Wenn der Kündigungstermin naht…

Kündigungen – ein unangenehmes Thema für alle MusiklehrerInnen. Welche Gründe gibt es für Kündigungen und wie gehen wir mit diesem Thema um? Können Kündigungen vielleicht sogar Positives bewirken? Hier meine Gedanken dazu.

Und da ist er wieder, der unliebsame Kündigungstermin. Ich sitze an meinem Schreibtisch und schiebe die Kündigungsschreiben hin und her. Während ich versuche gegen das bohrende Gefühl in meinem Magen anzukämpfen, quälen mich Gedanken wie „Was habe ich bzw. der/die LehrerIn falsch gemacht? Hätten wir die eine oder andere Kündigung verhindern können? Was ist schiefgelaufen und seit wann?“ Und über allem schwebt ein Geist, der raunt: „Na, was wird mit deinem Konto nach dem 31. März  geschehen? Wirst du diese Lücken wieder füllen können und wenn ja, wann?“

Aus zwei Gründen schreibe ich heute einen Artikel über das leidige Thema „Kündigung“:
1. Als Ermunterung – denn oft hilft schon die Erkenntnis, dass es anderen genau so geht wie einem selbst, damit man mit den Gefühlen von Versagen und Verlust besser umgehen kann und…
2. Als Anregung – sich mit Kündigungsgründen genauer zu befassen, um in Zukunft einige Schüler länger zu halten als bisher.

Schauen wir uns also gemeinsam die oben erwähnten Kündigungsschreiben auf meinem Schreibtisch genauer an.

Die Kategorie „unabänderlich“

Das sind die Schüler, die durch eine räumliche Veränderung nicht mehr zum Unterricht kommen können.
– Familie Schulz, die umzieht
– Katrin, die eine Ausbildung in 500km Entfernung beginnt
– Tom, der als Austauschschüler nach Amerika geht
Diese Kündigungen gab es schon immer und sie wird es auch immer geben. Verhindern können wir sie nicht.
Allerdings sind in der Kategorie „unabänderlich“ auch immer mehr Familien, die aus finanziellen Gründen den Unterricht kündigen.
– Familie Schmidt, bei der der Vater plötzlich verschwunden ist und seine Frau mit vier Kindern allein zurück lässt.
– Familie …, …, …, …, die sich nach der Scheidung keinen Musikunterricht für die Kinder mehr leisten können oder bei denen die Mütter im Scheidungsstress keine Kraft haben sich neben der Schule auch noch um andere Verpflichtungen im Umfeld der Kinder zu kümmern.
– Familie Krause, bei der der Vater plötzlich arbeitslos wurde und nach einem Jahr noch immer keine Stelle gefunden hat.
Auch diese Kündigungen werden wir nicht verhindern können.

Die Kategorie „war ja klar“

Da sind Fälle wie Katja und Johannes, die schon ein  Jahr lang nicht mehr üben, ständig nach dem Kündigungstermin fragen und seit Januar nur noch unregelmäßig kommen.
Bei diesen Schülern muss man sich natürlich fragen, hätte ich schon frühzeitig etwas tun können? Hat sich eine Familie erst einmal entschieden den Unterricht zu kündigen, ist es kaum noch möglich daran etwas zu verändern. Das muss vorher geschehen. Wenn Schüler über mehrere Wochen nicht üben, muss dringend Kontakt mit den Eltern aufgenommen werden. Auch wenn ein Schüler häufig fehlt, ist das ein Alarmsignal. Haltet engen Kontakt zu den Eltern eurer Schüler, nur so könnt ihr sicherstellen, dass diese euch von häuslichen Problemen frühzeitig berichten. Habt ein offenes Ohr für die leisen Töne. Viele Eltern machen nur Andeutungen, dass etwas nicht stimmt. Nehmt die Probleme der Familien ernst und sucht mit den Eltern nach Lösungen.

