Für Musiker_innen, Musik- und Intrumentalpädagog_innen, Sänger_innen & Hobbymusiker_innen

ADHS – Lüge oder Wahrheit?

Ist ADHS eine psychische Krankheit oder ein gesellschaftlich bedingtes Phänomen?

Die Tür des Unterrichtsraums wird aufgerissen und eine Tasche schießt an mir vorbei und prallt gegen Tom. Dieser verdreht nur die Augen und schiebt das Geschoss mit dem Fuß an die Seite. Im Türrahmen steht Tobi, 7 Jahre und der Albtraum meiner Tastenkinder-Gruppe. Hinter ihm kippt mit einem lauten Knall das Schuhregal um und die Schuhe verteilen sich über dem Fußboden. Tobi schaut sich nur kurz um und kommentiert: „Ganz schön klapprig ihr Schuhregal, sie müssen sich mal was Stabiles zulegen.“ Ich zähle innerlich bis zehn und schicke ihn zurück in den Vorraum, um das Chaos zu beseitigen. Die anderen Kinder des Kurses setzen mit mir in einen Kreis auf den Boden, draußen stellt Tobi das Schuhregal geräuschvoll wieder auf und pfeffert die Schuhe hinein. Im nächsten Moment steht er schon in der Mitte des Kreises, fuchtelt mit den Armen in der Luft herum und verkündigt: „Ich geh‘ jetzt in Karate, wer will gegen mich kämpfen?“ Ich bestätige kurz den Beginn seiner Karatekarriere und bitte ihn dann nachdrücklich, sich neben mich zu setzen. Die Stunde kann beginnen…

Bei Tobi wurde vor einiger Zeit ADHS diagnostiziert. Kinder wie er gehören heute zum Alltag aller Lehrenden. Sie sorgen dafür, dass unser Unterricht nicht „langweilig“ wird. Das ist jedoch eine nette Umschreibung für den Leidensdruck, den viele Kinder, deren Eltern, ErzieherInnen und LehrerInnen im täglichen Leben aushalten müssen.
Bei meiner Recherche zu ADHS und ADS musste ich feststellen, dass es unterschiedliche Ansichten zu dieser „Krankheit“ und so auch zu den Ursachen und Behandlungsmöglichkeiten gibt. Bringen wir deshalb etwas Ordnung in das Chaos.

Was bedeutet ADHS und ADS?

ADS ist die Abkürzung für die Bezeichnung „Aufmerksamkeitsdefizit Syndrom“.
ADHS ist eine Variante, die mit „Hyperaktivität“ einhergeht.

Von Seiten der Schulmedizin ist eine Diagnose von AD(H)S zwar schwierig aber durch Fachärzte und entsprechende Tests möglich. ADHS-Kinder müssen dabei drei Kernsymptome aufweisen: Impulsivität, übersteigerten Bewegungsdrang und Konzentrationsschwäche. Diese Auffälligkeiten müssen über mindestens sechs Monate und in verschiedenen Lernbereichen auftreten.
ADS-Kinder reagieren im Gegensatz zu ADHS-Kindern auf äußere Reize nicht hyperaktiv sondern ziehen sich in extremen Maße in sich zurück.

Die Ursachen für AD(H)S laut Schulmedizin

Die Mediziner gehen davon aus, dass bei einem AD(H)S-Menschen die Vorderlappen im Gehirn schlechter arbeiten, als bei gesunden Menschen. Der Botenstoff Dopamin wird deshalb nicht richtig ausgeschüttet. Sie nehmen an, dass genetische Störungen dafür verantwortlich sind. AD(H)S ist deshalb für Schulmediziner eine angeborene psychische Erkrankung.
Diese angeborene psychische Krankheit wird dann mit Psychotherapie und Medikamenten behandelt.

Zahlen zu AD(H)S

Wie viele Kinder in Deutschland tatsächlich an AD(H)S erkrankt sind, kann ich hier nicht eindeutig angeben. Die publizierten Zahlen schwanken zwischen 150 000 und 1 Million.
Einig sind sich die Fachleute aber, dass bei wesentlich mehr Jungen AD(H)S diagnostiziert wird, als bei Mädchen.

Ritalin (Methylphenidat)

Leider beschließen viele Eltern erst sehr spät, sich fachkundigen Rat bezüglich ihres auffälligen Kindes zu holen. So wird die Diagnose AD(H)S häufig erst gestellt, wenn die Kinder so auffällig geworden sind, dass ein normaler Schulalltag mit ihnen nicht mehr möglich ist. Eine langfristige psychotherapeutische Behandlung, die erst nach vielen Wochen oder Monaten Erfolge verspricht, scheint dann nicht mehr sinnvoll. Medikamente hingegen, die die Kinder ruhig stellen, versprechen eine schnelle Lösung des Problems.
Ritalin ist hier das bekannteste Präparat. Es behandelt nicht die Krankheit, sondern unterdrückt die Symptome.

Laut dem Arzneiverordnungsreport wurden in Deutschland 2002 insgesamt 17 Millionen Tagesdosen Methylphenidat verschrieben, 2011 waren es schon 56 Millionen Tagesdosen. Aktuellere Angaben konnte ich nicht finden. Angeblich ist die Zahl in den letzten Jahren geringfügig gesunken.

