Für Musiker_innen, Musik- und Intrumentalpädagog_innen, Sänger_innen & Hobbymusiker_innen

„Singen zu lernen, ist ein Menschenrecht!“

Interview mit der Chorleiterin und Kinderlieder-Komponistin (CD „Die Trottellumme“) Claudia Nicolai


Sicher habt ihr das auch schon erlebt: Ihr lernt einen Menschen kennen und kommt miteinander ins Gespräch und dann redet ihr und die Zeit verfliegt und ihr merkt, da gibt es noch so viel zu besprechen… So ist es mir mit Frau Nicolai gegangen und ich möchte euch an unserem Gespräch teilhaben lassen. Denn sie ist eine Frau, die Visionen hat und Stellung bezieht und sie hat Kinderlieder komponiert und produziert und sie ist Chorleiterin und Instrumentallehrerin und, und, und…
Die Facebook-Gemeinde kennt sie als Frau hinter der CD „Die Trottellumme“.
Mir haben die Lieder auf der CD sehr gut gefallen. Sie eignet sich für Kinder ab dem Grundschulalter und das ist besonders selten, deshalb von mir eine eindeutige Kaufempfehlung!

Gabriele: Liebe Frau Nicolai, Ihre CD und das erste Lied darauf heißen „Die Trottellumme“. Wie kam es zu dem lustigen Namen?

Claudia Nicolai: Trottellummen gibt es wirklich. Sie leben auf Helgoland und in ähnlichen Gegenden und können exzellent schwimmen, fliegen und tauchen. Nur wenn sie über den Strand laufen, sehen sie etwas unbeholfen aus, und deshalb tragen sie den Namen. Das hat Gerald Jatzek zum Gedicht „Lied eines traurigen Vogels“ inspiriert, welches der Text zu unserem ersten Stück auf der CD ist.

Gabriele: Wovon handelt das Lied?

Claudia Nicolai: Eigentlich schildert es die Unterschätzten im Vergleich zu den Hochglanz-Highperformers. Heute leben wir in einer Welt, die sich wirtschaftlichen Zwängen unterordnet. Für mich ist das eine seltsame Entwicklung, denn das, was unser Menschsein ausmacht, ist doch etwas ganz Anderes. Wir setzen uns dauernd auseinander mit uns und unserer Umwelt, wir spielen und probieren aus, wir lernen und machen neue Erfahrungen. Wir begegnen ästhetischen Inhalten in Kunst und Musik und bereichern damit unseren Erfahrungshorizont und unsere Einstellungen. Das sollte frei von wirtschaftlichen Zwängen sein, denn nur dann geschieht es mit der nötigen Unbefangenheit. Und Fehler machen ist im Preis inbegriffen. Ohne Fehler weiß man nicht genau, was man kann und was nicht und was man will und was nicht. Meiner Meinung nach sollten wir auch ja zu unseren Schwächen sagen. Und das geht meiner Meinung heute alle an: dass Menschen sich selbst optimieren müssen, weil Menschsein sich der Wirtschaft zur Verfügung stellt, ist für mich eine seltsame Entwicklung.

Gabriele: Muss nicht jeder irgendwie wirtschaftlich handeln?

Claudia Nicolai: Sicher gehört wirtschaftliches Handeln zum Leben dazu, aber wenn es mit solcher Ausschließlichkeit passiert, dass alle unsere Regungen sich dem unterordnen müssen, läuft etwas verkehrt. Und wir alle haben eine Seite, die eher wie die Trottellumme ist – in mancher Hinsicht richtig toll, aber in anderer vielleicht tollpatschig und auf jeden Fall unvollkommen. Wenn wir diese Seite ausblenden, kann das krank machen, und andererseits bleiben uns die Entwicklungsmöglichkeiten verschlossen, die damit verbunden sind. Das Trottellummenlied ist das Lied für alle Unterschätzten.

Gabriele: Erzählen Sie uns bitte noch etwas über die Entstehung der CD „Die Trottellumme“.

Claudia Nicolai: Gerald Jatzek, ein großartiger Dichter aus Wien und österreichischer Staatspreisträger für Kinderlyrik, war einer der ersten, den ich bei einem ‚Liederschreibimpuls‘ danach gefragt habe, ob ich eines seiner Gedichte vertonen darf. Ich hatte es in einem Reclamheft gefunden. Er war einverstanden und schickte mir gleich noch mehr Gedichte zum Vertonen. Das habe ich dann gemacht, und daraus wurde eine Popmusikproduktion für Kinder zusammen mit Gernot Kögel, der als studierter Jazzbassist jede Menge Knowhow dazu beigetragen hat. Die Grafikerin Regina Eimler gab der Trottellumme dann ihr Aussehen. Wir produzierten drei Lieder als Demo, die wir breit verschickt haben. Und so konnten wir Alwin Wollinger, den Chef des Helbling-Verlags in Deutschland, von unserem Projekt überzeugen, der es dann 2013 mit uns zusammen realisiert hat.

