Für Musiker_innen, Musik- und Intrumentalpädagog_innen, Sänger_innen & Hobbymusiker_innen

Hirngerechtes Lernen

Die Neurowissenschaft zeigt die Wege - wir Lehrende müssen sie gehe

„Mit Freude lernen – ein Leben lang“ – das Buch des Neurowissenschaftlers Gerald Hüther.

In der Hand halte ich das Buch des Neurobiologen Gerald Hüther. Es trägt den Titel „Mit Freude lernen – ein Leben lang: Weshalb wir ein neues Verständnis vom Lernen brauchen. Sieben Thesen zu einem erweiterten Lernbegriff und eine Auswahl von Beiträgen zur Untermauerung“.
Ich habe es für euch gelesen und wenn ihr mich gleich zu Beginn fragt, ob ihr es auch lesen sollt, dann antworte ich: Ja, auf jeden Fall. Außerdem bitte ich euch, es auch euren Kollegen zu geben und überhaupt allen Menschen in diesem Land, die als Lehrende tätig sind und auch allen, die in irgendeiner anderen Form mit Bildung zu tun haben (PolitikerInnen, Mitarbeitende der Schul- und Jugendämter usw.)
Gerald Hüther ist ein Mensch, der eine Botschaft hat und diese Botschaft ist es, die einem nach der Lektüre des Buches im Sinn bleibt und weiterhin beschäftigt.

Der Autor beginnt sein Buch mit sieben Thesen, die den Kern seiner wissenschaftlichen Erkenntnisse bilden:
1. Die Evolution des Lebens ist eine fortschreitende Erweiterung der Lernfähigkeit lebender Systeme
2. Lernen ist ein sich selbst organisierender Prozess zur Wiederherstellung von Kohärenz
3. Lernen führt über die Herausbildung labiler Beziehungsmuster zur Ausformung stabiler Beziehungsstrukturen
4. Gelernt werden kann nur das, was für ein Lebewesen bedeutsam ist
5. Lernen ist ein auf vorangegangenen Lernerfahrungen aufbauender Prozess
6. Kein Lebewesen kann etwas lernen ohne Anregung durch andere und ohne selbst mit dem, was es gelernt hat, andere zum Lernen anzuregen
7. Nur Menschen können lernen, die Lernfähigkeit anderer zur Verfolgung eigener Ziele und Absichten zu benutzen

Gerald Hüther
© Franziska Hüther

In den Erläuterungen dieser Thesen wird das Lernen aus einer biologischen Perspektive betrachtet. Es wird aufgezeigt, dass die Fähigkeit zu lernen viel mehr beinhaltet, als das, was man sich bislang darunter vorgestellt hat. Hüther fasst diese Erkenntnisse folgendermaßen zusammen: „Aus biologischer Sicht heißt Lernen nichts anderes, als lebendig zu bleiben. Wer nichts mehr lernen kann, ist tot.“ Er zeigt, dass das Lernen nicht ausschließlich ein innerer Vorgang ist. Jeder Organismus, jedes Lebewesen ist eingebettet in ein System und erfährt Reize von außen. Gerade diese sind für das Lernen verantwortlich, im Positiven wie im Negativen. Aufgrund dessen fordert der Autor seine LeserInnen auf, alte Denkschemata zu verlassen und sich neuen Lernbegriffen zuzuwenden. Er fasst das mit folgenden Worten zusammen: „Wer das Lernen von außen zu lenken versucht, unterdrückt damit genau das, was das Lernen erst lebendig macht: Die Freude am Lernen – oft sogar ein Leben lang.“

