Das Recht auf Stille

Musik ist eine Hörkunst. Für uns MusikerInnen ist das Gehör das wichtigste Sinnesorgan und viele von uns besitzen ein extrem sensibles Gehör, das beruflich und in der Freizeit extrem belastet wird. Das führt dazu, dass es im Laufe unseres Berufslebens zu Problemen kommen kann. Eine große Anzahl meiner Musiker-Freunde klagen darüber, dass sie immer schlechter hören. Einigen geht es wie mir. Mein Hörvermögen hängt stark mit meinem persönlichen Stressfaktor zusammen – je höher der Stressfaktor, desto schlechter mein Gehör. Mehrere Hörtests bei HNO-Ärzten und Akustikern blieben allerdings ohne Befund. Andere Freunde, gerade Orchestermusiker, leiden unter starken Gehörschäden.
Probleme aufgrund der beruflichen Belastung unseres Gehörs sind und werden wohl immer Thema unter Musikern sein.

Ich möchte heute auf einen speziellen Aspekt der„Gehörbelastung“ eingehen, nämlich den der Zwangsberieselung durch Musik in der Öffentlichkeit.

Hier mein erstes Erlebnis:
Anlässlich des 50. Hochzeitstages meiner Eltern reiste ich mit ihnen nach Wien. Wir verbrachten wunderbare Tage in dieser wunderbaren Stadt. Nach einer unserer zahlreichen Touren, gingen wir am Abend in die Hotelbar, um noch einen Tee vor dem Zubettgehen zu genießen. Nachdem wir Platz genommen hatten, stellten wir fest, dass die „Hintergrundmusik“ so laut war, dass wir uns gar nicht unterhalten konnten. Als der Ober unsere Getränke brachte, baten wir ihn, die Musik etwas leiser zu stellen. Sichtlich verwirrt erklärte er uns, dass er die Lautstärke nicht regulieren kann und dass sich auch noch nie jemand beschwert hätte. Wir beschlossen daraufhin, den Tee auf unseren Zimmern zu trinken.

Es erstaunt mich immer wieder, in vielen Restaurants und auf privaten und öffentlichen Feiern laute „Hintergrundmusik“ abgespielt wird. Mein Mann und ich ertragen nach 30 bzw. 40 Berufsjahren als Musiker fast keine musikalische „Konservenberieselung“ mehr. Anders geht es uns mit Live-Musik aber auch diese darf einen gewissen Lautstärkepegel auf Dauer nicht überschreiten. Sicher – als wir jünger waren, war es etwas anders aber nur etwas.

Zweites Erlebnis:
In Darmstadt wird jedes Jahr in der Vorweihnachtszeit mitten in der Innenstadt ein großes, märchenhafte Zelt errichtet. Darin kann man, wenn man sich frühzeitig um Karten (zu recht hohen Preisen) bemüht, eine auserlesene Varieté-Darbietung genießen. Ich hatte das Glück, von einer Freundin zu einer solchen eingeladen zu werden. Am Tag der Vorstellung fuhren wir nach Darmstadt und nahmen voller Freude auf unseren Stühlen platz. Die Show begann und schon nach wenigen Minuten war mir klar, dass diese Veranstaltung für mich kein Genuß werden würde. Die Musik und die Ansagen waren so laut, dass ich nur mit Mühe und unter körperlichen Schmerzen die Zeit bis zur Pause überstand. Auf den zweiten Teil der Show habe ich dann verzichtet. Direkt am nächsten Tag suchte ich einen Akkustiker auf und ließ mir einen Gehörschutz anfertigen.

Bin ich extrem, sozusagen eine „Prinzessin auf der Erbse“, was das Gehör angeht? – Ich glaube nicht.

Drittes Erlebnis:
Ich hatte ein Wochenende bei meinem Studenten-Sohn fern von Zuhause verbracht. Sonntag Nachmittag reiste ich mit der Bahn zurück. Der erste Zug hatte Verspätung, so dass ich meinen Anschluss verpasste und nun zwei Stunden auf dem Bahnhof in Aschaffenburg verbringen musste. Zum Glück wurde dieser vor einiger Zeit umgebaut und so nahm ich in einem sehr ansprechenden Coffee-Shop platz. Der Cappuccino war hervorragend und da ich nie ohne ein Buch das Haus verlasse (ich könnte ja irgendwo warten müssen) gedachte ich, mir die Zeit angenehm zu vertreiben. Nach 20 Minuten allerdings war ich mir nicht mehr sicher, ob ich die „Hintergrundmusik“, in der dargebotenen Lautstärke, noch weitere 1 1/2 Stunden ertragen könnte. Plötzlich sprach mich ein freundlicher, junger Mann mit Block und Stift an. Er stellte sich als Besitzer des Coffee-Shops vor und bat mich, ihm einige Fragen zu beantworten. Dieser Bitte kam ich gerne nach, ich hatte ja Zeit. Nachdem wir die Qualität des Kaffees, der Einrichtung und den Zustand der Toiletten besprochen hatten, fragt er, ob ich von mir aus noch etwas zu beanstanden hätte. Ich antwortete spontan: „Ja, die Musik ist zu laut.“ Und gleich darauf rechtfertigte ich mich und gestand zu, dass das natürlich meine ganz subjektive Meinung wäre. Der junge Mann zögerte, dann sagt er einen sehr bezeichnenden Satz: „Das ist mit bis jetzt nicht aufgefallen aber jetzt, wo sie es sagen, finde ich die Musik auch viel zu laut. Ich werde sie sofort leiser machen.“

Dieses Gespräch bewegt mich bis heute, denn es stärkt in mir die Hoffnung, dass ich doch keine „Prinzessin auf der Erbse“ bin. Nehmen die meisten Menschen vielleicht einfach gar nicht mehr wahr, was akkustisch um sie herum passiert?