Gabriele: „Die Trottellumme“ ist nicht Ihre einzige Kinderlieder-CD. Was hat Sie überhaupt dazu bewogen, Kinderlieder zu komponieren?

Claudia Nicolai: Das ist schon bald zehn Jahre her, da fand ich viele Sachen für Kinderchöre ziemlich seicht und anderes mit zeitgenössischem Kompositionsanspruch gleich richtig schwer. Mir war wichtig, die Lücke dazwischen zu schließen, und so habe ich mich ans Werk gemacht.

Gabriele: So, wie ich Sie erlebe, wollen Sie doch nicht nur eine Lücke schließen. Was treibt Sie noch an?

Claudia Nicolai: Wir haben meiner Ansicht nach im Moment riesige pädagogische Aufgaben, wenn wir wollen, dass unser Musikleben nicht auf Songs mit vier Akkorden beschränkt sein soll – womit ich nicht sagen will, dass die immer nur schlecht sind. Aber heute haben wir eine Musikwelt voller Vielfalt, die uns über das Internet auch zugänglich ist. Wenn wir wollen, dass Menschen ihre Hör-Horizonte öffnen und sich mit vielfältiger Musik auch aktiv auseinandersetzen, weil es da mehr zu erleben gibt, müssen wir damit anfangen, Kindern ganz vielfältige Lieder beizubringen. Und so hört man auf der Trottellumme-CD karibische Steeldrums neben Klezmer und Hardrock neben französischen Chansons

Gabriele: Zur „Trottellumme“ gehört auch eine Website. Was findet man dort und für wen ist sie interessant?

Claudia Nicolai: Auf meiner Website www.dietrottellumme.de gibt es für alle viel zu entdecken. Für die Kinder habe ich z.B. selbst Monster aus Süßigkeiten gebastelt und eine Anleitung dazu geschrieben. Das ganze hat mir übrigens sehr viel Spaß gemacht. Für Erwachsene gibt es die Hintergrundinformationen zur CD, aber auch meine Unterrichtsentwürfe für alle, die mit Kindern singen. Und jeden Monat erscheint das „Stimmspiel des Monats“, bei dem ich die größten Renner aus meinen Kinderstimmbildungsübungen und Lernspielen teile.

Gabriele: Wie sind die Reaktionen auf die Lieder?

Claudia Nicolai: Oft höre ich, die Lieder seien zu schwer, wenn man sie selbst singen möchte. Selber bin ich etwas inspiriert von der „Music Learning Theory“ von Edwin E. Gordon, und so habe ich auditive Lernwege benutzt, um den Kindern meines Kinderchores in Darmstadt die Lieder von der CD beizubringen. Man kann das sehr spielerisch machen, und hinterher haben die Kinder einen Ohrwurm sitzen, so dass sie das Lied ganz von alleine singen. Dann sind sie  überhaupt nicht mehr schwer.

Gabriele: Gibt es auch die Möglichkeit „Die Trottellumme“ live zu erleben?

Claudia Nicolai: Ja, das wird im Oktober der Fall sein, wobei ich persönlich da hauptsächlich der Trottellumme beim Moderieren helfen darf. Wir spielen auf dem neuen Schiff der Weißen Flotte in Heidelberg (www.weisse-flotte-heidelberg.de), der „Königin Silvia“, und wir stechen am 23. Oktober um 11 Uhr in See oder eher in den Neckar.

Gabriele: Sie erwähnten gerade ihren Kinderchor aus Darmstadt. Erzählen Sie uns doch bitte, in welchen musikalischen Bereichen Sie tätig sind.

Claudia Nicolai: Ich arbeite als Chorleiterin an der Akademie für Tonkunst Darmstadt. Dort leite ich alle Chöre aus der Abteilung ‚Städtische Musikschule‘ und mache ein Angebot für alle Altersstufen – die Kleinsten sind fünf, die Ältesten im Erwachsenenchor sind so um die 60. In Lampertheim bin ich an einer zweiten Musikschule tätig, dort unterrichte ich Klavier.

Gabriele: Haben Sie auch eine private, musikalische Leidenschaft?

