Für Musiker_innen, Musik- und Intrumentalpädagog_innen, Sänger_innen & Hobbymusiker_innen

Erwachsene im Instrumentalunterricht, Seminar und Chor

Das Unterrichten von Erwachsenen und die Leitung von Erwachsenen-Chören stellt Lehrende vor andere Herausforderungen wie der Umgang mit Kindern und Jugendlichen. Warum verhalten sich Erwachsene im Unterricht oder in der Gruppe anders, als im Alltag und wie gehe ich als LehrerIn oder ChorleiterIn damit um?

Der größte Teil meiner SchülerInnen sind Kinder und Jugendliche. Ich liebe es, mit ihnen zu arbeiten, aber meine Nerven und besonders mein Gehör sind tagtäglich hohen Belastungen ausgesetzt.
So ist die Arbeit mit Erwachsenen für mich eine angenehme Abwechslung. Erwachsene haben Kindern gegenüber einige Vorteile. Sie rennen nicht schreiend durch den Unterrichtsraum, sie malen nicht auf Böden, Klaviertasten und an Wände, sie können sich eigenständig die Nase putzen und piken ihrem Sitznachbarn nur selten den Bleistift in den Rücken.
Aber… wer nun denkt, dass das Unterrichten von Erwachsenen oder das Leiten eines Erwachsenen-Chores die reinste Wellness-Kur ist, der irrt sich.

Der Umgang mit Erwachsenen im Instrumentalunterricht, Seminar und Chor

Da wir täglich mit Erwachsenen Menschen zu tun haben, könnte man glauben, dass der Umgang mit Erwachsenen im Rahmen eines Instrumentalunterrichts oder innerhalb eines Chores kein Problem ist und den gleichen Gesetzen unterliegt wie der Umgang im Alltag.
Jedoch werden die meisten Lehrenden und Chorleitenden bestätigen, dass das nicht der Fall ist.
Warum aber verhalten sich erwachsene Menschen in einer Unterrichtssituation oder innerhalb einer Gruppe (eines Chores) anders, als im „normalen“ Leben?

Erwachsene im Instrumentalunterricht

Der Erwachsene als Schüler
In unserem Leben müssen wir täglich unterschiedliche Rollen einnehmen. Wir sind Mutter/Vater, Ehefrau/Ehemann, Tochter/Sohn, Lehrerin/Lehrer, Chorleiterin/Chorleiter, Freundin/Freund usw.
Wenn nun erwachsene Personen in unseren Unterricht kommen, sind sie SchülerInnen. Diese Rolle haben zwar alle als Kinder und Jugendlich schon einmal inne gehabt, aber viele sind es nicht gewohnt, als Erwachsene diese Rolle wieder einzunehmen.
So fühlen sie sich in dieser Rolle sehr unwohl und haben Schwierigkeiten, sich in die Hände einer anderen Person zu begeben. Folgendes konnte ich deshalb bei den erwachsenen SchülerInnen in meiner Musikschule häufig beobachten:

Der Umgang mit Fehlern
Viele Erwachsene haben ein gestörtes Verhältnis zu Fehlern. Sie haben im Laufe ihres Lebens gelernt, dass es besser ist, Fehler zu vermeiden oder zu verstecken. Nun ist es aber nicht möglich, ein Instrument zu erlernen, ohne Fehler zu machen, denn Fehler sind für jeden Lernprozess wichtig. Wir lernen aus unseren Fehlern.
Es ist deshalb wichtig, dass wir Lehrenden unseren SchülernInnen immer wieder signalisieren, dass Fehler etwas Positives sind und dass alle Lernenden das Recht haben, Fehler zu machen. Dazu müssen wir eine vertrauensvolle Umgebung schaffen, in der sich unsere SchülerInnen so beschützt fühlen, dass sie sich über Fehler gar keine Gedanken mehr machen.
Folgende Punkte solltet ihr deshalb beachten:
– Vermeidet die Anwesenheit fremder Personen (nachfolgende oder vorherige SchülerInnen) im Raum.
– Achtet bei sehr schüchternen Personen auf geschlossene Fenster und Türen.
– Unterbrecht den Unterricht, wenn jemand in den Unterrichtsraum kommt.
– Behandelt Informationen, die euch eure SchülerInnen anvertrauen, vertraulich.

