Warum Jungen NICHT die Problemfälle unserer Gesellschaft sind

Ein Plädoyer für mehr Verständnis gegenüber den Jungen in unserer Gesellschaft.

Wie in der letzten Woche angekündigt, möchte ich heute das Thema „Jungen – die Problemfälle unserer Gesellschaft“ noch eingehender behandeln. Der folgende Artikel ist eine sehr persönliche Betrachtung. Sie beruht auf meinen Erfahrungen als Lehrerin, Mutter zweier Söhne und der Auseinandersetzung mit Büchern und Artikeln zu diesem Thema.

Die Grundlage

„Erziehung ist Beispiel und Liebe – sonst nichts“ ist ein Ausspruch des Reformpädagogen Friedrich Wilhelm August Fröbels und soll die heutige Grundlage sein. Nur wenn wir als Erwachsene bereit sind, schreienden, raufenden, sich provozierenden, hampelnden und störenden Jungen grundsätzlich die gleiche Liebe entgegenzubringen, wie sauberen, braven, fleißigen und still sitzenden Mädchen, haben wir eine Chance das Wesen kleiner und großer Jungen zu verstehen. Und noch etwas ist nötig, wir müssen genau beobachten, ohne zu bewerten. Denn es gibt keine allgemeingültige Vorgabe, wie sich ein Kind zu benehmen hat. Wenn sich Jungen also auf eine bestimmte Weise verhalten, müssen wir versuchen zu erkennen, warum sie es tun.

Sollte eine Frau darüber schreiben?

Ist es eigentlich vernünftig, dass sich gerade eine Frau zu diesem Thema äußert? Ja, das ist es. Ein Problem in der Auseinandersetzung mit dem Verhalten kleiner und großer Jungen ist die Tatsache, dass gerade die Männer (Väter, Lehrer usw.) in Diskussionen und Elternrunden oft schweigen. Sicher, die meisten Frauen sind generell kommunikativer als Männer, aber das allein kann nicht die Ursache sein. Oft hatte ich in Elternabenden und Gesprächsrunden den Eindruck, dass die Verletzungen, die Männer in ihrer Kindheit erlebt haben, so tief sitzen, dass es für sie unmöglich ist, sich zu äußern. Nur einmal habe ich es erlebt, dass ein Vater im Rahmen eines Krisen-Elternabends aus seiner Kindheit berichtete. Eine Schilderung, die mich und alle anderen Anwesenden tief bewegt hat. Die Folge war, dass nicht mehr über einzelne Missetäter diskutiert wurde, sondern, dass alle gemeinsam die Bereitschaft signalisierten, das Problem von der Wurzel her anzugehen. Welch wunderbare Wendung… Mein erster Appell geht heute deshalb an die Männer unter den Lesern: Habt den Mut, euch für den Nachwuchs eures Geschlechts einzusetzen, auch wenn ihr dadurch mit euren eigenen Erfahrungen konfrontiert werdet. Ihr wisst, wie Jungen ticken, deshalb erklärt es uns.

Raue Schale – weicher Kern

Diego ist 5 Jahre alt und stürzt die Treppe zum Früherziehungsraum herauf. Er trägt einen Ritterhelm und hält ein Holzschwert in Hand. Laut schreiend schlägt er mit seinem Schwert alle Schuhe vom Schuhregal. Die anderen Kinder schauen ihm fasziniert zu. Die Mütter hingegen wenden sich kopfschüttelnd ab. Diegos Mutter erklimmt nun schwer atmend die Treppe und beginnt eine genervte Diskussion mit dem jungen Ritter. Bockig wirft dieser die Schuhe wieder ins Regal und ruft seiner Mutter dabei ein düsteres „ich hasse dich“ zu. Langsam beruhigt sich die Situation. Ich führe die Kinder in den Unterrichtsraum. Ganz von allein legt Diego sein Schwert auf meinen Schreibtisch, denn Waffen sind in der Früherziehung nicht gestattet, das weiß er. Die Kinder stellen sich zum Begrüßungslied zu mir ans Klavier. Diego stellt sich dicht neben mich und flüstert mit ängstlicher Stimme: „Die Mama kommt doch nachher wieder und holt mich, oder?“ Eine Träne kullert über seine Wange. Ich lege meinen Arm um ihn und flüstere: „Natürlich, deine Mama würde ihren großen Ritter niemals hier lassen.“ Sofort ist wieder Leben in Diego und schon hält er der Gruppe einen lebhaften Vortrag über Ritter, Pferde und Schwertkämpfe.