Außerdem gehören in diese Kategorie auch Lara, Paul, Johanna und Tim, die nun nach der 4. Klasse aufs Gymnasium kommen.
In den letzten Jahren verlieren wir immer mehr Schüler schon beim Wechsel von der Grundschule in die weiterführenden Schulen. Das ist an meiner Musikschule so und ich höre das auch von vielen KollegInnen. Die Gründe sind dabei sehr unterschiedlich. Hier eine kleine Auswahl.
– Viele Eltern kündigen nur deshalb, damit die Kinder mehr Zeit zum Lernen auf der neuen Schule haben. Oft haben die Schüler gute Schulnoten und machen im Musikunterricht große Fortschritte. Allein das, was die Eltern von anderen Familien hören und was sie sich vorstellen, veranlasst sie den Musikunterricht aufzugeben. Einige verabschieden sich mit der Bemerkung: „Wenn alles gut klappt, kommen wir wieder.“ Aber das passiert eigentlich nie.
– Einige Kinder haben schon in der Grundschulzeit Probleme und werden von den Eltern trotzdem auf das Gymnasium gedrängt. So kommt es, dass oft wirklich keine Zeit und auch kein geistiger Freiraum mehr für das Erlernen eines Instruments bleibt.
– Viele weiterführende Schulen bieten Musikklassen an. Und so wird dann der qualifizierte Instrumentalunterricht gegen Unterricht in Großgruppen an Schulen eingetauscht. Die Eltern finden Musik wichtig, aber je billiger und einfacher zu organisieren, desto besser.
Hier ist es wichtig, mit den Eltern schon lange vor dem Schulwechsel zu sprechen. Zeigt klar auf, was die Vorteile eures Unterrichts sind und dass in der Regel der Unterricht an Schulen nur eine Ergänzung sein kann. Vereinbart mit sehr ängstlichen Eltern vorübergehend Sonderkündigungsrechte, für den Fall, dass es nach dem Schulwechsel zu großen Problemen kommen sollte.

Sonderfall: Wechsel von der Früherziehung in den Instrumentalunterricht parallel zur Einschulung.
An dieser Stelle möchte ich ein ähnliches Problem ansprechen. Dieses taucht an vielen Musikschulen jedoch ohne Kündigungsschreiben auf. Es ist der Wechsel von der Früherziehung in den Instrumentalunterricht. (Hier ist ein Kurs beendet und die Kinder werden nicht zu einem neuen angemeldet.) Oft findet dieser Wechsel zur gleichen Zeit wie die Einschulung der Kinder statt. Ich habe in den letzten drei Jahren die Beobachtung gemacht, dass viele Eltern dem Schuleintritt mit Panik entgegen sehen. Sie fühlen sich in dieser Situation außerstande eine Entscheidung in Bezug auf die Musikausbildung zu treffen. So verlassen viele die Musikschule, obwohl sie zufrieden sind und kommen auch später häufig nicht wieder. Warum ist das so? Weil später nicht mehr die/der vertraute und kompetente MusiklehrerIn zum Berater wird, sondern das soziale Umfeld des Kindes. Geht die Freundin in die Flötengruppe in der Kirche, schickt man sein Kind einfach mit.
Findet der Wechsel in der Musikschule aber schon ein halbes Jahr vor der Einschulung statt, müssen die Eltern in der turbulenten Zeit um die Einschulung keine Entscheidung in Bezug auf den Musikunterricht treffen. Die vertraute Routine geht dann einfach weiter. Spezielle Instrumental-Unterrichtsprogramme für Vorschulkinder haben sich hier sehr bewehrt.