Pubertäres Verhalten
Mir fällt immer wieder auf, dass besonders Frauen, die von einem Mann unterrichtet werden, häufig ein geradezu pubertäres Verhalten an den Tag legen. Auch dieses Verhalten resultiert aus der Unsicherheit der erwachsenen Frau in der Schülerinnen Rolle. Einige übernehmen einfach alte Verhaltensmuster, andere überspielen so ihre Unsicherheit. Zum Glück fällt das den meisten (männlichen) Kollegen gar nicht auf und sie können deshalb damit locker umgehen. Einer Lehrerin gegenüber konnte ich dieses Verhalten noch nicht beobachten.

Verbissenheit
Viele Männer dagegen werden im Unterricht zu verbissenen Arbeitern. Sie sind in ihrem Tun kaum zu stoppen und es fällt ihnen schwer, Ratschläge von Seiten der Lehrperson anzunehmen. Gerade Männer aus technischen Berufen, leiden darunter, nicht alles errechnen oder vermessen zu können. Dass Musik erst zu Musik wird, wenn man das Metronom ausschaltet, ist für sie nur schwer verständlich. Hier ist Ruhe und Beharrlichkeit von Seiten des Lehrenden gefragt.

Mangelndes Durchhaltevermögen
Auch einigen Erwachsenen mangelt es an Fleiß und Durchhaltevermögen. So „vergessen“ sie (wie die Kinder) regelmäßig ihre Noten und möchten dann lieber ein neues Stück beginnen.
Hier ist es wichtig, den SchülerInnen zu erklären, was für das Erlernen eines Instrumentes notwendig ist, ihnen Übungstechniken und Hilfestellungen zu geben und sie regelmäßig zu motivieren.

Realistische Zeitplanung
Wenn Erwachsene zu mir in den Unterricht kommen, spreche ich zunächst mit ihnen über die realistische Einschätzung ihrer zeitlichen Möglichkeiten. Einige Erwachsene setzen sich zu sehr unter Druck und geben dann den Musikunterricht wieder auf. Personen, die im Arbeitsleben stehen und/oder eine Familie mit Kindern haben, verfügen über wenig Freizeit. Auch gibt es Wochen, in denen der verbleibende Freiraum stark eingeschränkt ist.
Signalisiert euren SchülerInnen, dass ihr um diese Problematik wisst und euren Unterricht darauf einstellen werdet. Ermuntert sie, regelmäßig zum Unterricht zu kommen, auch wenn es mit dem Üben einmal nicht geklappt hat. Arbeitet gegen jeden Leistungsdruck und betont regelmäßig auch die kleinen Fortschritte eurer erwachsenen SchülerInnen.

Die Einstellung der Lehrenden
Wir Lehrende müssen uns all dieser aufgeführten Aspekte bewusst sein. Sicher möchten nur wenige unserer erwachsenen SchülerInnen BerufsmusikerInnen werden; also müssen wir unseren Unterricht darauf einstellen. Für Erwachsene ist es besonders wichtig, dass sie sich im Unterricht wohl fühlen. Strenge Zurechtweisungen und verletzende Kritik sind deshalb völlig fehl am Platz. Fühlen sie sich unwohl oder überfordert, werden sie den Unterricht beenden. Denn wer möchte seine knappe Freizeit schon in einer unangenehmen Atmosphäre verbringen? Niemand!

Erwachsene in Chor oder Seminar

Erwachsene in Gruppen
Auch in einer Gruppe verändern Menschen ihr Verhalten. Es gibt wohl kaum Chor- oder Seminarleitende, die nicht schon über ständiges Getuschel und Unaufmerksamkeit vorübergehend in Verzweiflung geraten sind; oder bei denen Anweisungen gar nicht oder nur zum Teil umgesetzt wurden. Warum verhalten sich erwachsene Menschen in einem Chor oder einer Seminargruppe so, dass sie ermahnt werden müssen?

Der Mensch – ein soziales Wesen
Wir Menschen haben das Bedürfnis, Teil von Sozialgemeinschaften zu sein. Ein Chor ist für die Mitglieder nicht nur eine Möglichkeit gemeinschaftlich zu singen, sondern auch ein Ort der Begegnung. Hier trifft man Gleichgesinnte und möchte sich mit ihnen austauschen und singen. Oft verlaufen die Grenzen zwischen der einen und der anderen Aktivität fließend.
Gerade Frauen haben ein großes Mitteilungsbedürfnis. Auch kleine Erlebnisse, z.B. ein falsch gesungener Ton, müssen sofort kommuniziert werden. Darüber können viele Männer – so auch Chorleiter – nur den Kopf schütteln.

