„Gute Sprechtechnik schärft das Denken im eigenen Kopf und die Bilder im Kopf des Zuhörers“ Jost Meyer

Interview mit dem Schauspiellehrer Jost Meyer über Sprechtechnik und Stimmpflege.

Wir LehrerInnen, ProfessorInnen, DozentInnen, ChorleiterInnen und OrchesterleiterInnen gehören zu den „Vielsprechern“ in unserer Gesellschaft. Wir erklären, referieren, lesen vor, leiten an und singen. Das alles in einer Lautstärke, die über das normale Maß hinausgeht. Und doch haben die meisten von uns im Rahmen der Ausbildung keine Sprechschulung genossen.

So kommt es, dass sich im Laufe des Berufslebens häufig stimmliche Probleme einstellen.
Mir ging es vor einiger Zeit altersbedingt so. Als Musikerin nahm ich zum Erhalt meiner Singstimme Gesangsunterricht aber um meine Sprechstimme kümmerte ich mich nicht. Kurz vor den Herbstferien fing ich mir dann eine Erkältung ein und arbeitete trotzdem weiter, mit der Folge, dass ich nach zwei Tagen komplett heiser war. Wieder einmal wurde mit bewußt, wie wichtig eine belastbare und leistungsfähige Sing- und Sprechstimme in meinem Beruf ist. Ich überlegte, bei wem ich mir Rat bezüglich meiner Sprechstimme holen könnte, ohne gleich zu einem Arzt oder Logopäden gehen zu müssen.
Wer sind eigentlich die Sprechexperten, die gelernt haben, ausdauernd, kräftig und abwechslungsreich zu sprechen?
Es sind natürlich unsere SchauspielkollegInnen. Und so nahm ich Kontakt zu meinem Freund Jost Meyer auf, der diesen Beruf gelernt hat und ausübt und bat ihn um Rat.

Gabriele: Jost, viele Leser meines Blog gehören zu den „Vielsprechern“, ohne eine entsprechende Ausbildung genossen zu haben. Bitte gib uns einige grundlegende Tipps für eine belastbare und leistungsfähige Sprechstimme. Was tut unserer Sprechstimme gut?

Jost: Bei eurer Tätigkeit solltet ihr darauf achten, dass ihr eure Stimme nicht überlastet und darum heiser werdet. Hier einige altbewährte Mittel, die der Stimme gut tun:
– Haltet euren Hals warm, z.B. mit einem Schal.
– Sorgt für eine hohe Luftfeuchtigkeit in den Räumen, in den ihr viel sprecht und lüftet regelmäßig.
– Atmet möglichst durch die Nase.
– Raucht nicht.
– Trinkt viel. Gut sind warme Getränke, besonders Kräutertees.
– Lutscht immer mal wieder einen Bonbon oder Salztabletten, das massiert den Kehlkopf und regt den Speichelfluss an.

Gibt es auch Dinge, die man auf keinen Fall tun sollte?

Da fallen mir spontan zwei Dinge ein. Ihr solltet möglichst nicht flüstern. Fachlich nennt man das „sprechen mit Überlüftung“ und niemals ohne Technik schreien.

Oh, das heisst ja, dass schreien unter bestimmten Bedingungen erlaubt ist. Ich frage so direkt nach, da man bei der Arbeit mit Kindergruppen manchmal recht laut werden muss, um sich Gehör zu verschaffen.

Wenn ihr euch Gehör verschaffen wollt, schreit nicht einen Schwall kurzer Worte in den Raum, z.B. „nun seid mal alle ruhig, halte den Mund und setzt euch hin…“
Stellt euch besser aufrecht hin, atmet tief in den Bauchraum ein und ruft: „Stooooooooop“. Gebt keinen Druck auf die Stimmlippen, quetscht nicht, sondern lasst den Atem auf dem Vokal strömen.
Um seine Ermahnung noch zu verstärken, kann man dazu im Raum immer die gleiche Position einnehmen. Beim NLP spricht man dabei vom „Ermahnungspunkt“. Sind die Kinder daran gewöhnt, ist rufen oder schreien oft gar nicht mehr notwendig.