Die neuen Tastenkinder
Flötenkinder
Gitarrenkinder

Die Kategorie „warum nur?“

Auch diese Fälle gehören zum Alltag. Anna-Katharina kommt seit drei Jahren zum Unterricht. Sie übt nicht übermäßig viel, aber regelmäßig, ist immer fröhlich, macht gute Fortschritte und überreicht mir zu Weihnachten jedes Jahr eine Tüte selbstgebackener Plätzchen. Pünktlich zum Kündigungstermin erreicht mich ein Schreiben mit folgendem Inhalt:
Sehr geehrte Frau Zimmermann,
hiermit kündigen wir fristgerecht zum 30. März den Unterrichtsvertrag unserer Tochter Anna-Katharina.
Wir danken Ihnen für Ihr Bemühen um unsere Tochter, sie hat mit großer Begeisterung am Unterricht teilgenommen.
Die verbleibenden Wochen wird sie jedoch nicht mehr kommen.
Ihnen und Ihrer Familie alles Gute
Vera & Manfred Maier
So korrekt und problemlos der Unterricht über drei Jahre abgelaufen ist, so korrekt geht er auch zu Ende. Für ein Gespräch gab es augenscheinlich nie Anlass und auch nun ist keines mehr möglich. Fassungslos sitze ich vor dem Papier und frage mich, warum nur?
In vielen Fällen wird diese Frage unbeantwortet bleiben. Aber auch hier muss man überlegen, wusste ich wirklich, was die Eltern von mir erwarten? Manchmal habe ich im Nachhinein von anderen Schülern erfahren, dass die Personen zu anderen Lehrern gewechselt sind, oft mit dem Argument, dass diese strenger sind und die Schüler mehr fordern oder auch weniger streng sind und weniger fordern. In der Regel gab es dann Freunde oder Verwandte, die nach gleicher Unterrichtszeit schon „tollere“ Stücke spielen konnten. Bei vielen aber erfahre ich die Gründe nie. Selten kommen Eltern zu mir, die mich bitten ein größeres Pensum oder anspruchsvollere Stücke mit ihren Kinder zu erarbeiten. Und von den wenigen, die kommen, sind die meisten sehr erstaunt, wenn ich erkläre, dass sie dann zu Hause auch für längere oder regelmäßigere Übungszeiten sorgen müssen. Leider glauben viele Eltern, dass der Fortschritt der Schüler ausschließlich von der Qualität der Lehrerin oder des Lehrers abhängt. Auch hier ist Aufklärung von Anfang an notwendig.

Fazit

Kündigungen gehören genauso zu unserem Beruf wie Schüler. Schüler kommen und gehen. Das ist ein natürlicher Prozess und das müssen wir uns immer wieder bewusst machen, wenn der nächste Kündigungstermin naht. Jeder Freiberufler hat mit schwankenden Einnahmen und Kündigungen oder Ablehnungen zu tun.
Und nicht jede Kündigung fühlt sich gleich an. Die Kategorie „unabänderlich“ ist sicher leichter zu akzeptieren, als die „warum nur?“
Aber… jede Kündigung beinhaltet auch die Möglichkeit, es beim nächsten Schüler anders zu machen. Jede bedrückende Situation wird erträglicher, wenn sich ein Ausweg oder eine Alternative zeigt. Nehmen wir uns also gemeinsam vor, in jeder Kündigung eine Chance zu sehen und es beim nächsten Schüler noch besser zu machen.

 


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Kommentare

  1. Carla Dalhus sagt

    Liebe Gabriele,

    ich habe auch des öfteren mit Kündigungen der Kategorie „warum nur?“ zu tun. Diese empfinde ich immer am frustrierendsten. Häufig suche ich dann die Gründe bei mir, komme damit aber auch nicht weiter. Das Gespräch mit den Eltern und den Schülern erachte ich als unverzichtbar und auch das Achten auf Anzeichen, auch wenn sie noch so schwer zu erkennen sind. Es erleichtert mich allerdings zu hören, dass es nicht nur mir so geht.

    Viele Grüße und einen schönen Sonntag
    Carla

    1. Gabriele Zimmermann sagt

      Liebe Carla,
      toll, dass du wieder dabei bist und dich zu diesem unangenehmen Thema öffentlich äußerst. Mich beschäftigt die Kategorie „warum nur?“ auch am meisten. Eines habe ich in meinem Leben lernen müssen: Man kann es nicht jedem recht machen. Es gibt Schüler, die passen einfach besser zu einer/einem anderen LehrerIn. So wie es auch im täglichen Leben Menschen gibt, mit denen man sich gut versteht und Menschen, mit denen man lieber keinen engeren Kontakt haben möchte. Und trotzdem zweifelt man bei Kündigungen an sich und fühlt sich schlecht. Deshalb ist es wichtig, dass wir Kollegen uns austauschen und das machen wir in diesem Blog. Mir tut es auch gut zu hören, dass du genauso empfindest. Deshalb noch einmal vielen Dank für deinen Kommentar.
      Herzliche Grüße
      Gabriele

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