Der 2. Teil des Buches besteht aus Beiträgen, die zur Untermauerung der 7 Thesen dienen. Diese sind nicht aufeinander aufbauend, sondern besprechen die gleichen Aspekte aus verschiedenen Perspektiven. Und hier wird Herr Hüther sehr direkt in seinen Aussagen. So zeigt er ganz deutlich, wie es dazu kommt, dass Menschen die Lust am Lernen verlieren und wie dadurch die geistige Fitness im Alter verloren geht. Die Folge sind Vereinsamung, Altersdemenz usw. Und statt dafür zu sorgen, dass diese Lust am Lernen erhalten bleibt, konzentrieren sich Forschung und Industrie auf die Suche nach der Pille gegen „Altersdemenz“. Eine, aus wirtschaftlicher Sicht, sehr lukrative Suche.
Im gleichen offenen Ton kritisiert der Neurobiologe unser Bildungssystem, in dem SchülerInnen und LehrerInnen zu Objekten werden, obwohl Lernen nur in einer Umgebung funktioniert, in der sich die Menschen als Subjekte begegnen. So fordert er auf, die Rahmenbedingung der Bildungsangebote für Kinder und Jugendliche entsprechend zu verändern.
Und natürlich müssen auch die Inhalte dieser Bildungsangebote „hirngerecht“ werden, denn die Wissenschaft belegt: „Das Gehirn ist nicht zum Auswendiglernen von Sachverhalten, sondern zur Lösung von Problemen optimiert.“. Wie sieht demnach nun „hirngerechter“ Lernstoff aus? Er muss für die Lernenden „einen Sinn machen“, er muss „unter die Haut gehen“ und sich als praktisch anwendbar erweisen.
Wenn wir nun, nach der Lektüre des Buches, die Schulen und Universitäten unseres Landes etwas genauer betrachten, müssen wir feststellen, dass sich noch vieles verändern muss, bis diese zu Einrichtungen werden, an denen Menschen „mit Freude lernen“. Um diese Veränderungen bemüht, mahnt Gerald Hüther: „Ein Paradigmenwechsel in der Gestaltung von Bildungsprozessen ist aus dieser Perspektive unausweichlich.“

„Mit Freude lernen – ein Leben lang“ ist ein Buch voller wertvoller Gedanken zum Thema Bildung. Wer allerdings ein spannendes, gut strukturiertes und illustriertes populärwissenschaftliches Werk erwartet, wird enttäuscht. Trotzdem haben mich Hüthers Ausführungen gefesselt und sie beschäftigen mich noch immer. Besonders hervorheben möchte ich, dass ich beim Lesen nicht ein einziges Mal ein Wörterbuch bemühen musste. Ich würde mir wünschen, dass mehr Autoren und Autorinnen aus dem akademischen Bereich den Mut haben, in einer allgemein verständlichen Sprache zu schreiben.

Nützlich für den Musikunterricht?

Obwohl in diesem Buch die Themen Musik und Musikunterricht nicht direkt behandelt werden, sind doch die Ausführungen über das Lernen für alle Lehrenden wichtig.

LehrerInnen können Kindern die Freude am Lernen nehmen

An einer Stelle des Buches wird die Musik zum Gegenstand einer Veranschaulichung. Hier beschreibt Gerald Hüther, wie ihm schon als Kind die Freude am Singen abhanden gekommen ist. Interessanterweise war sein Musiklehrer die Ursache dafür. Eine Person, die eigentlich die Freude an der Musik und am Singen fördern sollte.
Dieses Beispiel zeigt anschaulich wie das Fehlverhalten eines Lehrers gegenüber seinem Schüler, dessen gesamtes Leben beeinflussen kann. Der Autor betont in diesem Zusammenhang:
„Kein Kind scheitert an sich selbst. Sondern es scheitert an den Bewertungen, den Maßregelungen und den klugen Ratschlägen anderer.“
Lehrende können tatsächlich Schuld daran sein, dass ein Mensch die Freude am Lernen verliert – ein Leben lang. Deshalb müssen sich alle Lehrenden ihrer Verantwortung bewusst sein und alles daran setzen, dass so etwas nicht passiert.

Schulsystem, Musikunterricht und Wettbewerb

Dass unser Schulsystem völlig veraltet ist und aus einem anderen Jahrhundert stammt, wird im Buch anschaulich geschildert. Doch wie sieht es mit unserem Instrumentalunterricht aus? An keiner Stelle betont der Neurobiologe, dass eine Einzelbeschulung der optimalste Weg ist. Im Gegenteil, an vielen Stellen beschreibt er, dass „hirngerechtes“ Lernen in Lerngemeinschaften stattfinden sollte, „[…] in denen das gemeinsame Lernen nicht mehr von Angst, Leistungsdruck und Wettbewerb bestimmt wird.“
Welchen Stellenwert haben also die vielen Wettbewerbe und Prüfungen im Musikausbildungssystem? Aus neurobiologischer Sicht sicherlich keinen. Wettbewerbe bringen natürlich Gewinner hervor, aber auch viele, viele Verlierer. Was mit den Verliern passiert, wird im Buch deutlich beschrieben. Und für das Innenleben der Verlierer sind wir als Lehrende genau so verantwortlich, wie für die Höhenflüge der Gewinner.

