Musizieren verändert das Gehirn

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Was die Neurowissenschaft im Bereich Musik wirklich herausgefunden hat.

Was Musik im Gehirn bewirkt

Hans-Peter ist 66 Jahre und hat heute seine erste Klavierstunde. Freudig erregt lauscht er den Erklärungen seines Lehrers und entlockt dem Instrument sein erstes selbstgespieltes „Hänschen klein“.
Genauso aufregend, wie diese erste Klavierstunde, ist das, was sich zur gleichen Zeit in Hans-Peters Gehirn abspielt. Schon in dieser ersten Klavierstunde entwickelt sich in seinem Großhirn eine verstärkte Vernetzung zwischen den Hörarealen und den Fingerarealen. Und bevor Hans-Peter seine dritte Monatsgebühr überweist, sind diese Verbindungen stabil geworden.

Noch erstaunlicher sind die Vorgänge in Sandras Gehirn. Sandra ist 8 Jahre alt. Seit einem Jahr hat sie Klavierunterricht und spielt im Durchschnitt zwei Stunden in der Woche.
Nach nur einem Jahr, haben sich ihre auditiven und motorischen Gehirnregionen vergrößert. Daraus resultiert, dass sie motorisch geschickter ist und eine feinere Hörwahrnehmung hat, als ihre KlassenkameradInnen, die nicht musizieren.

Neurowissenschaft im Bereich Musik

Was in Hans-Peters und Sandras Gehirn passiert und welche Auswirkungen dies hat, haben Hirnforscher in den letzten Jahren herausgefunden. Diese Forscher sind Vertreter eines jungen Zweigs der Hirnforschung, der Neurosciences of Music.
Ihre Forschungen belegen, dass sich das Gehirn durch das Musizieren tatsächlich verändert. Diese Anpassung der Hirnstruktur und der Hirnfunktionen auf Spezialaufgaben heißt Neuroplastizität. Und diese wiederum lässt sich besonders gut an Musikern erforschen.

Weitere Erkenntnisse

Schauen wir noch einmal in Sandras Gehirn. Mithilfe neuer Techniken der Nervenfaserdarstellung konnten Neurologen zeigen, dass nicht nur die Verbindung zwischen den Gehirnhälften des musizierenden Kindes verstärkt ist, sondern dass sich auch innerhalb der beiden Gehirnhälften die Verbindungen zwischen der planenden Stirnregionen und den Hörregionen stärker ausbilden.

Musik und Sprache

Carla hat Klavier und Gesang studiert. Sie gibt Instrumentalunterricht und leitet mehrere Chöre. Bei der Untersuchung ihres Gehirns konnten die Wissenschaftler folgendes erkennen: Die motorischen und auditiven Zentren sind bei Musikern größer, als bei normalen Menschen und außerdem sind ihre Sprachregionen dichter vernetzt.
Diese Tatsache zeigt, wie dicht Sprache und Musik miteinander verbunden sind. Folgendes leiten die Forscher aus diesen Erkenntnissen ab: Musikunterricht fördert das Sprachverständnis und das Wortgedächtnis bei Kindern und unterstützt Kinder mit Störungen der Sprachentwicklung.

Musikunterricht vor dem 7. Lebensjahr

Aber es wird noch spannender. Als die Forscher die Gesetzmäßigkeiten der Plastizität ergründeten, fanden Sie heraus, dass die Veränderungen (Vergrößerungen) in Carlas Gehirn nur bei Musikern sichtbar wurden, die nach dem siebten Lebensjahr mit einem Instrumentalunterricht begonnen hatten. Ben dagegen ist 7 Jahre alt und besucht seit 2 Jahren einen altersgerechten Klavierunterricht. Auch er übt im Durchschnitt 2 Stunden in der Woche. Die Wissenschaftler stellten fest, dass sich in seinem Gehirn die Netzwerke so gut optieren, dass keine größeren Nervenzellen benötigt werden und die motorischen und auditiven Zentren normal groß bleiben.

