Unsere Gesangstimme – ein wertvolles Geschenk Teil 2

Hier nun der 2. Teil meines Interviews mit der Gesangpädagogin, Sängerin, Chorleiterin und Bloggerin Jessica Pawlitzki.
Die Themen sind diesmal:
– Chorsänger und das Üben zu Hause
– Allgemeine Tipps zur Stimmpflege und Stimmerhaltung
– Das Altern der Gesangstimme

Den 1.Teil findet ihr hier.

Gabriele: Liebe Jessica, lass uns nun über engagierte ChorsängerInnen sprechen. Worauf sollten diese achten, wenn sie zu Hause üben?

Jessica: Für ChorsängerInnen gilt, was für alle anderen MusikerInnen auch gilt: lieber regelmäßig und in kurzen Einheiten üben, als alles in einem dreistündigen Marathon erledigen zu wollen.

Gabriele: Sollten sich ChorsängerInnen vor dem Üben auch einsingen?

Jessica: Ja, auch sie sollten sich die Zeit für ein kurzes Einsingen nehmen. Sie können dabei so vorgehen, wie wir es letzte Woche besprochen haben, oder sie lassen beim nächsten Einsingen in der Chorprobe mal ein Aufnahmegerät mitlaufen.

Gabriele: Ich habe die Erfahrung gemacht, dass sich das Üben für den Chor zu Hause ganz komisch anfühlt. Woran liegt das?

Jessica: Das ist normal. Das zuhause Geübte hört und fühlt sich in erster Linie anders an, als in der Chorprobe.

Gabriele: Während meiner Zeit im Schulchor ist es mir oft passiert, dass ich meine Stimme zu Hause geübt hatte, aber in der Chorprobe war ich zunächst trotzdem unsicher. Warum?

Jessica: In der Probe singt man nicht mehr allein und man wird durch die Töne und die Lautstärke der anderen Sänger abgelenkt. Hier können Audioaufnahmen der anderen Stimmen helfen, die eigene Chorstimme zu halten. Sozusagen ein virtueller Chor, zu dem man zu Hause mitsingt.

Gabriele: Was können SängerInnen tun, die keine Noten lesen können?

Jessica: Aufnahmen der eigenen Chorstimme helfen natürlich ungemein, wenn man sich mit dem Notenlesen schwertut. Am einfachsten ist es, diese mit einem Aufnahmegerät selbst herzustellen. Vielleicht findet sich im Chor auch ein/e MitsängerIn, der/die technisch bewandert ist und die Aufnahmen nach der Probe in eine gemeinsame Dropbox hochlädt. Der Höflichkeit halber sollte man vorher den Chor fragen, ob jeder mit der Aufnahme einverstanden ist. Außerdem sollten die Aufnahmen wirklich nur zu privaten Zwecken, zum Üben, benutzt werden.

Gabriele: Gibt es Möglichkeiten, das Tempo der Aufnahme zu regeln?

Jessica: Falls das Tempo auf der Aufnahme zu schnell ist, kann man Softwares einsetzen, um die Musik langsamer abspielen zu lassen. Es gibt zum Beispiel den „Amazing Slow Downer“, der auf Microsoft und MacIntosh läuft, und die App „Anytune“. Es gibt sicherlich noch viele mehr, aber das sind die, die ich regelmäßig im Unterricht benutze.

Gabriele: Kennst du noch andere Hilfsmittel, z.B. für große Chorwerke?

Jessica: Bei größeren Chorwerken kann man beim Carus-Verlag schauen, ob das Chorstück bereits im Carus Choir Coach aufgenommen wurde. Das sind professionelle Aufzeichnungen jeder einzelnen Chorstimme von Werke wie Beethovens Finalsatz aus der 9.Symphonie oder Mendelssohns 42. Psalm. Das bedeutet, es gibt pro Chorwerk eine CD für Sopran, eine CD für Alt, eine für Tenor und eine für Bass – oder andere Stimmen, je nach Werk. So kann man jederzeit und überall proben.

Übrigens! Eine sehr soziale Variante und nicht teurer als eine Tasse Kaffee ist, sich mit einem Mitsänger/in zum Üben zu treffen und die Stimme gemeinsam einzustudieren. Das stärkt auch die Chorgemeinschaft.

