Unsere Gesangstimme – ein wertvolles Geschenk Teil 1

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Unsere Gesangstimme ist ein wertvolles Geschenk, das wir pflegen müssen, damit sie uns ein Leben lang erhalten bleibt.
Heute und nächsten Sonntag gibt es ein Interview zu vielen Themen rund um die Gesangsstimme mit der Gesangspädagogin, Sängerin, Chorleiterin und Bloggerin Jessica Pawlitzki.

Wie viele von euch liebe ich es, zu singen. Seit meiner Kindheit haben mich deshalb ausgebildete SängerInnen und ihre Stimmen fasziniert.
Der Erhalt meiner Singstimme ist mir sehr wichtig – schon aus beruflichen Gründen – da ich täglich mehrere Stunden singe. So wie mir geht es vielen KollegInnen. Wir singen viel, haben aber keine Gesangsausbildung.
Auch viele leidenschaftliche ChorsängerInnen singen mehrmals in der Woche, haben aber auch keine Gesangsausbildung.

Ich habe mir deshalb eine kompetente Gesangspädagogin gesucht, der ich viele Fragen rund um die Gesangstimme stellen konnte und die nicht müde wurde, all meine Fragen zu beantworten.

Hier nun der 1. Teil des Interviews mit Jessica Pawlitzki . Den 2. Teil könnt ihr ab kommenden Sonntag auf musikdidaktik.net lesen.

Gabriele: Liebe Jessica, viele Leser und Leserinnen meines Blogs singen viele Stunden in der Woche, ohne eine Gesangsausbildung zu haben. Worauf sollten sie achten?

Jessica: Oberstes Gebot ist, dass man auf sich selbst achtet!
So sollte man u.a. die stimmlichen Anforderungen der Lieder, die man singt auch entspannt bewerkstelligen können.

Gabriele: Was bedeutet das z.B. für LehrerInnen in der Frühförderung oder in der Schule?

Jessica: Lieder mit einem geringen Umfang muss man nicht in den allerhöchsten Tönen singen, aber die kindgerechte Lage bis maximal c1 (in der Tiefe) sollte man liefern können. Das bedeutet, dass man ein bisschen Gesangstechnik drauf haben muss. Begriffe wie Kopfstimme, Tiefatmung und Stütze sollte man nicht nur dem Namen nach kennen.

Gabriele: Was kann ich tun, wenn mir im Unterricht auffällt, dass ich plötzlich stimmliche Probleme bekomme?

Jessica: Du solltest unbedingt die Warnsignale deines Körpers beachten und eine Pause einlegen. Wenn du dir keine Ruhepause leisten kannst, weil du die einzige Aufsichtsperson in einem Raum voller Kinder bist, solltest du unbedingt die Lautstärke herunterfahren und gestützter singen und sprechen.

Gabriele: Ist es ratsam, sich als Lehrperson oder ChorsängerIn (beim Üben zu Hause) einzusingen?

Jessica: Ja, unbedingt.

Gabriele: Warum?

Jessica: Das Einsingen gibt Gelegenheit, sich körperlich und mental auf die bevorstehende Singarbeit einzustellen. Die Durchblutung der Stimmbänder wird angekurbelt, sie werden gelängt und gedehnt, was eine wichtige Voraussetzung für die Kopfstimme ist, und der Rachen wird geweitet. Auch der Geist hat Zeit, wach zu werden und sich auf die bevorstehende Arbeit zu konzentrieren.

Gabriele: Oh, ich habe so viel zu tun vor meinem Unterricht. Wieviel Zeit muss ich für das Einsingen aufwenden?

Jessica: Ein Einsingen muss überhaupt nicht lange dauern. Da spukt den meisten leider der Mythos vom Opernsänger im Kopf herum, der nicht unter 30 Minuten Warm Up anfängt zu singen. Clever kombiniert dauert ein Einsingen nur 5-8 Minuten. Es soll die Stimme aufwärmen, nicht sie verausgaben.

Gabriele: 5 bis 8 Minuten – so viel Zeit habe ich. Was muss ich also beim Einsingen konkret tun?

Jessica: Eine sinnvolle Reihenfolge ist es, erst Körper und Atmung zu aktivieren und sich dann der Stimme zuzuwenden.

Gabriele: Beginnen wir also mit der „Körperarbeit“.

Jessica: Bei der Körperarbeit ist alles erlaubt, was wach und munter macht. Gähnen, sich strecken und räkeln wie morgens nach dem Aufstehen, nach imaginären Äpfeln greifen, auf der Stelle joggen – alles, was den Kreislauf in Schwung bringt. In Kurt Hofbauers Buch „Handbuch der chorischen Stimmbildung“ findet man viele traditionelle Körperübungen, die für den Anfang absolut tauglich sind. Sehr fantasievolle und lustige Übungen findet man in den beiden „Stimmicals“ von Uli Führe.

