„Singen ist die eigentliche Muttersprache des Menschen“ Lord Yehudi Menuhin

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Interview mit Thomas Bailly, Kenner und Berater der Chorszene in Deutschland und Leiter der Chorleiterschule in Frankfurt a.M.

Singen ist eines der wunderbarsten Dinge auf dieser Welt und ganz bestimmt eine von mehreren Muttersprachen des Menschen. Auch das gemeinschaftliche Singen gehört zu unseren Grundbedürfnissen. Selbst in einer „gesangsarmen“ Zeit wird immer wieder gemeinschaftlich gesungen, z.B. in Fussballstadien oder bei Festen. Das Singen in einem Chor ist Teil unserer deutschen und auch europäischen Kultur. Wie aber steht es um die Chöre in Deutschland und ist die Ausbildung zum Chorleiter eine Möglichkeit für freiberufliche Musiker, ihren Lebensunterhalt zu bestreiten?
Um diese Fragen zu erörtern, habe ich mir einen kompetenten Gesprächspartner gesucht. Herr Thomas Bailly gehört zu den Kennern der Szene.
Seine Vita würde den Rahmen dieses Interviews sprengen. Hier nur einige Eckdaten: Herr Bailly ist Jahrgang 1961 und in Frankfurt am Main geboren. Er hat ein umfangreiches Musikstudium (Kirchenmusik, Schulmusik) absolviert und war und ist in vielen Bereichen als Musiker tätig. U.a. arbeitet er zur Zeit als Lehrer am Sankt-Lioba-Gymnasium in Bad Nauheim, er leitet Chöre, organisiert und leitet Workshops und Musikfestivals, er ist im Bundesmusikausschuss tätig und Leiter der Chorleiterschule in Frankfurt a.M.

Gabriele: Herr Bailly, Deutschland galt immer als das Land der Laienchöre und Gesangvereine. Ist das immer noch so?

Thomas Bailly: Ja, der „Deutsche Chorverband“ ist mit 1,4 Millionen Mitgliedern in 21 000 Chören die weltweit mitgliedsstärkste Organisation in der Amateurmusik.

Gabriele: Was für eine Organisation ist der „Deutsche Chorverband“?

Thomas Bailly: Der „Deutsche Chorverband“ ist ein Dachverband, bestehend aus 30 deutschen Einzelverbänden, wie z.B. dem „Hessischen Sängerbund e.V.“ und einigen Chorverbänden und -vereinen im Ausland. Eine Mitgliedschaft kann nur ein Verband beantragen. Ein einzelner Chor muss Mitglied in einem der Landesverbände werden.

Gabriele: Bedeuteten die Zahlen, dass in der deutschen Chorlandschaft alles in Ordnung ist.

Thomas Bailly: Nein, zahlreiche Chöre und Gesangvereine haben schon seit vielen Jahren große Probleme.

Gabriele: Welche Probleme sind das?

Thomas Bailly: In erster Linie sind es die rapide sinkenden Mitgliedszahlen. Besonders schwierig ist die Situation der Männerchöre und -gesangvereine. Sie haben das Image einer alten, verstaubten Gemeinschaft. Kaum ein junger Mann möchte in einer solchen Gemeinschaft singen. So gibt es keinen Nachwuchs und die Männerchöre sterben im wahrsten Sinne des Wortes aus.
Viele Gesangvereine glauben, dass die Fusion ihres Frauen- und Männerchores zu einem gemischten Chor die Lösung des Problems ist. Aber aus dieser Fusion entstehen neue Schwierigkeiten. Der Tenor, der im Männerchor immer die Melodienstimmen gesungen hat, wird nun zu einer Mittelstimme und der Alt des Frauenchores, der bislang die Bassstimme inne hatte, wird auch zu einer Mittelstimme. Das bedeutet, die Sänger müssen sich in eine neue ungewohnte Rolle begeben und dazu ist nicht jeder bereit. Die Folge: Noch mehr Sänger springen ab.
Auch viele gemischte Chöre sind überaltert und deshalb für junge Sänger uninteressant. Ein weiteres Problem ist die Zusammensetzung der gemischten Chöre. Viele bestehen aus einer großen Anzahl an Frauen und nur wenigen Männern, dadurch ist die Auswahl der Literatur sehr schwierig.
Die Gesamtzahl der Gesangvereine wird kaum kleiner, die Sängerzahl vieler Chöre verringert sich allerdings erheblich.

Gabriele: Sie beraten Chöre, die um ihre Existenz kämpfen. Welche Anregungen geben Sie ihnen?

Thomas Bailly: Ich ermuntere die Vorstände, alte Muster zu durchdenken und neue Wege zu gehen. Nehmen wir als Beispiel einen typischen Gesangverein mit langer Tradition. Mittlerweile gibt es nur noch 20 aktive Sänger, alle über 65 Jahre alt. Damit dieser Chor überleben kann, ist es notwendig, dass sich die Mitglieder der Realität stellen. Stimmen altern, der Chor schrumpft, da ist es ratsam, sich von überholten Grundsätzen, wie z.B. „nur a cappella“ zu trennen und sich einen Chorleiter zu suchen, der gut Klavier spielen kann.

