Für Musiker_innen, Musik- und Intrumentalpädagog_innen, Sänger_innen & Hobbymusiker_innen

Jungen – die Problemfälle unserer Gesellschaft

Warum werden immer mehr Jungen zu Problemfällen in unserer Gesellschaft – in Kindergärten, Schulen, Vereinen und in den Familien?

Ole ist 6 Jahre alt und besucht gemeinsam mit seinem Bruder Lasse, 7 Jahre, einen meiner Tastenkinder-Kurse. Ole ist klein, zart, blond und hat ein Engelsgesicht. Er ist sprachlich fit und hoch musikalisch. Vor Beginn unseres Kurses stehe ich mit einigen Müttern im Vorraum und bespreche mit ihnen eine notwendige Terminverschiebung. Aus dem Unterrichtsraum höre ich lebhafte Kindergeräusche. Plötzlich ertönt ein lauter Schrei. Ich stürze in den Raum. Ole kniet auf einem Klavier und schwingt ein Laserschwert begeistert von einer Seite zur anderen. Etwas entfernt sitzt Anna auf dem Boden und hält sich weinend das rechte Ohr. Ole ruft: „Das war ein Unfall, sie ist mir voll in die Kampfbahn gelaufen.“ Annas Mutter, die hinter mir den Raum betreten hat, greift sich ihre Tochter und eilt laut fluchend zum Auto.
Ich schnappe mir Ole und raune: „Runter vom Klavier und Schwert auf meinen Schreibtisch!“ – Die neue Woche hat begonnen…

Jungen im Unterricht

Jeder, der mit Kindergruppen arbeitet kennt solche oder ähnliche Szenen. Fast immer sind es Jungen, die den Unterricht massiv stören, nicht still sitzen können, ständig raufen und permanent Grenzen in Frage stellen.

Söhne

Ich selbst bin Mutter zweier Söhne und habe in unzähligen Elternabenden, Elternsprechstunden und Elternrunden gesessen. Ich habe erlebt, wie über Jungen geurteilt, gehetzt und gerichtet wurde. Nach all den Jahren schaue ich auf meine erwachsenen Söhne und ihre Freunde und denke: Tolle Kerle und was für ein Glück, dass es immer wieder Menschen gab, die ihre schützende Hand über die Burschen gehalten haben.

Warum aber werden immer mehr Jungen zu Problemfällen in unserer Gesellschaft – in Kindergärten, Schulen, Vereinen und in den Familien?
Ich behaupte, nicht die Jungen haben sich geändert, sondern unser Gesellschaftssystem und Jungen kommen mit diesen Veränderungen schlechter zurecht, als Mädchen.

Das Buch „Artgerechte Haltung – Es ist Zeit für eine jungengerechte Erziehung“

Vorstellen möchte ich euch zu diesem Thema das Buch „Artgerechte Haltung – Es ist Zeit für eine jungengerechte Erziehung“ von Birgit Gegier Steiner. Das Buch ist 2015 im Gütersloher Verlagshaus erschienen.

Artgerechte Haltung von Birgit Gegier- Steiner
© Gütersloher Verlagshaus
Autor(en): Birgit Gegier Steiner
ISBN: 978-3-579-07095-7
Details:  256 S., Paperback
Verlag:  Gütersloher Verlagshaus
 Preis  € 17,99

Birgit Gegier Steiner ist Grundschullehrerin, Schulleiterin und Mutter von 5 Kindern, darunter 4 Jungen. Mit anderen Worten, sie ist eine Fachfrau auf dem Gebiet „Jungenerziehung“.