Wie oft habe ich diese und ähnliche Szenen beobachten können. Kaum eine Mutter von Töchtern, kann sich vorstellen, wie schnell aus einem kleinen Rambo ein Häufchen Elend wird, wenn sich die Tür zum Unterrichtsraum schließt und die Mama nicht mehr in Reichweite ist. Wie zart und verletzlich gerade wilde Jungen sind, wird von der Umgebung häufig übersehen.
Ich plädiere nicht dafür, dass kleine Jungen mit Glacéhandschuhen angefasst werden müssen. Jungen benötigen eine konsequente Führung und Regeln auf deren Einhaltung strikt geachtet wird. Doch selbst der wildeste Bengel hat das Recht, dass seine Würde und Verletzlichkeit geachtet wird, genau wie jedes Mädchen das Recht darauf hat.
Und nur so am Rande… welcher echte Ritter muss schon Schuhe in ein Regal räumen? Und wozu braucht man ein Schwert, wenn man nicht wenigsten die Johannisbeeren vom Strauch hauen darf, oder ersatzweise die Schuhe vom Regal?

Jungen agieren anders – Wettbewerb

Die Achtjährigen meines Tastenkinder-Kurses spielen heute ein Gehörbildungs-Spiel. Thema sind die Funktionen Tonika, Dominante und Subdominante. Ich werde Funktionsfolgen spielen und diese sollen korrekt mit den römischen Zahlen notiert werden. Die sechs Kinder haben zwei Gruppen gebildet – eine „Jungengruppe“ und eine „Mädchengruppe“. Diese treten gegeneinander an. Die Mädchen sitzen im Kreis auf dem Boden. Eines wird von der Gruppe ausgewählt, um die Ergebnisse zu notieren. Dieses hat die schönste Schrift und außerdem besitzt sie einen rosa Glitzerstift. Jedes Mädchen malt nun mit diesem zunächst ein Herz auf das Blatt und schreibt seinen Namen hinein. Die Jungen sind in der Zwischenzeit in Lauerstellung gegangen. Der erste steht auf seiner Klavierbank, der zweite kniet darauf und der dritte, der Schreiber, steht davor. In der Hand hält er die ausgerissene Seite eines Notenhefts. Die Jungen werden allmählich unruhig und fordern die Mädchen mit kernigen Worten dazu auf, sich zu beeilen. Ich spiele den Kindern zunächst die Funktionen noch einmal vor. Alle lauschen aufmerksam, die Jungen in höchster Wettbewerbs-Spannung, die Mädchen erregt kichernd. Nun spiele ich die erste Folge „Tonika – Tonika“ und bereue es sofort, diesen Schwierigkeitsgrad gewählt zu haben, denn die Herren kommentieren beleidigt: „Was soll denn der Scheiß?“ Ich spiele nun schwierigere Folgen. Die Mädchen sitzen weiterhin auf dem Boden, besprechen die Folgen leise aber ausgiebig und notieren dann sorgfältig das Ergebnis (die Tonika in glitzerrosa, die Dominante in glitzersilber, die Subdominante in schlichtem hellblau). Die Jungen dagegen sind permanent in Bewegung. Sie steigen auf die Bänke, lauschen, springen wieder herunter, notieren hastig die Ergebnisse (mit Bleistift), um anschließend wieder in Lauerstellung zu gehen. Beide Gruppen übergeben mir am Ende feierlich ihr Blatt, die Mädchen mit den Worten: „Hier, wir haben es für dich extra schön gemacht. Wenn alles richtig ist, kannst du es an deiner Tafel aufhängen.“ Ich bedanke mich gerührt – es ist alles richtig. Der Zettel der Jungen hat einen schlichteren „Look“, aber das Ergebnis ist gleichermaßen korrekt. Die Jungen verzichten darauf, dass ich ihr Ergebnis aufhänge; sie erklären das Spiel für unentschieden und wir machen uns gemeinsam über meinen Keks-Teller her.

