Verhaltensauffällige Kinder im Unterricht

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Ein persönliches Statement mit Erfahrungsberichten und Tipps zum Umgang mit AD(H)S- und verhaltensauffälligen Kindern im Unterricht.

Aufgrund meines letzten Artikels über AD(H)S haben mir viele LeserInnen persönlich geschrieben. Einige berichteten über ihre eigene AD(H)S-Erkrankung und äußerten sich voller Wut und Enttäuschung über die Aufbereitung des Themas und die Ansichten Gerald Hüthers. Andere schrieben über ihre Probleme mit verhaltensauffälligen Kindern im Unterricht und baten um Rat. Fast alle aber wünschten sich eine persönliche Stellungnahme von mir.
So habe ich beschlossen, noch einen zweiten Artikel zu schreiben, in dem ich von meinen Erfahrungen und Strategien im Umgang mit verhaltensauffälligen Kindern berichten werde.

Verhaltensauffällige Kinder

Seit 30 Jahren unterrichte ich Kinder im Rahmen der musikalischen Frühförderung und im Instrumentalunterricht. Schon immer hat es Kinder in meinen Gruppen und im Einzelunterricht gegeben, die einen „normalen“ Unterrichtsverlauf erschwerten oder unmöglich machten. Diese Kinder bezeichne ich im Weiteren als verhaltensauffällig, ohne damit eine Wertung zu verbinden. Nach meinen Beobachtungen ist die Zahl dieser Kinder nur wenig gestiegen, ihr Verhalten ist aber extremer geworden und die Familien stehen stärker unter Druck als früher.

Mein persönlicher Standpunkt zur Krankheit AD(H)S

Die wissenschaftlichen Untersuchungen zum Thema AD(H)S kann ich selbst nicht fachlich beurteilen. Persönlich habe ich einen interessierten, aber kritischen Blick auf medizinische Studien, besonders dann, wenn die pharmazeutische Industrie von den Ergebnissen profitiert. Aufgrund meiner Beobachtungen bin ich für mich zu dem Schuss gekommen, dass AD(H)S als Krankheitsbild existiert, aber nicht in dem Ausmaß, wie es von der Presse dargestellt wird. In meinem direkten Umfeld habe ich schon mehrmals erlebt, dass Kinderärzte sehr schnell den Verdacht auf ADHS äußerten. Einziger Hintergrund ist oft, dass die Kinder mit der lauten, leistungsorientierten Atmosphäre in den Klassenräumen nicht zurechtkommen. Das kann aber viele Ursachen haben.

Jeder Mensch ist anders

In meinem Leben und in meinem Unterricht versuche ich alle Menschen so anzunehmen, wie sie sind. Meine Unterrichtsgruppen sind soziale Gemeinschaften und stellen für mich ein Spiegelbild des täglichen Lebens dar. Die Kinder müssen lernen, sich auf andere Kinder einzustellen und einen Platz innerhalb der Gruppe einzunehmen. Ich wehre mich dagegen, allen Eigenheiten sofort einen Namen oder ein Krankheitsbild zuzuordnen. Da gibt es Karin mit roten Haaren, Leon mit Brille, Noah mit Downsyndrom und Nick, der immer zappelt. Für die meisten Kinder ist das alles ganz normal.

Probleme im Unterricht

Verhaltensauffällige Kinder werden für MusiklehrerInnen oder ChorleiterInnen dann zum Problem, wenn ein „normaler“ Unterrichtsverlauf aufgrund einzelner Kinder nicht mehr möglich ist. Es stellt sich dann nämlich die Frage, muss eine Gruppe es akzeptieren, dass aufgrund eines einzelnen Kindes die Qualität des Unterrichts stark leidet? Für mich und viele andere LehrerInnen eine immer wiederkehrende, schwerwiegende Frage. Die Antwort darauf muss jeder selbst finden. Eine Einheitslösung gibt es nicht.
Viele von uns sind freie Unternehmer und wir sind gezwungen diese Frage aus pädagogischer und betriebswirtschaftlicher Sicht zu erwägen.

