Frühkindlicher Instrumentalunterricht mit den Tastenkindern – wie alles begann

Auf der Suche nach dem optimalen Übergang von der Frühförderung in den Instrumentalunterricht – ein persönlicher Erfahrungsbericht.

Wie alles begann

Schon als Kind war ich von Menschen fasziniert, die komplexe Zusammenhänge einfach und bildhaft erklären konnten. Erwiesen sich diese Menschen dann zusätzlich noch als warmherzig und verbindlich, wurden sie für mich zu Vorbildern.
Als ich später beschloss, die Musik zu meinem Beruf zu machen, war mir sehr schnell klar, dass ich nicht eine konzertierende Musikerin werden wollte, sondern eine Musik-Lehrerin – meine beiden großen Leidenschaften vereinigt in einem Beruf.
So ging ich daran, meinen Berufswunsch zu realisieren und wurde zum einen Instrumentallehrerin für Klavier und Keyboard, zum anderen begann ich im Bereich der musikalischen Frühfrühförderung tätig zu werden.

Frühförderung  und Instrumentalunterricht – oft zwei getrennte Bereiche

Bei vielen Fortbildungsveranstaltungen – gerade am Anfang meiner Berufstätigkeit – fiel mir auf, dass diese beiden Bereiche sich in unserem Land oft fast feindselig gegenüber standen. Viele InstrumentallehrerInnen schauten herablassend auf die KollegInnen der Frühförderung. Die studierten ElementarmusikerInnen auf der anderen Seite bildeten eine eingeschworene Gemeinschaft. Sie grenzten sich von den Instrumentallehrenden ab und blickten ihrerseits herablassend auf alle, die in der Frühförderung tätig waren, ohne ein EMP-Studium. Ich wollte mich keiner Seite anschließen, denn ich strebte nach einer Verschmelzung der beiden Bereiche, in Form eines ganzheitlichen, frühkindlichen Instrumentalunterrichts. Zum Glück habe ich im Laufe der Jahre immer mehr hervorragende KollegInnen getroffen, die sich auch für diese Verschmelzung einsetzten. Viele waren QuereinsteigerInnen, einige gemäßigte EMP-AbsolventInnen und einige Instrumentallehrende, die wie ich, die Arbeit mit jüngeren Kindern liebten.

Die Suche nach dem optimalen Übergang

Während ich bei meiner täglichen Arbeit danach strebte, den Bedürfnissen meiner SchülerInnen in der Frühförderung und im Instrumentalunterricht immer besser gerecht zu werden, experimentierte ich mit unterschiedlichen Methoden und Instrumenten, um den Übergang zu optimieren. Viele Jahre gelang dieser Übergang an meiner Schule problemlos.

Der Übergang wurde zum Problem

Vor etwa 15 Jahren ändert sich das. Der Übergang wurde immer mehr zum Problem. Viele zufriedene Eltern blieben nach der Früherziehung nicht an unserer Musikschule, sondern beendeten die Musikausbildung oder meldeten ihre Kinder in preiswerten Bockflöten-Großgruppen in der Kirche oder anderen Institutionen an.
Mir war klar, dass etwas geschehen musste:
Zunächst wollte ich herausfinden, warum überaus zufriedene Eltern mir am Ende der Früherziehung zwar einen großen Blumenstrauß und eine ehrliche Dankeskarte überreichten, meine Musikschule aber trotzdem verließen und außerdem musste ich mich auf die Suche nach neuen, kindgerechten Schulwerken im Bereich Klavier und Keyboard begeben.

Die Angst der Eltern

Schnell fand ich heraus, dass viele Eltern vor einer Entscheidung in Bezug auf einen Instrumentalunterricht in einer Musikschule zurückschreckten. Sie hatten Angst davor, ihre kleinen Kinder auf ein Instrument festzulegen, aber auch ein weiterführender allgemein-musikalischer Unterricht kam nicht in Frage. So beendeten viele zunächst die musikalische Ausbildung oder meldeten ihre Kinder in den besagten Blockflötengruppen (für 5,-€ monatlich) außerhalb der Musikschule an.

Die Suche nach neuen Unterrichtswegen

Meine Suche nach kindgerechten Instrumentalkonzepten erwies sich während dieser Zeit als schwierig. Es erschienen zwar in den 90er Jahren einige neue Lehrwerke mit bunten Bildern und Spielen, aber wirklich neue Wege beschritten sie alle nicht. Trotzdem gab ich nicht auf und hielt die Augen und Ohren offen.
2003 bekam ich die Möglichkeit, einer Präsentation der Musikgarten-Gründerin Frau Lorna Lutz Heyge beizuwohnen, auf der sie ihr amerikanisches Unterrichtsprogramm „Music Makers at the Keyboards“ vorstellte. Ich war begeistert. Zum ersten Mal erfuhr ich von einem ganz neuen Weg, Kinder in den Instrumentalunterricht einzuführen.