Gabriele: Hast du noch weitere „Übe-Tipps“?

Jessica: Man kann sich z.B. beim Üben im Raum bewegen. Oft lassen sich bestimmte Töne mit einer Bewegung leichter singen. Dieses Gefühl kann man abspeichern und versuchen, es auch im Stehen am Platz abzurufen.

Gabriele: Das ist spannend, ich werde es gleich morgen mal ausprobieren. Lass uns nun über ein anders wichtiges Thema für alle SängerInnen sprechen. Was kann man tun, um bei einer Erkältung nicht heiser zu werden?

Jessica: Man sollte sich mehr oder längere Ruhepausen gönnen und nur dann leise (!) sprechen und singen, wenn es absolut nötig ist.

Gabriel: Okay, was noch?

Jessica: Zusätzlich sollte man ausreichend trinken, um ein Austrocknen der Schleimhäute abzuwenden. Auch ein Dampfbad trägt dazu bei, die Schleimhäute feucht zu halten, denn die feuchte, warme Luft gelangt sehr gut in die tiefer gelegene Schleimhaut im Kehlkopf und der Lunge.

Gabriele: Hast du auch einen Ratschlag für LehrerInnen?

Jessica: Durch nonverbale Kommunikation kann ein/e LehrerIn die Stimme sehr gut entlasten. Das Repertoire reicht von einfachen Gesten, über Klatschrhythmen im Call and Response-Verfahren bis hin zu musikalischen Zeichen, die die Unterrichtsstunde strukturieren.

Gabriele: Wie kann ich generell meine Stimme pflegen und sie leistungsfähig halten?

Jessica: Sänger sind in einer besonderen Situation. Um das Instrument Stimme zu pflegen, müssen sie ihren Körper gut behandeln. Daher sind die allgemeinen Tipps zur Stimmhygiene ein guter Anfang:
•    ¥    ausreichend trinken
•    ¥    sich gut ernähren
•    ¥    nicht rauchen
•    ¥    Alkohol nur in Maßen genießen
•    ¥    die Stimme nicht überanstrengen
•    ¥    ausreichend schlafen
•    ¥    sich bewegen und Sport treiben

Gabriele: Was macht die Sängerin Jessica zwischendurch, wenn es mal schnell gehen muss mit der Pflege?

Jessica: Für die schnelle Hilfe zwischendurch gibt es praktische Helferlein. In meiner Tasche sind, neben der obligatorischen Wasserflasche, immer ipalat Halspastillen und Gelo Revoice. Weitere Möglichkeiten sind IslaMoos, Bad Emser Salzpastillen oder Befeuchtungssprays ohne Menthol.

Gabriele: Was muss man bei Bonbons & Co. beachten?

Jessica: Wenn möglich, sollten Sänger auf Inhaltsstoffe verzichten, die die Mund- und Rachenschleimhaut austrocknen. Das sind u.a. alle Minzarten, ebenso wie Salbei und Kamille. In Erkältungstees haben sie ihren festen Platz, da bei einer Erkältung den Krankheitserreger der Nährboden entzogen werden soll. Im Alltag kann dieser Austrocknungseffekt jedoch zu viel sein.

Gabriele: Trifft das auf alle Menschen zu oder gibt es Unterschiede?

Jessica: Es gibt natürlich Unterschiede. Nicht alle SängerInnen reagieren gleich. Zum Beispiel signalisiert mir meine Stimme, dass sie Hagebutte, Hibiskus, Salbei und Rosmarin in Tees einfach nicht mag, mit Minze und Pfefferminze aus dem eigenen Garten aber klar kommt. Das hat nichts mit Allergien, Intoleranzen oder Hirngespinsten zu tun.

Gabriele: Stimmt es, dass ausgebildete SängerInnen da sowieso etwas empfindlich sind?

Jessica: Hauptberufliche Sänger haben einen solchen Ruf. Ich glaube hingegen, dass Sänger lediglich achtsamer mit ihrem Körper – ihrem Instrument – umgehen; so wie ein Geiger sein Instrument auch nicht im strömenden Regen stehen lässt.

Gabriele: Viele „Vielsänger“, die wie ich schon nicht mehr ganz „taufrisch“ sind, merken irgendwann, dass ihre Stimme altert. Warum tut sie das?

