Wohin mit meinen Schülern? Wenn die Woche doch 10 Tage hätte!

Viele Musikschulen und Einzellehrer kämpfen um ihr berufliches Überleben, weil es immer schwieriger wird, passende Unterrichtstermine für die Schüler zu finden. Warum ist das so und was kann man dagegen tun?

Es ist Dienstag 10 Uhr. Ich sitze im Büro, die Sonne scheint, mein Cappuccino duftet und meine Stimmung könnte nicht besser sein. Vor mir liegt eine Liste mit zehn Interessenten für einen neuen Früherziehungskurs. Ich studiere meinen Stundenplan und entdecke zwei Lücken, die sich mit wenig Aufwand so vergrößern lassen würden, dass ein neuer Kurs für die 4-Jährigen Platz hätte. Erwartungsvoll wähle ich die erste Nummer von meiner Liste und gleich anschließend die zweite. Bei beiden Familien meldet sich die Mutter und beide Familien haben jeden Nachmittag ab 14.30 Uhr Zeit. Es scheint mein Glückstag zu sein. Bei Familie Nr. 3 geht leider niemand ans Telefon, genau wie bei Familie Nr. 5, 6, 9 und 10. Familie Nr. 4 kann zu keinem der vorgeschlagenen Termine, Familie Nr. 7 nur zu einem und Familie Nr. 8 nur zum anderen. Meine Stimmung hat sich mittlerweile normalisiert. Es dauert 4 Tage, bis ich alle Familien erreicht habe. Am Ende bleibt eine Gruppe von 6 Kindern, zwei Familien lassen sich noch einmal auf die Warteliste setzen, zwei springen ganz ab.

Nichts kostet mich in meiner Tätigkeit als freiberufliche Musiklehrerin und Musikschulleiterin mehr Kraft und Nerven, als das Organisieren von Kursen und das Erstellen eines Stundenplans. Und ich habe das Gefühl, es wird immer schlimmer.
Mit vielen KollegInnen habe ich in den letzten Jahren über die Probleme mit den Stundenplänen gesprochen, fast alle haben die gleichen oder ähnliche Probleme. Wo liegen die Ursachen und gibt es Lösungswege? Darum soll es heute gehen.

Gruppenunterricht-Frühförderung

Wo immer wir mit Gruppen arbeiten, muss ein Termin mit mehrere Personen abgestimmt werden. Das ist naturgemäß komplizierter, als wenn ich einen Unterrichtstermin für einen Einzelschüler suche. Am schwierigsten gestaltet sich die Gruppenplanung bei Kursen mit Kindergartenkindern, denn hier ist das Zeitfenster, in denen sie unterrichtet werden können, besonders klein. Viele Kinder schlafen mittags und/oder gehen abends schon zeitig ins Bett. Dazu kommt die wachsende Zahl der Mütter, die ganztägig arbeiten. So liegen die Unterrichtszeiten in der musikalischen Frühförderung zwischen 15 und 18 Uhr, teilweise sogar zwischen 16 und 18 Uhr. Das bedeutet, dass ein/e LehrerIn in diesem Bereich nur zwei bis drei Kurse am Tag unterrichten kann. Auch die Zahl der Kinder, die mit ihren Eltern einen Vormittagskurs besuchen können, wird immer kleiner. Viele Mütter kehren schon zwei Jahre nach der Geburt ihres Kindes in den Beruf zurück, manche sogar noch früher. Vormittags sind die Kinder dann in der Regel in der Krippe und die Mutter-Kind-Kurse müssen auch am Nachmittag stattfinden.
Nur wenige KollegInnen können ihren Lebensunterhalt ausschließlich mit Kursen im Bereich der Frühförderung verdienen.
Welche Möglichkeiten gibt es, um sich im Rahmen der musikalischen Frühförderung neue Unterrichtszeiten zu erschließen?
Eine ist die Kooperation mit Kindergärten oder Grundschulen. Viele LehrerInnen sind so in der Lage, vormittags tätig zu sein. Wenn ihr eine solche Kooperation anstrebt, achtet aber darauf, dass ihr alle gesetzlichen Bestimmungen erfüllt und in Absprache mit dem Kollegium, dem Träger und dem Elternbeirat der Einrichtung unterrichtet.
Eine weitere Möglichkeit ist, Kurse am Morgen vor dem Kindergarten anzubieten. Ich kenne eine Kollegin, die ihre Musikschule in der Nähe einer großen Universität hat. Die Mitarbeiter bringen ihre Kinder vor der Arbeit und dem Kindergarten zu ihr zum Musikunterricht. Sicher ist dieses Model nicht für jeden realisierbar aber es spornt an, auch ungewöhnliche Wege zu gehen.