Fazit

Gerade wir Lehrende müssen uns den wissenschaftlichen Erkenntnissen der modernen Gehirnforschung stellen. Gerald Hüther schreibt, „dass Hirnforscher nicht […] die Verhältnisse, die Beziehungsprobleme und die Rahmenbedingungen ändern können, unter denen Kinder in unserer gegenwärtigen Gesellschaft aufwachsen.“ Aber wir LehrerInnen können unseren Teil dazu beitragen. Und auch wir InstrumentallehrerInnen dürfen uns nicht in eine pädagogische Nische zurückziehen. Wir sind nicht in ein starres Bildungssystem eingebunden wie unsere Schulmusiker-KollegInnen. Viele von uns sind freischaffend. Wir können selbst bestimmen, ob wir neue, bessere Wege gehen. Und … wir sollten es tun!

 

Mit freude lernen ein Leben lang
© Vandenhoeck & Ruprecht

Gerald Hüther

Mit Freude lernen – ein Leben lang

Weshalb wir ein neues Verständnis vom Lernen brauchen. Sieben Thesen zu einem erweiterten Lernbegriff und eine Auswahl von Beiträgen zur Untermauerung

1. Auflage 2016
224 Seiten kartoniert
ISBN 978-3-525-70182-9
Vandenhoeck & Ruprecht

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Kommentare
  1. Die Vorteile des Musikmachens für das Gehirn sagt
  2. Sylvia Exner sagt

    Tolle Buchbesprechung! Bitte mehr davon.

    1. Liebe Sylvia,
      vielen Dank für dein Lob. Ich freue mich sehr darüber. Ich verspreche, es wird mehr davon geben.
      Herzliche Grüße
      Gabriele

    2. Gerhard Wolters sagt

      Ja – danke Gabriele!

  3. Will man Hüthers Empfehlungen nicht nur „gut finden“, sondern wirklich umsetzen, wird man um die Grundsätze des sog. „MultiDimensionalen Unterrichts“ (MDU) nicht herumkommen:
    – konsequente Orientierung am Schüler (allerdings keine Zentrierung auf ihn)
    – in den Unterricht integrierte selbstständige Lernphasen mit selbst bestimmten Zielen
    – von- und miteinander Lernen der Schüler
    – unterschiedliches Alter und Niveau der Schüler
    – Lehrerteams unterrichten fächerübergreifend
    – z.B. an der Reg. Musikschule Dübendorf
    – Anwesenheitszeiten von mehreren Stunden pro Woche (natürlich freiwillig) sind keine Seltenheit
    – kein Schülerrückgang, sondern steigende Nachfrage
    – mehrjährige Ausbildung nur für engagierte Musikpädagogen, die bereit für einen nachhaltigen Veränderungsprozess sind.

    Kostenlose Beratungstermine – Kontakt über akademie@mdu.ch.

  4. Rangulf Zschenderlein sagt

    Ein interessantes Buch gut dargestellt!
    Ein mehr in die Tiefe und Breite gehendes Buch möchte ich in diesem Zusammenhang wärmstens empfehlen: Lernen in Beziehung von Tobias Künkler, erschienen bei [transcript], 2011.
    „Was man unter Lernen versteht, hängt eng mit der Vorstellung vom lernenden Subjekt zusammen. Tobias Künkler untersucht den herrschenden Lerndiskurs, der u.a. Von neurowissenschaftlichen und konstruktivistischen Ansätzen geprägt ist, auf den Zusammenhang von Subjekt und Lernverständnis – und zeigt, dass die bedeutsame Rolle der für das Lernen bislang nicht genügend berücksichtigt wurde. Unter Rückgriff auf die Kritik am , alternative Lerntheorien sowie Diskurse über erarbeitet er einalternatives – relationales – Verständnis des Lernens: Lernen als radikales Beziehungsgeschehen.“

    1. Hallo Rangulf,
      vielen Dank für deinen Kommentar und den Hinweis auf das Buch von Tobias Künkler.
      Viele Grüße
      Gabriele

  5. Rangulf Zschenderlein sagt

    Leider sind beim Posten Begriffe gelöscht worden: …und zeigt, dass die bedeutsame Rolle der Anderen für das Lernen…
    Unter Rückgriff auf die Kritik am modernen Subjekt, alternative Lerntheorien sowie Diskurse über Relarionalität erarbeitet er …

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