Jessica: Weil der Körper altert. Das Instrument Stimme sitzt direkt im Körper und unterliegt damit den selben Prozessen wie der Rest des Körpers.

Gabriele: Oh ja, du hast recht. Kann man da etwas tun?

Jessica: Damit muss man sich abfinden und kreativ reagieren, wenn z.B. ein Wechsel der Chorstimmlage nötig ist. Es ist übrigens ein Trugschluss, dass man nur bis zu einem gewissen Alter singen kann oder sollte. Der Stimmapparat ist ein Muskel. Wird er regelmäßig trainiert, kann er bis ins hohe Alter leistungsfähig bleiben.

Gabriele: Wie sieht es aber mit bestimmten altersbedingte Probleme aus. Was kann man machen, wenn man z.B. die Höhen nicht mehr bekommt?

Jessica: Da kann man leider nur sehr wenig tun. Der Verlust der Höhen beruht auf hormonellen Veränderungen im Körper im späten Erwachsenenalter. Am einfachsten ist es, die Liedauswahl entsprechend anzupassen, nicht mehr Machbares an jüngere Kollegen abzugeben oder auch die Stimmlage im Chor zu wechseln.

Gabriele: Ein anderes Problem, das einige ältere SängerInnen haben, ist, dass sie schnell heiser werden.

Jessica: In der Praxis hilft es natürlich, wenn man Zeit seines Lebens pfleglich mit der Stimme und dem Körper umgeht. Wer jahrelang Raubbau an seiner Stimme betreibt, bekommt eher früher als später die Quittung dafür. So kann man auch einer verfrühten Heiserkeit entgegenwirken. Die Rauheit, die ältere Stimmen aufweisen, sind jedoch dem natürlichen Alterungsprozess des Körpers geschuldet und nicht beeinflussbar.

Gabriele: Gibt es einen Jungbrunnen für die Stimme?

Jessica: Hach, das wäre schön. So ein Mittelchen und die Stimme ist wieder wie in den Zwanzigern. Ich denke, der wichtigste Jungbrunnen ist die innere Einstellung. Mit positivem Denken und Freude im Herzen ist es auch im hohen Alter noch möglich, ausdrucksstark und bewegend zu singen. Die altersbedingten „Schwächen“ in Volumen, Ausdauer, Klangqualität etc. sind dann auch nicht wichtig.

Gabriele: Wäre ein Jungbrunnen deiner Meinung nach überhaupt wünschenswert?

Jessica: Nein! Ich fände es sogar sehr traurig, wenn es ein „forever young“-Mittel gäbe. Die Musikindustrie suggeriert uns, dass die Jugend das einzig Wahre ist. Doch erwachsene und reife Stimme haben etwas zu erzählen. Ihnen hört man die Lebensgeschichte an, mit allen Höhen und Tiefen. Das macht einen Sänger einzigartig und auch sympathisch! Ich bin auf jeden Fall gespannt, wie ich wohl mit 50 oder 80 klingen werde.

Gabriele: Liebe Jessica, ich danke dir für die vielen spannenden Gedanken rund um unsere Gesangstimme und deine Ratschläge.

Weitere interessante Informationen rund um das Thema Gesang findet ihr in Jessicas Blog: http://www.jp-popgesang.de

 

 

PawlitzkiJessica Pawlitzki ist Diplom-Gesangspädagogin in Wiesbaden und arbeitet seit 2012 als freiberufliche Gesangslehrerin für Populargesang. Sie unterrichtet Privatschüler in Wiesbaden sowie an verschiedenen Musikschulen in Wiesbaden und Umgebung.
Darüber hinaus widmet sie sich dem JP-Popgesang Blog, auf dem sie für Ihre Schüler und interessierte Leser regelmäßig neue Artikel über Gesang, Singen üben und Gesangsunterricht veröffentlicht. Ihr Ziel ist es, mittels qualifizierter Informationen Mythen und Missverständnisse über das Singen und Gesangsunterricht auszuräumen und praxisnah Hilfestellung für Sänger aller Level zu geben.

Jessicas Homepage mit ihrem Blog findet ihr unter: http://www.jp-popgesang.de

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Kommentare

  1. Roland der Barbar sagt

    Danke für das tolle und ausführliche Interview.

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