Gruppenunterricht-Instrumentalunterricht

Wir wollen an dieser Stelle nicht darüber diskutieren, ob Gruppenunterricht im Instrumentalbereich sinnvoll ist. Tatsache ist, dass viele private Einrichtungen nur durch diese Unterrichtsform finanziell überleben können. Einige Lehrer aus dünn besiedelten Gegenden berichten mir, dass Gruppenunterricht bei ihnen mittlerweile aber gar nicht mehr möglich ist. Diese LehrerInnen fahren im Auftrag ihrer Musikschule täglich viele Kilometer, um die verstreut wohnenden Schüler unterrichten zu können. Die Bevölkerungsdichte in diesen Gebieten nimmt immer mehr ab und besonders Familien mit Kindern gibt es immer weniger.
In anderen Gegenden bieten die Musikschulen diese Unterrichtsform zwar an, aber auch hier wird es, wegen sinkender Schülerzahlen, oft schwierig, homogene Gruppen zusammenzustellen.
Die Problematik der sinkenden Schülerzahlen werde ich in einem separaten Artikel erörtern. Generell ist aber meine Erfahrung mit Gruppenkonzepten die, dass diese von Zeit zu Zeit neu strukturiert werden müssen. Mein Mann und ich haben das in unserer Musikschule immer wieder getan. Unterrichtskonzepte, Gruppenstärken, Preise und Strukturen müssen regelmäßig auf den Prüfstand und den äußeren Bedingungen angepasst werden.

Instrumentalunterricht allgemein

Für alle Unterrichtsformen hat sich das Zeitfenster, in dem die Schüler zum Musikunterricht kommen können, drastisch verringert.
Ein großes Problem ist hier die Ganztagsschule. Musikschulen, Einzellehrer und Vereine leiden darunter, dass die Schüler bis zum späten Nachmittag in der Schule sind und anschließend noch Hausaufgaben machen müssen. Ich persönlich stehe dem Projekt „Ganztagsschule in Deutschland“ sehr kritisch gegenüber.  In meiner Umgebung findet am Nachmittag oft gar kein qualifizierter Unterricht statt. Es handelt sich hier eher um eine organisierte Kinderbetreuung und zusätzlich müssen dann zu Hause noch die Hausaufgaben erledigt werden. Von einer durchdachten und gut organisierten Ganztagsbetreuung sind wir, nach meiner Meinung, noch weit entfernt. Hinzu kommt, dass viele ältere Schüler regulären Unterricht bis in den späten Nachmittag hinein haben. Stundenpläne mit großen Lücken und eine gigantische Zahl an Pflichtstunden sind hier der Grund.  Von meinen Schülern sitzen viele ab der 9. Klasse bis in die späten Abendstunden an ihren häuslichen Schulaufgaben und Arbeits- bzw. Klausurvorbereitungen. Ich habe große Hochachtung vor jedem Oberstufenschüler, der regelmäßig in seinen Instrumentalunterricht kommt und daneben noch Zeit zum Üben findet.
Weitere Gründe für Probleme bei der Terminfindung sind:
– ganztags berufstätige Eltern (gerade in ländlichen Gebieten, wo die Eltern für die Fahrt zum Musikunterricht gebraucht werden)
– das große Angebot an Freizeitaktivitäten
– die Tatsache, dass viele Schüler die von den Eltern ausgewählte Schulform nur mit regelmäßigem Nachhilfeunterricht in mehreren Fächern bewältigen können
usw.
Leider sehe ich für diese Probleme keine kurzfristigen Lösungen. Ein Kollege (Ü 50) formulierte es folgendermaßen: „Wenn die Entwicklung so weiter geht, werde ich in Zukunft auch sonntags unterrichten müssen (samstags unterrichte ich schon lange), denn es passen nun mal nur wenige Schüler in das Zeitfenster zwischen 17 und 20 Uhr.“
Um unter all diesen Umständen finanziell überleben zu können, müssen wir unsere Tätigkeitsfeld immer mehr erweitern. Wir müssen uns neue Schülergruppen erschließen und an anderen Standorten unterrichten. Hierbei ist sehr viel Kreativität und Innovation erforderlich. Deshalb ist es wichtig, sich mit Kollegen auszutauschen und von ihnen zu lernen.
Sich neue Tätigkeitsbereiche zu erschließen, bedeutet in der Regel auch, sich weiter zu bilden.  Eine Möglichkeit ist die Ausbildung zum Chorleiter. Am kommenden Sonntag findet ihr hier auf musikdidaktik.net ein spannendes Interview mit dem Leiter der Chorleiterschule des hessischen Sängerbundes in Frankfurt,  Herrn Thomas Bailly.

