Für Musiker_innen, Musik- und Intrumentalpädagog_innen, Sänger_innen & Hobbymusiker_innen

Instrumentalunterricht für Kinder ab 2 Jahren – sinnvoll oder nur werbewirksam?

Ab welchem Alter ist Instrumentalunterricht sinnvoll und was ist beim Unterrichten von Kindern im Vorschulalter zu beachten?

„Gitarrenunterricht ab 3 Jahren!“
„Klavierspielen für die Kleinsten!“
„Kindergarten mit Geigengruppe“
„Musikalische Frühförderung mit der Blockflöte“

Das Angebot von Instrumentalunterricht für Kinder im Kindergartenalter ist mittlerweile unüberschaubar. Vielen Eltern ist eine musikalische Ausbildung ihrer Kinder sehr wichtig. Diese sollte nach Angaben von „Fachleuten“ so früh wie möglich beginnen.
Leider beschäftigen sich eine große Anzahl der Eltern nur sehr oberflächlich mit diesem Thema. Eine frühe musikalische Förderung bedeutet für einige „selbstverständlich“ Instrumentalunterricht. Eine Beratung von fachkundigen Personen wird gar nicht gesucht, sondern ein bestimmter Instrumentalunterricht einfach eingefordert. So kommt es, dass ich regelmäßig Telefongespräche mit folgendem Inhalt führe:

Frau Müller: Guten Tag Frau Zimmermann, mein Name ist Müller. Ihre Musikschule ist mir von meiner Freundin empfohlen worden.

Frau Zimmermann: Guten Tag Frau Müller. Das freut mich. Was kann ich für sie tun?

Frau Müller: Ich habe einen Sohn, der ist 2 Jahre alt und möchte Schlagzeug lernen. Wann immer er kann, sitzt er am Instrument meines Mannes und spielt schon fast wie ein Erwachsener.

Frau Zimmermann: Das ist wirklich toll. Wie wunderbar, dass Ihr Sohn mit Musikinstrumenten aufwächst und sich so schon mit 2 Jahren derart für die Musik begeistert. Diese Begeisterung gilt es nun zunächst zu bewahren und möglichst noch auszubauen. Wir bieten an unserer Musikschule deshalb Kurse im Rahmen der musikalischen Frühförderung an, die musikalische Grundlagen altersgemäß und ganzheitlich ausbilden und ihr Kind auch bei seiner allgemeinen Entwicklung unterstützen. Das Musizieren auf unterschiedlichsten Rhythmusinstrumenten ist dabei ein wichtiger Bestandteil. Wenn er dann das entsprechende Alter hat, kann er gerne mit einem kindgerechten Schlagzeugunterricht starten.

Frau Müller: Sie meinen damit bestimmt so eine musikalische Früherziehung, so mit singen und tanzen und solch Zeug. Nein, das ist nichts für meinen Sohn. Er will Schlagzeugunterricht so richtig mit Lehrer und Noten und so. Der kann nämlich schon Schlagzeug spielen. Wenn ich der Meinung wäre, dass er Singen lernen sollte, dann bringe ich ihm das irgendwann selbst bei…

Solche und ähnliche Erfahrungen mit Eltern kleiner Kinder werfen folgende Fragen auf:

Ist Musikunterricht für kleine Kinder generell sinnvoll?
Was steckt hinter dem Wunsch der Eltern nach frühem Instrumentalunterricht?
Ab wann ist Instrumentalunterricht sinnvoll?
Was bedeutet dieser Trend für die Lehrer?
Wie muss ein kindgerechter Instrumentalunterricht aufgebaut sein?

Ist Musikunterricht für kleine Kinder generell sinnvoll?