Gabriele: Was wollen die jungen Sänger?

Thomas Bailly: Die meisten wollen sich nicht an einen Verein binden. Sie wollen singen, aber nicht Skat spielen. Auch vor wöchentlichen Proben schrecken viele zurück.
Generell empfehle ich Chören, die unter finanziellen Problemen leiden, ihre wöchentliche Probenroutine zu durchdenken. Auch mit einem 14-tägigen Probenrhythmus kann man viel erreichen. Ein Chorleiter, der nur zweimal im Monat kommt, ist für den Chor günstiger und außerdem findet man in diesem Rhythmus vielleicht auch neue Sänger.

Gabriele: Sind Chorprojekte eine Lösung?

Thomas Bailly
© Thomas Bailly

Thomas Bailly: Nur bedingt. Viele Gesangvereine schaffen es, für ein Projekt eine große Zahl von Sängern anzuwerben. Aber nach Abschluss des Projekts gehen die Gastsänger in der Regel wieder. Man benötigt einen langen Atem. Oft passiert es, dass Jahre später, ehemalige Gastsänger, deren private Situation sich verändert hat, bei den Gesangsvereinen wieder vorstellig werden.
Wissen Sie, die meisten Gesangvereine sind eingeschworene Gesellschaften. Ohne Kontakte ist es für neue Personen schwer, in ihnen Fuß zu fassen. Projekte können da hilfreich sein.

Gabriele: Ist die Gründung eines Kinder- oder Jugendchores eine Lösung, um die Lücken in den Chören wieder aufzufüllen?

Thomas Bailly: Wiederum nur bedingt. Kinder- und Jugendchöre werden in den Gesangvereinen vielerorts stiefmütterlich behandelt. Auch werden sie in der Zukunft nicht die Lücken füllen, die sich in den Chören jetzt schon auftun, denn der Altersunterschied der zwischen den Kindern und den erwachsenen Sängern besteht, bleibt erhalten. Die Chöre hätten schon vor 30 Jahren für Nachwuchs sorgen müssen.

Gabriele: Herr Bailly, sie sind u.a. Leiter der Chorleiterschule des „Hessischen Sängerbundes“ in Frankfurt. Werden denn noch Chorleiter gesucht, bei all den beschriebenen Problemen der Chöre?

Thomas Bailly: Ja, gut ausgebildete Chorleiter werden gesucht und auch ordentlich bezahlt.

Gabriele: Was raten Sie einer Person, die sich mit dem Gedanken trägt, eine Ausbildung zum Chorleiter zu machen?

Thomas Bailly: Zunächst muss die Person sich darüber im Klaren sein, dass sie mit Laiensängern und deshalb Laienchören arbeiten wird. Durch eine intensive Arbeit kann man zwar den Leistungsstand eines Chores verbessern, aber man kann keine Mitglieder aufgrund mangelnder Fähigkeiten oder mangelnden Eifers nach Hause schicken.

Gabriele: Gibt es eine Möglichkeit, herauszufinden, ob die Chorleiterausbildung für mich das Richtige ist?

Thomas Bailly: Bei uns in Frankfurt bieten wir den Studiengang des Basischorleiters oder Vizechorleiters an. Dieser erstreckt sich über ein Trimester  (3 Monate) und ist sozusagen eine „Testausbildung“.

Gabriele: Bitte beschreiben Sie uns die Ausbildung an der Chorleiterschule in Frankfurt.

Thomas Bailly: Die einzelnen Stufen sind folgende:

•    Ausbildung für Chorleiter in den Kursen A, B und Kinderchor (ganzjährig, drei Trimester)
•    Ausbildung für Vize-Chorleiter und Anfänger – dreimonatige Basiskurse (ein Trimester)
•    Weiterbildung für ausgebildete B-Chorleiter in einzelnen Phasen der A-Kurse
•    Auffrischung und Fortbildung für alle Chorleiter in der jeweils letzten Ausbildungsphase

Die Aufteilung der Ausbildung in Trimester machen eine Unterbrechung und Wiederaufnahme der Ausbildung möglich. Wir bieten damit ein einzigartiges Konzept in diesem Bereich an, das sich an den Bedürfnissen der Auszubildenden orientiert.

Gabriele: Wie lange dauert die Ausbildung und was kostet sie?

Thomas Bailly: Die Ausbildung für A- B- und Kinder-Chorleiter dauert jeweils ein Jahr und kostet 500 Euro (für Studenten 400 Euro).

Gabriele: Das ist sehr preiswert. Werden Sie bezuschusst?

Thomas Bailly: Ja, das Land Hessen übernimmt einen Großteil der Ausbildungskosten.