Die eigene Einstellung
Wichtig ist in diesem Zusammenhang nicht, warum gesprochen oder weiter gesungen wird – obwohl der Chorleiter nur drei Takte vorgegeben hat –, wichtig ist, wie Chorleitende oder Seminarleitende damit umgehen.

Folgende Punkte solltet ihr beachten:

1. Zunächst müssen wir verstehen, dass störendes Verhalten in der Regel kein persönlicher Angriff auf die Führungsperson ist. Nehmt es deshalb nicht persönlich.
2. Gebt klare Anweisungen und werdet nicht müde, sie bei Bedarf wiederholen.
3. Ermahnungen sollten freundlich und mit einer Spur Humor erteilt werden.
4. Bedenkt, dass eure SängerInnen nur weiter zur Chorprobe kommen werden, wenn diese Spaß macht. Permanentes „Herumgemeckere“ von Seiten der Chorleitenden, wird die SängerInnen auf Dauer vertreiben.
5. Seid euch im Klaren darüber, welche Ziele euer Chor verfolgt. Eine Gruppe mit einem hohen Leistungsanspruch kann strenger behandelt werden, als ein Chor, der sich ausschließlich zum freudigen, gemeinsamen Singen trifft.

Fazit

Wo immer wir in der Rolle der Lehrenden oder Chor- bzw. Seminarleitenden mit Erwachsenen zu tun haben, sollten wir uns fragen: Wie fühle ich mich in diesen Situationen? Und wie möchte ich behandelt werden?
Wenn ich von meinen SchülerInnen oder SängerInnen Achtung und Wertschätzung erwarte, muss ich ihnen gegenüber auch Achtung und Wertschätzung zeigen.
Störendes oder auffälliges Verhalten resultiert in der Regel aus Unsicherheit, persönlichen Erfahrungen oder persönlichkeitsbedingten Verhaltensmustern innerhalb von Sozialgemeinschaften. Sie sind nur sehr selten direkt gegen die Führungsperson gerichtet.
Gebt euren Anvertrauten deshalb Sicherheit, seid freundlich und verbindlich und bemüht euch um die passende Prise Humor, dann wird der Umgang mit Erwachsenen (fast immer) gelingen.

Kommentare
  1. Liebe Frau Zimmermann,
    dankeschön für Ihre guten Ratschläge.
    Vieles kann ich nur bestätigen.
    Ich wünsche Ihnen weiterhin viel Erfolg.
    Mit freundlichen Grüßen
    Gertrud Maetz-Winterscheidt

    1. Liebe Frau Maetz-Winterscheidt,
      vielen Dank für Ihre netten Worte.
      Ich hoffe, dass wir auch weiterhin viele interessante Themen für Sie behandeln werden.
      Herzliche Grüße
      Gabriele Zimmermann

  2. Marc Keller sagt

    Ein weiterer guter Artikel, mir fallen spontan viele eigene Unterrichtssituationen dazu ein.

    Zum Getuschel in der Chorprobe fällt mir noch ein weiterer Punkt ein, der an den 1. anschließt. Nicht nur ist störendes Verhalten kein persönlicher Angriff, aus Sicht eines Gruppenmitglieds wird das eigene Getuschel oft gar nicht als Störung wahr genommen, man meint leise genug zu flüstern. Dass die Mischung aus 20-30 getuschelten Unterhaltungen beim Chor- oder Orchesterleiter als Kakophonie ankommt, ist wenigen Individuen bewusst. Das ging mir ähnlich, bis ich das erste Mal selbst aushilfsweise vor einem Jugendorchester stand – Diese Erfahrung aus Leitersicht sollte jedes Ensemblemitglied mal gemacht haben, dann wären die Proben vielleicht ein wenig ruhiger.

    Viele Grüße
    Marc Keller

    1. Lieber Marc,
      vielen Dank für deinen Kommentar. Deine Erfahrungen sind eine wertvolle Ergänzung zum Artikel.
      Viele Grüße
      Gabriele

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