Jungen lernen und agieren anders als Mädchen. Von ihnen zu verlangen über längere Zeit still zu sitzen, würde nach meinen Beobachtungen, ihren Denkprozess behindern. Das trifft nicht auf alle Jungen zu, aber auf viele. Auch viele Mädchen sind beim Lernen lieber in Bewegung. Grundsätzlich ist es wichtig, Schüler für ein Thema zu begeistern und sie diese Begeisterung dann ausleben zu lassen. Hätte ich von den Jungen verlangt, dass sie sich auch still auf den Boden setzten, wären sie sicher nicht mit dem gleichen Eifer ins Spiel eingestiegen. Wettbewerbe haben für sie einen wichtigen Stellenwert. Gibt es klare Regeln, werden diese auch eingehalten. Sollte einer gegen die Regeln verstoßen, „regeln“ Jungen das oft unter sich.

Gib ihnen Verantwortung und lehne dich zurück

Frederik Müller, 9 Jahre, hat mit seiner Schwester Antonia, 8 Jahre, zusammen Keyboardunterricht. Pünktlich betreten die beiden gemeinsam mit ihrer Mutter die Musikschule. Schon von unten höre ich Frau Müller mit ihren Kindern diskutieren. Frederik tritt daraufhin seiner Schwester ans Bein, diese boxt ihn vor die Brust usw. Bei mir angekommen schiebt Frau Müller die beiden in den Unterrichtsraum und macht die Tür von außen zu. Antonia setzt sich an ihr Keyboard, aber für Frederik ist die Streit noch nicht vorüber und er beginnt von Neuem, seine Schwester zu attackieren. Ich versuche es zunächst mit einem Gespräch, aber der Junge ist nicht bereit sich zu äußern. Also ermahne ich ihn, seine Materialien auszupacken und bitte ihn dann zu mir. Ich stehe vor meiner CD-Player-, Verstärker- Lautsprecheranlage und halte Kabelenden in der Hand. Ich erkläre Frederik, dass mir jemand meine Kabel rausgezogen hat und ich nicht in der Lage bin, die Komponenten wieder richtig zusammenzustecken. Frederik nickt, nimmt mir die Kabelenden aus der Hand und macht sich an die Arbeit. Ich setze mich zu Antonia und beginne mit dem Unterricht. Nach kurzer Zeit ertönt Musik aus den Lautsprechern. Frederik zwinkert mir wortlos zu, schaltet die Musik aus, geht an sein Keyboard, setzt die Kopfhörer auf und beginnt sich einzuspielen.

Wann immer in meinem Unterricht, ob in der Früherziehung oder im Instrumentalunterricht, sich eine negative Situation in Zusammenhang mit einem oder mehreren Jungen „festgefahren“ hat, versuche ich es mit der Übertragung von Verantwortung, möglichst gepaart mit körperlicher Anstrengung. Das hat bisher immer geholfen und die Kerlchen haben mich noch nie enttäuscht.

Kinder sind das Beste, was wir haben

Erinnert ihr euch an die Szene mit Ole aus dem Artikel „Jungen – die Problemfälle der Gesellschaft„? Ich möchte euch hier berichten, wie die Geschichte weiter ging:
Nachdem Annas Mutter den Raum fluchend verlassen hatte und es mir gelungen war, Ole vom Klavier zu wuchten, schloss ich die Tür und bat die Kinder, sich mit mir in einen Kreis zu setzen. Ich spürte, dass es keinen Sinn hatte, hinter Annas Mutter herzulaufen. Ich würde sie am Abend besser anrufen. Also atmete ich tief durch und schloss kurz die Augen. In diesem Moment legte mir Oles Bruder Lasse den Arm um die Schulter und flüsterte: „Sei nicht traurig Frau Zimmermann,  um die Heulsuse Anna ist es nun wirklich nicht schade, die geht doch hier allen auf die Nerven. Und Ole schick einfach vor die Tür, das machen die Lehrer in der Schule auch immer. Anschließend machen wir uns dann mal ’ne ganz gemütliche Klavierstunde.“

Wer bitte kann einem solchen liebevollen Angebot widerstehen? Kinder sind das Tollste, was wir haben – Jungen wie Mädchen. Sie alle haben ein Recht darauf, dass wir als Pädagogen unser Bestes geben und uns bemühen, sie zu verstehen und entsprechend zu behandeln. Kein Mensch ist aufgrund seines Geschlechts ein Problemfall, erst unsere Gesellschaft macht ihn dazu. Kinder sollen möglichst leise, unauffällig und angepasst sein. Nur dann durchlaufen sie problemlos unser Schulsystem. Das aber widerspricht dem Wesen vieler Jungen. Geben wir ihnen dagegen das, was sie benötigen, nämlich Liebe, Verständnis, Anerkennung, Bewegung,Verantwortung und gute Vorbilder (besonders auch männliche Vorbilder), dann haben unsere kleinen Racker die Möglichkeit, glückliche Männer zu werden, mit allen Ecken und Kanten, die eine interessante Persönlichkeit ausmachen.