Tastenkinder – ein neuer Weg

Ich kaufte mir die amerikanischen Materialien und begann mich in das Konzept einzuarbeiten. Gleichzeitig startete ich zwei Kurse „Music Makers at the Keyboards“ und nannte mein Programm „Tastenkinder“. Es wurde sofort zu einem großen Erfolg. Mit Einführung der neuen Kurse und regelmäßiger Elternabende zum Thema „Tastenkinder – der ganzheitliche Weg in den Instrumentalunterricht“ wechselten von nun an fast alle meine Schüler von der Früherziehung in die Tastenkinder-Kurse und auch von außen kamen viele neue Kinder dazu.
Um meine fachlichen Kenntnisse zu erweitern, entschloss ich mich, die Lehrerausbildung für „Music Makers at the Keyboards“ in Amerika zu absolvieren.

Warum war und ist das Programm so erfolgreich?

1. Es beinhaltet – neben dem Spielen auf dem Klavier oder Keyboard – noch weitere Unterrichtselemente; ist aber keine Musikalische Früherziehung.
2. Die SchülerInnen können zu Hause auf einem Klavier oder einem großtastigen Keyboard spielen.  Nach meiner Erfahrung scheuen viele Eltern bei der Auswahl eines Instruments nicht vorrangig den Preis, sondern sie sehen sich gezwungen in einem Bereich eine Entscheidung treffen, von dem sie keine Ahnung haben. (Diese Angst konnte ich nachvollziehen, da es meinem Vater genauso ging. Ich habe viele Jahre auf einem minderwertigen Leih-Instrument gespielte – nicht weil mein Vater kein Geld ausgeben wollte, sondern weil er sich nicht in der Lage fühlte ein Instrument auszuwählen. Als ein Musiker-Freund meiner Eltern sein Instrument verkaufen wollte, ist mein Vater noch am gleichen Tag zur Bank gegangen und hat das Instrument für mich erworben.) Die Anschaffung eines Keyboards im Preissegment unter 300,-€ ist jedoch für viele Familien überschaubar. Gerade Väter fühlen sich im Media Markt einfach sicherer, als in einem Musikfachgeschäft.
3. Obwohl die Kinder Klavier-/Keyboardspielen lernen, kann das Programm auch als Einstiegsunterricht für jedes andere Instrument genutzt werden.
4. Die Kinder erwerben – neben dem Klavier- und Keyboardspiel – viele musikalische Fähigkeiten. (Vom-Blatt-Singen, Grundkenntnisse der Formlehre, Gehörausbildung, Fähigkeit eigenständig zu harmonisieren, improvisieren, komponieren).
Meine zufriedensten Eltern sind bis heute meine Musiker-Eltern.

Der Weg geht weiter

Als problematisch erwies sich allerdings von Anfang an die Arbeit mit den englischen Materialien. Um das Programm weiter verbreiten zu können, bedurfte es deutscher Lehrerhandbücher und deutscher Schüler-Sets. So bemühten wir uns darum, auf Lizenzbasis die Materialien übersetzen und verlegen zu dürfen. Nach zähen Verhandlungen mit den Amerikanern, plünderten wir unsere Konten und gingen an die Arbeit.

Als die ersten Unterrichtsmaterialien fertiggestellt waren, begaben wir uns auf die Suche nach LehrerInnen-Kollegen, die auch den Mut hatten, neue Wege im frühkindlichen Instrumentalunterricht zu gehen. Einige haben seit dieser Zeit unsere Tastenkinder-Schulungen besucht und bieten das Programm erfolgreich als Musikschule oder EinzellehrerIn an.
Wie bei allen Konzepten kristallisierten sich dann im Laufe der Zeit gewisse Schwachstellen im Programm heraus. Einige ergaben sich aus den Unterschieden zwischen deutschen und amerikanischen Verhältnissen, andere beruhten auf Lücken im Konzept selbst.
Da wir am amerikanischen Programm nichts ändern durften, wurde es notwendig, das Konzept ingesamt zu überarbeiten. So entstand ein neues Programm mit dem Namen „Die neuen Tastenkinder“.

Was macht nun den Lernweg der Tastenkinder so besonders?

– Die musikpädagogische Grundlage nach Edwin Gordon
– Der Einstig ins Instrumentalspiel über das Gehör
– Das Beschreiten eines Lernwegs zu einem tiefen Musikverständnis (dieser beinhaltet auch das Spielen nach Noten)
– Der abwechslungsreiche und ganzheitliche Unterricht
– Die vielseitigen und musikalisch gehaltvollen Unterrichtselemente (siehe oben)
– Das funktionierende Gruppenkonzept

Was wurde bei den neuen Tastenkinder verändert?