Fazit

Das Problem, unsere Schüler und unseren Stundenplan in Übereinstimmung zu bringen, beschäftigt die meisten von uns. Gebt nicht auf, seid kreativ und habt den Mut neue und ungewöhnliche Wege zu gehen!

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Kommentare

  1. Rudolf sagt

    Hallo Gabriele,

    vielen Dank für den Artikel.

    Viele Grüße
    Rudolf

    1. Gabriele Zimmermann sagt

      Hallo Rudolf,
      gerne, ich würde mich freuen, wenn du nächsten Sonntag auch wieder vorbei schaust.
      Viele Grüße
      Gabriele

  2. Martin Kirmse sagt

    Ich denke die Schwierigkeit liegt vorallem darin, dass der Schultag länger wird/ geworden ist.
    Ich selbst hatte nie vor 15.30 Uhr Schulschluss. Da man am nächsten Tag früh aufstehen muss ist bei mir 22 Uhr Obergrenze für Hobbys gewesen.
    Ich fände es gut wenn die Kinder sich auf weniger Aktivitäten beschränken.
    Hilfreich wäre eine Infrastruktur der Angebote. Dann könnte man z.b. auf einer Internetseite die verschiedenen Angebote sammeln, was zugegebenermaßen je nach Stadtgröße schwierig werden kann.
    In meiner Heimatstadt(100.000 Einwohner) zum Beispiel wussten alle Dienstag ist Probe des Jugenorchesters der Musikschule und Mittwoch ist Gesamtprobe beim Knabenchor der Philharmonie.
    Wenn sich die Leute untereinander ansprechen, also kooperiert und transparent arbeitet dann können Termindopplung vermieden werden.
    Tatsächlich ist zu überlegen, ob ein Einzelunterricht jede Woche zu besuchen so hilfreich ist. Meist kann zu Hause gar nicht so viel geübt werden. Sicherlich ist gerade bei Anfängern eine regelmäßige Betreuung wichtig. Dennoch sollte man über die Art und Weise nachdenken. Meine „Übungshilfe“ war meine Großmutter. Sie ist Profimusikerin mit zusätzlichem IGP Abschluss und dennoch hatte ich zusätzlich in der Musikschule unterricht. Was ich damit sagen will: Kann man eine Betreuung beim üben garantieren- die nicht fachfremd ist, dann ist es möglich alle 2 Wochen Schüler zu unterrichten.

    Beispiel:

    Ein Kind (5) lernt Geige. In Woche A hat es Unterricht beim Lehrer in Woche B hat es Unterricht bei einem älteren Kind (15). Das K15 kontrolliert das Üben des K5 in Woche B.
    Das K5 hat somit jede Woche zur gleichen Zeit Unterricht (weil es.das ältere Kind ebenso als „Lehrer“ akzeptiert).
    Das K15 hat in Woche A selbst unterricht und in Woche B hilft es dem K5.

