Für Musiker_innen, Musik- und Intrumentalpädagog_innen, Sänger_innen & Hobbymusiker_innen

Wenn in den Kindern doch kein „kleiner Mozart“ schlummert

Wie begegne ich den unrealistischen Vorstellungen einiger Eltern meiner Schüler.

Alle Eltern lieben ihre Kinder und in einigen spukt die heimliche Hoffnung, dass in ihrem/ihrer „Süßen“ ein kleines Wunderkind oder wenigstens ein kleines Genie schlummert. Da ich selbst Mutter bin, gestehe ich frei, dass auch mir der „Genie-Gedanke“ nicht völlig unbekannt ist. Allerdings habe ich mich immer bemüht, mir einen klaren Blick auf meine Söhne zu bewahren.
In der Musikschule erlebe ich aber immer wieder, dass es manchen Eltern schwer fällt, ihre Kinder und deren Leistungen realistisch einzuschätzen.

Gründe für unrealistische Vorstellungen der Eltern

Damit wir als Lehrer auf die unrealistischen Vorstellungen vieler Eltern angemessen reagieren können, müssen wir zunächst untersuchen, was die Gründe dafür sind.

– „Meine Kinder sollen es einmal besser/einfacher haben als ich.“
An erster Stelle steht die Liebe der Eltern und der Wunsch, dass es das Kind im späteren Leben einmal gut haben soll. Für viele ist gerade Wohlstand und beruflicher Erfolg sehr wichtig. Sie gehen davon aus, dass außergewöhnliche Begabungen ein Garant für Erfolg und Wohlstand sind. Der Wunsch nach außergewöhnlichen Begabungen ist hier so groß, dass ein realistischer Blick auf die eigenen Kinder nicht mehr gelingt.

– „Ich konnte es damals nicht, aber mein Kind soll die Möglichkeit haben…“
Häufig wollen Eltern bewusst oder unbewusst in ihren Kindern ihre eigenen Träume verwirklichen. Sie selbst wären vielleicht gerne MusikerIn geworden und konnten oder durften es aber nicht. Nun müssen die Kinder das erreichen, was ihnen verwehrt blieb.

– „Meine Nichte spielt schon viel tollere Stücke, als meine Tochter, das muss an der Lehrerin liegen.“
Viele Eltern neigen dazu, ihr Kind und dessen Leistungen permanent mit anderen Kindern und deren Leistungen zu vergleichen.
Sie berücksichtigen dabei nicht, dass es immer jemanden geben wird, der etwas besser kann, als das eigene Kind. Auch werden die Ursachen häufig nicht bei sich selbst oder dem Kind selbst gesucht, sondern andere Personen oder die Umstände sind Schuld.

– „Mein Sohn ist 2 Jahre alt und er trommelt schon so gleichmäßig und mit Begeisterung. Ich denke es ist an der Zeit, mit Schlagzeugunterricht zu beginnen.“
Mangelndes Wissen um die Entwicklungsstadien eines Kindes und die körperlichen und geistigen Voraussetzungen für einen Instrumentalunterricht, lassen manche Eltern auf geradezu absurde Gedanken in Bezug auf die Musikausbildung ihrer Kinder kommen.

Was kann ich tun?

Ich werde nun beschreiben, wie ich mit unrealistischen Vorstellungen der Eltern meiner Schüler umgehe. In den Jahren habe ich vieles ausprobiert und einige Strategien haben sich auf Dauer bewährt.
Vorweg nehmen möchte ich jedoch, dass es keine Patentlösungen gibt. Wenn Eltern nicht bereit sind, ihren Standpunkt zu überdenken und mir, als Lehrerin, die Schuld an dem „Versagen“ ihrer Kinder geben, werden sie früher oder später kündigen.