Claudia Nicolai: Ja, mein privates Steckenpferd: Ich singe Musik in einer Naturtonskala chorisch in einem Ensemble, das ich mit meinem Kollegen Holger Schimanke gemeinsam leite. Wir musizieren im Quartett und hier und da auch solistisch.

Gabriele: Als Fachfrau im Bereich „Singen mit Kindern“ geben Sie uns doch bitte einige Tipps. Worauf sollten Menschen achten, die mit Kindern singen?

Claudia Nicolai: Klar sage ich auch das, was alle sagen: Die Kinder müssen in ihrer Stimmlage singen können, also nicht zu tief. Und man muss als Leiter gesanglich ein sehr gutes Vorbild abgeben, denn die Kinder ahmen nach. Also sollte man seine eigene Stimme kennen und mögen und diese dann auch kindgerecht einsetzen können. Wenn ich klinge wie aus der Wagneroper, bin ich genauso wenig ein gutes Vorbild, wie wenn ich wie aus der Kellerbar klinge.

Gabriele: Was empfehlen Sie in Bezug auf die Texte der Lieder?

Claudia Nicolai: In Bezug auf die Texte finde ich es sehr wichtig, dass man den Kindern keine weichgespülte und rosarote Welt vermitteln, denn die Wirklichkeit ist nicht problemfrei. Kinder nehmen auf ihre Weise, d.h. ihrem Entwicklungsstand  entsprechend, Anteil an allem, was ihnen begegnet. Und wenn man die Sprachebene findet, die sie verstehen, kann man ihnen alles erklären.

Gabriele: Können Sie uns das an einem Beispiel veranschaulichen?

Claudia Nicolai: Unser neues Musical, das wir in Darmstadt produzieren, handelt von einer Patchworkfamilie mit allen Problemen, die damit verbunden sind. Alle Kinder kennen irgendwen, der getrennte Eltern hat, und manchmal erleben sie auch die Dramen mit. Was sie brauchen, ist nicht, dass man belastete Themen ausblendet, sondern dass sie einen Erwachsenen erleben, der belastete Dinge einordnen und damit umgehen kann. Das gibt ihnen das Vertrauen, dass man Probleme auch lösen kann. Ich finde wichtig, dass man ehrlich zu den Kindern ist.

Gabriele: Sollten Ihrer Meinung nach nur Kinder in einem Chor singen, die singen können oder müssen Chöre für alle Interessenten offen sein?

Claudia Nicolai: Man sollte wegen der musikalischen Fähigkeiten kein Kind ausschließen (Erwachsene auch nicht). Klar gibt es Chöre, die einen großen Leistungsanspruch haben. Zum Beispiel könnte ich sicher nicht jeden mitnehmen, wenn ich für den Kinderchor am Theater oder einen Hochleistungs-Konzertchor zuständig wäre. Dort kann man keine Brummer gebrauchen, weil man gar keine Zeit hat, sich darum zu kümmern. Aber trotzdem muss es Angebote geben, wie etwa in städtischen Musikschulen, Schulchören oder den Vereinen, bei denen die Sänger die Möglichkeit zu einer Lernkurve bekommen. Wenn ich allen, die nicht hohen Ansprüchen genügen, die Tür vor der Nase zuschlage, verbaue ich ihnen die Chance zu persönlicher Entwicklung. Und die ist meiner Meinung nach ein Menschenrecht.

Gabriele: Haben Sie schon einmal erlebt, dass sich ein Kind  von einem „Brummer“ zu einem Sänger entwickelt hat?

Claudia Nicolai: Ja, ich hatte eine Schülerin, die als Brummerin begonnen hat, weil sie als Kind sehr verträumt war. Sie liebte das Singen und wurde immer besser, und dann hat sie für den Nationaltheater-Kinderchor in Mannheim vorgesungen und es geschafft!  Für unser kulturelles Leben hat das auch jede Menge Nachteile, wenn nur Spezialisten die Möglichkeit zur Ausbildung bekommen, denn die aktive Auseinandersetzung mit Musik schafft – auf jedem Niveau der Beherrschung – intensivere Erlebnisse, als wenn man nur zuhört. Wenn keiner mehr aktiv Musik macht, verlieren auch die Spezialisten ihr Publikum. Ich lege in Darmstadt deshalb Wert darauf, dass jeder mitmachen darf.
Zusammengefasst meine ich:
Kinder sollten beim Singen sehr viel Spaß haben. Der Chorleiter auch, und Erwachsene ebenso.

Gabriele: Frau Nicolai, Sie sind nun schon einige Jahre als Chorleiterin und Instrumentallehrerin tätig. Haben sich die Kindern im Laufe der Jahre verändert?