Gabriele: Können nur Personen, die in Hessen wohnen, die Ausbildung machen?

Thomas Bailly: Nein, auch Personen aus angrenzenden Regionen, allerdings nicht aus dem gesamten Bundesgebiet. Jedoch werden bei den einzelnen Landesverbänden ähnliche Ausbildungsgänge angeboten. Nur die Kinderchorleiterausbildung findet zur Zeit nur in Hessen statt.

Gabriele: Ich entnehme ihren Worten, dass es keine einheitliche Chorleiterausbildung in Deutschland gibt.

Thomas Bailly: Nein, die gibt es nicht. Der „Deutsche Chorverband“ strebt zwar eine Vereinheitlichung an, aber zur Zeit ist das noch Zukunftsmusik. Jeder, der sich für eine Chorleiterausbildung interessiert, muss sich deshalb gut über Umfang und Qualität der Angebote informieren.

Gabriele: Ich danke Ihnen für dieses interessante Gespräch.

Thomas Bailly: Auch ich möchte mich bedanken und sie, liebe Gabriele, zu unserem diesjährigen FESTIVOKAL einladen.

Gabriele: Oh, das ist eine tolle Überraschung, ich komme gerne. Bitte berichten Sie unseren Lesern zum Abschluss noch von diesem Festival.

Thomas Bailly: Das FESTIVOKAL ist eine Fortbildungsveranstaltung für Chorsänger, Chorleiter, Dirigenten, Schulmusiker, Musikpädagogen, Musikinteressierte, Instrumentalmusiker, Musikstudenten und Schüler. Die Veranstaltung findet vom 4. – 7. Mai 2016 in Bad Nauheim statt. Das FESTIVOKAL besteht aus Workshops mit den Schwerpunkten Chor, Gesang, Stimmbildung und Dirigat und Konzerten. Dozenten sind, neben meiner Person, u.a. so prominente Persönlichkeiten, wie John Rutter, Robert Sund und Carsten Gerlizt. Wer weitere Informationen wünscht, hier die FESTVOKAL-Internetadresse: festivokal.de.

 

Weitere Informationen unter:

Chorleiterschule des hessischen Sängerbundes in Frankfurt

Thomas Bailly: thomas-bailly@t-online.de


Thomas Bailly
© Thomas Bailly

Thomas Bailly studierte Kirchenmusik, Schulmusik und Physik in Frankfurt a.M. und Mainz. Schon seit seiner Jugend engagiert er sich in den unterschiedlichsten Bereichen der Musik, u.a. arbeitet er mit allen Gattungen von Chören. Er leitet regelmäßig Projekte, Seminare und Workshops an Universitäten, auf Vokal-Festivals und für namhaften Verbände und Musikakademien. Seit 1993 ist er im Bundesmusikausschuss tätig und leitet die Chorleiterschule des hessischen Sängerbundes am Dr. Hoch’s Konservatorium in Frankfurt. Thomas Bailly ist außerdem Lehrer am St. Lioba-Gymnasium in Bad Nauheim.


Titelbild: © Thomas Bailly

 

 

 


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7 Comments

  1. Sandra Hager says

    Wo kann ich mehr über die Chorausbildung erfahren? Bringt diese Ausbildunt etwas, z.B. besser Chancen bei Chören?

    1. Sandra Hager says

      Achja, vielen Dank für das Interview.

      1. Gabriele Zimmermann says

        Liebe Frau Hager,
        mehr Informationen zur Chorleiterausbildung des hessischen Sängerbundes in Frankfurt finden Sie unter diesem Link: http://www.hessischer-saengerbund.de/leistungen/chorleiterschulen/frankfurt-am-main.html. Auf der gleichen Seite finden Sie auch das Angebot der Chorleiterschule in Marburg. Herr Bailly betonte in unserem Gespräch, dass eine gute und namhafte Ausbildung wichtig ist, um als Chorleiter tätig zu sein. Der hessische Sängerbund hat einen guten Ruf, was seine Chorleiterausbildung angeht.
        Unter thomas-bailly@t-online.de erreichen Sie Herrn Bailly auch direkt. Er wird sicher alle Ihre Fragen beantworten.
        Herzliche Grüße
        Gabriele Zimmermann

        1. Sandra Hager says

          Vielen lieben Dank 😀

  2. Uwe Knechtel says

    Ich danke für ein weiteres, informatives Interview.
    Einen Link zum Erhalt von weiteren Informationen fände ich jedoch ebenfalls angebracht.

    Viele Grüße
    der Uwe

  3. Lasst uns gemeinsam singen! | Musikdidaktik

    […] 2016 und ein persönliches Plädoyer für das gemeinschaftliche Singen. Im Februar 2015 konntet ihr hier auf musikdidaktik.net ein Interview mit Thomas Bailly, dem Leiter der Chorleiterschule des […]

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