Die Autorin beschreibt anhand vieler Beispiele aus ihrem Familien- und Berufsleben, warum Jungen zu den „Bildungsverlierern der Nation“ geworden sind. Dabei zeigt sie anschaulich, dass Jungen anders sind und anders „funktionieren“, als Mädchen.
Sie trennt dabei ganz klar zwischen wissenschaftlichen Erkenntnissen und ihren eigenen Beobachtungen und zeigt aber, dass Beobachtungen oftmals nützlicher sind, als wissenschaftliche Studien.
Aufgrund ihrer Erfahrungen entwickelte sie „das fußballdidaktische Erziehungsprinzip“ und veranschaulicht daran die wichtigsten Aspekte im Umgang mit Jungen, nämlich
1. Bewegung
2. Abenteuer- und Forscherdrang
3. Austesten von Grenzen
4. Führung
5. Verantwortung
Außerdem widmet sie jeweils ein Kapitel dem Thema Helikoptereltern und Übermütter sowie dem Thema ADHS.
Frau Steiner gewährt einen liebevollen Blick auf das Verhalten und die Hintergründe des Verhaltens von Jungen und gibt viele Tipps für ErzieherInnen, LehrerInnen und Eltern. Ihre Botschaft formuliert sie folgendermaßen: „Das Geheimnis glücklicher Jungs liegt darin, sie zu verstehen. 99 Prozent aller Jungs wollen Männer werden. Also müssen wir sie dabei unterstützen… Wir Eltern, Erzieher und Lehrer müssen lernen, genau hinzuschauen und offen und bereit zu sein für Änderungen in unserem Erziehungsstil, aber auch konsequent und mutig genug, um Bewährtes aufrechtzuerhalten. Wir brauchen keine Superhelden, aber wir brauchen eine nachwachsende Generation, die unsere Werte aufrecht und unsere demokratische Gesellschaft zusammenhält.“ (Seite 249, 250)

„Artgerechte Haltung“ ist nicht das erste Buch zum Thema Jungen, das ich gelesen habe, aber das erste von einer Frau, die Mutter von Söhnen und Lehrerin ist. Durch die vielen Beispiele aus dem Alltag der Autorin ist die Lektüre ein Vergnügen und enthält auch für uns MusiklehrerInnen und ChorleiterInnen viele Anregungen für den Unterrichtsalltag.

Von mir also eine ganz eindeutige Kaufempfehlung!

Eines muss ich allerdings kritisch anmerken. Das Titelbild des Buches wird viele Personen vom Kauf abhalten, da es billige Klischees bedient. Warum müssen Jungen immer als freche Lausbuben dargestellt werden, wo  ihrer großen Vorzüge u.a. doch ihre soziale Kompetenz und ihre Bewegungsfreude sind? Ich würde mir ein Titelbild wünschen, das Sympathien weckt, denn nichts brauchen unsere kleinen Racker so dringend, wie Sympathie und Wohlwollen von den Menschen in ihrer Umgebung.

Jungen im Musikunterricht

Da mir dieses Thema sehr am Herzen liegt, werde ich einen speziellen Artikel über den Umgang mit Jungen im Musikunterricht und Chor hier auf musikdidaktik.net veröffentlichen.

Kommentare
  1. ruth bachmair ma sagt

    ich habe eine masterarbeit zum thema „wie kann man männer motivieren in chören zu singen“ geschrieben. ein kapitel ist auch den knaben gewidmet, die grundsätzlich zu wenig singende männer in erziehung und schule haben, mit der pflege eines „weichen“ hobbies extrem uncool gelten, in koedukativen klassen im musikunterricht den mädchen aus verschiedensten gründen unterlegen sind und schließlich während der mutationsphase der singenden gesellschaft völlig abhanden kommen. im günstigsten (musikalischen) fall findet man sie in blaskapellen. – wen wundert es da, dass sie zunehmend problematisch werden, wenn die natürlichen möglichkeiten gefühle und emotionen zuzulassen durch oben angeführte Fakten nicht gerade gefördert werden.

    1. Denis Schröder sagt

      Heißt das jetzt das jungen zu wenig singen weil das uncool ist oder was?

    2. Liebe Ruth,
      vielen Dank für deinen interessanten Aspekt zu diesem Thema.
      Viele Grüße
      Gabriele

  2. […] in unserer Gesellschaft. Wie in der letzten Woche angekündigt, möchte ich heute das Thema „Jungen – die Problemfälle unserer Gesellschaft“ noch eingehender behandeln. Der folgende Artikel ist eine sehr persönliche Betrachtung. Sie […]

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Send this to a friend