Sicher könnt ihr mir alle zustimmen, wenn ich behaupte, dass der freudvolle Umgang mit der Musik für Menschen jeden Alters gut und sinnvoll ist und zu den Grundbedürfnissen des Menschen gehört und zwar von Beginn an. Aber brauchen wir Musikunterricht für kleine Kinder?
Ich behaupte: Ja, wenn dieser altersgerecht ist.
Zu einer Zeit, als innerhalb der Familien noch regelmäßig gesungen, getanzt und musiziert wurde, haben sich Kinder auf ganz natürlich Weise musikalisch entwickelt. Auch Instrumentalunterricht wurde meist von den Eltern erteilt und so das familieninterne Repertoir an die nächste Generation weitergegeben.
Leider wird heute in den Familien kaum noch gesungen und musiziert. Viele Eltern wissen nicht, wie sie sich mit ihren Kindern musikalisch beschäftigen sollen. Sie selbst können oft nur wenige Lieder singen, geschweige denn ein Instrument spielen.
So sind musikorientierte Eltern-Kind-Kurse, eine Möglichkeit, das Singen und Musizieren wieder in den Familienalltag zu integrieren. Eltern bekommen hier Anregungen, wie sie zu Hause mit ihren Kindern freudevoll musizieren können.
Auch in den Jahren bis zur Einschulung ist ein allgemeinmusikalischer Unterricht im Rahmen einer musikalischen Frühförderung sinnvoll. Hier werden unter fachkundiger Leitung musikalische Grundlagen gelegt und die Kinder mit vielen Aspekten der Musik bekannt gemacht.

Nach meiner persönlichen Erfahrung ist eine gute Früherziehung einem frühen Instrumentalunterricht in den meisten Fällen vorzuziehen. Denn in der Früherziehung bleibt viel Zeit, wichtige Grundlagen nachhaltig zu etablieren. Rhythmik wird z.B. nur durch Bewegung ausgebildet. In einer bewegungsarmen Zeit, entwickeln Kinder oft nur ein unzureichendes rhythmisches Empfinden und weisen grob- und feinmotorische Defizite auf. Dieser Tendenz kann man mit einer bewegten musikalischen Frühförderung entgegenwirken.

Was steckt hinter dem Wunsch der Eltern nach frühem Instrumentalunterricht?

Es gibt sicher viele Gründe, warum Eltern einen Instrumentalunterricht für ihre kleinen Kinder wünschen. Hier nur einige, mit denen ich in den Jahren meiner Berufstätigkeit konfrontiert war:
Die Eltern glauben, dass man Geige oder Klavier nur lernen kann, wenn die Kinder mit spätestens drei Jahren Unterricht bekommen.
Dieser Irrglaube ist weit verbreitet und wird von einigen Instrumentalpädagogen weiter vertreten. Ich hingegen kenne viele Klavier- und Geigenkollegen, die erst wesentlich später mit dem Instrumentalunterricht begonnen haben und trotzdem Musiker wurden.
Für einige Eltern ist Instrumentalunterricht für ihre kleinen Kinder ein äußerliches Zeichen von Wohlstand und Bildungsnähe.
Diese lehnen häufig eine allgemeine musikalische Frühförderung ab, da diese in ihren Augen nicht elitär genug ist.
Viele Eltern hoffen, dass ihr Kind ein musikalisches Wunderkind ist. Sie sind begeistert von Filmen, die sie auf YouTube und in anderen Medien sehen, in denen Dreijährige komplizierteste Werke auf einem Instrument spielen. Für diese Eltern scheint dieses Ziel erreichbar, wenn die Kinder nur früh genug Instrumentalunterricht bekommen.
Häufig werden auch normale, entwicklungsbedingte Fähigkeiten der Kinder überinterpretiert.
Erinnern wir uns z.B. an das Telefonat zu Beginn des Artikels. Viele zweijährige Kinder trommeln mit ihrem beschränkten Muskeltonus noch sehr locker und dabei sehr gleichmäßig. Eine Fähigkeit, die später leider häufig wieder verloren geht. Das ist der Grund, warum auffällig viele Eltern von Zwei- und Dreijährigen nach Schlagzeugunterricht fragen. Wenn ich ihnen dann vorsichtig zu erklären versuche, dass diese Fähigkeit natürlich und sehr häufig ist, sind einige Eltern wirklich verärgert.

