Meine Schüler üben – regelmäßig und effektiv!

Teil 1 – Hausaufgaben und andere Missverständnisse

Wäre es nicht toll, wenn wir alle sagen könnten: ‚Unsere Schüler üben regelmäßig und effektiv‘?
Ein/e LehrerIn, die/der das von sich behaupten kann, wird immer viele Schüler haben.

Schüler zum Üben zu motivieren, ist eines der wichtigsten Themen für Lehrer überhaupt. Denn kein Mensch kann ein Musikinstrument erlernen, ohne regelmäßiges Üben.
Dieses Thema ist so komplex, dass wir heute eine Artikelserie starten werden. Es gibt keine einfache Patentlösung, die bei allen Schülern funktioniert. Wir werden deshalb die Problematik des Übens von verschiedenen Blickwinkeln aus betrachten und immer einen Aspekt genauer untersuchen. Anschließend können wir die aufgezeigten Lösungsansätze in der Unterrichtspraxis erproben. Wenn es uns gelingt, dass nach jedem Artikel nur zwei unserer Schüler regelmäßiger und effektiver zu Hause arbeiten, werden wir auf Dauer viele unserer Schüler länger halten können und immer genügend Schüler haben.

Hausaufgaben und andere Missverständnisse

Lena, 6 Jahre, kommt freudestrahlend in den Unterrichtsraum gehüpft.  Clara, ihre Freundin, auch 6 Jahre alt ist schon da. Die beiden besuchen die erste Klasse und haben seit einem halben Jahr Klavierunterricht. Während ich die Fenster des Raumes öffne, um uns mit Frischluft zu versorgen, belausche ich folgendes Gespräch:
Lena: „Ich habe meine Klavierhausaufgaben gestern gemacht. Du auch?“
Clara: „Nein, gestern hatte ich Ballett und drei Päckchen Matheaufgaben. Ich mache Klavier immer dienstags und manchmal auch sonntags mit Papa.“
Langsam drehe ich mich um. Die Worte der Kinder wirbeln durch meinen Kopf. Wurde gerade das Üben für den Klavierunterricht mit dem Erledigen dreier Päckchen aus dem Mathebuch gleichgesetzt?
Ohhhh! Was für ein Missverständnis!

Wir erleben hier zwei zufriedene Klavierschülerinnen und eine entsetzte Lehrerin. Warum? Die Mädchen sind davon überzeugt, brave Klavierschülerinnen zu sein, da sie regelmäßig ihre Hausaufgaben machen, montags Mathe, dienstags Klavier, mittwochs Deutsch usw. Die Lehrerin hingegen wundert sich über die mäßigen Fortschritte der Schülerinnen, denn in ihrer Vorstellung müssen Klavier-Hausaufgaben anders erledigt werden, als Mathe-Hausaufgaben. Leider wissen das die Mädchen nicht. Was ist hier schief gelaufen und wie können solche Missverständnisse verhindert werden?

Ein guter Lehrer kontrolliert seine Sprache

Die Sprache ist eines der wichtigsten Lehrmittel für eine/n LehrerIn. Doch wenn die Schüler die Sprache ihrer Lehrerin oder ihres Lehrers nicht oder falsch versteht, werden sie nichts lernen. Deshalb muss sich gerade ein/e LehrerIn immer wieder folgendes fragen:
1. Mit wem spreche ich?
2. Gehören die Wörter, die ich verwende zum Wortschatz meines Schülers? (Alter beachten!)
3. Haben meine Schüler und ich die gleiche Vorstellung von einem Wort?
4. Spreche ich in einer musikalischen Fachsprache, die mein Gegenüber nicht versteht?

Ob im Unterricht oder im Alltag, wir müssen unsere Sprache immer auf unseren Gegenüber einstellen. Wir sprechen mit unserem Ehe- oder Lebenspartner anders, als mit unseren Kindern oder unseren Eltern.

Was bedeutet das in Bezug auf das Üben?

Je jünger Schüler sind, desto genauer und einfacher müssen die Hinweise auf die häuslichen Übungen sein. Ich besprechen die Hausaufgaben bei Vor- und Grundschülern deshalb mit den Schülern und den Eltern. Ich erkläre genau, was gemacht werden soll und wie oft es zu erledigen ist. Dabei haben sich Wochenpläne sehr bewehrt.

