Du oder Sie? – Das ist hier die Frage.

„Lässt du dich von deinen Schülern siezen oder duzen?“ Das ist eine häufig gestellte Frage in meinen Seminaren und ein interessantes Thema.

Viele Menschen im deutschsprachigen Raum fühlen scheinbar eine gewisse Unsicherheit im Umgang mit dem „Du“ und dem „Sie“. Deshalb werde ich die Fragestellung noch erweitern.
Woher kommt das „Sie“ eigentlich?
Wie verhalte ich mich korrekt?
Was soll das alles überhaupt?
Wie verhalte ich mich im Musikunterricht, in der Chorprobe und unter Kollegen?

Woher kommt das „Sie“?

Das Siezen, als eine Form der Anrede neben dem „Du“, fand in Deutschland erst um das Jahr 1800 Verbreitung und zwar im Bürgertum. Zurückverfolgen kann man die Entwicklung der Anredeformen nur bis ins 9. Jahrhundert. Im Mittelalter und in der Neuzeit gab es die „Du/Ihr“-Anrede und die Anrede mit „Er“. Ab dem Jahr 1800 wurde aus dem „Ihr“ im Bürgertum das „Sie“, zusammen mit der Anrede Herr, Frau und Fräulein. Mit dem Übergang vom „Ihr“ zum „Sie“ wollte sich das Bürgertum der Etikette des Adels angleichen. Außerdem wurde dadurch eine Abgrenzung der Stadtbevölkerung von der Landbevölkerung vollzogen.
Wegen des Einzugs angloamerikanischer Umgangsformen in unserem Land glauben viele Menschen, dass das Siezen eine Marotte der deutschen Sprache ist. Das ist natürlich nicht so. Das „Sie“ gibt es auch in vielen anderen Sprachen, wie z.B. im Französischen, Spanischen und Holländischen. Hier wird das „Sie“ teilweise noch viel heftiger verteidigt, als im deutschsprachigen Raum. Allerdings gibt es auch im deutschsprachigen Bereich Unterschiede. So war und ist das Duzen in der deutsprachigen Schweiz schon immer verbreiterter, als in Deutschland oder in Österreich. Sogar im Schweizer Militär ist das Duzen allgemein verbreitet; für viele deutsche Militärs wahrscheinlich undenkbar.

Wie verhalte ich mich korrekt?

Egal, wie wir persönlich darüber denken, die korrekte Anrede unter Erwachsenen in Deutschland ist das „Sie“. Das Duzen ist auf Mitglieder der Familie und enge Freunde begrenzt. Weitere Ausnahmen bilden das Duzen in bestimmten Gruppen, wie z.B. Vereinen oder bei uns im Bereich des Internets (Facebook oder auf dem Blog), in bestimmten Berufsgruppen, so auch unter Künstlern und temporär auf einem Berg oberhalb von 1600 Metern.
Für alle, die es aber ganz genau wissen möchten, empfehle ich diesen Link. Hier findet ihr alle korrekten Umgangsformen: Wer duzt oder siezt wen? Wer bietet wem und wann das „Du“ an? Usw.

Was soll das alles überhaupt?

Für viele Personen ist das Thema „Du“ oder „Sie“ auch ein Streitthema, da es oft mit Respekt und Zuneigung in Zusammenhang gebracht wird. Die eine Partei meint, dass Respekt nicht an eine Anrede gekoppelt ist und, dass man sich deshalb ruhig ausschließlich duzen sollte. Die andere Partei empfindet das „Sie“ immer noch als einen Schutz und das „Du“ als eine Gabe, die ich anderen Menschen geben oder verweigern möchte.
Nach meiner Meinung haben beide Seiten recht. Wie in allen Bereichen des Zusammenlebens kommt es auf die Einstellung und das Tun der einzelnen Person an.
Deshalb nun die Frage, wie gehe ich als MusiklehrerIn, ChorleiterIn oder SeminarleiterIn mit diesem Thema um.

Wie verhalte ich mich im Musikunterricht, in der Chorprobe und unter Kollegen?

Ich möchte euch an dieser Stelle von meinen persönlichen Erfahrungen mit dem Duzen und Siezen berichten. Meine Gedanken dienen nur als Denkanstöße ohne Anspruch auf Allgemeingültigkeit.