Eltern

Die Einstellung und das Verhalten der Eltern sind im Unterrichtsalltag mit verhaltensauffälligen Kindern häufig ein weiteres Problem.
Da sind zunächst die Eltern ruhiger Kinder, die sich Sorgen machen und oft ihre Abneigung gegen lebhafte Schüler offen zeigen. Und dann die Eltern der auffälligen Kinder, die ihre Augen vor den Problemen verschließen.
Folgende Szene steht beispielhaft für das, was KollegInnen und ich regelmäßig erleben.
Leandro ist ein chaotischer, aber liebenswerter 5-jähriger. Er bewegt sich ständig und in einem schwindelerregenden Tempo. Seine Lieblingsbeschäftigung ist das Raufen und auch im Unterricht ist er ständig auf der Suche nach einem neuen Rauf-Partner. Leandro ist seit drei Jahren bei mir und ich versuche jede Stunde von neuem, ihn in die Gruppe zu integrieren und musikalisch zu fördern. Betritt Leandro die Musikschule, folgen ihm die missbilligenden Blicke der Eltern. Seine Mutter schiebt ihn nur noch durch die Tür und verschwindet dann. Ihre Reaktionen auf meine Versuche mit ihr über Leandros Verhalten zu sprechen, sind immer die gleichen: „Das macht er ja sonst nie…  So kenne ich ihn ja gar nicht… usw.“

Was tun?

Um allen gerecht zu werden, pflege ich einen besonders engen Kontakt zu allen Eltern eines Kurses mit Kindern wie Leandro. Werde ich von Eltern ruhiger Kinder angesprochen, nehme ich ihre Ängste sehr ernst. Ich versichere, immer wachsam zu sein und auch auf die Bedürfnisse ruhiger Kinder Rücksicht zu nehmen.
Den Eltern verhaltensauffälliger Kinder signalisiere ich, dass ich auch ihre Kleinen beschütze, besonders gegenüber den Anfeindungen von Erwachsenen. Ich ermuntere sie aber, die Probleme wirklich anzuschauen und sich fachmännische Hilfe zu holen.
Häufig verschärft auch die Zusammensetzung der Gruppe die Probleme. Wenn ich das über einen gewissen Zeitraum beobachte, versuche ich es mit einer Umstrukturierung. Allerdings ist das nicht immer möglich. Ich habe noch nie ein verhaltensauffälliges Kind aus einem Kurs genommen, aber ich habe schon sehr ruhige Kinder die Gruppe wechseln lassen.

Tipps zum Umgang mit verhaltensauffälligen Kindern im Unterricht

Hier nun einige Tipps, die sich im Umgang mit verhaltensauffälligen Kindern sehr bewehrt haben.

– Auf die positiven Eigenschaften schauen
Gerade bei verhaltensauffälligen Kindern ist es wichtig, den Blick auf ihre positiven Eigenschaften zu richten und diese durch Lob und Anerkennung zu verstärken. Die meisten sind sehr hilfsbereit und übernehmen gerne Verantwortung. Es liegt an uns, viele Situationen zu schaffen, in denen sie sich beweisen können.
– Körperliche Nähe
Unruhige Kinder setze ich in einem Gesprächskreis immer neben mich und streichle beruhigend aber unauffällig ihren Rücken. Das hilft ihnen ruhig und konzentriert zu bleiben.
– Rückzug
Wenn ein Kind eine Aktion im Unterricht wiederholt, massiv stört, kann es an dieser nicht weiter teilnehmen. Es setzt sich dann an den Rand und schaut zu. Gerade hyperaktive Kinder sehen das nicht als Bestrafung, sondern als Möglichkeit sich zu sammeln. Die Kinder dürfen bei mir selbst bestimmen, wann sie wieder am Unterricht teilnehmen. Voraussetzung ist, dass sie bereit sind, das störende Verhalten zu unterlassen.
Ich habe einen kleinen Schreibtisch in meinem Unterrichtsraum. Jedes Kind kann sich unter diesen kurzeitig zurückziehen. Gerade geräuschempfindliche Kinder nutzen das sehr gern.
– Feste Struktur und Regeln
Alle meine Kurse haben eine feste Struktur und klare Regeln:
Beginn und Ende sind immer gleich gestaltet.
Wir starten keine neue Aktion, wenn nicht alle Materialien aufgeräumt wurden.
Jeder kümmert sich um seine eigenen Materialien.
Treten, beißen und spucken sind verboten.
Wir machen uns nicht über andere Kinder lustig.
Es gibt kein allgemeines Gut und Schlecht, jeder gibt sein Bestes.

Und wir haben tatsächlich auch folgenden Grundsatz: Frau Zimmermann ist die „Bestimmerin“ über alle Instrumente, Möbel und Utensilien des Unterrichtsraumes. Jedes Kind ist der oder die „BestimmerIn“ über ihre/seine Tasche und deren Inhalt.

AD(H)S – ein gesellschaftliches Problem?