Ab wann ist Instrumentalunterricht sinnvoll?

Die Antwort ist für mich ganz eindeutig: Instrumentalunterricht ist dann sinnvoll, wenn ein Kind die notwendige motorische und intellektuelle Reife zum Erlernen eines bestimmten Musikinstruments hat.
Bis dahin ist eine ‚Musikalische Früherziehung‘ die bessere Unterrichtsart.
Außerdem sind weitere Aspekte zu beachten:
Instrumentalunterricht mit Kindern vor der Einschulung (und auch noch danach) ist nur sinnvoll, wenn …
1. …die Eltern sich stark engagieren und die Kinder zu Hause beim Üben unterstützen.
2. …das Kind bereit ist, zu Hause zu üben.
3. …die Eltern genügend Durchhaltevermögen mitbringen.
4. …die Eltern auch mit kleinen Fortschritte zufrieden sind.
5. …die Lehrkraft Freude am Umgang mit kleinen Kindern hat.
6. …die Lehrkraft altersgerecht mit dem Kind arbeitet.

Was bedeutet dieser Trend für die Lehrenden?

Neben dem Trend, dass viele Eltern einen frühen Instrumentalunterricht anstreben, gibt es den Trend, dass viele Schüler schon nach kurzer Zeit ihren Instrumentalunterricht wieder aufgeben. Häufig ist die Schule der Grund dafür. Viele meiner Schüler haben früher während ihrer Abiturvorbereitung oder nach der Mittleren Reife und mit Beginn der Berufsausbildung ihren Instrumentalunterricht gekündigt. Heute beenden viele Eltern schon beim Wechsel von der Grundschule auf die weiterführende Schule die Musikausbildung. Folge ist, dass Schüler in der Altersgruppe zwischen 10 und 18 Jahren immer seltener im Instrumentalunterricht zu finden sind. Das ist ein großes wirtschaftliches Problem für viele freiberufliche InstrumentallehrerInnen und Musikschulen.
So sehen sich viele KollegInnen gezwungen, das entstandene „Schülerloch“ durch jüngere Kinder wieder aufzufüllen. Grundsätzlich ist daran nichts auszusetzen, doch sollten den Eltern keine unrealistischen Versprechungen gemacht werden.
Wenn nun Lehrende gezwungen werden (oder sich gezwungen fühlen) Kinder zwischen 2 und 8 Jahren zu unterrichten und das auf die gleiche Art tun, wie sie Jugendliche und Erwachsene unterrichten, wird das ganze zu einer Qual für Schüler und Lehrende werden.

Was ist also zu tun?
Zunächst muss sich jede Lehrerin und jeder Lehrer fragen: Möchte ich mit kleinen Kindern arbeiten?
Wenn die Antwort „nein“ lautet, sollte sich die entsprechende Person nach anderen Möglichkeiten umschauen, die finanziellen Lücken aufzufüllen.
Wenn die Antwort „ja“ lautet, ist es sinnvoll, sich mit der Entwicklungspsychologie von Kindern im Vorschulalter zu beschäftigen und danach, passende Unterrichtsprogramme und Lehrmethoden auswählen.

Wie muss ein kindgerechter Instrumentalunterricht aufgebaut sein?