Und trotzdem frage ich mich immer wieder:
Ist mit mir etwas verkehrt, wenn ich es nicht ertragen kann und möchte, dass überall Musik dudelt, in Restaurants, in Geschäften, in Einkaufszentren, auf Flughäfen, in öffentlichen Toiletten? Stimmt mit mir etwas nicht, wenn ich auf der einen Seite das Gefühl habe, schlecht zu hören und auf der anderen Seite im Kino einen Gehörschutz tragen muss? Bin ich wunderlich, wenn ich mir die Musik, die ich höre, selbst aussuchen möchte? Und bin ich schon fast verrückt, wenn ich gerne mehr Stille um mich hätte, jedenfalls „fast“ Stille, denn der permanente Verkehrslärm umgibt mich ja sowieso schon?

Vor einigen Monaten entdeckte ich den Flyer einer Bewegung, von der ich euch berichten möchte, denn plötzlich fühlte ich mich verstanden.
Der Flyer war der, des Vereins „LautsprecherAUS!“ e.V., einer Vereinigung für das Recht auf Stille. Diese ist der deutsche Teil einer internationalen Bewegung. Befürworter dieser Bewegung sind laut Flyer u.a.: Helmut Schmidt, Dieter Hallervorden, Sir Neville Marriner, Gidon Kremer, Justus Franz, Kurt Masur.
Die Mitglieder haben sich zusammengeschlossen, um sich für das Recht auf Stille im öffentlichen Raum einzusetzen, insbesondere in Geschäften, Restaurants, Hotels, Ämtern, am Arbeitsplatz, in der Bahn, auf der Straße, in Warteschleifen, in Altenheimen, Krankenhäusern und Arztpraxen. Auf ihrer Internetseite findet man ein bundesweites Verzeichnis von Restaurants, die keine Musik abspielen oder auf Nachfragen diese ausschalten.
Wer Interesse hat, kann sich unter www.lautsprecheraus.de weiter informieren.

Ich kenne die Menschen nicht, die sich in diesem Verein zusammengeschlossen haben. Ich bin aber froh, dass andere Menschen genau so empfinden wie ich und aktiv werden.

Wir MusikerInnen müssen mehr, als andere Menschengruppen unser Gehör schützen und wir sollten auch Verantwortung für das Gehör unserer Angehörigen und Schüler übernehmen. Deshalb möchte ich an dieser Stelle an euch appellieren, es immer wieder anzusprechen, wenn euch Musik zu laut oder völlig unangebracht scheint. Klärt Eltern darüber auf, dass Kinder für eine gesunde Entwicklung, gerade eine gesunde Sprachentwicklung, Stille benötigen. Wenn wir uns für Musik und das Musizieren engagieren, sollten wir uns auch für die Schonung unseres und des Gehörs anderer engagieren.

Helft mit, die Welt wieder etwas leiser zu machen, denn aus der Stille heraus entwickelt sich im Menschen die Lust zu Singen und zu Musizieren.

 


 

NEU auf Musikdidaktik:

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

neu auf unserer Seite sind die Bereiche Schulungen und Beratungen. Hier findet ihr Fortbildungs- und Beratungsangebote. Das Programm wir hier regelmäßig erweitert und aktualisiert.

Viele Grüße

Gabriele & Leslie

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Kommentare

  1. Schneider sagt

    Endlich wird dieses Thema mal angesprochen, danke!

    1. Gabriele Zimmermann sagt

      Hallo,
      entschuldige, dass meine Antwort erst heute kommt, es gab ein technisches Problem. Vielen Dank für deinen Kommentar. Es tut gut, zu wissen, dass andere genau so empfinden.
      Viele Grüße
      Gabriele

  2. Leslie Zimmermann sagt

    Ups…

    seit Sonntag konnten keine Kommentare mehr geschrieben werden.
    Bitte entschuldigt. Jetzt funktioniert das Kommentieren wieder ausgezeichnet.

    Gruß
    Leslie

  3. Gabriele Zimmermann sagt

    Hallo Carla,
    schön, dass du wieder dabei bist und vielen Dank, dass du uns immer so nette Rückmeldungen gibst.
    Viele Grüße
    Gabriele

  4. victoria sagt

    Mir geht es genauso! Beim Sport ist auch (unpassende!) Musik so laut, dass man den Trainer nicht hören kann! Oder der trainer schreit selbst in Mikrofon! Verrück! Ich spreche es auch immer an.

    1. Gabriele Zimmermann sagt

      Hallo Voctoria,
      vielen Dank für deinen Kommentar. Du sprichst hier einen Bereich an, in dem es von den Verantwortlichen im Punkto Lautstärke und Auswahl der Musik oft wirklich auf die Spitze getrieben wird. Gut, dass du das ansprichst.
      Herzliche Grüße
      Gabriele

  5. Wie du deine Stimme pflegen kannstJP Popgesang Wiesbaden

    […] Sorge regelmäßig für Ruhe. In lauter Umgebung fangen wir automatisch an, gegen den Störschall anzusprechen und kassieren am nächsten Tag die Quittung dafür. Umgebungslärm und Dauerberieselung stören deine auditive Kontrolle, weshalb du lauter und in höherer Tonlage sprichst (Lombard-Effekt). Hinzu kommt, dass du schlechter einschätzen kannst, wie sehr du deine Stimme beanspruchst. All das führt dazu, dass die Stimme schneller ermüdet als gewöhnlich. Meine liebe Kollegin Gabriele Zimmermann hat dazu einen treffenden Artikel verfasst mit dem Titel „Das Recht auf Stille“. […]

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