– Das vorher ausschließlich aus dem Amerikanischen stammende Liedrepertoire wurde durch überwiegend deutsche Lieder ersetzt.
– Das Programm wurde so umgearbeitet, dass es nun auch für die Arbeit mit Vorschulkindern geeignet ist.
– Neue Lernschritte wurden eingefügt, um Lücken zu schließen.
– Die Eltern bekommen nun mehr Unterstützung.
– Die Überleitung zum Spielen nach Noten erfolgt früher und kindgerechter (schon zu Beginn des 2. Unterrichtsjahres).
– Das Tastenkinderprogramm bekommt eine passende Fortsetzung mit Namen „Tastenwege“, getrennt für Klavier und Keyboard.

Für mich persönlich war das Kennenlernen des Programms „Music Makers at the Keyboards“ das Schlüsselerlebnis innerhalb meiner gesamten Unterrichtstätigkeit. Die Arbeit mit dem daraus entstandenen „Tastenkinder-Programm“ hat meine Unterrichtsmethodik grundlegend verändert.
Was das Programm alles beinhaltet, wie es aufgebaut ist und was daraus resultiert, werde ich euch in der kommenden Woche an dieser Stelle berichten…

Wer schon vorher weitere Informationen wünscht, kann hier das kostenlose „Tastenkinder-Magazin“ bestellen.

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Kommentare

  1. Carla Dalhus sagt

    Vielen Dank für diesen spannenden Einblick in Deine Arbeit!

    Liebe Grüße
    Carla

    1. Gabriele Zimmermann sagt

      Liebe Carla,
      es freut mich sehr, dass du so treu meine Artikel verfolgst und kommentierst.
      Vielen Dank und viele Grüße
      Gabriele

  2. Ilse Lintzen sagt

    Musikalische Frühförderung finde ich sehr wichtig. Ich empfehle sie gerne Eltern, die ihre Kinder sehr früh (mit 4 oder 5 Jahren) zum Klavierunterricht anmelden wollen. Nach meiner Erfahrung profitieren die Kinder durch eine musikalische Grundausbildung in der Gruppe mehr als im sehr frühen Einzelunterricht am Klavier. Und frühgeförderte Kinder sind einfach so viel bessere Klavierschüler! Das Tastenkinder Konzept klingt sehr interessant. Gerne würde ich Kinder in meinen Klavierunterricht aufnehmen, die in der Frühförderung schon nach Gehör spielen, harmonisieren und improvisieren gelernt haben und grundlegende Theoriekenntnisse mitbringen. Ich habe in meiner über 20 Jahren Unterrichtstätigkeit noch nie einen Schüler von einem anderen Lehrer übernommen, der Intervalle und Akkorde kannte, vom Blatt singen konnte oder schon mal etwas von Tonika und Dominante gehört hatte. Dagegen bekommt man oft frustrierte Vom-Blatt-Spieler, die nur mühsam die Noten einzeln auf die Tasten umzusetzen versuchen. Auf das Tastenkinder Programm bin ich schon sehr gespannt und freue mich, dass hier endlich eine didaktische Lücke geschlossen wird.

    1. Gabriele Zimmermann sagt

      Liebe Ilse,
      vielen Dank für deinen ausführlichen Erfahrungsbericht.
      Ich bin auch immer wieder begeistert, was die Tastenkinder-Kinder alles können.
      Leider reduzieren sogar viele Instrumentallehrer das Könne der Schüler allein auf das Spielen nach Noten. Nach dem Motto: Ein Schüler im 2. Unterrichtsjahr muss … spielen. Dabei wird nicht berücksichtigt, wie die Kinder spielen und was sie noch alles beherrschen. Außerdem wird häufig das Alter der Schüler nicht beachtet.
      Solide Grundlagen (Gehör, Fingerfertigkeit, Rhythmik, Gesang, Hörrepertoire) sind in jedem Bereich wichtig – so auch in der Musik.
      Leider haben einige Eltern und Lehrer es mit den kleinen Kindern so eilig und alles reduziert sich auf das Erarbeiten von Literatur.
      Dagegen ist es schön zu beobachten, dass es immer mehr Lehrer gibt, die mit den „Kleinen“ andere Wege gehen und nachfolgende Instrumentalllehrer, wie dich, die das zu schätzen wissen.
      Liebe Grüße
      Gabriele

  3. Gerhard Wolters sagt

    …sehr interessanter Bericht!
    Es ist immer wieder schön zu lesen, dass das KIND und sein Lernen im Mittelpunkt steht! Weiter so!!!

    1. Gabriele Zimmermann sagt

      Hallo Gerhard,
      vielen Dank für deinen Ansporn.
      Nur wo der Mensch im Mittelpunkt steht, findet „nachhaltiges“ Lernen statt.
      Viele Grüße
      Gabriele

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