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Kommentare

  1. Mario Mezzabotta sagt

    Vielen Dank für diesen Artikel!

    1. Gabriele Zimmermann sagt

      Hallo Mario,
      dieser Artikel war mir ein wichtiges Anliegen und ich freue mich besonders, dass du als Mann dich hier öffenlich dazu äußerst.
      Vielen Dank und viele Grüße
      Gabriele

  2. Dr. Christian Lehmann sagt

    Da unsere Zivilisation a) glaubt, dass Geschlecht nichts als ein Konstrukt aus Erziehung und gesellschaftlicher Zuschreibung ist und b) Aggression grundsätzlich negativ bewertet, versteht es sich, dass kleine Schwertkämpfer als Problem gesehen werden…
    Ich hoffe, dass Gabriele Zimmermanns wunderbarer Artikel viele Leser erreicht und Herzen öffnet!

    1. Gabriele Zimmermann sagt

      Hallo Christian,
      vielen Dank für deinen Kommentar.Ich stimme dir in jedem Punkt absolut zu. Auch ich dachte vor der Geburt meiner Söhne, dass viele Verhaltensweisen anerzogen seien. Ich musste dann aber erkennen, dass das ein Irrtum war. Dass Aggressionen gerade in Bereich der Erziehung als ausnahmslos negativ bewertet werden, zeigt, wie stark dieser Bereich von weiblichen Denkmustern beherrscht wird. Nach meinen Erfahrungen gehen Männer und Frauen völlig unterschiedlich mit Aggressionen um.
      Viele Grüße
      Gabriele

      1. Dr. Christian Lehmann sagt

        Da die öffentliche Meinung und die Medien sehr stark von der Soziologie und der Gendertheorie bestimmt werden, lohnt es sich immer wieder, Autoren zu lesen, die aus der Verhaltensforschung kommen und uns die biologischen Gegebenheiten erklären: Angefangen mit Konrand Lorenz, Eibl-Eibesfeldt – oder heute die Bücher der Kinderärzte Remo Largo und Herbert Renz-Polster. – Dass die weibliche Perspektive in der Kindererziehung vorherrscht, erklärt sich sicher auch daraus, dass in Grundschulen und Betreuungseinrichtungen fast 100% Frauen arbeiten, also „Vaterfiguren“ fehlen. Die weibliche Perspektive ist ja nicht schlechter als die männliche – aber eben nur die eine von zwei Seiten der „Medaille“ Mensch 😉

        1. Judith Crampe sagt

          Aber selbstverständlich spielt hier auch die Gesellschaft eine Rolle. Es ist Unsinn zu behaupten, Männer und Frauen würden anders mit Aggressionen umgehen. Letztlich sind wir doch alle gleich. Frauen haben Brüste und eine Vagina, Männer einen Penis. Aber dennoch sind wir letztlich alle Menschen. Wenn Mädchen wie Jungen von klein auf an Idealtypen ihrer Geschlechter gewöhnt werden, ist es doch klar, dass Jungen die Starken sind und Mädchen die Schwachen. Anders kennen sie es schließlich nicht. M.E. sind diese Verhaltensmuster in höchstem Grade konstruiert.

  3. Dani Havekost sagt

    Oh,- ja! Auch ich finde „einige“ Abschnitte diskussionswürdig, halte es aber für schwierig, in einem online Forum darüber zu diskutieren! Jeder würde es anders sehen, anders angehen und hat in seinem Leben auch sicher persönliche Erfahrungen gesammelt! Auch die persönliche Wahrnehmung jedes einzelnen spielt hier denke ich eine große Rolle. Auch ich finde „Sätze“ des Artikels fragwürdig, nichtsdestotrotz gefallen mir aber auch sehr viele Stellen! Jeder sollte „einfach“ offen bleiben und die für sich passenden Denkanstöße mitnehmen.In Gesprächskreisen ( in denen „man“ sich begegnet ( also von Angesicht zu Angesicht) halte ich diese Diskussion für hilfreich!

  4. Dani Havekost sagt

    Auch glaube ich, dass Jungen leider oft schon in der Kita oder auch in der Krippe benachteiligt sind! Keiner kann sich auch sicherlich ganz frei von GESCHLECHTER „DENKEN “ freisprechen!

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