Der Wortschatz eines Kindes

Es ist wichtig, dass LehrerInnen wenigstens die Grundlagen der Sprachentwicklung eines Kindes kennen. Gerade Wörter aus dem Bereich des Abstrakten (z.B. gleich und fast gleich) oder der zeitlichen Abfolge (jetzt, danach, davor) sind für einige unserer Schüler entwicklungsbedingt noch unverständlich. Hier einige Beispiele aus dem Unterrichtsalltag:
* Kinder leben und denken in der Gegenwart. Erst langsam erschließen sich ihnen Vergangenheit und Zukunft vollständig. Dieses ist ein allmählicher Prozess.
Wenn ich als Lehrer einem 6-jährigen sage: ‚Teil 1 und Teil 2 des Liedes sind fast gleich, nur der Text ist anders.‘, dann erkläre ich einen Vorgang, den dieser nicht verstehen kann.
Der 6-jährige denkt:
– Teil 2 hat einen anderen Text – dann können Teil 1 und 2 nicht gleich sein (abstrakt)
– Teil 2 erklingt nach Teil 1 – also können die Teile nicht gleich sein (zeitliche Abfolge – das was folgt ist immer etwas anderes)

* Sehr beliebt bei Musiklehrern ist das Fachwort „Linie“ (Notenlinie). Dieses Wort gibt es im Wortschatz jünger Schüler nur selten. Kinder kenne einen Strich aber keine Linie. Dieses Wort benutz man außerhalb der Musik in der Geometrie oder der Straßenverkehrsordnung, aber was haben jüngere Kinder mit der Geometrie und der Straßenverkehrsordnung zu tun?
Natürlich können wir als Musiklehrer den Fachbegriff „Notenlinie“ einführen, aber wir müssen ihn mehrere Male erklären und können ihn erst ohne zusätzliche Erklärung verwenden, wenn wir sicher sind, dass die Kinder eine bildliche Vorstellung von dem Wort „Linie“ haben.

Diese Beispiele zeigen, dass wir bei der Erläuterung der Hausaufgaben eine kindgerechte Sprache verwenden müssen, denn nur so können wir sicher sein, dass unsere Anleitungen auch korrekt umgesetzt werden.

Das missverstandene Wort

Und hier sind wir nun bei unserem Beispiel mit den Hausaufgaben.
Gerade im Bereich des Übens, müssen Schüler und Eltern GENAU wissen, was ich als LehrerIn von ihnen erwarte. Der Begriff „Hausaufgaben“ ist durch die Schule geprägt. Auch mit dem Wort „Üben“ können Kinder noch nichts anfangen und auch viele Erwachsene wissen nicht, was man in der Musik unter dem Begriff „Üben“ versteht.
Der sicherste Weg ist hier wieder die genaue Anleitung.  Die Aufgabenstellung ‚Lied „Rumdidum“ auf Seite 26‘ ist weder in mündlicher noch in schriftlicher Form eine Arbeitsanleitung. Sie klingt wie „Mathe-Päckchen“ S. 34 Nr. 1, 2, 3.

Was bedeutet das in Bezug auf das Üben?

Wenn ihr das Wort Hausaufgaben verwendet, erklärt genau den Unterschied zwischen Schul-Hausaufgaben und den Hausaufgaben im Instrumentalunterricht und erinnert die Kinder immer wieder daran.
Fragt die Schüler regelmäßig, wie sie zu Hause ein Stück erarbeiten. Lasst euch den Vorgang genau erklären. Nur so könnt ihr sicher sein, dass eure Arbeitsanleitungen verstanden und verinnerlicht wurden.
Wenn ihr die Eltern eurer Schüler in das Üben mit einbezieht, bedenkt, dass viele nie ein Instrument gelernt haben. Sie benötigen deshalb eure Anleitung, um ihre Kinder unterstützen zu können.
Und auch erwachsenen Schüler bezahlen einen Lehrer dafür, dass er ihnen genau erläutert, wie geübt werden muss.