Als ich vor vielen Jahren begann, „offiziell“ in der Musikschule zu unterrichten, war ich noch sehr jung. Um trotz meines Alters eine gewisse Autorität, gerade gegenüber den Eltern meiner Schüler, zu haben, entschied ich mich damals für die Anrede „Sie“. Mit den Jahren bin ich älter geworden und habe daran nie etwas geändert, da ich keine Notwendigkeit dafür gesehen habe.
Ich persönlich bin der Meinung, dass das „Sie“ oder „Du“ keine Auswirkungen auf meine Einstellung zu einer Person haben. Und doch genieße ich es, zunächst eine gewisse Distanz zu außenstehenden Personen zu wahren und zwar verbal, als auch körperlich. Das hat allerdings nichts mit meiner Sympathie für bestimmte Personen zu tun. Ich habe kein Problem Menschen, die ich sehr mag, zu siezen.
Ich störe mich aber daran, dass nach meiner Meinung bestimmte Berufsgruppen abgewertet werden, indem sie (z.B. viele ErzieherInnen und Krankenschwestern/-pfleger) grundsätzlich mit dem Vornamen angesprochen werden. Warum sagen wir Herr Doktor Müller aber Schwester Brigitte? Warum spricht man die Erzieherin mit Uschi an, die Grundschullehrerin aber mit Frau Schulz? Für mich ein klares Hierarchie-Gehabe.

Wie aber ist es nun generell in der Musik?

Kollegen
Musiker duzen sich in den meisten Fällen untereinander. Das ist auch sinnvoll. Das gemeinsame Musizieren ist eine sehr intime Sache. Kaum ein Außenstehender wird diesen Satz verstehen, aber ihr wisst, was ich meine. Aber auch hier gibt es Ausnahmen. Ein Musikalischer Leiter/ Dirigent nimmt häufig eine Sonderstellung ein.

„Du“
Dieses „Du“ unter Musikern übertragen viele MusiklehrerInnen auch auf ihre Schüler und duzen sich mit ihnen. Wer das für sich und seine Schüler beschlossen hat und sich damit wohl fühlt, weil es zu seiner Person, seinem Instrument und seiner Umgebung passt, der sollte es auch weiterhin tun.
Eine Einschränkung sehe ich jedoch. Man kann und sollte niemandem das „Du“ aufdrängen. Wenn ihr also neue erwachsene Schüler übernehmt, solltet ihr diese fragen, ob das „Du“ ihnen recht ist.  Dies muss auf eine Art geschehen, die es der Person ermöglicht, auch „nein“ zu sagen. Also nicht: „Es macht Ihnen doch nichts aus, dass wir uns hier alle duzen?“ Sondern: „Ist es Ihnen recht, wenn wir uns im Musikunterricht duzen oder würden Sie zunächst lieber beim „Sie“ bleiben? Mir sind beide Varianten recht.“

„Sie“
Die Frage nach dem „Du“ oder „Sie“ im Musikunterricht wird in meinen Seminaren oft von Personen gestellt, die sich eigentlich lieber siezen lassen würden -meistens, weil sie es selber aus ihrer Schülerzeit so gewohnt sind- aber Hemmungen haben, das „Sie“ einzufordern. Diesen Personen möchte ich sagen, dass jede/r MusiklehrerIn, ChorleiterIn oder SeminarleiterIn das Recht hat, sich siezen zu lassen. Eure Schüler, Chorsänger und Seminarteilnehmer sind keine Musiker-Kollegen. Im Unterricht oder in der Probe gibt es eine gewisse natürliche Hierarchie und das ist gut so. Diese natürliche Hierachie wird durch das „Sie“ unterstützt. Wer sich also lieber siezen lassen möchte, kann das ohne schlechtes Gewissen tun.

Kinder haben damit sowieso kein Problem. Meine kleinen Schüler sagen altersbedingt „Du“ und „Frau Zimmermann“ zu mir. Ich liebe diese Anrede. In meinem Begrüßungslied, das ein Frage-Antwort-Lied ist, hat sogar mein Sohn auf die Frage „Lieber Jeffrey, bist du da?“ antwortend gesungen: „Ja, Frau Zimmermann, ich bin da.“ Das hat unser Verhältnis in keiner Weise negativ berührt. Er hätte sich aber wahrscheinlich geweigert, vor allen anderen Kindern „Mama“ zu singen.

Fazit

„Du“ oder „Sie“ im Bereich des Musikunterrichts und des Chorwesens ist eine persönliche Geschmacksache, die aber den äußeren Gegebenheiten angepasst sein sollte. Als LehrerInnen und ChorleiterInnen sind wir Dienstleister. Das „Sie“ ist nach meiner Meinung die „normale“ Anrede. Wünscht sich aber ein junger Chor von seinem jungen oder junggebliebenen Chorleiter das „Du“, sollte man diesem Wunsch möglichst nachkommen.

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Kommentare

  1. Ulrike J. sagt

    Hallo Gabriele,
    das ist ein großartiger Artikel. Es sind manchmal die Kleinigkeiten die es ausmachen.

    Liebe Grüße
    Ulrike

    1. Gabriele Zimmermann sagt

      Hallo Ulrike,
      vielen Dank für dein Lob. Ja, ich denke auch, dass Kleinigkeiten sehr wichtig sind.
      Viele Grüße
      Gabriele

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