Seit vielen Jahren gebe ich Seminare für frühkindlichen Instrumentalunterricht. Und immer wieder treffe ich junge Kollegen, die behaupten, alles was ich sage sei Unsinn, man kann auch kleine Kinder auf die gleiche Weise unterrichten wie Jungendliche. Einige berichten mir dann von ein oder zwei  Fünfjährigen, die im notengestützten Einzelunterricht super Fortschritte machen und freudig und diszipliniert am Unterricht teilnehmen. Ja, solche Schüler gibt es. Aber… noch häufiger rufen mich KollegInnen an, die mir von Horrorstunden mit tobenden, zappelnden, nicht übenden oder weinenden Kindern erzählen, die ihnen schlaflose Nächte bereiten.
Deshalb ist die oben aufgestellte Frage berechtigt. In einem Unterricht mit Kindern im Vorschulalter muss ich auf die entwicklungsbedingten Besonderheiten meiner Schüler Rücksicht nehmen. Zu diesen gehören:
– kurze Konzentrationsphasen
– begrenzter Wortschatz
– eingeschränkte motorische Fähigkeiten
– eingeschränkte intellektuelle Fähigkeiten
– wenig oder keine Unterrichtserfahrung
– großer Bewegungsdrang
– großer Kommunikationsbedarf
– teilweise Angst vor einer „Eins-zu-eins-Unterrichtssituation“ mit einer fremden Person
Die Frage, wie ein Unterricht mit kleinen Kindern im Detail aufgebaut sein muss, kann an dieser Stelle nicht ausreichend beantwortet werden. Hier nur einige der wichtigsten Aspekte:
– Die Dauer der Unterrichtseinheiten muss dem Alter und der Gruppenstärke angepasst sein.
Im Gruppen- und Partnerunterricht beträgt sie ca. 45 Minuten, im Einzelunterricht ca. 30 Minuten.
– Das Lesen von Noten erfordert die gleiche intellektuelle Reife, wie das Lesen von Buchstaben. Sind die Kinder noch nicht in der Schule, muss das Einführen der Notenschrift behutsam erfolgen. Zusätzlich müssen beim Musizieren nach Noten ja auch noch komplizierte, feinmotorische Bewegungen vollzogen werden. Musizieren nach Noten ist demnach noch schwerer, als bloßes Lesen von Texten. Bei Kindern im Vorschulalter ist deshalb zunächst das Musizieren nach dem Gehör, dem Musizieren nach Noten vorzuziehen.
– Um die allgemeine musikalische Entwicklung der Kinder voranzutreiben, sollte ein guter Unterricht auch die Bereiche Singen und Bewegen beinhalten. Diese Unterrichtselemente dienen auch dazu, dem Bewegungsdrang der Kinder gerecht zu werden.
– Die einzelnen Lernschritte müssen genauestens geplant und umgesetzt werden.
– Eine reine kognitive Vermittlung von Lernstoff ist sinnlos.
– Die Eltern müssen intensiv in den Lern- und Übeprozess mit einbezogen werden. Das bedeutet auch, dass Eltern ohne musikalische Vorkenntnisse mit unterrichtet werden.

Schon seit meiner Ausbildung beschäftige ich mich mit dem Thema „Instrumentalunterricht mit jüngeren Schülern“. In meinem Bestreben, den Kindern gerecht zu werden, habe ich viele Seminare besucht und unterschiedlichste Methoden ausprobiert. So sind im Laufe der Zeit meine eigenen Programme (Musikkinder, Die neuen Tastenkinder, Gitarrenkinder und Flötenkinder) entstanden. Die Grundlagen lassen sich aber auf alle Instrumentengruppen übertragen, denn für einen erfolgreichen Instrumentalunterricht mit kleinen Kindern sind nicht in erster Linie die instrumentenspezifischen Übungswege wichtig, sondern die allgemeine Didaktik.
Wer sich näher mit dem Thema “kindgerechter Instrumentalunterricht“ beschäftigen möchte (in Form eines Gesprächs, einer Beratung oder eines Seminars), den lade ich ein, sich mit mir in Verbindung zu setzen. Hier meine Mailadresse: gabriele@musididaktik.net

Fazit

Instrumentalunterricht mit kleinen Kindern gibt es schon seit vielen Jahren und wird es auch immer geben. Jedoch ist dieser erst ab einer gewissen motorischen und intellektuellen Reife sinnvoll. Vorher ist eine gute allgemeinmusikalische Frühförderung besser für kleine Kinder.
Ein erfolgreicher Unterricht mit Kindern im Vor- und beginnenden Grundschulalter unterliegt gewissen Regeln, die auf die Bedürfnisse der Kinder Rücksicht nehmen und von den Lehrenden beachtet werden sollten. Ausnahmen bestätigen hier die Regel.

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