Hausaufgabenhefte – eine wirkungsvolle Waffe im Kampf gegen Missverständnisse

Stellt euch vor, ihr steht auf einem Bahnhof; um euch herum viele andere Reisende, neben euch ankommende und abfahrende Zügen. Ihr haltet in jeder Hand eine schwere Reisetasche und über die Bahnhofslautsprecher erklärt euch jemand den Weg zu eurem Hotel.  Was meint ihr, wird diese Wegbeschreibung hilfreich sein?
Stellt euch nun vor, ihr seid 12 Jahre alt. Eure Klavierstunde ist fast vorbei. Ihr müsst zu Hause noch ein Chemiereferat ausarbeiten (Und wer hat schon Ahnung von Chemie?), außerdem seit ihr total in Andreas verknallt (Wer kann da überhaupt noch denken?) und nun kommt auch schon die nächste Schülerin in den Raum, sie ist 7 Jahre und ein „Plappermaul“. In diesem bahnhofsähnlichen Ambiente fängt deine Klavierlehrerin an, dir in einer Erwachsenen-Musikersprache die Hausaufgaben zu erklären. Nach den ersten Sätzen steckt deine Mutter den Kopf zu Tür herein (wie peinlich) und erinnert dich daran, dass sie ganz dringend weg muss. Du hörst dir die letzten Sätze deiner Lehrerin noch an und hechtest dann hinter deiner Mutter her ins Auto. Was meinst du, wie wird dein Üben in der kommenden Woche verlaufen? An was wirst du dich noch erinnern?
Was in den Köpfen unserer Schüler vorgeht, wissen wir nicht. Wir wissen nur, dass sie ein Leben außerhalb des Musikunterrichts haben, das viel stärker auf sie wirkt, als die wöchentlichen Lektionen bei uns.
Wir müssen uns deshalb Zeit und Ruhe nehmen, die Hausaufgaben mit den Schülern zu besprechen. Anschließend sollten sie von uns oder den Schülern genau aufgeschrieben werden. Denn nur so können wir halbwegs sicher sein, dass sie sich im Alltagstrass an die Einzelheiten  erinnern werden. Ich schreibe hier ganz bewusst ‚halbwegs‘, denn selbst in den Kursen, in denen ich den Eltern die Hausaufgaben der Kinder erkläre und diese sie notieren, habe ich in der folgenden Woche eine große Bandbreite von Ergebnissen.

Zusammenfassung

Ein Grund für mangelnden Übungseifer sind oft missverstandene Worte oder Prozesse.
Deshalb:
– Achtet auf eure Sprache. Überlegt vorher, zu wem ihr sprecht?
– Gebt den Schüler genaue Anweisungen, was sie wie und wie oft zu Hause tun sollten.
– Erklärt den Übungsprozess auch den Eltern.
– Achtet auf das Umfeld, in dem ihr die Hausaufgaben erklärt.
– Achtet auf Worte, die in anderen Bereichen eine andere Bedeutung haben, z.B. das Wort ‚Hausaufgaben‘.
– Notiert die Übungsschritte für die Schüler, denn Worte werden später oft umgedeutet und vergessen.

Solltet ihr in diesem Artikel nur einen Punkt entdeckt haben, den ihr noch nicht umsetzt, dann fangt gleich morgen damit an. Denn der Weg zu unserem Ziel „Meine Schüler üben regelmäßig und effektiv“ ist weit, aber er beginnt mit dem ersten Schritt.

Das könnte dir auch gefallen Mehr vom Autor

Kommentare

  1. Uwe Knechtel sagt

    Danke für den Artikel.

  2. jügelt sagt

    Sehr gut, genau so etwas ist das Wichtigste überhaupt, um Schüler zum dranbleiben zu motivieren!! Und dass sie mal richtig in die Sache (heißt Musik) reinkommen!
    Danke!

  3. Sandra Hager sagt

    Meine Schueler ueben leider gar nicht 😀 😀 😀

  4. Roland Göttel sagt

    Ich unterrichte seit 30 Jahren und wenn alleine das mit den „Linien“ was verändert… vielen Dank!

    1. Gabriele Zimmermann sagt

      Hallo Roland,
      ich habe mich viele Jahre gewundert, dass einige Schüler, auch nach Monaten des Unterrichts, nicht wussten, welches die 1., 2. …Linie des Liniensystems ist, obwohl ich das regelmäßig mit ihnen besprochen hatte. Daraus resultierten dann natürlich auch andere Schwierigkeiten beim Notenlesen. Vieles habe ich ausprobiert. Da ich das Liniensystem bei jüngeren Kindern immer mit Seilen auf dem Boden erkäre, habe ich irgendwann angefangen, im Weiteren nicht mehr von Linien, sondern von Seilen zu sprechen und die Probleme verschwanden.
      Probier es einfach mal aus. Es funktioniert zwar nicht bei allen Kindern, die Schwierigkeiten mit dem Lesen der Noten haben, aber bei einigen.
      Herzliche Grüße
      Gabriele

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Send this to friend