Claudia Nicolai: Die Jüngsten haben vielleicht größere Schwierigkeiten als früher, sich in eine Gruppe einzuordnen und nicht einfach zu machen, was sie gerade wollen. Woran das liegt? Vermutlich muss das jede Familie selbst beantworten. Aber ich finde schon, dass es Kindern gut tut, wenn Erwachsene den Rahmen abstecken, in dem sie sich bewegen dürfen. Musikunterricht kommt ohne einen solchen Rahmen nicht aus, und wir Lehrer sind auf die Unterstützung der Eltern dabei angewiesen. Der Rahmen gibt den Kindern Sicherheit und ermöglicht, dass Konzentration auf die Musik stattfinden kann. Für die Kinder ist Impulskontrolle wichtig – das kann man in der Literatur über den „Marshmellow Test“* nachlesen.

Gabriele: Welche Fehler machen Eltern häufig in Bezug auf den Musikunterricht ihrer Kinder?

Claudia Nicolai: Einige unterschätzen den Wert übenden Wiederholens. So hat mich eine Mutter nach der ersten Stunde ihres fünfjährigen Sohnes in meiner Kinderchorgruppe gefragt, ob ich finde, dass ihr Kind talentiert ist. Der Sohn hat das gemacht, was viele Kinder in dem Alter machen: erst mal zugeschaut. Das hat er zwar konzentriert und mit Interesse getan, aber etwas über seine Begabung kann man nach einer Stunde wirklich nicht sagen. Wichtig ist erst mal, dass die Kinder Spaß haben. Und das klappt vielleicht auch nicht immer – wenn man also als Mutter oder Vater grundsätzliches Interesse an Musik bei seinem Kind wahrnimmt, empfehle ich, das Experiment mindestens ein halbes Jahr durchzuhalten. Erst dann kann man sehen, ob das Kind in der Gruppe ankommt und wie es sich entwickelt. Musik funktioniert in den seltensten Fällen sofort, und direkt Ergebnisse sehen zu wollen, ist im Umgang damit eine falsche Erwartungshaltung.

Gabriele: Liebe Frau Nicolai, verraten Sie uns bitte zum Abschluss: Welches war als Kind Ihr Lieblingslied und welches ist es heute?

Claudia Nicolai: Ich hatte damals nicht ein spezifisches Lieblingslied, und heute auch nicht. In der fünften Klasse mochte ich das schwedische Lied „Ack Värmeland, du sköna“. Und heute sind die Benchmark für gute Kindermusik für mich ganz klar die Lieder von Felix Janosa. Mit seinem „Ritter Rost“ hat er kompositorisch und produktionstechnisch Maßstäbe gesetzt. Aber auch die Musik zu den Astrid-Lindgren-Filmen zeigt, dass eingängige Musik für Kinder nicht simpel komponiert sein muss – auch die gefällt mir sehr gut. Und inzwischen gibt es auch viele andere tolle Produktionen, z.B. die von Sternschnuppe, um nur eine zu nennen.

 

nicolaiClaudia Nicolai absolvierte ihr Studium mit den Hauptfächern Klavier und Chorleitung an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Mannheim. Im Studium belegte sie im Nebenfach Gesang, danach widmete sie sich intensiver stimmlicher Weiterbildung sowohl solistisch als auch in Kursen mit einer Bandbreite von Gregorianik bis Jazzchor.

Seit 2001 unterrichtet sie an der Musikschule Lampertheim die  Fächer Klavier und Kinderchor. Seit 2002 Unterrichtstätigkeit an der Akademie für Tonkunst Darmstadt in den Fächern Kinder- und Jugendchor, seit 2005 auch in Chorischer Stimmbildung. Ihr besonderes Interesse gilt praxistauglicher Literatur für Kinder- und Jugendchor mit qualitativ hochwertigen Texten, und so vertonte sie seit 2008 Texte von Gerald Jatzek und James Krüss. Ihre CD „Die Trottellumme… und andere schräge Vögel“ mit Texten von Gerald Jatzek ist 2013 im Helbling-Verlag erschienen

 


*Wenn Ihr Näheres über den Marshmellow Test wissen möchtet: Musikdidaktik.net bringt in den nächsten Wochen eine Besprechung des Buches von Walter Mischel „Der Marshmellow Test“.

Kommentare
  1. Udo Krüger sagt

    Tolles Interview.

    1. Hallo Udo,
      vielen Dank für dein Lob.
      Herzliche Grüße
      Gabriele

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