Für Musiker_innen, Musik- und Intrumentalpädagog_innen, Sänger_innen & Hobbymusiker_innen

Singen macht schlau, gesund und friedfertig

Ergebnisse einer empirischen Studie zur Gesundheit und Schulfähigkeit von Kindern.

Schon in mehreren Artikeln meines Blogs habe ich das Thema „Singen mit Kindern“ behandelt. Kinder und deren Eltern, ErzieherInnen und LehrerInnen für das Singen zu begeistern, ist mir persönlich ein wichtiges Anliegen.

 

Singen in der Kindheit

Heute möchte ich euch eine empirische Studie zu diesem Thema vorstellen.
Thomas Blank und Karl Adamek haben diese Studie durchgeführt und die Ergebnisse in dem Buch „Singen in der Kindheit – Eine empirische Studie zur Gesundheit und Schulfähigkeit von Kindergartenkindern und das Canto elementar-Konzept zum Praxistransfer“ veröffentlicht. Das Buch ist 2010 im Waxmann Verlag erschienen.
(Persönliche Anmerkung: Ich danke an dieser Stelle der Universitäts- und Landesbibliothek der TU-Darmstadt, dass sie dieses Buch auf meine Bitte hin angeschafft haben und ich es über viele Wochen ausleihen durfte. Ein Hoch auf unser Bibliotheks-System.)

 

Singen in Schule und Kindergarten

Seit Mitte der 1960er Jahre ist das Singen allmählich aus dem Alltag der Menschen in Deutschland verschwunden. Da Singen als unwichtig für die Persönlichkeitsbildung erachtet wurde, verschwand es auch immer mehr aus Kindergärten und Schulen und damit verbunden aus den Lehrplänen für die Ausbildung von LehrerInnen und ErzieherInnen.

 

Eine empirische Studie

Thomas Blank und Karl Adamek stellten sich aufgrund ihrer persönlichen musikalischen Biographie die Frage, ob hier eventuell eine Fehlentwicklung im Gange sei. Schon 1996 untersuchte Karl Adamek die positiven Auswirkungen des Singens auf die physische und psychische Gesundheit von Erwachsenen. Aufgrund seiner Ergebnisse vermutete er auch eine entwicklungsfördernde Wirkung auf Kindergartenkinder. Bei den Untersuchungen ist die „einfache“ Form des Singens gemeint, bei der ein Mensch als direkter Ausdruck der eigenen Gefühle singt, so, wie ihm „der Schnabel gewachsen ist“. Also das Singen als Sprache der Gefühle, als Selbstzweck für das Wohlbefinden, als Alltagskultur.

So starteten die beiden Wissenschaftler 2001 eine empirisch Studie mit 500 Kindergartenkinder. Diese Kinder wurden im Rahmen der Münsteraner Schuleingangsuntersuchung umfangreichen Tests unterzogen.

 

Die Ergebnisse

Adamek und Blank kamen zu folgendem grundsätzlichen Befund:

1. Singen fördert eine gesunde psychische, physische und soziale Entwicklung von Kindergartenkindern.

2. Viel singende Kindergartenkinder sind häufiger ihrem Alter entsprechend regelschulfähig als weniger singende Kinder.

Dabei liegen die Entwicklungsvorteile von viel singenden Kindergartenkindern vor allem in
– ihrer Sprachentwicklung
– ihrer kognitiven Entwicklung
– ihrer koordinativen Entwicklung
– ihrem emotionalen Verhalten und
– tendenziell im positiven Einfluss des Singens auf ihre körperliche Gesundheit insgesamt.

(Alle vorgestellten Befunde haben sich als unabhängig von der sozialen Schichtzugehörigkeit der Kinder erwiesen. Sie sind auch nicht anderen Faktoren, wie z.B.  dem ebenfalls für die Entwicklung sehr wirkungsvollen Sportaktivitäten zuzuschreiben.)


Beispiel aus den Daten:

Regelschulfähigkeit viel singender Kinder

  • 88,9% regelschulfähig                 11,1% nicht regelschulfähig

Regelschulfähigkeit wenig singender Kinder

  • 44,1% regelschulfähig                   55,9% nicht regelschulfähig

 

Neben diesen überaus positiven Auswirkungen auf die individuelle Entwicklung der Kinder verweisen die Autoren auf neuere neurobiologische Befunde, nach denen beim Singen eine Veränderung der Ausschüttung von verschiedenen Botenstoffen im Gehirn erfolgt. Diese Botenstoffe reduzieren Aggressionen, fördern Glücksgefühle und die soziale Bindungsfähigkeit.

 

Die These

Adamek und Blank stellen deshalb folgende empirisch begründete These zur Diskussion:
Singen, spielerisch und jenseits von Leistungsdruck, fördert die physische, psychische und soziale Entwicklung von Kindergartenkindern. Singen macht gesund und friedfertig. Deshalb sind viel singende Kinder im Vergleich zu wenig singenden unter anderem auch durchschnittlich regelschulfähiger.

 

Die politische Forderung

Obwohl weiterer Forschungsbedarf besteht, weist vieles darauf hin, dass das Singen ähnlich zentral zur Entfaltung einer Persönlichkeit gehört, wie das Sprechen.
Die Wissenschaftler formulieren deshalb folgende politische Forderung:
Jeder hat ein Recht auf die Entfaltung der Singfähigkeit als eine wesentliche Facette des Rechtes auf Bildung.