Jost, was können wir in Bezug auf unsere Art zu sprechen tun, damit uns unsere SchülerInnen, StudentInnen, SeminarteilnehmerInnen, unsere ChorsängerInnen oder unsere OrchestermusikerInnen zuhören?

Das ist eine sehr weitreichende Frage. Es gibt Personen, die behaupten, dass der Erfolg einer Botschaft zu 70% von Stimme und Haltung des Sprechers abhängen und nur zu 30% vom Inhalt. Dem stimme ich nicht zu. Ich bin der Meinung, dass der Inhalt mindestens genau so wichtig ist, wie die Art, wie man etwas sagt.

Okay, über den Inhalt habe ich mir Gedanken gemacht. Wie sollte ich dann meine Botschaft vortragen?

Sprich nicht zu schnell. Wenn du einen wichtigen Satz gesagt hast, mach eine Pause und lass ihn nachwirken. Wenn du deinen Schülern etwas wichtiges mitteilst, ihnen z.B. die Hausaufgaben erklärst, nimm eine besondere Körperhaltung ein, sprich langsam, schau die Schüler an, ob sie alles verstehen. Schicke deinen Worten eine passende Geste oder Bewegung voraus. Und vor allem musst du davon überzeugt sein, dass das, was du sagst wichtig für deine Schüler ist.

Lohnt es sich auch, auf seine Aussprache zu achten?

Natürlich. Stell dir vor, eine Person erklärt dir etwas. Ist es nicht viel einfacher und angenehmer jemandem zu folgen, der deutlich spricht, Pausen macht und auf seine Modulation achtet?

Selbstverständlich. Was kann ich aber konkret machen?

Frag jemanden, der ehrlich zu dir ist, wie er deine Art zu sprechen findet. (Die Person sollte möglichst nicht aus deiner engsten Familie oder dem engsten Freundeskreis sein.) Frag ihn oder sie:
– Spreche ich zu schnell?
– Mache ich genügend Pausen?
– Spreche ich monoton oder sonst wie einschläfernd?
– Spreche ich zu laut oder zu leise?
– Verschlucke ich Endungen oder Konsonanten?
– Ist mein Dialekt oder Akzent sehr dominant?

Du kannst dich auch mit Hilfe deines Handys aufnehmen, so bekommst du selbst einen Eindruck.

Dialekt und Akzent, da habe ich noch eine spezielle Frage. Meine Seminare besuchen häufig Personen, deren Muttersprache nicht Deutsch ist. Einige haben zwar einen großen Wortschatz und eine gute Grammatik aber einen starken Akzent. Das führt regelmäßig zu Schwierigkeiten beim Unterrichten von kleinen Kinder. Ist es möglich, erfolgreich an seinem Akzent zu arbeiten?

Das ist durchaus möglich. Voraussetzung ist, dass die Person sich wirklich verbessern möchte, denn es bedarf einiger Anstrengungen und es muss regelmäßig geübt werden.
Handelt es sich nur um einen leichten Akzent oder einen leichten Dialekt, kann man sich CDs mit guten Sprechern besorgen, z.B. Hörbücher, und versuchen, die Aussprache des Sprechers nachzusprechen. Wer einen stärkeren oder starken Akzent hat, sollte gemeinsam mit einem Sprecherzieher arbeiten.

Ist das sehr langwierig? Wie oft müsste ich zum Sprecherzieher gehen?

Wie lange der Prozess dauert, hängt von der betreffenden Person ab. Für den Einstieg würde ich ein wöchentliches Training empfehlen. Wenn dem Betreffenden klar geworden ist, worauf er oder sie zu achten hat, reicht ein monatlicher Check sicher aus. Noch wichtiger ist, dass die Übungen, die der Sprecherzieher zusammenstellt, täglich gemacht werden, denn nur so verhindert man, wieder in alte Sprechgewohnheiten zu verfallen.

