen“ – ein jahrhundertealtes Wissen, das auch Pestalozzi formulierte, als er von „Kopf, Herz und Hand“ im Lernprozess sprach.

Gabriele: Für wen ist das Buch geschrieben?

Ingo Leipner: Für alle, die beim TINA-Prinzip hellhörig werden. Wir verdanken es Margret Thatcher, die es so ausgedrückt hat: „There is no Alternative“. Uns wird eingeredet: Die Digitalisierung der Welt lässt sich nicht aufhalten. Computer beherrschen unser Leben, also müssen sie auch die Kindergärten und Grundschulen beherrschen. Dazu sagen wir: Nein! Viel wichtiger ist es, dass Kinder u. a. früh lernen, ihre Impulse zu kontrollieren, was das berühmte Marshmallow-Experiment gezeigt hat. Wer auf eine „instant gratification“, eine sofortige Belohnung, verzichten kann, entwickelt die Fähigkeit, im Leben dicke Bretter zu bohren. Wer in seiner Kindheit auf Bäume klettert, kann später viel klarer denken – eine Fähigkeit, die besonders wichtig wird, um den Sirenengesängen der digitalen Welt zu widerstehen.

Wenn wir wirklich wollen, dass mündige Bürger und nicht willige Konsumenten das Internet bevölkern, dann sollten wir Kinder in Ruhe heranwachsen lassen und sie nicht mit der Keule der „frühen Medienkompetenz“ traktieren. Ein vernünftiger Umgang mit digitalen Medien lässt sich auch auf weiterführenden Schulen lehren. Da sind Jugendliche kognitiv schon viel eher in der Lage, Websites zu programmieren, Videos zu drehen und ins Netz zu stellen oder kritisch Recherchen im Internet zu betreiben.

Gabriele: Welchen Nutzen hat das Buch für Musikpädagogen?

Ingo Leipner: Es kann sie nur darin bestätigen, dass sie eine gesellschaftlich wertvolle Arbeit leisten. Denn alle vorherigen Überlegungen zur „senso-motorischen Integration“ treffen natürlich auch auf den Musikunterricht mit Kindern zu. Wir sind fest davon überzeugt: Jede Stunde an einem Instrument, jede Stunde im Wald oder jede Stunde auf dem Fußballplatz ist ein Gewinn für unsere Kinder, deren Umwelt sowieso bereits digital überfrachtet ist. Es stellt sich immer mehr die Frage der Kompensation, damit ein gesundes Großwerden möglich ist. Und zu dieser Kompensation trägt das aktive Musizieren auf jeden Fall bei, weil es immer die ganze Persönlichkeit eines Kindes in den Mittelpunkt stellt.

Gabriele: Lieber Ingo, ich danke dir für dieses spannende Interview.

Als Zusammenfassung hier die wichtigen Thesen des Buches:

 Zehn Thesen aus dem Buch „Die Lüge der digitalen Bildung“

These 1: Eine Kindheit ohne Computer ist der beste Start ins digitale Zeitalter.

These 2: Je jünger die Kinder sind, desto sinnvoller ist es, sie überhaupt nicht dem Einfluss elektronischer Medien auszusetzten.

These 3: Ob Werbung oder nicht – bereits die verführerischen Klick-Optionen im Internet überfordern unsere Kinder, weil sie noch nicht über eine ausreichende Impulskontrolle verfügen.

These 4: Kinder erleben in unserer Welt genug Digitalität. Da ist es kontraproduktiv, den Umgang mit Computern in Kindergarten und Schule zu forcieren.

These 5: Wer bei einem Lernprozess die Wahl zwischen realen und virtuellen Hilfsmitteln hat, sollte sich für die Realität entscheiden – und auf „eLearning“ so oft wie möglich verzichten.

These 6: Kinder müssen eine bestimmte kognitive Entwicklung durchlaufen haben, bevor sie sinnvoll mit Computern arbeiten. Das dürfte ab einem Alter von etwa 12-14 Jahren der Fall sein. Vorher kann die Konfrontation mit digitalen Medien mehr schaden als nutzen.

These 7: Wir brauchen mindestens in Kindergarten und Grundschule digitalfreie Zonen, damit Kinder vor allem Lernerfahrungen machen, die zu ihrer kognitiven Entwicklung passen.

These 8: Egal ob Tablet oder Kreidetafel – die Qualität des Unterrichts steht und fällt immer mit der Persönlichkeit des Lehrers.

These 9: Die Digitalisierung der Bildung erfolgt in erster Linie technologie- und ökonomiegetrieben – pädagogische Konzepte entstehen erst als Abfallprodukt.

These 10: Junge Erwachsene sollten über umfangreiche Medienkompetenz verfügen, um anspruchsvolle Aufgaben in Ausbildung und Studium zu lösen. Diese Fähigkeiten erwerben  sie, wenn sie kognitiv zu Abstraktion und Selbstreflektion in der Lage sind (ab 12-14 Jahren).

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Ingo Leipner

Kontakt: ingo.leipner@ecowords.de

Website: ecowords.de

 

 

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Kommentare

  1. Dr. Joachim Roller sagt

    Dem kann ich als Musiklehrer an einem Nürnberger Gymnasium nur vorbehaltlos zustimmen. Alelrdings wäre ich auch für ein Verbot digitaler Medien für Kinder unter zehn Jahren im familiären Bereich, weil die Erfahrung lehrt, dass die eigentliche digitale Verblödung dort stattfindet und nur in unwesentlichem Umfang in der Schule. Zudem: Wenn die Wirtschaft quasi Lehrpläne schreibt, bekommt sie genau die Absolventen, mit denen sie nichts mehr anfangen kann – siehe G8 und Bologna.

    1. Gabriele Zimmermann sagt

      Hallo Joachim,
      vielen Dank für deinen Kommentar. Es stimmt natürlich, dass das größte Problem der häusliche Konsum digitaler Medien ist. Um so wichtiger sind medien-freie Räume gerade für jüngere Kinder.
      Ich bin froh zu hören, dass es auch Lehrer aus dem Schuldienst gibt, die den Einfluss der Witschaft auf die Lehrpläne unserer Schulen nicht als Verschwörungstheorie abtun.
      Herzliche Grüße
      Gabriele

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