Vorbeugen
Im Rahmen der Frühförderung an meiner Musikschule halte ich Elternabende und Elternstunden ab. Auch im Instrumentalunterricht führe ich Vorbereitungsgespräche und pflege einen regelmäßigen Kontakt zu den Eltern meiner Schüler. Damit sich erst gar keine falschen Vorstellungen entwickeln, spreche ich bei diesen Veranstaltungen u.a. über Musikalität, Begabung, altersgerechtes Musizieren und die Frage, wann und in welchem Rahmen ein Kind mit einem Instrumentalunterricht beginnen sollte und welche Rolle den Eltern dabei zukommt. Dabei ist es mir wichtig, alle Argumente fachlich zu begründen und für Laien verständlich vorzutragen. Hier einige Argumente:
Wunderkind
Mozart war ein Wunderkind, hatte aber auch einen Musiker zum Vater und musste täglich mehrere Stunden üben.
Begabung allein reicht nicht aus, damit aus einem Kind ein „kleiner Mozart“ wird. Ein Kind benötigt auch ein entsprechendes Umfeld, von dem es unterstützt und angeleitet wird und das konsequent für regelmäßige Übungseinheiten und gute Materialien (Instrument, Noten, Zubehör) sorgt.
Ich berichte den Eltern von einigen hochbegabten Schülern, die ich im Laufe meiner Berufstätigkeit begleiten konnte. Sie alle konnten wunderbar musizieren, hatten aber gerade im Sozialen oft Defizite. Die Eltern dieser Kinder waren von vielen Sorgen geplagt, die Eltern von „normal“ begabten Kindern nicht haben. Auch ist keiner dieser Schüler zu einem Superstar geworden.
Musikalität
Musikalität ist nur zu einem Teil angeboren. Ein weiterer muss ausgebildet werden. Die Grundlagen legen die Eltern und ein ganzheitlicher Musikunterricht im Rahmen einer Frühförderung bis zum 9. Lebensjahr.
Altersgerechter Unterricht
Die Voraussetzungen für einen erfolgreichen Instrumentalunterricht ist die Ausbildung musikalischer Grundlagen, wie die des Gehörs, der Singstimme, der Rhythmik usw.
Außerdem muss ein Kind gewisse motorische Fähigkeiten haben, um ein Instrument erlernen zu können. Solange die Motorik, besonders die Feinmotorik, nicht entsprechend entwickelt ist, wird ein Kind nur sehr mühsam und langsam Fortschritte machen. Die Entwicklung motorischer und intellektueller Fähigkeiten geschieht in einem individuellen Tempo.
Ich empfehle deshalb, mit einer Früherziehung zu beginnen und erst dann, wenn die Entwicklung eines Kindes ausreichend fortgeschritten ist, in den Instrumentalunterricht zu wechseln.

Konsequent aufklären
Ist die Vorbereitungsphase vorbei, versuche ich, den Kontakt zu den Eltern aufrecht zu erhalten. Bei jüngeren Kindern spreche ich im Instrumentalunterricht wöchentlich mit ihnen und mache sie zu kompetenten Übungspartnern. Im Voraus weise ich auf mögliche Hürden hin und erkläre, wie diese zu meistern sind. In meinem Unterricht vertrete ich Prinzipien, die ich den Eltern immer wieder erkläre, z.B.
– Die Leistungen eines Menschen werden an ihm selbst und nicht an anderen gemessen.
– Die Eltern entscheiden über die Ausbildung ihres Kindes und sollten ihm helfen, Hindernisse zu überwinden, anstatt in schwierigen Situationen sofort die Flinte ins Korn zu werfen.
– Eltern können nicht erwarten, dass ein Kind vor dem 11. Lebensjahr selbständig regelmäßig übt. Und auch danach benötigen viele die konsequente Führung der Eltern.
– Die Begeisterung der Kinder für die Musik muss auch von den Eltern aufrecht erhalten werden. Das geschieht dadurch, dass sie Anteil an den Fortschritten des Kindes nehmen und es durch Bücher, CDs, Konzertbesuche und die eigene Begeisterung am Musizieren und an der Musik motivieren.
Dabei bin ich mir bewusst, dass nicht alle Menschen meine Meinung teilen. Wenn Eltern glauben, dass Kinder mit Strafen oder gar körperlicher Züchtigung zu Höchstleistungen angetrieben werden sollten oder wenn sie hingegen meinen, dass diese alles allein bewältigen müssen und sie selbst mit dem Unterricht und dem Üben nichts zu tun haben wollen, dann ist meine Musikschule nicht die richtige für sie.
Sind Eltern trotz aller Bemühungen dauerhaft unzufrieden, ist eine Trennung für das Kind, die Eltern und den/die LehrerIn die beste Lösung.

Zu Kompromissen bereit
Bei meiner Arbeit ist es mir wichtig, ein Vertrauensverhältnis zu den Eltern meiner Schüler aufzubauen. Ist mir das gelungen, muss ich aber auch dankbar sein, wenn sie mit ihren Beobachtungen und Befürchtungen zu mir kommen. Es ist an mir, diese ernst zu nehmen und darauf angemessen zu reagieren. Nach meiner Erfahrung ist es sinnvoll, sich gerade um die kleinen Belange der Eltern zu kümmern und auf Einwände sofort zu reagieren. Große Schwierigkeiten und völlig unangemessene Forderungen an die Kinder und mich sind scheinbar die Summe aus vielen kleinen Unstimmigkeiten.

Je besser ich darin werde, mit direkter und indirekter Kritik an meiner Person und meinem Unterricht umzugehen, desto harmonischer wird der Umgang mit den Eltern meiner Schüler.

Fazit

Unrealistischen Vorstellungen von Seiten der Eltern werden wir immer wieder begegnen. Diese zu thematisieren ist notwendig, bedarf aber eines feinen Fingerspitzengefühls, um nicht verletzend zu sein. Wenn wir ein ernsthaftes, von Herzen kommendes Interesse an unseren Schülern zeigen, ein Interesse, das unabhängig von den Leistungen des Einzelnen ist, werden wir Familien anziehen, denen diese Einstellung wichtig ist. Wenn wir aber unseren Schwerpunkt auf Leistung und Wettbewerb legen, werden wir mehrheitlich Familien anziehen, die Musikunterricht mit Leistung und Wettbewerb in Verbindung bringen. Es liegt an uns, unserem Unterricht die entsprechende Richtung zu geben.

 


 

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