Jost, dann eine ganz direkte Frage an dich: Wenn eine Leserin oder ein Leser im Großraum Köln an ihrem oder seinem Akzent arbeiten wollte, könntest du ihr oder ihm helfen?

Das kann ich und mache es gerne. Die Person sollte einfach per E-Mail mit mir Kontakt aufnehmen. (Kontakt: jost.meyer@online.de)

Ich möchte wirklich gleich nachher mein Sprechverhalten verändern, um dem, was ich sage, mehr Wichtigkeit zu geben. Wie fange ich an?

Richte deine Gedanken auf das, was du sagen möchtest und zwar mit deiner geistigen Haltung, deiner Körperhaltung und deinen Gesten. Nimm eine entsprechende Position ein und verlass diese wieder, wenn du geendet hast.
Erhöhe deine tägliche Aufmerksamkeit im Bezug auf das, was du sagst und wie du es sagst.
Und… wer nichts zu sagen hat, der sollte besser schweigen.
Denn: „Unsere Sprache erschafft unsere Welt“

Vielen Dank für die vielen guten Ratschläge.

In unserem Gespräch hat mir Jost Meyer noch von einer sehr erfolgreichen Technik gegen Heiserkeit berichtet. Diese Technik werde ich in einer Fortsetzung des Interviews gesondert vorstellen.

 


 

JOST MEYER
© Simon Howar

Jost Meyer arbeitete in den letzten Jahren als Schauspiellehrer, Regisseur und Stück-Entwickler an der kölner Schauspielschule „Theaterakademie Köln“. In die Arbeit mit seinen Schülern fließt nicht nur sein schauspielerisches Wissen und Können ein, sondern auch seine Praktitioner-Kenntnisse über NLP und seine Ausbildung als Tomatis-Gehörtrainer. Außerdem hat er sich vor 10 Jahren zusammen mit seiner Frau, der Autorin und Regisseurin Elisabeth Schafheutle, dem Genre Kindermusical zugewandt. Dabei schreibt und inszeniert sie die Kindermusicals, zu denen er die Song-Texte entwirft. Jost Meyer ist engagierter Vater eines Sohn und lebt in Köln. Hinweis: Jost Meyers wunderbare Sprechstimme könnt ihr auf den Begleit-CDs meiner Unterrichtprogramme „Tastenkinder, Gitarrenkinder, Fötenkinder“ hören. (Kontakt: jost.meyer@online.de)

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Kommentare

  1. Uwe Knechtel sagt

    Hallo,

    es hat mir Spaß gemacht das Interview zu lesen, allerdings habe ich mich gefragt was NLP bedeutet. Eine kurze Erläuterung wäre hier sehr hilfreich.

    Danke für die tollen Beiträge
    Uwe

    1. Gabriele Zimmermann sagt

      Hallo Uwe,
      vielen Dank für deinen Kommentar. Es freut mich, dass dir das Interview gefallen hat.
      Hier eine Erläuterung zu NLP: „Das Neuro-Linguistische Programmieren (kurz NLP) ist eine Sammlung von Kommunikationstechniken und Methoden zur Veränderung psychischer Abläufe im Menschen“. Wenn du mehr dazu lesen möchtest, hier ein Link https://de.wikipedia.org/wiki/Neuro-Linguistisches_Programmieren.
      Viele Grüße
      Gabriele

  2. LZ sagt

    Sehr spannend, vielen Dank.

    1. Gabriele Zimmermann sagt

      Hallo LZ,
      vielen Dank für deine Nachricht. Es freut mich, dass du das Thema spannend findest, es wird noch eine Fortsetzung geben.
      Viele Grüße
      Gabriele

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