 

Fazit

Kaum eine Berufsgruppe spührt die Auswirkungen des Verschwindens des Singens aus dem Alltag so stark, wie wir ChorleiterInnen, Musik- und Instrumentallehrende. Die Ergebnisse der vorgestellten Studie ermuntern uns, weiterhin für das Singen und Musizieren im Alltag zu kämpfen. Der politischen Forderung Blanks und Adameks können wir uns sicher alle anschließen.

 


Autoren der Studie:
Thomas Blank und Karl Adamek sind Mitglieder des seit 2001 bestehenden Canto-Forschungsinstituts.

Adamek ist außerdem Autor, Sänger und Kursleiter. Er ist Initiator und Gründungsmitglied von „Il canto del mondo – Internationales Netzwerke zur Förderung der Alltagskultur des Singens e.V.“, das unter der Schirmherrschaft von Yehudi Menuhin ins Leben gerufen wurde. Auch gründete er die „Deutsche Stiftung Singen“.

Blank ist als Soziologe an der Universität Bielefeld tätig.

Kommentare
  1. JHG sagt

    Tolle Studie!
    Vielen Dank, dass Sie darüber schreiben.

    1. Hallo,
      gerne und vielen Dank für deine netten Worte.
      Viele Grüße
      Gabriele

  2. Gernot Baer sagt

    Man kann es nur jedem wünschen, selbst die Erfahrung zu machen
    was das Singen für positive Auswirkungen hat!
    (Was mit dieser Studie wieder einmal belegt wurde.)

    1. Hallo Gernot,
      da hast du recht.Jeder der singt, hat die positiven Auswirkungen schon gespührt.
      Danke für deinen Kommentar.
      Viele Grüße
      Gabriele

  3. Marius B. sagt

    Wirklich toll, dass man sich damit beschäftigt. Ich bin 24, grade in meiner Ausbildung zum Musicaldarsteller. Singen war für mich schon immer Balsam für die Seele, was nur leider viel zu wenig gefördert wurde, weil der Rest meiner Familie keinen allzu großen Bezug zur Musik hat. Würdest du dazu was schreiben? Wie man Bezug dazu findet? Ob man auch die fördern sollte die weniger Talent dazu haben? Und wie bekommt man die dazu?

    Toller Blog!

    1. Hallo Marius,
      es freut mich, dass du auch ohne große Unterstützung deiner Familie deinen Weg in und mit der Musik gefunden hast. So wie dir, ist es vielen Berufsmusikern ergangen. Auch meine Eltern waren keine Musiker und meinem Entschluss die Musik zum Beruf zu machen, stehen sie bis heute sehr skeptisch gegenüber. Für Kinder und Jugendliche, die wie du und ich keine große häusliche Unterstützung bekommen, sind die LehrerInnen in der Schule die wichtigsten Bezugspersonen. Meine Musiklehrerin auf dem Gymnasium hat mich gefördert und unterstützt. Auch meine Liebe zur Literatur verdanke ich meinen Schullehrern. Das Engagement guter LehrerInnen ist unbezahlbar und hat auch mein berufliches Leben geprägt.
      Wie die Studie zeigt, sollten natürlich nicht nur begabte Kinder gefördert werden. Begabung zeigt sich auch nicht immer von Anfang an.Jeder Mensch hat das Recht entsprechend seinen Neigungen gefördert zu werden. Viele sehr gute Instrmentallehrer sind gerade keine Star-Solisten. Ich glaube, das schließt sich sogar aus. Ein Mensch, dem in seiner Ausbildung alles „zugeflogen“ ist, kann die vielen kleinen Probleme „normalbegabter“ Schüler gar nicht nachvollziehen.
      Glücklich jedes Kind, das ein offenes, musikalisches Elternhaus hat. Alle Kinder brauchen aber gut ausgebildete und motivierte ErzieherInnen und LehrerInnen. Eine gute Bezahlung und eine angemessenen soziale Absicherung sind dafür die Voraussetzung. Deshalb sind solche Studien wichtig, denn hier geht es darum ein Bewusstsein in der Bevölkerung für die Musik zu schaffen, damit Druck auf die Politiker und die Verwaltung ausgeübt werden kann.
      Wie begeistert man Kinder für die Musik? Indem man mit ihnen musiziert. Auch hier ist wieder die Familie, der Kindergarten, die Schule, der Verein und private Initiativen (z.B. die/der InstrumentallehrerIn) gefragt. Jeder Cent, der vom Staat in diese Institutionen investiert wird, macht sich 1000fach bezahlt. Das ist jedenfalls meine persönliche Meinung.
      Viel Erfog bei deiner Ausbildung und ganz viel Freude beim Singen,
      es grüßt dich, deine
      Gabriele

    2. Denis Schröder sagt

      Jedes Kind muss gefördert werden, ohne Ausnahme!

  4. Hermine Maria sagt

    Danke für den Blog. Habe gerade eine sehr intensive Singwoche absolviert auch mit täglichen Tanz. Merke wie gut mir das physisch, psychisch und sozial tut. Wir waren eine Gruppe v.fast 50 Personen im Alter von 19-76 einfach wunderbar.

    1. Liebe Hermine Maria,
      vielen Dank für deinen Erfahrungsbericht. Singen und musizieren ist für jeden Menschen gut, nicht nur für Kinder.
      Herzliche Grüße
      Gabriele

  5. Agnes Hofmann sagt

    Liebe Gabriele,

    Singen ist einfach klasse. Wir sollten alle ’noch‘ mehr singen!

    Liebe Grüße
    Agnes

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