Musik bewegt mehr als Sex, Drugs and Rock’n’Roll

Andere Neurowissenschaftler beschäftigen sich mit Emotionen und hier im besonderen mit positiven Emotionen. Ihr Ergebnis: Musik bewegt mehr als Sex, Drugs and Rock’n’Roll. Der Berliner Stefan Kölsch konnte zeigen, dass Musik ein Netzwerk aktiviert, das bindungsbezogene Emotionen programmiert. Daraus lässt sich folgendes schließen: Das Herstellen und Aufrechterhalten sozialer Bindungen ist eine zentrale evolutionäre Funktion der Musik.

„Hirnforschung – Was kann sie wirklich? Erfolge, Möglichkeiten und Grenzen“

Zusammengetragen hat die Erkenntnisse der Neurosciences of Music Eckart Altenmüller. Er ist Neurologe, Wissenschaftler und Flötist. Seine Abhandlung ist Teil des sehr spannenden Buches „Hirnforschung – Was kann sie wirklich? Erfolge, Möglichkeiten und Grenzen“. Die Herausgegeber sind Michael Madeja und Joachim Müller-Jung, erschienen ist es 2016 im Verlag C.H. Beck.
In diesem Buch berichten 18 führende Neurowissenschaftler, was die Hirnforschung in den letzten Jahren erreicht hat, was in Zukunft erreicht werden kann und auf welchen Gebieten die Erwartungen noch nicht erfüllt werden konnten.
Die Themengebiete reichen von der Funktion des Gehirns, über Gehirnstörungen bis zu gesellschaftlichen Problemen.

Die einzelnen Beiträge sind in sich abgeschlossen und das Buch lädt den Leser dazu ein, sich von einem interessanten Thema zum nächsten führen zu lassen. Trotz der vielen Autoren haben die Herausgeber darauf geachtet, dass die Gesamtsprache des Werks für Laien gut verständlich ist.

Fazit

In vielen Ratgeber-Zeitschriften und anderen Publikationen beginnen Beiträge im Bereich Bildung häufig mit den Worten: Gehirnforscher haben herausgefunden… Es folgen dann Abhandlungen, in denen Eltern große Versprechungen gemacht werden, wenn ihre Kinder „hirngerechte“ Kurse, wie Früh-Englisch, Früh-Musik, Früh-Wissenschaft usw., besuchen.

Wir sollten uns davor hüten, Eltern wissenschaftlich unbegründete Versprechungen in Bezug auf den Musikunterricht zu machen.

Ich selbst habe, wie viele von euch, als Kind Musikunterricht genossen und wöchentlich mit Begeisterung mehr als zwei Stunden musiziert. Später habe ich die Musik zu meinem Beruf gemacht. Das Musizieren in großen und kleinen Gruppen hat mich den Umgang mit vielen unterschiedlichen Menschen gelehrt und sicher haben sich auch in meinem Gehirn wichtige Areale miteinander vernetzt. Ein Genie bin ich mit all dem nicht geworden. Aber…“Music was my first love and it will be my last.“

Alle die wissen möchten, was die Hinforschung wirklich kann und die Antworten bei Fachleuten suchen, denen empfehle ich das vorgestellte Buch.

Herausgeber M. Madeja, J. Müller-Jung
ISBN 978-3406688805
Details  240 S., gebunden
Verlag  Verlag C.H. Beck
 Preis  € 19,95
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4 Comments

  1. Dörrte Fistl says

    Ich kann das nur unterschreiben, seitdem ich wieder mehr Musik mache, haben sich automatisch meine Sprachkenntnisse aufgefrischt. Sprachkenntnisse wohlgemerkt, die ich bereits Jahre zuvor erworben habe, aber zwischenzeitlich nicht nutzte.

    1. Gabriele Zimmermann says

      Liebe Dörrte,
      vielen Dank für deinen Erfahrungsbericht.
      Herzliche Grüße
      Gabriele

  2. Brigitte Langnickel-Köhler says

    Ich unterrichte mehrere Erwachsene an der Harfe, die erst im fast Rentenalter angefangen haben, sich mit diesem Instrument – teilweise sogar überhaupt mit Musik – zu beschäftigen. Die Unterrichtsstunden sind eine gegenseitige Beglückung! Es ist eine Freude zu sehen, wie die Koordinationsfähigkeit, das Umsetzen des Notenbildes und die feinmotorische Fähigkeit wächst.

    1. Gabriele Zimmermann says

      Liebe Brigitte,
      vielen Dank für deinen interessanten Bericht.
      Herzliche Grüße
      Gabriele

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