    Wie kann das funktionieren?
    Wenn Kinder damit aufwachsen, dass andere Kinder ihnen helfen, so werden sie, wenn sie älter sind, ebenso selbstverständlich auf andere Kinder aufpassen. Natürlich muss das ganze stichprobenartig kontrolliert werden. (Wobei dann gleich die Erwachsenen mit überprüft werden können, denn auch bei Musikschullehrern sowie Schullehrern ist es meiner Meinung nach nicht verkehrt ein externes Feedback zu erfahren)

    Was hat das für einen Sinn?
    Die Lehrer haben A und B Wochen somit stehen mehr Termine zur Auswahl. Aus 5 Tagen mach 10 Tage 🙂

    Ausblick:
    Weitere Denkanstöße (wird sonst ein Buch was ich hier loswerden wöllte)
    – warum Musikschulen? (Vs. Privatunterricht)
    – Einzelunterricht in der Schule?
    – Integration von Freizeitangeboten IN der Schule
    – Ein Standort / mehrere Schulen?
    – kooperative Unterrichtsmethoden
    – Instrument lernen: Privileg der Oberschicht?

    1. Gabriele Zimmermann sagt

      Hallo Martin,
      herzlichen Dank für deine Ausführungen. Viele tolle Ansätz, die zum Nachdenken anregen.
      Viele Grüße
      Gabriele

    2. Gerhard Wolters sagt

      In der Schweiz (ähnlich viel Nachmittagsunterricht) haben wir einen Monat lang 100 Kindern die Möglichkeit gegeben, von Mo bis Fr von 12 bis 20 Uhr so oft und so lang zur Musikschule zu kommen wie sie wollen.
      Unsere Excel-Auswertung ergab eine durchschnittliche Anwesenheitszeit von knapp 2 Std. pro Woche, Spitzenreiter bis zu 10 Std.
      Voraussetzung: Diese Schüler waren es gewohnt, einen Grossteil der Unterrichtszeit durch selbstständiges Üben und von- und mieinander Lernen zu nutzen.
      Die beteilugten Lehrpersonen hatten einen mehrjährigen berufsbegleitenden Ausbildungsprozess zu Schülerorientiertem Unterricht absolviert.
      Mehr Infos in einem 3minütigem Video auf Youtube, einfach nach „Unser GA für die Musikschule“ suchen…
      Kopf hoch, noch ist die Idee der Musikschule nicht gestorben. Wir planen bis 2020 die erste „Tagesmusikschule“ zu gründen…

      1. Gabriele Zimmermann sagt

        Hallo Gerhard,

        vielen Dank für diesen sehr spannenden Bericht.
        Ein wirklich zukunftsweisendes Projekt!

        Herzliche Grüße

        Gabriele

      2. Rudolf sagt

        Hallo,

        Klingt sehr spannend.
        Was genau plant ihr mit einer „Tagesmusikschule“?

        Viele Grüße
        Rudofl

        1. Gerhard Wolters sagt

          Lieber Rudolf,
          ich freue mich sehr über Dein Interesse!
          Das Ganze zu erklären würde zum einen den Rahmen sprengen, zum anderen passen wir unsere Konzeption ständig unseren Erfahrungen an.
          Die 10minütige „Flash-Version“ des Videos macht allerdings den Ansatz um ein Vielfaches deutlicher.
          Wenn Du Lust hast, surfe doch mal unter http://www.mdu.ch oder wir können gerne auch mal skypen…
          Lg
          Gerhard

          1. Gabriele Zimmermann sagt

            Hallo Rudolf,
            ich konnte Gerhard für ein Interview gewinnen. Schon bald wird er sein Projekt hier auf musikdidaktik.net vorstellen. Ich bin schon sehr gespannt. Also bleib uns treu.
            Viele Grüße
            Gabriele

          2. Rudolf sagt

            Hallo Gerhard,
            danke für die Nachricht. Ich werde mir das Video und die Website gerne mal ansehen.
            Viele Grüße
            Rudolf

          3. Rudolf sagt

            Hallo Gabriele,
            das ist super! Ich freue mich sehr auf das Interview.
            Viele Grüße
            Rudolf

  3. Günter MEINHART sagt

    Bitte um Zusendung des Newsletters.
    Danke.

    1. Leslie Zimmermann sagt

      Hallo Herr Meinhart,

      ich habe Sie für den Newsletter eingetragen.

      Vielen Dank und liebe Grüße
      Leslie Zimmermann

  4. Anna P. sagt

    Meine Woche könnte Wirklich 10 Tage haben!!!

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