Gerald Hüther lehnt sich auf

Der Neuro-Wissenschaftler Gerald Hüther zeichnet jedoch ein anderes Bild von den Ursachen für AD(H)S und den Möglichkeiten, die Krankheit zu behandeln und ihr vorzubeugen.

Hüther schreibt: „Trotz inzwischen schon jahrzehntelanger intensiver Forschungsanstrengungen ist es
bis heute nicht gelungen, das vermutete Dopamindefizit im Gehirn der betreffenden Patienten auch wirklich nachzuweisen. Auch der genetische Defekt, der diesem Defizit angeblich zugrunde liegen soll, konnte bisher nicht gefunden werden.“
(http://www.gerald-huether.de/Mediathek/ADHS/Zeitschriftenbeitrag_fuer_Naturarzt.pdf)

Der Neuro-Wissenschaftler erklärt weiter, dass angebliche AD(H)S-Kinder (mit dem schlecht arbeitenden Frontalhirn) ihre Impulse unzureichend kontrollieren können. Das Gehirn des Kindes ist aber kein von Geburt an fertiges Gebilde, sondern ein sich selbst organisierendes System, das sich in hohem Maße aus Erfahrungen strukturiert. „Damit Kinder, die zur Steuerung ihres Verhaltens erforderlichen Vernetzungen im Frontalhirn herausbilden können, müssten sie den Nutzen von Einfühlung, den Nutzen von Disziplin, den Nutzen von Handlungsplanung und Folgenabschätzung erleben und als wichtig und wertvoll empfinden können.“ (http://www.gerald-huether.de/Mediath/ADHS/Interview_Mensch_und_Natur.pdf)

Das geschieht, wenn Kinder gemeinsam mit den Eltern oder anderen Personen etwas gestalten oder sich um etwas kümmern. Die Fähigkeit, die Kinder dadurch erlangen nennt Hüther „die Fähigkeit zu „Shared attention“ – geteilter Aufmerksamkeit. „Shared attention“ bildet die Voraussetzung dafür, dass sich ein Kind als Teil einer Gruppe fühlen kann, sich persönlich innerhalb dieser zurücknimmt und mit den anderen gemeinschaftlich agiert.

AD(H)S ein gesellschaftliches Problem

Für Hüther und andere kritische Personen ist AD(H)S durchaus ein gesellschaftliches und familiäres Problem. Kinder sind in unserer Gesellschaft nicht mehr wichtig. Die Familien agieren nicht miteinander, sondern jeder für sich. In einer modernen Familie muss ein Kind in erster Linie in einem kinderfeindlichen Schulsystem funktionieren. Funktioniert es nicht, wird mit Medikamenten nachgeholfen. Wichtige Elemente wie: das Spielen in der Natur, das Erleben von Abenteuern ohne die bewachenden Eltern, die Fürsorge für jüngere Geschwister oder Großeltern, das gemeinschaftliche Lösen von Problemen in Kindergruppen usw., bleiben heute auf der Strecke.

Fazit

Jede Lehrperson muss sich mit dem Thema AD(H)S beschäftigen. Kinder, die nicht in der Lage sind, sich in eine Gruppe und einen Unterrichtsablauf einzugliedern, gibt es viele. Diese Kinder und deren Eltern brauchen keine Vorwürfe, sondern unsere Unterstützung. Zappelnde Kinder vom Musikunterricht auszuschließen, wäre ein großes Unrecht an jedem Einzelnen.

Gerald Hüther führt  drei Punkte an, die jedes Kind braucht:

1. Aufgaben an denen es wachsen kann
2. Vorbilder an denen es sich orientieren kann
3. Gemeinschaften in denen es sich aufgehoben fühlt

Geben wir doch den Kindern einfach das, was sie brauchen!

Kommentare
  1. Gerhard Wolters sagt

    Habe gestern einer Trompeten- und Keyboardklasse in Niederösterreich gratulieren dürfen, deren Schüler in 6 Wochen an 3 Tagen pro Woche so oft und so lang zur Musikschule kommen durften, wie sie wollen.
    Drei der Schüler waren pro Woche freiwillig zwischen 9 und 10 Stunden (!) anwesend, der Schnitt aller Schüler lag bei sagenhaften 3,5 Std.!
    Selbstredend, dass diese Kinder intensiv in verschiedensten Sozialstrukturen von- und miteinander gelernt und musiziert haben und so in dieser eit vieles von dem erfahren durften, was Hüther fordert … eben: „Geben wir den Kindern, was sie brauchen!“
    Mehr Infos unter http://www.mdu.ch

  2. Sarah sagt

    Vielen Dank, liebe Frau Zimmermann, für Ihren klar strukturierten und mut-machenden Artikel.
    Leider werden Prof. Hüther und auch Meinungen wie Ihre an den wesentlichen Stellen nicht bzw. zu wenig gehört. Es ist eben zu einfach ein Kind als ‚krank‘ abzustempeln und mit Medikamenten fügbar zu machen. Die Verantwortlichen entziehen sich dadurch der Verantwortung zur Beziehung und deren beschriebene hilfreichen und heilsamen Wirkungen. Natürlich werden Entscheidungen oft aus Überforderung getroffen, aber es steht v.a.auch ein Menschenbild dahinter. Eines das dem von Ihnen beschriebenen widerspricht. In dem Feld muss noch viel getan werden, deswegen bin ich Ihnen so dankbar für Ihren Artikel und den Verweis auf Hüther.

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