Jein – in unserer Gesellschaft gibt es viele Probleme, die das auffällige Verhalten von Kindern verstärken oder sogar der Auslöser dafür sind. In einer Leistungsgesellschaft geraten Kinder und deren Eltern, die in irgendeiner Weise anders „funktionieren“ unter großen Druck. Und deshalb muss ihnen geholfen werden, mit Verständnis, Wohlwollen aber auch mit Therapien und Medikamenten.
AD(H)S & Co. sind auch deshalb ein gesellschaftliches Problem, weil die Politik LehrerInnen und ErzieherInnen im Stich lassen. Viele von ihnen sind überfordert und ausgebrannt. Auf den Hilferuf der Mutter einer meiner hochsensiblen Schüler, antwortete die Klassenlehrerin: „Ich habe in meiner Klasse (25 Schüler) drei ADHS-Kinder und drei traumatisierte Flüchtlingskinder, ich weiß nicht, wie ich mich auch noch um ihren Sohn speziell kümmern soll.“
Lösungen für diese Probleme habe ich keine.

Ich hoffe, dass ich mit diesem Artikel meinen Standpunkt zum Thema AD(H)S und Verhaltensauffälligkeiten verständlich darlegen konnte und ihr die eine oder andere Anregung für euren Unterricht nutzen könnt.
Im Kommentarbereich habt ihr die Möglichkeit über eure Erfahrungen und eure Ansichten zu schreiben.

Es grüßt euch,
eure

Gabriele

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3 Comments

  1. Claudia Nicolai says

    Gutes Thema, liebe Gabi, und gute Tipps. Ich stelle fest, dass die verhaltensauffälligen Kinder mehr werden, ohne dass ich ihnen jetzt einen Stempel aufdrücken will oder das Problem bewerten. Mein Gedanke dazu ist, dass Kinder oft auch ihre Umgebung spiegeln. Mal ein Denkversuch: wenn Eltern gelassener wären im Umgang mit den Erwartungshaltungen der Leistungsgesellschaft und für ihre Kinder sehr viel ruhige Aufmerksamkeit hätten und einen möglichst klaren Blick für deren Stärken und Schwächen und stattdessen weniger Angst, würde das helfen?
    Als Kinderlose habe ich leicht reden, aber klar ist, dass man als Unterrichtende das Problem sicher nicht an der Wurzel zu fassen bekommt. Allenfalls kann man es positiv beeinflussen.
    Uns allen wünsche ich auf jeden Fall stabile Nerven, und den Kindern viel mehr atmende Räume, in denen sie ihre Persönlichkeit entwickeln können.

  2. Schneider-Funk says

    Liebe Gabriele Zimmermann. Vielen Dank für diesen Artikel. Er ist Dir sehr gelungen. Dankeschön. Gerne würde ich für den einen oder anderen auch noch ein paar Tipps hier lassen. Das Thema ADS ist ein sehr sensibles Thema, gerade weil die Erkrankung bei jedem Betroffenen sehr individuell ausfällt. Aber ganz pauschal gibt es Tipps die immer umsetzbar sind. Z.B. Hausaufgabenhefte und Bonus-Punktepläne. Das Hausaufgabenheft ist wichtig als Vereinbarung zwischen der Lehrkraft und dem Schüler und vorallem weil ADSler sich einfach alles aufschreiben müssen, da es sonst vergessen wird. Den Bonus-Punkte-Plan kann man ganz nach belieben und Vorstellungen gestalten. Entweder im Bereich: Verhalten, Üben/Einstudieren,Ordnung, usw. Für etwas positiv geleistetes gibt es einen Punkt. Für Zusatzaufgaben sogar einen extra Punkt. Für negatives wird ein Punkt weggenommen. Man vereinbart eine Ziel-Punktezahl. Ist diese erreicht, bekommt der Schüler etwas dafür. Das funktioniert immer und die Kids sind so stolz, wenn sie den Plan voll haben. Es stärkt die eigene Kraft etwas geschafft zu haben. Ganz wichtig im Unterricht ist der Augenkontakt. Ist der Augenkontakt nicht da, wirst du die Aufmerksamkeit nicht haben. Dann kann man eben so gut mit der Wand kommunizieren. Direkter Blickkontakt ist das A und O, denn dann hast du die gewünschte Aufmerksamkeit. Dann bitte nicht in überlangen Sätzen reden sondern kurze und zackige. Lange Sätze sind der Tod eines Lehrers. Anweisungen geben. Entsprechend sollte auch eine Lern/Übungsphase sein. Zwischen 5-8 Minuten am Stück etwas üben ist möglich. Länger auf keinen Fall, denn dann lässt die Konzentration schon wieder nach. Hier kann man super mit Sanduhren arbeiten. Die gibt es in Sätzen von 30 sek bis 10 min. Hat der Schüler die Phase geschafft, bitte das loben nicht vergessen. Das ist ganz wichtig. Das stärkt das Selbstvertrauen. Leider ist das eine oft fehlende Begleiterscheinung bei der ADS Problematik. Nur als Neben-Info. Ein „ADSler“ muss etwas 100x mehr üben/lernen als ein „Normaler Mensch“ bevor es tatsächlich vom Kurzzeit- im Langzeit- Gedächtnis landet. Es gibt noch viel viel mehr was man methodisch umsetzen kann. Gerne könnt Ihr mich anschreiben und mir eure Erfahrungen mitteilen. Vielleicht habe ich einen Lösungsansatz. Anfang 2017 werde ich mit dem Thema „AD(H)S im Musikunterricht als Bloggerin online gehen. Da werde ich im Laufe der Zeit immer wieder Tipps für den Alltag im Unterricht geben. Bis dahin bin ich über PN zu erreichen. Dir Gabriele nochmal Danke für deinen Artikel. Lg Angelika