Gabriele: Gut, wenn der Kreislauf nun angekurbelt ist, wie gehe ich die Atemübungen an?

Jessica: Man versucht ganz schlicht, in die „costo-abdominale Tiefatmung“ zu gelangen und den Support, auch Stütze genannt, anzusprechen.

Gabriele: „Costo-abdominale Tiefatmung“ – tolles Wort. Wie gelange ich in diese Tiefatmung?

Jessica: Man ruft sich den Ablauf ins Gedächtnis, der beim Ein- und Ausatmen stattfindet. Beim Einatmen wölbt sich der Bauch nach außen, bei der Ausatmung wird er langsam und ohne Druck wieder flach. (Als Frau muss man da umdenken und das gängige Schönheitsideal bewusst beiseite schieben.) Das macht man ein paar Atemzüge lang und erlebt dabei eine Art Erdung. Auf dieses Gefühl kann und sollte man sich im Laufe des Tages zurückbesinnen.
Der Support ist leider zu komplex, um ihn in einem kurzen Beitrag in Worte zu fassen. Die Anleitung durch einen Gesangslehrer vor Ort ist bei diesem Thema die bessere Wahl.

Gabriele: Bei wievielen Minuten Einsingen sind wir jetzt?

Jessica: Wir haben jetzt ca. 3-4 Minuten mit Körper und Atmung verbracht. Je häufiger man sich einsingt, desto eher merkt man, was einem gut tut. Dann kommt man in den Bereich von 5-8 Minuten insgesamt.

Gabriele: Okay, nun die dritte Phase: Die Stimme.

Jessica: Ich empfehle hier, in der bequemen Mittellage nahe der Sprechstimmlage zu starten und erst nach 2 bis 3 Übungen in die Höhe und Tiefe zu gehen. Dabei sollte man zunächst noch keine Höchstleistungen erwarten – die Königin der Nacht und den Sarastro kann man sich für später aufheben.

Gabriele: Im Download findet Ihr, liebe LeserInnen, einige Einsingübungen von Jessica!

Hier klicken und herunterladen!

Weitere Übungen und einen ausführlichen Artikel zum Einsingen findet ihr unter http://www.jp-popgesang.de/singen-ueben/5-ziele-des-einsingens.html

Gabriele: Was ist noch zu tun?

Jessica: Wer es mag oder im späteren Tagesverlauf braucht, kann ein paar Artikulationsübungen machen. Da kann man z.B. Zungenbrecher plappern oder man sucht sich Anregung im „Kleinen Hey“, wenn man mit einem bestimmten Vokal oder Konsonanten Probleme hat.

Gabriele: Gibt es etwas, worauf man bei den Einsingübungen grundsätzlich achten sollte?

Jessica:Im Allgemeinen sollte man beim Einsingen sanft singen, nicht zu laut, nicht zu intensiv und nicht zu lang. Ein Mezzoforte reicht vollkommen, auch in der Höhe. Eine lockere Einstellung zum Einsingen ist sehr wichtig. Es ist kein Wettbewerb, sondern die Chance, mit sich selbst in Kontakt zu treten.

Gabriele: Gibt es feste Regeln für die Reihenfolge der Tiefen- und Höhenübungen?

Jessica: Die exakte Reihenfolge von Höhen- und Tiefenübungen darf je nach Sänger variieren. Ein paar meiner Kollegen jodeln mit Vorliebe sofort in die Höhe – denen fällt das leicht und sie fühlen sich dort oben wohl. Andere arbeiten lieber erst einmal am Fundament.

Gabriele: Sollte ich auch mit meinen SchülerInnen (in der Früherziehung, im Kindergarten oder im Schul-Musikunterricht) Einsingübungen machen?

Jessica: Gerade Kinder haben viel Spaß an einem Mini-Einsingen, bevor es losgeht. Der „Ping Pong Ball“ und der „Kaugummi-Mann“ (den ich in diesem Video kennen- und lieben gelernt habe: https://www.youtube.com/watch?v=KucFoswPJBU) kommen super an. Noch ein oder zwei spielerisch verpackte Bewegungsübungen dazu und schon fühlen sich alle bereit.

 Gabriele: Würdest du beruflichen oder hobbymäßigen „Viel-SängerInnen“ Gesangsunterricht empfehlen?

Jessica: Wenn man mit seiner stimmlichen Leistung unzufrieden ist, unbedingt. Das gilt natürlich in noch viel stärkerem Maß, wenn man wiederholt durch Mitmenschen auf stimmliche Defizite aufmerksam gemacht wird. Heutzutage gibt es glücklicherweise viele Gesangslehrer, sodass sich für jeden Geldbeutel und jede Thematik der passende Lehrer findet.