  3. Gabriele Zimmermann says

    Hier ein wertvoller Kommentar von Angelika:
    Liebe Gabriele Zimmermann. Vielen Dank für diesen Artikel. Er ist Dir sehr gelungen. Dankeschön. Gerne würde ich für den einen oder anderen auch noch ein paar Tipps hier lassen. Das Thema ADS ist ein sehr sensibles Thema, gerade weil die Erkrankung bei jedem Betroffenen sehr individuell ausfällt. Aber ganz pauschal gibt es Tipps die immer umsetzbar sind. Z.B. Hausaufgabenhefte und Bonus-Punktepläne. Das Hausaufgabenheft ist wichtig als Vereinbarung zwischen der Lehrkraft und dem Schüler und vorallem weil ADSler sich einfach alles aufschreiben müssen, da es sonst vergessen wird. Den Bonus-Punkte-Plan kann man ganz nach belieben und Vorstellungen gestalten. Entweder im Bereich: Verhalten, Üben/Einstudieren,Ordnung, usw. Für etwas positiv geleistetes gibt es einen Punkt. Für Zusatzaufgaben sogar einen extra Punkt. Für negatives wird ein Punkt weggenommen. Man vereinbart eine Ziel-Punktezahl. Ist diese erreicht, bekommt der Schüler etwas dafür. Das funktioniert immer und die Kids sind so stolz, wenn sie den Plan voll haben. Es stärkt die eigene Kraft etwas geschafft zu haben. Ganz wichtig im Unterricht ist der Augenkontakt. Ist der Augenkontakt nicht da, wirst du die Aufmerksamkeit nicht haben. Dann kann man eben so gut mit der Wand kommunizieren. Direkter Blickkontakt ist das A und O, denn dann hast du die gewünschte Aufmerksamkeit. Dann bitte nicht in überlangen Sätzen reden sondern kurze und zackige. Lange Sätze sind der Tod eines Lehrers. Anweisungen geben. Entsprechend sollte auch eine Lern/Übungsphase sein. Zwischen 5-8 Minuten am Stück etwas üben ist möglich. Länger auf keinen Fall, denn dann lässt die Konzentration schon wieder nach. Hier kann man super mit Sanduhren arbeiten. Die gibt es in Sätzen von 30 sek bis 10 min. Hat der Schüler die Phase geschafft, bitte das loben nicht vergessen. Das ist ganz wichtig. Das stärkt das Selbstvertrauen. Leider ist das eine oft fehlende Begleiterscheinung bei der ADS Problematik. Nur als Neben-Info. Ein „ADSler“ muss etwas 100x mehr üben/lernen als ein „Normaler Mensch“ bevor es tatsächlich vom Kurzzeit- im Langzeit- Gedächtnis landet. Es gibt noch viel viel mehr was man methodisch umsetzen kann. Gerne könnt Ihr mich anschreiben und mir eure Erfahrungen mitteilen. Vielleicht habe ich einen Lösungsansatz. Anfang 2017 werde ich mit dem Thema „AD(H)S im Musikunterricht als Bloggerin online gehen. Da werde ich im Laufe der Zeit immer wieder Tipps für den Alltag im Unterricht geben. Bis dahin bin ich über PN zu erreichen. Dir Gabriele nochmal Danke für deinen Artikel. Lg Angelika

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