Gabriele: Ich habe bei mir bemerkt, dass ich im laufe der Jahre immer schneller und länger heiser geworden bin und mich das Singen immer mehr anstrengte. Daraufhin habe ich mir eine Gesangspädagogin gesucht. War das die richtige Entscheidung?

Jessica: Natürlich! Letztlich sollte jeder/jedem LehrerIn und ErzieherIn klar sein, dass die Stimme das wichtigste Werkzeug im Beruf ist. So vieles wird sprechend und singend kommuniziert! Wie viel bemerkt man meist erst dann, wenn man wegen eines Stimmverlustes auf Stift und Zettel angewiesen ist. Plötzlich ist die Kommunikation viel aufwändiger und langsamer. Gesangsunterricht beugt dem vor, indem er schlechte Singgewohnheiten durch gute ersetzt.

Gabriele: Gibt es noch weitere Aspekte, die für Gesangsunterricht sprechen?

Jessica: Ja, man darf nämlich außerdem nicht vergessen, dass LehrerInnen, ChorleiterInnen und ErzieherInnen in der Arbeit mit Kindern Vorbilder sind. Im besten Fall lernen Kinder von guten Singvorbildern, die für sie die richtige Vorauswahl hinsichtlich Tonhöhe, Klangfarbe, Klangqualität und den Umgang mit der eigenen stimmlichen Kreativität treffen.

Gabriele: Welche Schwerpunkte sollte ein solcher Gesangsunterricht dann haben?

Jessica: Ich empfehle unbedingt, dass der Gesangslehrer praktische Erfahrungen mit der Altersgruppe hat, die man selbst unterrichtet. Für Lehrpersonen oder ErzieherInnen, die ausschließlich mit Kindergartenkindern arbeitet, kann ein/e GesangslehrerIn, die/der sich auf SchülerInnen der Sekundarstufe I und II spezialisiert hat, der falsche Partner sein. Unter Umständen hat sie/er falsche Vorstellungen davon, wie man mit Kindergartenkindern singt und welche Anforderung das an die Stimme der Erziehenden stellt.

Gabriele: Was muss man generell beim Singen mit Kindern – aus Sicht der Gesagspädagogin – beachten?

Jessica: Gerade in der Arbeit mit Kindern sollte man seine Kopfstimme kennen und sich in ihrer Benutzung wohl fühlen. Für tiefe Frauenstimmen kann das eine gewaltige Umstellung sein. Natürlich heißt das nicht, nie wieder in der Bruststimme singen zu dürfen. Diese ist für eine gesunde und abgerundete Erwachsenenstimme nötig! Nur, im Umgang mit jungen Sängern hat die laute, rufende, sprechähnliche Bruststimmqualität lediglich einen sehr kleinen Platz.

Gabriele: Hast du in Bezug auf das Singen mit Kindern noch einen hilfreichen Gedanken für unsere männlichen Kollegen?

Jessica: Männer sollten wissen, dass Kinder nicht von Natur aus in der Lage singen können, in der sie singen. Eine Schulung in der Kopfstimme und im Falsett kann hier hilfreich sein, um auch Brummer wieder auf den richtigen Pfad bringen zu können.

Gabriele: Was sollte man beim Singen mit Kindern vermeiden?

Jessica: Im Umgang mit Kinderstimmen ist ein ausladendes Vibrato absolut fehl am Platz.

Gabriele: Zusammenfassend muss ein guter Gesangsunterricht für LehrInnen und ErzieherInnen wie aussehen?

Jessica: Der Gesangsunterricht sollte nicht darauf abzielen, die/den ErzieherIn oder LehrerIn zur/zum SolosängerIn auszubilden, die/der ein ganzes Theater unverstärkt beschallen kann. Mit einer flexiblen Stimme, die in Kopfstimme singen kann, einer guten Atmung und Support hat, ist viel mehr gewonnen.

Die Fortsetzung des Interviews mit dem Themen:
– Das Altern der Singstimme
– Wie pflege ich meine Stimme richtig?
folgt am kommenden Sonntag.

 

PawlitzkiJessica Pawlitzki ist Diplom-Gesangspädagogin in Wiesbaden und arbeitet seit 2012 als freiberufliche Gesangslehrerin für Populargesang. Sie unterrichtet Privatschüler in Wiesbaden sowie an verschiedenen Musikschulen in Wiesbaden und Umgebung.
Darüber hinaus widmet sie sich dem JP-Popgesang Blog, auf dem sie für Ihre Schüler und interessierte Leser regelmäßig neue Artikel über Gesang, Singen üben und Gesangsunterricht veröffentlicht. Ihr Ziel ist es, mittels qualifizierter Informationen Mythen und Missverständnisse über das Singen und Gesangsunterricht auszuräumen und praxisnah Hilfestellung für Sänger aller Level zu geben.

 

Jessicas Homepage mit ihrem Blog findet ihr hier: http://www.jp-popgesang.de

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